Inhaltsverzeichnis
1. Allgemeiner Teil 3
1.1 Hinführung und Vorgehensweise 3
1.2 Carpe diem und Memento mori Ursprung der Sprüche 3
1.2.1 Carpe diem 4
1.2.2 Memento mori 4
1.3 Bedeutung als Topoi der Liebeslyrik in Renaissance und Barock 4
2. Carpe diem und Memento mori bei Ronsard 5
2.1 Liebe und Tod als Grundthemen in Ronsards Liebesdichtung 5
2.2 Interpretation ausgewählter Gedichte 6
2.2.1 Gedicht 1: Quand au temple nous serons 6
2.2.1.1 Textgrundlage 6
2.2.1.2 Form: Stances 7
2.2.1.3 Aufbau und Inhalt 7
2.2.1.4 Metrik und Reim 8
2.2.1.5 Interpretation 8
2.2.2 Gedicht 2: Marie baisez-moi 13
2.2.2.1 Textgrundlage 13
2.2.2.2 Das Sonett: Form Metrik und Reim 14
2.2.2.3 Aufbau und Inhalt 14
2.2.2.4 Interpretation 14
2.2.3 Gedicht 3: Quand vous serez bien vieille 18
2.2.3.1 Textgrundlage 18
2.2.3.2 Zusammenfassung ausgewählter Forschungsliteratur 18
2.3 Zusammenfassender Vergleich der drei Gedichte 19
3. Ausblick auf Vergangenheit und Gegenwart 20
4. Anhang: Parallelstellen aus der antiken Liebeslyrik 21
4.1 Catull 21
4.1.1 Carmen 5 V 1 7 21
4.1.2 Carmen 85 21
4.2 Tibull 21
4.2.1 Elegie I 3 53 56 21
4.2.2 Elegie I 3 83 86 21
4.2.3 Elegie I 6 77 80 21
4.2.4 Elegie I 8 41 48 21
5. Literaturverzeichnis 22
5.1 Primärliteratur 22
5.2 Sekundärliteratur 22
5.2.1 Wissenschaftliche Beiträge zum Thema 22
5.2.2 Allgemeine Werke zur Renaissance Literaturgeschichten und Lexika 23
2
1. Allgemeiner Teil
1.1 Hinführung und Vorgehensweise
Memento mori! Carpe diem! – Zwei Sätze, zwei Aufforderungen, zwei lateinische Sprichwörter. Doch wie stehen diese beiden philosophisch klingenden Bruchstücke in Zusammenhang zueinander und zur Literaturwissenschaft? Eine Antwort darauf soll im Folgenden anhand einer Untersuchung Ronsard’scher Liebesgedichte gegeben werden.
Ausgewählt wurden dazu drei Gedichte, eines aus der Reihe der „Stances“, „Quand au temple nous serons...“ und zwei Sonette, „Marie, baisez-moi...“ und das berühmte „Quand vous serez bien vieille...“. Die Beispiele sind so ausgesucht, dass aus jedem der drei Gedichtzyklen Ronsards eines vertreten ist. Das erste Gedicht entstammt den „Amours de Cassandre“, die im Jahr 1552 erschienen sind. Das zweite ist, wie der Versanfang schon erraten lässt, den „Amours de Marie“ entnommen, die in den Jahren 1555/56 veröffentlicht wurden, also noch in der Zeit, bevor Ronsard als „poète officiel“ am Hofe Karls IX. akzeptiert war. Das letzte und bekannteste Sonett gehört in die „Sonnets pour Hélène“, die 1578 als Ronsards Spätwerk vollendet wurden und in denen der alte und kranke Dichter versucht, sich in Erbitterung und Enttäuschung über diese späte Liebe hinwegzutrösten. 1 Die Texte folgen in Wortlaut und Schreibung der Ausgabe von Friedhelm KEMP und Werner von
KOPPENFELS. 2 Zu den ersten beiden Gedichten ist nahezu keine Sekundärliteratur auffindbar, dem berühmten „Quand vous serez bien vieille...“ hingegen wurde seitens der Forschung bereits einige Aufmerksamkeit gewidmet.
