Freie Universität Berlin Fachbereich Politikwissenschaft
SoSe/WiSe 1999/2000
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Daniel Poli
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3.1 Biomacht 10
3.2 Die nicht-diskursiven Praktiken der Subjektkonstitution 11
3.2 Die diskursiven wissenserzeugenden Praktiken der Subjektkonstitution 14
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4.1 Pastoralmacht als Negativfolie der Selbstkonstitution 18
4.2 Die Selbstkonstitution in der Antike 20
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4.3 Selbstanteil an der äußeren Subjektkonstitution 24
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5.1 Selbstkonstitution als Freiheit zu eine Ethik 28
5.2 Selbstkonstitution als Widerstand 30
5.3 Freiheit von als Voraussetzung der ethischen Praxis 32
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6.1 Hegemonie und symbolische Kämpfe 35
6.2 Die Grenzen der Freiheit heute 38
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Erst die späten Werke Michel Foucaults, die einen Wechsel der Perspektive auf das Subjekt vollziehen, lassen das Gesamtwerk 1 des Theoretikers als solches erkennen und bieten in meinen Augen den Schlüssel zum Verständnis dessen, was Foucaults theoretisches sowie politisches Anliegen war. Der viel zitierten These, es gebe einen radikalen Bruch in Foucaults Werk 2 , möchte ich Foucaults eigenes Verständnis einer Kontinuität entgegensetzen. Statt zu behaupten, Foucault spräche in seinem Spätwerk „zum ersten Mal seit gut zehn Jahren wieder von einer freien Subjektivität“ 3 , möchte ich darlegen, das Foucault das Phänomen der Subjektivierung über die Zeit aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert hat, nämlich zunächst von DXHQ und später von LQQHQ.
Die Hinwendung zum Subjekt in den späten Werken steht dabei in einem engen Zusammenhang mit einer „Ästhetik der Existenz“, die Foucault in den antiken Überlieferungen findet und hieraus eine Ethik formuliert. Das ethische Interesse in Foucaults spätem Werk war jedoch nicht mit einer Abkehr von einem politischen Interesse verbunden, einem Rückzug in eine privatistische Moral. Im Gegenteil rückte Foucault die Praxis der Ethik oder „die Politik als eine Ethik“ in den Mittelpunkt seiner letzten Schriften, weil er erkannte, daß unsere politische Kultur einen bestimmten Modus der politischen Beziehung auf das Selbst beinhaltet. Denn nur die „Selbstpolitik“ könne uns von einer „Seele“ und einer „Selbstbeziehung“ befreien, die von sehr spezifischen Kräften des Wissens, der Macht und der Subjektivierung definiert worden seien. Diese Politik befinde sich im Widerstand gegenüber einer Form der Macht, die „das Individuum in Kategorien einteilt, ihm seine Individualität aufprägt, es an seine Identität fesselt, ihm ein Gesetz der Wahrheit auferlegt, das es anerkennen muß und das andere in ihm anerkennen müssen.“ 4 Die aktuellen politischen Kämpfe kreisen nach Foucault demnach um die Frage, wer wir sind und „weisen die Abstraktionen ab, die ökonomische und ideologische Staatsgewalt, die nicht wissen will, wer wir als Individuen sind, die wissenschaftliche und administrative Inquisition, die bestimmt, wer
1 Ich beziehe mich in dieser Arbeit ausschließlich auf die Werke in denen Michel Foucault beginnt das Verhältnis der Macht zum Subjekt in den Mittelpunkt der Analyse zu rücken. Dieses wird mit „ Überwachen und Strafen“ 1975 eingeleitet.
2 vgl. Hinrich Fink-Eitel: Michel Foucault zur Einführung. (3. Aufl.). Hamburg 1997, S. 98
3 ebd.
4 Michel Foucault: Warum ich Macht untersuche: Die Frage des Subjekts. In: Herbert L. Dreyfuß/Paul Rabinow: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. (2. Aufl.) Weinheim 1994, S.
