GLIEDERUNG
Prolog: Die Aufklärung und ihr Geburtsort Frankreich
I. Aufklärung und die Middle Passages II. Die Perle der Karibik – San Domingo III. San Domingo als machtpolitisches Instrument IV. Die Abschaffung der Sklaverei V. Der Schwarze Napoleon – Toussaint L’Ouverture VI. Kommentar: Haiti als Kapitel einer Global History
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Prolog: Die Aufklärung und ihr Geburtsort Frankreich
Das alles erleuchtende Licht im Dunkel der Unwissenheit. Dies ist bis heute eines der bekanntesten Bilder der europäischen Aufklärung. Nicht was zu denken sei, sondern selbst zu denken ist dabei die zentrale Botschaft dieses „philosophischen Zeitalters“. 1 . Es ist der einzelne Mensch, welcher in ständiger Rückbesinnung auf sich selbst im Zentrum einer humanistischen Lebensweise steht. Die westliche Hemisphäre, vielmehr der einfache Bürger, träumt von einer besseren Welt – er ist entschlossen, das philantrophische Weltbild der Aufklärung in dynamischer Art und Weise zu verwirklichen und die persönliche Freiheit zu erobern. „Cogito, ergo sum!“, proklamiert beispielsweise Rene Déscartes. Die auf Vernunft basierende Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen, die in Frieden miteinander leben, wird, nach zögerlichen Anfängen im späten 17.Jahrhundert,. spätestens im Verlauf des 18. Jahrhunderts 2 zur weltumspannenden Denkrichtung, zu einer Epoche europäischer Geistesgeschichte, welche die moderne Welt bis in die Gegenwart prägt 3 . Die Wissenschaft erhält den Status eines Leitmotives des aufgeklärten Menschen - es geht vor allem um den Austausch von Ideen und Wissen, das 18. Jahrhundert wird durch erhöhte soziale Mobilität zum „Zeitalter des Kosmopolitismus“. 4 Das städtische Bildungsbürgertum ist dabei die kulturtragende Schicht eines gesellschaftlichen Wandels, der dem dritten Stand, unter anderem den Beamten, Kaufleuten oder Handwerkern neue Möglichkeiten, auch in überseeischen Gebieten, bietet.
Ex occidente lux! Epizentrum der europäischen Aufklärung ist Frankreich - als 1763 der Siebenjährige Krieg im Frieden von Paris endet, haben Voltaire, Rousseau und Montesqieu ihre großen Werke der Aufklärung bereits geschrieben. Zudem bringen d’Alembert und Diderot das humane Gesamtwissen des Menschen, die weltweit erste Encyclopédie, zwischen 1751-1765 heraus. Voltaire erklärt daraufhin die französische Sprache zur Universalsprache 5 und so geht von der „Grande Nation“ ein wichtiger Impuls zum „Siècle de Lumière“ aus. Im politischen Leben Frankreichs bildet sich eine räsonierende und debattierende Öffentlichkeit heraus, welche in großen Teilen von der philosphischen Aufklärung geprägt ist: Der einfache Bürger will mitreden und sein
1
Siehe auch:
Im Hof, Ulrich:
Das Europa der Aufklärung, Beck’ sche Verlagsbuchhandlung München, 1993.
2
Spätestens mit dem Erscheinen des Diskurses über die Ungleichheit der Menschen von Jean Jacques Rousseau im Jahre 1754 tritt die Aufklärung in eine radikalere und stärker beachtete Phase
3
Der Begriff Aufklärung wurde dieser Denkrichtung allerdings erst im 19. Jahrhundert zuteil und gehört seitdem zum kulturellen Bildungskanon des Okzidents.
4 Vergleiche: Vovelle, Michel: Der Mensch der Aufklärung, Campus Verlag Frankfurt/Main, 1996, S.23. 5 siehe Im Hof, Ulrich: Das Europa der Aufklärung, Beck’ sche Verlagsbuchhandlung München, 1993, S.86.
3
persönliches Schicksal nicht in die Hände von geheimen Sitzungen am abolutistischen Hof legen. Das Monarchentum setzt der öffentlich proklamierten und propagierten Aufklärung absolutistische Repression und starren Traditionalismus entgegen. Dieser Dualismus soll wenig später zum ersten erfolgreichen Umsturz einer europäischen Herrscherklasse durch das Volk beitragen – der französischen Revolution (1789-1794), die bis heute als Meilenstein europäischer Geschichtsschreibung gilt.
I. Aufklärung und die Middle Passages
Weltgeschichtlich wird die Aufklärung , zumeist in Verbindung mit der französischen Revolution, als Auftakt der Moderne verstanden und mit dem „Ziel des Friedens und der Einigkeit unter allen Menschen“, der „Weltbruderschaft der wahrhaft Aufgeklärten“ 6 umschrieben. So ist dieser Ansatz durchaus als globaler, im Sinne einer alle Völker der Erde umfassenden Global History zu verstehen. Doch genau hierin liegt das Problem der konventionellen Geschichtsbetrachtung. Das Zeitalter der Aufklärung und mit ihr das der Revolutionen 1776-1848 7 wird zwar als global bedeutend eingestuft, zumeist aber nur aus europäischer Sicht/ im europäischen Kontext beschrieben und gedeutet. So versteht man unter Aufklärung und dem Zeitalter der großen Revolutionen bis heute ein „europäisches Ereignis“ 8 oder „die Welt des weißen Mannes, die auf einer christlich-antiken Grundlage beruht“ 9 . Zwar wird häufig auf das amerikanische „light of reason“ verwiesen, welches von den spanischen, portugiesischen oder angelsächsischen Im Zeitalter des Wissensaustausches, der sozialen Mobilität und der weltumspannenden Brüderlichkeit scheinen die außereuropäischen Auswirkungen und Einflüsse des philosophischen Zeitalters der Aufklärung nicht genügend berücksichtigt. Wenn der britische Philosoph Joseph Berkely diese Epoche rückblickend als „That ocean of light, which has broke in and made his way, in spite of slavery and superstition.“ 10 , beschreibt, so impliziert gerade diese Aussage die Ambivalenz die in dem Postulat der Unschuld der Moderne bis heute steckt: In der sogenannten Middle Passage (frühes 16. bis spätes 19. Jahrhundert). wurden zehn
6
In:
Im Hof, Ulrich:
Das Europa der Aufklärung, Beck’ sche Verlagsbuchhandlung München, 1993, 128.
7
Zeitliche Einordnung nach Hobsbawn, Eric: The Age of Revolutions 1789-1848, erwöhnt in
Gilroy, Paul/ Campt, Tina (Herausgeber):
Der Black Atlantic, Haus der Kulturen der Welt Berlin, 2004.
8 In: Wehinger, Brunhilde (Herausgeberin): Europäischer Kulturtransfer im 18. Jahrhundert, Literaturen in Europa = Europäische Literatur?, Berliner Wissenschaftsverlag Berlin, 2003, S. 9.
9 In: Im Hof, Ulrich: Das Europa der Aufklärung, Beck’ sche Verlagsbuchhandlung München, 1993, S.15. 10 Aus ebd. S.6.
4
Quote paper:
Timo Gramer, 2006, Die haitianische Revolution - Toussaint L'Ouverture als weißer Napoleon, Munich, GRIN Publishing GmbH
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