Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Slawistik
SoSe 2007
HS: Moskauer Konzeptualismus
Anne Krier
Essays zu den Themen:
· ,,Livingstone in Afrika" ... 2
· Il'ja Kabakov und der sowjetische Müll ... 5
· Dmitrij A. Prigov: Auf Raubzügen... 8
· Vladimir Sorokin: Rede-Schlangen...11
· Vladimir Sorokin: Der Tod des Autors als Verfahren...14
2
,,Livingstone in Afrika"
,,Ich weiß noch, ich zitterte ständig vor Angst und hasste jedes Atom der sowjetischen
Wirklichkeit, verfluchte diese ganze Ideologie samt der Lebensweise, zu der sie geführt
hatte."
1
, erinnert sich Il'ja Kabakov in einem Gespräch mit Boris Groys an sein Leben
vor der Emigration. Kabakov führte als perfekter homo sovieticus ein zweigeteiltes
Leben: offiziell arbeitete er als Kinderbuchillustrator (und hatte mit dieser Arbeit
Erfolg) inoffiziell war er ein Untergrundkünstler, dessen Schaffen dem breiten
Publikum in Osten wie im Westen bis zur Zeit der Perestrojka weitestgehend unbekannt
geblieben war. Diese Spaltung des Lebens in einen öffentlichen und einen privaten
Bereich diagnostizierten die Moskauer Konzeptualisten, allen voraus Il'ja Kabakov, als
eine typisch sowjetische Form der sozialen Schizophrenie
2
, die in der Psyche des
Einzelnen, wie in der Gesellschaft insgesamt und damit in der sowjetischen Kultur
überhaupt virulent war. Und diese Spaltung wollten sie überwinden. Inwiefern und mit
Hilfe welcher Verfahren gelingt den Konzeptualisten die Überwindung der
sowjetischen ,,Schizophrenie" und ein Ausbrechen aus dem, was Il'ja Kabakov als das
,,sowjetische U-Boot" ein vollständig geschlossenes Universum - bezeichnete? Oder:
kann man überhaupt schlussfolgern, dass der Moskauer Konzeptualismus - vor allem
der ersten Generation, die die Ideologie zum Gegenstand und Material ihrer als
,,kulturelle Selbstanalyse"
3
verstandenen Kunst erhoben hatte - aus der Aufhebung der
,,Schizophrenie" wirklich das Ziel seiner Kunst gemacht hatte?
Während sich das Gros der inoffiziellen Szene auf die Suche nach dem zeitlos Guten,
Wahren und Schönen begab und dabei versuchte, so der Vorwurf der Konzeptualisten,
die bedrückende sowjetische Realität nicht wahrzunehmen, suchten, so Boris Groys,
bildende Künstler wie Erik Bulatov und Il'ja Kabakov oder auch die Sozartisten Komar
und Melamid, die am Ausgangspunkt des konzeptualistischen Projektes standen, die
Auseinandersetzung mit künstlerischen und politischen Ideologien, mit dem
Sozrealismus und dem Erbe des Stalinismus.
4
Mit der Entstalinisierung war die gesamte
Kunst der Stalinzeit in Ungnade gefallen: ihre Bilder, Bücher und Fresken wurden
1
I. Kabakov, B. Groys: Die Kunst des Fliehens. Dialoge über Angst, das heilige Weiß und den
sowjetischen Müll, München/Wien 1991, S. 53.
2
B. Groys: Zeitgenössische Kunst aus Moskau. Von der Neo-Avantgarde zum Post-Stalinismus, München
1991, S. 12.
3
S. Sasse: Moskauer Konzeptualismus, in: DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, hg. von
H. Butin, Köln 2006, S. 215.
4
B. Groys: Gesamtkunstwerk Stalin. Die gespaltene Kultur in der Sowjetunion, München/Wien
1988/1996, S. 16f.
3
zerstört oder verschwanden in den Tiefen der geheimsten Archive. Nichts sollte mehr
an die Verirrungen der Zeiten des ,,Personenkultes" erinnern. Kurzum: wieder einmal
sollte ein Teil der Identität des Imperiums, ein Teil des sowjetischen Gedächtnisses
unwiederbringlich gelöscht werden während stalinistische Methoden, wenn auch in
abgeschwächter Form, den Kunstbetrieb weiterhin bestimmten. Macht und Kunst in
einem unheiligen Bündnis: gerade diesen ,,ästhetisch-politischen Willen zur Macht"
machten, so Boris Groys, die Konzeptualisten zum Gegenstand ihrer Reflektion.
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Doch nicht mit der Absicht der ,,Entlarvung" näherten sich die Künstler der 70er Jahre
dem ,,Gesamtkunstwerk Stalin" - sie ästhetisierten das blutgetränkte Paradies. Kabakov
selbst beschreibt den Konzeptualismus als ,,eigentlich apologetisch", als aus dem Geiste
der Nostalgie und dem Verlangen des liebevollen Sich-Erinnerns an die Kindheit unter
Stalin geboren.