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man sei.“ 5 Der Widerstand verweigere sich also einerseits der Festlegung dessen, wer wir sind, der auferlegten Subjektivierung und müsse anderseits Techniken fördern, die es erlauben, neue Formen von Subjektivität zu erfinden. Foucaults theoretisches und politisches Anliegen stellt sich nun dahingehend dar, daß er die Formen der Selbsttechniken zur Erfindung der eigenen Subjektivität aufzeigen möchte und sie gleichzeitig als politischen Akt versteht, der als eine „ Lebenskunst gegen alle schon vorhandenen oder drohenden Formen des Faschismus“ 6 seine praktische Verwendung finden kann.
Ich möchte in dieser Arbeit zeigen, daß Michel Foucault in seinem Werk den Prämissen 7 einer kritischen Gesellschaftstheorie folgt, indem er Strukturen der gesellschaftlichen Herrschaft aufdeckt und gleichzeitig auch die sozialen Ressourcen für ihre praktische Überwindung zu seinem Thema macht. Mich interessiert nun daran, welche Relevanz die foucaultsche Theorie für eine heutige Analyse der gesellschaftlichen Machtbeziehungen unter der veränderten Perspektive auf das Subjekt haben kann. Dazu sollen die Fragen, welche gesellschaftlichen Machtpraktiken das Subjekt formen, die Grenzen der freien Selbstkonstitution setzen und welche politische Praxis des Widerstandes dem entgegengesetzt werden kann, im Mittelpunkt der Arbeit stehen.
Zu Beginn der Arbeit werde ich das foucaultsche Machtkonzept skizzenhaft darlegen, um die Grundkategorien einzuführen, und das Verhältnis von Macht, Wissen und Subjektivität herauszustellen. Daran anschließend werde ich die Frage der Subjektkonstitution behandeln und in zwei Bereiche, den der äußeren Subjektkonstitution und den der Selbstkonstitution von innen, aufteilen. Diese Unterscheidung soll den Perspektivenwechsel in Foucaults Werk verdeutlichen, jedoch keinen ausschließenden Gegensatz kennzeichnen. Die äußeren Praktiken der Subjektkonstitution werde ich unter dem Konzept der Biomacht darstellen und dabei die nicht-diskursiven Praktiken der Subjektkonstitution aus „ Überwachen und Strafen“ ,
246
5 ebd.
6 Michel Foucault: Der „ Anti-Ödipus“ - Eine Einführung in eine neue Lebenskunst. In: ders.: Dispositive der Macht. Michel Foucault über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978, S. 228
7 vgl. Axel Honneth: Kritik der Macht. Reflexionsstufen einer kritischen Gesellschaftstheorie. Frankfurt/Main (2. Aufl.) 1994, S. 382
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sowie der diskursiven, wissenserzeugenden Technik aus „ Der Wille zum Wissen“ beschreiben.
Nach den Darstellungen der äußeren Subjektkonstitutionen werde ich die Verschiebung hin zu den Praktiken der Selbstkonstituierung in den Werken „ Sexualität und Wahrheit
2 und 3“ herausarbeiten. Dazu soll das Konzept der Pastoralmacht als Negativfolie zu
den antiken Praktiken des Selbst dienen. Anschließend möchte ich den Selbstanteil an den äußeren Praktiken problematisieren, um deutlich zu machen, daß die Machtbeziehungen der äußeren Subjektkonstitution keine totalitäre Herrschaft, sondern fragile Beziehungen darstellen, innerhalb derer Widerstand möglich ist. An diesem Punkt zeigt sich dann auch die Kontinuität des foucaultschen Werks.
Das fünfte Kapitel der Arbeit widmet sich dann dem politische Anliegen Foucaults. Hier werde ich anhand der Fragen von Ethik, Freiheit und des Widerstandspotentials die bis dahin gewonnen Erkenntnisse nutzen, um die foucaultschen Ethik unter dem Gesichtspunkt einer politischen Praxis zu diskutieren.