Nach einer kurzen Erläuterung der Herkunft der Sprüche Memento mori! und Carpe diem! und einem Überblick über die Bedeutung der beiden Topoi in der Literatur sollen die oben genannten Gedichte näher betrachtet werden, wobei nur zu den ersten beiden eine genaue Interpretation versucht und zum dritten aufgrund der Menge an vorliegenden Untersuchungen nur ein Bericht über ausgewählte Beiträge gegeben wird. Zum Schluss soll ein knapper Vergleich zwischen der Verarbeitung der Topoi bei Ronsard, im literarischen Werk seiner antiken Vorbilder und der Darstellung der Themen in der Unterhaltungskultur der Gegenwart Aufschluss über die Zeitlosigkeit dieser Motive geben.
1.2 „Carpe diem“ und „Memento mori“ – Ursprung der Sprüche Bereits in der antiken Liebesdichtung waren die beiden Topoi nicht unbekannt und wurden von den Dichtern meist in Verbindung miteinander in die Werke einbezogen. Sowohl „Carpe diem!“ als auch „Memento mori!“ sind Wendungen, die schon in antiker Zeit zu Sprichwörtern geworden sind.
1 Vgl. WITTSCHIER (1971), S. 65f., 91, 95.
2 KEMP, F. / KOPPENFELS, W. von (Hrsg.): Französische Dichtung. Erster Band: Von Villon bis Théophile de
Viau, München 2 2001.
1.2.1 „Carpe diem“ Carpe diem ist ein berühmtes Zitat aus den Oden (Carmina) des römischen Dichters Horaz (65–8 v. Chr.) 3 :
(..) sapias, uina liques et spatio breui spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit inuida aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.
(Horaz, carmen 1,11,6–8) Als Eklektiker hängt Horaz nicht einer speziellen philosophischen Schule an. Dieses Zitat jedoch entstammt der epikureischen Gedankenwelt, der der Augusteer in seinem Denken weitgehend verpflichtet ist: Jeden Tag als Geschenk zu erachten und so zu genießen, als wäre es der letzte, soll Ziel der Lebenshaltung sein. 4 Auch wenn das Carpe diem bei Horaz nicht auf die Liebe bezogen wird, kann es doch, wie sich zeigt, auch auf diesen Bereich des Lebens umgedeutet werden. Nebenbei bemerkt schrieb Horaz als Hofdichter nicht nur über Religion und Politik, sondern auch über Lebensgenuss und Liebe, worauf nicht selten das „Todeserlebnis“ folgt, 5 ganz wie es dem Topos des Memento mori entspricht.
1.2.2 „Memento mori“
Diese Aufforderung wurde im antiken Rom bei Triumphzügen dem Triumphator von einem Sklaven ins Ohr geflüstert, um zu verhindern, dass die große Ehrerbietung allzu großen Stolz hervorrief. Zudem versprach man sich davon vermutlich eine apotropäische (= Unheil abwehrende) Wirkung. 6 In der Variante „Respice post te, hominem te esse memento!“ finden wir das Memento mori beim Kirchenschriftsteller Tertullian (160–220 n. Chr.) in seiner Schrift Apologeticum (33,4). 7
1.3 Bedeutung als Topoi der Liebeslyrik in Renaissance und Barock
Der Tod – ein Thema, das in der Literatur allgegenwärtig ist und in alle literarischen Epochen eingeht. Zeit bedeutet für die Autoren soviel wie Endzeit, das irdische Leben erscheint als Durchgangsstation zum Jenseits. Zwei Zeitbegriffe werden dabei mit griechischen Bezeichnungen unterschieden: ñ, womit ein linearer, gleichmäßig dahinfließender zeitlicher Ablauf verbunden wird, und ñ, eine Vorstellung von Zeit, die in der griechischen Mythologie in einem „Knaben“ Verkörperung findet, „der mit wehendem Schopf vorbeihuscht und augenblicklich gepackt werden muss, soll er nicht unwiederbringlich verschwinden.“ Der ñ ist also ein Augenblick, in dem eine Entscheidung getroffen werden muss, in der eine Gelegenheit genutzt oder versäumt wird. 8 Genau dies ist auch
3 Vgl. Kl. Pauly (1975) s. v. Horatius [8], Bd. 2, Sp. 1219–1225.
4 Vgl. ALBRECHT (2003), S. 580.
5 Vgl. Kl. Pauly (1975) s. v. Horatius [8], Bd. 2, Sp. 1219–1225.
6 Vgl. edb. s. v. Triumphus, Bd. 5, Sp. 973ff.
7 Zu den Lebensdaten vgl. ebd. s. v. Tertullianus [2], Bd. 5, Sp. 613ff.
8 Zu den Gedanken und zum wörtlichen Zitat vgl. HAUSMANN (1996), S. 10.
4
der Zeitbegriff, wie ihn die Autoren verstehen, wenn sie zum Carpe diem aufrufen, da sie die Existenz auf Erden vom Tod bedroht sehen (Memento mori!).
