Inhaltsverzeichnis
Universität zu Köln 1
Köln, den 03 Oktober 2006 1
Access - Wege zu digitalem Wissen 1
Inhaltsverzeichnis___________________________________________________________ 2
Einleitung 3
Von der Wissensgesellschaft 4
Der mediale Wandel 7
Eigentum von Wissen 9
Die Macht der Gatekeeper 11
Manipulation von Information 14
Ansätze zur Sicherung des freien Zugangs 15
Open Access Bewegung 16
Ausblick 19
Literaturverzeichnis 21
2
Einleitung
„Medien bestimmen die Wahrnehmungsweise der Welt, sie sind das Gesicht der Welt. Und sie bestimmen auch das, was wir mit der Welt machen, wie wir in ihr handeln, wie wir sie behandeln, mit ihr umgehen. Am Ende bestimmen sie damit auch uns selbst.“ 1 Bereits vor mehr als vierzig Jahren beschrieb Marshall Mc Luhan in seinem Buch Understanding Media die Wechselwirkung zwischen den Errungenschaften der technischen Medien und den kognitiven Prozessen des Menschen. Seine Theorie leitet Mc Luhan nicht aus den mit der neuen Technik verbreiteten Inhalten, sondern allein aus den mit ihr verbundenen Produktions- und Distributionsformen ab. Die Begegnung mit dem Ökonomen Harold Innis inspirierte Mc Luhan zu dieser Analogie. Innis hatte seinerseits bereits zu Beginn der fünfziger Jahre die These aufgestellt, dass die materielle Beschaffenheit von Kommunikationsmedien einen determinierenden Einfluss auf den Charakter von Kulturen habe. 2 Mc Luhans Ausführungen gelten heute als Gründungsdokumente der modernen Medientheorie. Bekommen sie doch gerade im Zuge der Digitalisierung noch einmal eine besondere Bedeutung, da vieles von dem was Mc Luhan seinerzeit visionär formulierte, heute bereits als verwirklicht scheint.
Bei der Digitalisierung handelt es sich nicht um ein singuläres, möglicherweise vorübergehendes Phänomen, sondern um eine tief greifende Innovation und einen Ausdruck eines epochalen Einschnitts. Wie die Mediengeschichte zeigt, ist die Entwicklung technologischer Medien untrennbar mit der Speicherung von Wissen verbunden. Doch führten uns gerade die digitalen Medien in eine Gesellschaft, die wir heute als Wissensgesellschaft bezeichnen. „Wissen ist zur entscheidenden Produktivkraft moderner Ökonomien geworden. Die Bereitstellung von und der Zugriff auf Wissen durch Information wird zur entscheidenden Dienstleistung des 21. Jahrhundert.“ 3 Damit ist nicht mehr das Sammeln und Transportieren von Wissen der bestimmende Faktor sondern der Prozess des Umgangs mit dem Wissen, die Art, wie wir es erstellen, erreichen, darstellen und weiterverarbeiten. „Durch die Digitalisierung ändern sich Erzeugung, Konservierung, Verbreitung und Nutzung von Wissen grundlegend.“ 4 Dadurch lässt sich vermuten, dass sich die Entwicklung der Neuen Medien ähnlich konstitutiv auf das Wissen auswirkt wie der Buchdruck. 5
1 Lorenz Engell, Britta Neitzel (Hg.), Das Gesicht der Welt. Medien in der digitalen Kultur. 2004. 7.
2 Harold A. Innis, Kreuzwege der Kommunikation. 1997.
3 Ralf Fuchs/ Andreas Poltermann, Wissensgesellschaft gestalten. In: Heinrich Böll Stiftung (Hg.), Gut zu Wissen - Links zur Wissensgesellschaft. 2002. 8.
4 Kai Lehmann, Der Lange Weg zur Wissensgesellschaft. In: Kai Lehmann/ Michael Schletsche (Hg.), Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens. 2005. 37f.
