Universität Hannover
Fachbereich Erziehungswissenschaften
Seminar: Der Teenie-Roman als moralische Anstalt Moral und Weltanschauung bei
klassischen und modernen Kinderbüchern
Wintersemester 2005/2006
Vergleichende Betrachtung des Mädchenbildes
in Emmy von Rhodens Der Trotzkopf und
Christine
Nöstlingers
Gretchen Sackmeier
Alexandra Stoichita (LGHR, Deutsch/ Englisch)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1
2. Definition und geschichtliche Einordnung des Mädchenbuches
1
3. Inhaltsangabe der beiden Werke
3
4. Analyse der beiden Werke
4
4.1.Vergleichende Betrachtung der Protagonistinnen Ilse und Gretchen: 4
Charakter und Familiensituation
4.2. Ilses und Gretchens Wirkung auf Männer/ Vergleichende Darstellung 9
des Frauen- und Männerbildes
5. Auswertung: Welche Schlüsse können aus den Beobachtungen gezogen werden? 11
6. Versuch einer Deutung: Der Reiz des Mädchenbuches und die Scheu der Jungen
vor dieser Gattung
12
7.
Fazit
13
8.
Literaturverzeichnis
14
- 1 -
1. Einleitung
Ich verfasse diese Hausarbeit im Rahmen des Seminars ,,Der Teenie-Roman als moralische
Anstalt - Moral und Weltanschauung bei klassischen und modernen Kinderbüchern", in
dessen Verlauf viele ältere aber auch modernere Adoleszenzromane im Zentrum des
Interesses standen und kritisch untersucht wurden. Im Laufe der Zeit tauchte auch immer
wieder der Begriff ,,Mädchenbuch" in unterschiedlichen Kontexten auf. Es wurde der Frage
nachgegangen, was das Spezielle an Mädchenbüchern ist, warum sie nach wie vor so beliebt
sind und aus welchen Gründen Jungen in der Regel Mädchenbücher kategorisch ablehnen,
während Mädchen mit großer Begeisterung auch ,,Jungenbücher" lesen. All diese Fragen
werden auch Teil der vorliegenden Hausarbeit sein, wobei der Schwerpunkt auf der
vergleichenden Darstellung von zwei ausgewählten Mädchenbüchern liegen wird: Emmy von
Rhodens Der Trotzkopf als Prototyp der ,,Backfischliteratur" und Christine Nöstlingers
Gretchen Sackmeier als moderne Mädchenbucherscheinung. Diese beiden Werke sollen unter
verschiedenen Gesichtspunkten analysiert werden: Wer sind die Hauptfiguren und welche
Entwicklung machen sie durch? In welchen familiären Bedingungen wachsen sie auf und wie
wird ihre Wirkung auf das andere Geschlecht beschrieben? Wo liegen Gemeinsamkeiten und
wo sind deutliche Unterschiede erkennbar? Bevor ich jedoch all diesen Fragen nachgehen
werde, soll zunächst der Begriff des Mädchenbuches geklärt werden sowie eine kurze
Übersicht der geschichtlichen Entwicklung des Mädchenbuches erfolgen, denn nur vor
diesem Hintergrund kann eine angemessene Analyse der beiden Bücher erfolgen.
2. Definition und geschichtliche Einordnung des Mädchenbuches
Eine eindeutige Definition des Mädchenbuch-Begriffes zu leisten ist keine leichte Aufgabe,
denn in der Sekundärliteratur gibt es keine klar festgelegte Position, die typische
allgemeingültige Charakteristika des Mädchenbuches aufzeigt. Zwar ist die Schnittmenge
relativ groß, so dass nahezu jeder eine gewisse Vorstellung vom Mädchenbuchbegriff hat,
aber im Einzelnen gibt es gewisse Unterschiede, die eine klare Definition erschweren. Fest
steht: Es reicht nicht aus, Mädchenbücher allein über die Leseerwartungen bzw. Lesemotive
der Mädchen zu bestimmen, weil dadurch der Bereich der Jungen- oder Abenteuerliteratur
ebenfalls mit einbezogen werden müsste. Im Allgemeinen kann man jedoch sagen, dass
Mädchenbücher sich mit speziell weiblichen Bedürfnissen befassen, fast immer Mädchen als
Hauptfiguren haben und das jeweils gültige Idealbild von Mädchen zur jeweiligen Zeit
verkörpern. Der Leserin wird ein Spiegel vorgehalten und die wünschenswerten und
traditionellen Leitvorstellungen aufgezeigt (vgl. Dahrendorf 1970, S. 51).
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In einem großen Teil der Mädchenbücher werden die Protagonistinnen unter dem Aspekt der
Entwicklung vom Mädchen zur Frau dargestellt, immer mit der Intention, der Leserin ein
Stück ,,Lebenshilfe" zu gewähren und sie auf dem Weg zum Erwachsenwerden zu begleiten
(vgl. Dahrendorf 1970, S. 59).
Die eigentlichen Wurzeln des Mädchenbuches liegen in der Zeit der Aufklärung des 18.
Jahrhunderts, einer Zeit, die geprägt war von der Vorstellung, dass die Welt gestaltbar und der
Mensch an sich erziehbar und erziehungsbedürftig sei. Vor diesem Hintergrund sind auch die
erzählerisch eingekleideten Morallehren des 18. Jahrhunderts zu verstehen, in denen durch
inhaltlich abschreckende Beispiele sündhaften Handels unentwegt moralisierend eingegriffen
wurde. Diese frühen Erzählungen waren noch nicht von einer künstlerischen
Gestaltungsabsicht geprägt, sondern konzentrierten sich nur auf die Wirkung, einen
pädagogisch-belehrenden Beitrag zu leisten, z. B. Campes 1789 erschienenes Werk
Väterlicher Rat an meine Tochter (vgl. Dahrendorf 1970, S. 30).