In der Renaissance, als man sich die antiken Autoren wieder stärker zum Vorbild nahm – für die Liebeslyrik galten vor allem Catull, Properz, Tibull und Ovid als die herausragenden Vertreter –, blühten auch deren gern verwendete Topoi von Neuem auf. 9 Als „Ronsard hédoniste“ 10 bezeichnet THO- MINE dengroßen Dichter der französischen Renaissance, wenn dieser sich vom Carpe diem des Horaz inspirieren lässt, eine Aussage, deren Gültigkeit in Frage gestellt werden kann. Der Tod wird im 16. und 17. Jahrhundert, in einer Zeit der Kriege und äußeren Bedrohungen für das menschliche Leben in Form von Epidemien und Hungersnöten 11 als „widriges Los und Ansporn zum Leben“ 12 empfunden. Dem frühen und damit ungerechten Tod eines Menschen kann letztlich nur mit dem Genuss des geschenkten Augenblicks, dem Carpe diem, begegnet werden. 13 Vielmehr noch als in der Renaissance finden die beiden Topoi im Barock ihren Platz, in dem der Tod als „sujet d’inspiration intellectuelle et poétique“ 14 verstanden wird. GIBERT zufolge drückt gerade die Verbindung des Memento mori mit dem Carpe diem den doppelten Aspekt der Todesthematik aus: einerseits die Warnung vor dem unabwendbaren Schicksal, andererseits die daraus resultierende Aufforderung zur Lebensfreude („avertissement et incitation“). 15 Ergänzend sei hier gesagt, dass auch im deutschen Sprachraum, in dem die Eigenheiten des Barock noch viel stärkere Spuren hinterlassen haben, die beiden Topoi in der Liebeslyrik des Öfteren auftauchen. Exemplarisch dafür steht das Sonett „Vergänglichkeit der schönheit“ von Hoffmannswaldau.
2. „Carpe diem“ und „Memento mori“ bei Ronsard
2.1 Liebe und Tod als Grundthemen in Ronsards Liebesdichtung
Eines der schwerwiegendsten Hindernisse für Ronsard bei der Eroberung seiner Geliebten scheint der Tod zu sein. Immer wieder tauchen Reflexionen über dieses Thema in seinem Werk auf. 16 Dass in seinen Augen Liebe und Tod untrennbar zueinander gehören, kann man aus folgendem Vers schließen, mit dem Ronsard die „Sonnets pour Hélène“ und damit seine gesamte Liebesdichtung enden lässt:
„Car l’Amour et la Mort n’est qu’une même chose.“
9 Vgl. dazu THOMINE (2001), S. 34f.
10 Ebd., S. 34.
11 Vgl. LANDRY / MORLIN (2002), S. 6 und BENSIMON (1962), S. 183.
12 POLLMANN (1975), S. 79.
13 Ebd., S. 80f.
14 GIBERT (1997), S. 91.
15 Ebd., S. 93 16 Vgl. dazu auch GENDRE (1970), S. 108.
5
Wie nun die beiden Topoi, das Memento mori und das daraus geschlossene Carpe diem, eines der wichtigen Motive bei Ronsard, 17 ihren Platz in der Liebeslyrik des wichtigsten Dichters der Pléiade finden, soll im Folgenden anhand von drei ausgewählten Gedichten gezeigt werden. Es gilt nun vor allem, herauszuarbeiten, wie der Dichter die Suche nach dem Genuss des Augenblicks entsprechend der epikureischen Philosophie mit der permanenten Erinnerung an das Sterben verknüpft und wie er versucht, die Geliebte dazu einzuladen, die kurze Dauer ihres Lebens genussvoll zu nutzen. 18
2.2 Interpretation ausgewählter Gedichte
2.2.1 Gedicht 1: „Quand au temple nous serons…“
2.2.1.1 Textgrundlage
17 Vgl. auch BELLENGER (1979), S. 201 und BENSIMON (1962), S. 184.
18 Vgl. BENSIMON (1962), S. 184.
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Stefanie Wind, 2008, Carpe diem und Memento mori bei Pierre de Ronsard, Munich, GRIN Publishing GmbH
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