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,,Nachvollzug" und ,,subversive Affirmation" waren seine
Schlagwörter: indem sie die Strukturen der stalinistischen Kunst offen legten und sie
reflektierten, präsentierten sich ,,Stalins beste Schüler" gewissermaßen als Vollender
des Stalinschen Projekts.
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Anstatt die Mythologie und die Machtsymbolik der
Sowjetunion aus ihrem Gesichtskreis auszuschließen, holten die Künstler sie direkt zu
sich ins Atelier bzw. auf den Schreibtisch. So widmete sich das Duo Komar und
Melamid während seiner sozartistischen Phase der hohen sowjetischen Klassik -
bevorzugt der Darstellung des großen vozhd' in Person. Ihre Bilder verstanden sie als
,,Seancen einer kollektiven Psychoanalyse", in denen sich die frei kombinierten
visuellen Zeichen, so Groys, zu einem unendlichen Zeichenspiel ohne festgelegte
Semantik verschränkten.
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Erik Bulatov seinerseits simulierte in seinen Bildern die von
Ideologie geradezu durchtränkte alltägliche Zeichenwelt der sowjetischen Gesellschaft:
so etwa jenen (roten) Horizont der, zum Ordensband mutiert, das Bild Der Verlorene
Horizont durchschneidet und der auf das Meer zuschreitenden Gruppe den Weg bzw.
die Sicht auf den Horizont versperrt. In den Müll-Arrangements Il'ja Kabakovs
wiederum wachsen, so Sylvia Sasse, Überreste von sowjetischen Alltagsgegenständen
zu einem Kommentar der sowjetischen Gesellschaft zusammen.
9
Der an sich desolate
und für Kabakov als Metonymie und Metapher der sowjetischen Gesellschaft
fungierende Müll wird, einmal katalogisiert, kommentiert und geordnet, zu einem
5
B. Groys: Gesamtkunstwerk Stalin, S. 89.
6
Ebd., S. 62.
7
Ebd., S. 83.
8
B. Groys: Zeitgenössische Kunst aus Moskau, S. 187f.
9
S. Sasse: Texte aus dem Kanon der Leere. Sozart-Konzeptkunst-Noma-Moksa, in: Via Regia 48/49,
1997, S.4.
4
,,Archiv der Erinnerungen", in dem in wohltuender, da alles relativierender Weise
Triviales und Kostbares zu einer einzigen Schichtung der Wertlosigkeit verschmelzen.
10
Ähnliche Verfahren der Verwertung sowjetischer Realität erprobten auch die ersten
Dichter der konzeptualistischen Kreises: ihnen galt die Sprache sowohl jene der
offiziellen sowjetischen Literatur mit ihren Mythen, wie jene des von Ideologie
zerfressenen Alltags, als Material der Dichtung. So schrieb etwa Dmitrij A. Prigov die
Mythen der sowjetischen Helden oder der Anfänge der bolschewistischen Partei fort,
widmete sich dem Puskin - Gedenkkult, schrieb dem Genossen Stalin Dankesbriefe für
seine glückliche Kindheit und erschien zu seinen Lesungen in der Ausstaffierung eines
Milizionärs. Die Sprache des Totalitarismus und das gilt auch für Lev Rubinstejn und
Vladimir Sorokin wird als eine in sich geschlossene Struktur kurzerhand in die
Dichtung übernommen und somit für die eigenen Zwecke eingesetzt.
Die Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus blieb aber das Vorrecht einer Elite
eben des vom Rest der inoffiziellen Szene wie von der offiziellen Kultur gleichermaßen
abgetrennt existierenden Konzeptualistischen Kreises, dessen Lebens- und
Schaffensweise mit der Zeit immer sektiererischere Züge annahm. Wie ,,Livingstone in
Afrika"
11
fühlten sich diese Künstler und Schriftsteller in der Sowjetunion, meinte Il'ja
Kabakov. Fasziniert, verängstigt, befremdet und doch wollte und konnte man sich
vom sowjetischen Kontext künstlerisch nicht ,,befreien", indem man ihn verwarf. Die
Konzeptualisten verblieben in der Abgeschiedenheit der Sowjetunion: im
Konzeptualismus wird das totalitäre System zur Obsession, es wird total und
gleichzeitig, durch die Brille des ,,livingstoneschen Mercedes" betrachtet, seltsam
verfremdet. Die sowjetische Kultur findet in den Werken der Konzeptualisten - wie in
einem perpetuum mobile - ihre endlose Fortsetzung: Krankheit, Diagnose und Therapie
verschmelzen ineinander.
12
10
I. Kabakov, B. Groys: Die Kunst des Fliehens, S. 105ff.
11
Slovar' terminov moskovskoj konceptual'noj skoly, sostavitel' i avtor predislovija Andrej Monastyrskij,
Moskva 1999, S. 57.
12
A. Hansen-Löve: ,,Wir wussten nicht, dass wir Prosa sprechen". Die Konzeptualisierung Russlands im
Russischen Konzeptualismus, in: Wiener Slawistischer Almanach, Sonderband 44 (1997), S. 443.
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