Erst im späten 19. Jahrhundert kam es schließlich zur Herausbildung der Backfischliteratur,
dessen Prototyp Emmy von Rhodens Der Trotzkopf (1885) verkörpert. Vordergründig bei
dieser Gattung war nicht mehr der erhobene Zeigefinger, sondern die Unterhaltsamkeit des
Buches. Das Motiv der Erziehung wurde häufig nur deshalb mit einbezogen, um der
Unterhaltsamkeit den Anschein von Bedeutung und ein moralisches Alibi zu verschaffen (vgl.
Dahrendorf 1970, S.36). Backfischliteratur war hauptsächlich auf den Konsum der
standesbewussten ,,höheren Töchter" zugeschnitten, die, abgesehen vom Unterhaltungsaspekt,
auch gesellschaftliche Sitte vermittelt bekommen sollten. Aber auch bei den weniger gut
situierten bürgerlichen Töchtern erfreute sich diese Gattung großer Beliebtheit. Im
Unterschied zu früherer Mädchenliteratur wurde der Protagonistin nämlich eine größere
Liberalität zugestanden, was gerade an Emmy von Rhodens Der Trotzkopf (1885) sehr
deutlich wird. Die Hauptperson Ilse verhält sich zu Beginn des Buches in einer höchst
,,unweiblichen" Art und Weise und verkörpert in keiner Form das vorherrschende Idealbild
der Frau. Dennoch wird sie als sehr sympathisch dargestellt - im Gegensatz zur früheren
Mädchenliteratur, wo eine Protagonistin mit derartigen Eigenschaften erst gar nicht denkbar
gewesen wäre (vgl Grenz 1997, S. 116). Sicherlich muss betont werden, dass diese Bücher
auch keine Aufforderung zur Rebellion darstellten, denn trotz der größeren Freiheiten der
Hauptfigur blieb stets das Anliegen, die ,,richtigen" Normen zu vermitteln. Die Phase des
unangepassten Benehmens wurde nur deswegen hingenommen, da sie eine
,,Durchgangsstation" zur Rolle der heiratsfähigen Dame darstellte, deren gesittetes Benehmen
stets durch gutgestellte Ehepartner belohnt wurde (vgl. Dahrendorf 1970, S.37).
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Seit etwa Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts ist jedoch ein deutlicher Wandel
erkennbar. Ausgelöst durch die Studenten- und Frauenbewegung und die veränderten
gesellschaftlichen Anforderungen entwickelte sich der Anspruch auf Selbstverwirklichung der
Frau und die Infragestellung der weiblichen Rollenerziehung zu einem zentralen Thema
zeitgenössischer Mädchenliteratur (vgl. Grenz 1997, S.241). Die Themen sind insgesamt
aufklärerischer und offener für Tabus geworden: Sexualität, Drogen, Konflikte mit den Eltern,
Trennung vom Freund, all diese Aspekte werden nun offen angesprochen. Im Gegensatz zur
Backfischliteratur, wo die Mädchen behutsam mit dem Idealbild der Frau vertraut gemacht
werden sollten, wollen Mädchenbücher von heute die Leserinnen selbstbewusster und
kritischer gegenüber dem traditionellen Frauenbild machen. Auffällig ist trotzdem, dass viele
dieser Bücher unter dem Anschein einer oberflächlichen Modernisierung das alte Trotzkopf-
Modell beibehalten und lediglich in eine neue Umgebung transportieren. Man kann von einer
,,Verpackung des Alten im neuen Gewand" sprechen (Grenz 1997, S.243f.), denn nach wie
vor liegt vielen Büchern die erzählerische Strategie einer scheinbaren Rebellion zugrunde, die
Entwicklung vom ,,aus der Rolle fallenden" Mädchen, das schließlich auf Umwegen zu sich
selbst findet. Zu nennen wäre hier z. B. Cillys Geschichte von Gitta von Cetto (1983), in der
die temperamentvolle, sprunghafte und unkonventionelle Hauptfigur, die aus zerrütteten
Familienverhältnissen stammt, schließlich durch das Zusammentreffen mit dem Studenten
Tommy zu einer heilen Welt familiärer Geborgenheit findet (vgl. Grenz 1997, S. 244f.)
Zwar werden im Unterschied zur Backfischliteratur jetzt progressivere Wertvorstellungen
vermittelt, die nur von Teilen der Gesellschaft anerkannt sind, dennoch handelt es sich
überwiegend um Geschichten, die einen gelungenen oder misslungenen
Selbstfindungsprozess beschreiben und somit in die Kategorie ,,Literatur als Lebenshilfe"
eingeordnet werden können (vgl. Grenz 1997, S.259).
3. Inhaltsangabe der beiden Werke
Um Wiederholungen zu vermeiden werde ich die Inhaltsangabe im Folgenden nur sehr kurz
halten, da ich später bei der genaueren Analyse Aspekte des Textes detaillierter aufgreifen
und beschreiben werde, so dass die Handlungslinie dann erkennbar wird.
In Emmy von Rhodens Der Trotzkopf (1885) geht es um die 15-jährige Ilse, die sehr
unbeschwert auf einem ländlichen Gutshof bei ihrem Vater aufwächst. Sie wird anfangs als
spontan, unbekümmert und eigenwillig beschrieben. Sie tollt herum wie ein Junge, tut das
wozu sie Lust hat und lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Durch die Erziehung in einem
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