Ich möchte dann zeigen, daß in Foucaults Werk, unter dem Perspektivenwechsel auf das Subjekt, ein politisch-normativer Anspruch begründet ist, der jedoch in der Machtanalyse nicht genügend reflektiert wird. Foucaults Analysen gehen zwar darauf ein, die Wirkungsweise der gesellschaftlichen Normierungskräfte zu erklären, doch befassen sie sich nur marginal mit der Frage nach ihrer Veränderbarkeit oder Entstehung.
Diese Fragen sollen im sechsten Kapitel anhand von Begriffen wie +HJHPRQLH und V\PEROLVFKHQ .lPSIHQ diskutiert werden, um die foucaultsche Analyse mit einer
Dimension der Macht zu erweitern, die ihren Fokus auf normative Kräfte richtet und die Genese gesellschaftlicher Normen thematisiert. Somit kann auch das normativ- politische Anliegen Foucaults einen Platz in der Analyse finden, da auch Foucaults politische Forderung nach einem herrschaftsfreien gesellschaftlichen Zustand als Teil eines sozialen Kampfes um gesellschaftliche Normen verstanden werden muß. Zum Ende der Arbeit versuche ich dann zu erörtern, was eine heutige Betrachtung der gesellschaftlichen Normierungen aus der foucaultschen Analyse übernehmen kann, welche Dimension der Macht noch zu berücksichtigen ist und welche Widerstandspotentiale die Ethik Michel Foucaults heute birgt.
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Das Grundmodell des foucaultschen Machtkonzeptes ist das einer strategischen Intersubjektivität des Kampfes, eines stetigen und unaufhebbaren Kriegszustandes zwischen individuellen oder kollektiven Akteuren:
„ Zwischen jedem Punkt eines gesellschaftlichen Körpers, zwischen einem Mann und einer Frau, in einer Familie, zwischen einem Lehrer und seinem Schüler, zwischen dem der weiß und dem der nicht weiß verlaufen Machtbeziehungen, die nicht die schlichte und einfache Projektion der großen souveränen Macht auf die Individuen sind; sie sind eher der bewegliche und konkrete Boden, in dem die Macht sich verankert hat, die Bedingungen der Möglichkeit, damit sie funktionieren kann.“ 8 Die Herausbildung und Reproduktion komplexer Machtgefüge innerhalb einer Gesellschaft begreift Foucault als Netz eines zentrumslosen Systems, in dem situational an unterschiedlichen Orten erkämpfte Machtpositionen verknüpft werden. Diese Machtbeziehungen seien beweglich und höchst fragil und können sich in ihrer Bewegung umkehren. Von diesen Machtbeziehungen unterscheidet Foucault nun andere, die er als Herrschaftszustände bezeichnet und als blockierte und erstarrte Machtbeziehungen begreift: Herrschaftszustände „ gestatten denen, die an den Machtbeziehungen teilhaben nicht, eine Strategie zu verfolgen, mit der sie diese verändern können. Wenn es einem Individuum oder einer gesellschaftlichen Gruppe gelingt, ein Feld von Machtbeziehungen zu blockieren, sie unbeweglich und starr zu machen und - mit Mitteln, die sowohl ökonomisch als auch politisch oder militärisch sein können - jede Umkehrbarkeit der Bewegung zu verhindern, dann steht man vor dem, was man einen Herrschaftszustand nennen kann.“ 9 Eine Herrschaftsordnung könne sich nun in dem Netz der Machtbeziehungen nur „ von unten“ her bilden, indem sich die Summe verschiedener sozial erkämpfter Erfolge mit gleicher Zielsetzung bilde. Diese zeigen zunächst eine augenblickshafte Verknüpfung gleichartiger Handlungserfolge an unterschiedlichen Orten des gesellschaftlichen Lebenszusammenhangs auf, seien aber noch fragil. Bestand gewinnen Herrschaftszustände im foucaultschen Verständnis erst, wenn es gelingt, die ineinanderpassenden Erfolge in den selben Konfliktsituationen wiederholbar zu machen.