5 Vgl. Elisabeth L. Eisenstein, The printing press as an agent of change. Cambridge. 1979.
3
In der folgenden Arbeit soll nun der gesellschaftliche Rahmen dargestellt werden, in dem sich der Wandel des Wissens vollzieht. Wissen ist seit Menschengedenken konstitutiv für den gesellschaftlichen Wandel, doch hat der Wandel von den analogen zu den digitalen Medien eine neue Wissensordnung hervor gebracht, die uns aus heutiger Sicht die nötigen Anzeichen dafür bietet, dass wir in einer so genannten Wissensgesellschaft leben. Davon ausgehend, soll die neue Wissensordnung näher beleuchtet und das Internet als Ort der Speicherung, als globale Bibliothek des Wissens diskutiert werden. Die Digitalisierung von Wissen hat zu einer schier unendlichen Vielfalt von Informationen geführt, die besondere Anforderungen an deren Nutzung stellt. Verändert haben sich auch die Eigentumsverhältnisse von Wissen, die im Wesentlichen den Zugang zu diesem restriktiv bestimmen. Die Suchmaschine bietet dabei den entscheidenden Metainformationsdienst, der den Zugriff auf die Informationsprodukte ermöglicht. Den Anbietern der entsprechenden Suchdienste kommt damit eine bedeutende Gatekeeperfunktion zwischen den Informationsanbietern und -nutzern zu, die ihnen zunehmend Macht und damit auch eine große Verantwortung verleiht. In diesem Zusammenhang sollen die Chancen und Probleme des weltweiten Zugriffs auf Wissen angeführt und besonders auf die Gefahren der Manipulation von Wissen hingewiesen werden. Im letzten Teil der Arbeit schließen sich Ansätze zur Sicherung eines freien Zugriffs auf Wissen an, wobei auf die Open Access Bewegung im wissenschaftlichen Bereich besonderes Augenmerk gelegt werden soll.
Von der Wissensgesellschaft
Betrachtet man als Ausgangspunkt zur Darstellung der Wissensgesellschaft 6 eine Definition von Wissen in einem Lexikon, so kommt man zunächst zu dem Ergebnis, dass die Entwicklung einer jeden Gesellschaft auf der Grundlage von Wissen beruht. „Alle Kenntnisse im Rahmen alltäglicher Handlungs- und Sachzusammenhänge (Alltags-W.); im philosophischen Sinne die begründete und begründbare (rationale) Erkenntnis im Unterschied zur Vermutung und Meinung oder zum Glauben. Wissen kann primär durch zufällige Beobachtung, durch systematische Erforschung (Experiment) oder deduzierte Erkenntnis gewonnen werden, sekundär durch lernende Aneignung von W.-Stoff.“ 7
6 In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung wird immer wieder diskutiert, ob an dieser Stelle der Begriff Informationsgesellschaft angemessener wäre, doch soll hier nicht weiter auf die Debatte eingegangen werden und beide Begriffe im folgenden Synonym verwandt werden.
7 Meyers Grosses Taschenlexikon. 1999. Band 25. 108.
4
Wissen ist eine der bedeutendsten Ressourcen, aus der die Gesellschaft ihr Wachstumspotential schöpft. Deswegen wurde die frühe Industriegesellschaft auch immer als Wissensgesellschaft analysiert, in der ein systematischer, enttraditionalisierter Umgang mit Wissen angestrebt wurde. Die Geschichte der frühindustriellen Gesellschaft lässt sich somit nicht ausschließlich als Geschichte der kapitalistischen Herrschaft, sondern ebenfalls als Geschichte eines systematischeren und rationelleren Umgangs mit Wissen betrachten. Bei Karl Marx, Werner Sombart und Joseph Schumpeter lassen sich diese klassischen Analysen der frühindustriellen Form von „Wissensbasierung“ finden. Geprägt wurde der Begriff jedoch in den 1960er und 1970er Jahren. Der amerikanische Managementtheoretiker Peter F. Drucker sprach von dem Aufstieg einer neuen Schicht von Wissensarbeitern und der Entwicklung einer postindustriellen Wissensgesellschaft. Diese Gesellschaft sei gekennzeichnet durch eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, in der nicht mehr Arbeit, Rohstoffe oder Kapital, sondern „Wissen“ zur zentralen Quelle von Produktivität, Wachstum und sozialen Ungleichheiten wird. 8 Robert Lane schlug vor, diese als eine Gesellschaft zu begreifen,
„deren Mitglieder in stärkerem Ausmaß als die anderen Gesellschaften; a) die Grundlagen über Mensch, Natur und Gesellschaft erforschen; b) sich (vielleicht unbewußt) von den objektiven Maßstäben der Richtigkeit und Wahrheit leiten lassen und sich auf den höheren Bildungsebenen bei Untersuchungen an wissenschaftliche Beweis- und Schlußfolgerungsregeln halten; c) beträchtliche Mittel für diese Untersuchungen aufwenden und sich so auch ein umfangreiches Wissen aneignen; d) ihr Wissen in dem Bestreben zusammentragen, ordnen und interpretieren, um es sinnvoll auf die von Fall zu Fall auftauchenden Probleme anzuwenden und e) dieses Wissen darüber hinaus dazu einzusetzen, um sich über ihre Wertvorstellungen und Ziele klar zu werden, um sie voranzutreiben (oder gegebenenfalls auch zu modifizieren).“ 9
Die Wissensgesellschaft lässt sich somit in den 60er und 70er Jahren als verwissenschaftliche, dienstleistungszentrierte, akademisierte Gesellschaft betrachten, die sich damit von der Industriegesellschaft deutlich absetzt.