8 Michel Foucault: Die Machtverhältnisse durchziehen das Körperinnere. Ein Gespräch mit Lucette Finas. In: Ders.: Dispositive der Macht. Michel Foucault über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978, S.
110
9 Michel Foucault: Freiheit und Selbstsorge. Interview 1984 und Vorlesung 1982. Hrsg. Von Helmut
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Dadurch entstehe dann ein System verstetigter Ordnung, das die Machtbeziehungen von situativ erkämpften Positionen erstarren lasse.
Foucault versteht jedoch unter den verfestigten Machtbeziehungen nicht solche, die bloß die Individuen, auf die sie wirken, direkt oder indirekt zwingen, von der eigenen Zielsetzung abzulassen. Solche Macht wäre, nach Foucault, arm an Ressourcen und unterdrücke bloß, ob mit physischer Gewaltandrohung oder mit Hilfe geschickter Täuschung, das Interesse des Gegenübers. In diesem Verständnis müsse sich die Machtwirkung ständig wiederholen und wäre darin erschöpft, „ nein zu sagen“ . Die Macht könnte nicht produzieren, sondern nur Grenzen ziehen: „ Ihre Wirksamkeit bestünde in dem Paradox, daß sie nichts vermag als dafür zu sorgen, daß die von ihr Unterworfenen nichts vermögen, außer dem, was die Macht sie tun läßt.“ 10 Foucault setzt also dem traditionellen Machtverständnis das der produktiven Macht entgegen, welches er in modernen Gesellschaften mit „ produktiver Effizienz“ und „ strategischem Reichtum“ zum Einsatz kommen sieht. Die Techniken sozialer Macht haben jetzt in Foucaults Sichtweise die Fähigkeit, gesellschaftliche Energien zu mobilisieren: „ Diese Macht ist dazu bestimmt, Kräfte hervorzubringen, wachsen zu lassen und zu ordnen, anstatt sie zu hemmen, zu beugen oder zu vernichten.“ 11 Foucault untersucht nun die produktiven Leistungen der verfestigten Machtbeziehungen und stellt eine normierende Integrationsfähigkeit fest, die sich in den modernen Gesellschaften herausgebildet hat. Durch bestimmte Techniken der Disziplinierung der Individuen habe es gelingen können, Verhaltensweisen zwanghaft zu fixieren und in routinierte reproduzierbare Handlungsschemata zu verwandeln. Die normierenden Kräfte, die eine Instabilität der Gesellschaft verhindert haben, wirken nach Foucault weniger auf die kulturellen Denkweisen als auf die körpergebundenen Lebensäußerungen. Darunter versteht er alle direkt an die Funktionsbasis des menschlichen Körpers gebundenen Lebensäußerungen, die rein motorischen Bewegungen wie auch die organisch elementaren Vorgänge der Zeugung oder Erkrankung. Diese Bereiche von Körpervorgängen gilt es für Foucault zu untersuchen, weil er hier die strategische Effektivität der Herrschaftsmittel in ihrer unmittelbaren Wirkung vermutet, weil hier die durch Macht produzierten Effekte zu beobachten sind. Becker u.a. Frankfurt/Main 1985, S. 11 10 Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. (10. Aufl), Frankfurt/Main 1998, S.
106 11 ebd. S. 163
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Die körperbezogenen Techniken der sozialen Machtausübung seien nun nach Foucault das Ergebnis der wissenschaftlichen Erschließung der entsprechenden Körper- und Lebensvorgänge. Denn Disziplinierung der individuellen Körper und Verwaltung der organischen Lebensprozesse seien nur durch Gewinnung von Informationen und Erkenntnissen möglich, die über den Menschen unter dem Gesichtspunkt der strategischen Verfügung gewonnen werden. Insofern begreift Foucault die Wissenschaft insgesamt als eine Tätigkeit, in der die Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt der sozialen Machtgewinnung empirisch erschlossen und theoretisch erklärt werden könne. Wissenschaft diene demnach dem Zweck der sozialen Unterwerfung von Individuen und könne außerhalb der strategischen Machtbeziehungen keinen angebbaren Sinn erfüllen. „ Eher ist wohl anzunehmen, daß die Macht Wissen hervorbringt (und nicht bloß fördert, anwendet, ausnutzt); daß Macht und Wissen einander unmittelbar einschließen; daß es keine Machtbeziehung gibt, ohne daß sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehung voraussetzt und konstituiert.“ 12 In Foucaults Machtkonzeption sind also Macht und Wissen unmittelbar miteinander verknüpft und ermöglichen so eine Art politischer Rationalität, die das Körperinnere der Individuen durchziehen kann und sie mit Hilfe dieser „ Biomacht“ als Subjekte konstituiert.
12 Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. (12. Aufl.), Frankfurt/Main 1998, S. 39
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Foucault sieht die Biomacht erstmalig als zusammenhängende politische Technologie im 17. Jahrhundert entstehen, wo die Pflege des Lebens, Wachstum und Wohlergehen der Bevölkerung zentrales Anliegen des Staates geworden sei. Hier sei nach Foucault ein neuer Typ politischer Rationalität entstanden und eine neue Praxis, die eng mit der Entstehung der Sozialwissenschaften zusammenhing. Es seien systematische und empirische Untersuchungen historischer, geographischer und demographischer Bedingungen unternommen worden, um ein Wissen zu produzieren, das von der Biopolitik zur Produktion und Verwaltung der Gesellschaft benötigt worden sei. „ Auf dem Felde der politischen Praktiken und der ökonomischen Beobachtungen stellen sich die Probleme der Geburtenrate, der Lebensdauer, der öffentlichen Gesundheit, der Wanderung und Siedlung; verschiedenste Techniken zur Unterwerfung der Körper und zur Kontrolle der Bevölkerungen schießen aus dem Boden und eröffnen die Ära einer ‘Bio-Macht’.“ 13 Dabei gibt Foucault zwei Pole an, die er untersucht, wobei der eine, die Sorge um die Bevölkerung, die menschliche Spezies als Ganzes betrifft und die Reproduktion der Gattung im Auge hat. Der andere Pol bezieht sich auf die Sorge um den Körper des einzelnen zu disziplinierenden Individuums. Beide Pole der Biomacht waren mit dem Aufstieg des Kapitalismus verknüpft, dessen Voraussetzung die Produktion disziplinierter Subjekte und die Fixierung, Kontrolle und rationale Verteilung der Bevölkerung war. Biomacht ist also der Machttypus, der spezifisch sei für die kapitalistische Gesellschaftsformation: „ Die Abstimmung der Menschenakkummulation mit der Kapitalakkumulation, die Anpassung des Bevölkerungswachstums an die Expansion der Produktivkräfte und die Verteilung des Profits wurden auch durch die Ausübung der Biomacht in ihren vielfältigen Formen und Verfahren ermöglicht. Die Besetzung und Bewertung des lebenden Körpers, die Verwaltung und Verteilung seiner Kräfte waren unentbehrliche Voraussetzungen.“ 14 Allgemein gesprochen sei das Ziel der Biomacht, so Foucault, die Formung und Produktion von Subjekten gewesen, die eine ausdifferenzierte und moderne 13 Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. a.a.O., S. 167 14 ebd. S. 168
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Daniel Poli, 2000, Die Wendung zum Subjekt in Michel Foucaults Werk, München, GRIN Verlag GmbH
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