In den 90er Jahren schließt sich eine weitere Debatte um die Wissensgesellschaft an, die an vielen Stellen deutlich über die klassischen Analysen hinausgeht. Wissenschaftliches Wissen hat immer noch einen zentralen Stellenwert für die Bestimmung der Wissensgesellschaft, doch geht es gleichzeitig auch um andere Wissensformen, wie erfahrungsbasiertes, technisches oder organisatorisches Wissen. Das Wissen tritt damit aus dem rein
8 Vgl. Peter F. Drucker, Landmarks of Tomorrow. 1959.
9 Zitiert nach Daniel Bell, Die nachindustrielle Gesellschaft. 1985. 181.
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wissenschaftlichen Rahmen heraus und bezieht andere Bereiche der Gesellschaft mit ein. 10 Damit sind staatliche und industrielle Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen nicht mehr die einzigen oder zentralen Orte der gesellschaftlichen Wissensproduktion, was der Institutionalisierung von nichtwissenschaftlichem Wissen eine besondere Bedeutung lässt. 11 zukommen
Während die Wissensgesellschaft in den 60er und 70er Jahren eine vorrangig nationalstaatlich verfasste und regulierte Gesellschaft war, hat insbesondere die Internationalisierung der Güter- und Kapitalmärkte eine veränderte Wissensordnung hervor gebracht. „(D)ie heutige Wissensgesellschaft [kann man somit] nicht mehr als Nationalgesellschaft begreifen, da sich die Lernmöglichkeiten und -zwänge durch die Globalisierung von Waren-, Währungs- und Finanzmärkten deutlich erhöht. Die heutige Wissensgesellschaft ist eine innovationszentrierte Weltgesellschaft.“ 12 Mit den veränderten Rahmenbedingungen und im Besonderen mit der Bedeutung von „Nichtwissen“, sind Fragilitäten, Unsicherheiten und Risiken verbunden, die die Aufmerksamkeit augenscheinlich verstärkt auf die Schattenseiten, Dilemmata und Paradoxien wissensbasierter Gesellschaften lenken. „Die Gesellschaft ist demnach zerbrechlicher geworden,“ 13 so konstatiert Nico Stehr und sieht den Grund darin nicht in der viel beschworenen Globalisierung und Ökonomisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern durch den Herrschaftsverlust des Staates, der Kirche und des Militärs durch Wissen. 14 Wolfgang Bonß verweist ebenfalls auf die Folgen, die diese Veränderung der Wissensstrukturen mit sich bringt. Zum einen sei der Rekurs auf wissenschaftliches Wissen (im Unterschied zu Glaubensgewissheiten) entscheidend für die Entwicklung und Integration sozialer Formationen und zum anderen steige die Kontingenz, Unsicherheit und potentielle Selbstgefährdung der Gesellschaft. 15 „Entgegen den Hoffnungen der Aufklärung ist dieser Strukturwandel auch nicht durch mehr Wissen zu lösen. Die alte Formel `mehr Wissen = mehr Vernunft = mehr Beherrschbarkeit der inneren und äußeren Natur´ steht vielmehr selbst in Frage.“ 16
10 Vgl. Peter Weingart, Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. 2001.
11 Vgl. Werner Rammert, Produktion von und mit „Wissensmaschinen“. Situationen sozialen Wandels hin zur Wissensgesellschaft. 40-57. In: Wilfried Konrad und Wilhelm Schumm (Hg.) Wissen und Arbeit. Neue Konturen von Wissensarbeit. 1999.
12 Martin Heidenreich, Die Debatte um die Wissensgesellschaft. 2002. 15. elektronisch veröffentlicht unter: URL: http://www.uni-bamberg.de/sowi/europastudien/dokumente/wissensgesellschaft_2002.pdf (20.08.2006)
13 Nico Stehr, Moderne Wissensgesellschaften. 8. In: Politik und Zeitgeschichte. Bd. 36/2001. 8.
14 Vgl. ebd. 8.
15 Vgl. Wolfgang Bonß, Riskantes Wissen? Zur Rolle der Wissenschaft in der Risikogesellschaft. In: Heinrich Böll Stiftung (Hg.), Gut zu Wissen - Links zur Wissensgesellschaft. 2002. 127.
16 ebd. 127.
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Simon Siepermann, 2006, Access - Wege zu digitalem Wissen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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