III
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
1 Einleitung .......................................................................................................1
1.1 Einführung in das Thema..........................................................................1
1.2 Ziele der Arbeit .........................................................................................2
1.3 Methodik ...................................................................................................3
2 Jugendsprache ....................................................................................................5
2.1 Der Jugendbegriff .....................................................................................5
2.2 Begriffsklärung Jugendsprache.................................................................6
2.3 Jugendsprache und Standardsprache.........................................................7
2.4 Rückblick auf die deutsche Jugendsprachforschung ................................8
2.5 Merkmale von Jugendsprache.................................................................11
3 Technokultur ....................................................................................................13
3.1 Musikalische Bestimmung......................................................................14
3.2 Geschichte...............................................................................................15
3.2.1 Geräusche und elektronische Klänge..........................................15
3.2.2 Namensgebung House und Techno ............................................16
3.2.3 Die Entwicklung in Europa.........................................................19
3.3 Zentrale Begrifflichkeiten.......................................................................22
3.3.1 Der Warm-Up .............................................................................22
3.3.2 Die Location................................................................................22
3.3.3 Der Rave .....................................................................................23
3.3.4 Der Chillout ................................................................................25
3.3.5 Die Afterhour ..............................................................................26
3.3.6 Der Track ....................................................................................26
3.4 Discjockey-Musik ...................................................................................27
3.5 Autorbegriff und Kunstwerk...................................................................28
3.6 Lebensstil Techno ...................................................................................30
3.6.1 Tanz.............................................................................................30
3.6.2 Selbstverständnis.........................................................................32
3.6.3 Musikstile....................................................................................33
3.6.4 Mode ...........................................................................................34
3.6.5 Körperlichkeit .............................................................................36
3.6.6 Die Droge Ecstasy.......................................................................37
3.6.7 Magazine und Fanzines...............................................................38
3.6.8 Flyer ............................................................................................40
3.7 Mentalitätsmuster der Technokultur .......................................................43
3.7.1 Technophilie ...............................................................................43
IV
3.7.2 Mißbrauch der Geräte 46
3.7.3 Zukunftsorientierung 46
3.7.4 Kommunikation durch Konsum 48
3.7.5 Kollektivität vs. Egozentrizität 49
3.7.6 Spaß 50
3.7.7 Globalität Lokalität Glokalisierung 51
3.8 Das Prinzip Sampling 53
4 Kommunikationsform Techno 56
4.1 Der kommunikative Rahmen 56
4.2 Analyse von Musik-Charts 58
4.2.1 Vorgehensweise 58
4.2.2 Sprache und Mentalitätsmuster 60
4.3 Kommunikation in Medien 65
4.3.1 Tonträger 65
4.3.2 Musikrezensionen 66
4.3.3 Die Sprache in Fanzines 67
4.3.4 Externe Medien über Techno 71
4.3.5 Techno in Literatur und Dichtung 73
4.4 Merkmale von Technokommunikation 74
4.4.1 Sprachspiel 74
4.4.2 Sprachsampling 76
4.4.3 Kommunikation in Netzwerken 77
4.4.4 Zentrierung um wenige Themen 77
4.4.5 Anonymität des Autors 78
4.4.6 Slogans 79
4.4.7 Inhaltslosigkeit 80
4.5 Techno eine sprachlose Kultur 80
5 Zusammenfassung 83
6 Literaturverzeichnis 86
7 Anhang 94
A Korpus Technocharts 94
B Bootlegging 96
C Flyer 97
D Anonymität der Künstler 98
E Raveline 99
F Visualisierung 100
Abkürzungsverzeichnis V
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung
CD Compact Disc
DJ Discjockey
E Ecstasy
EBM Electronic Body Music
engl. englisch
et. al. et alii
etc. et cetera
frz. französisch
griech. Griechisch
z.B. zum Beispiel
Einleitung
1 Einleitung
1.1 Einführung in das Thema „Die goldenen Techno-Zeiten sind vorbei“ 1 , ist im Discoführer für Deutschland zu lesen. Doch im Jahr 2001 ist „Techno“ 2 noch immer einer der innovativsten Bereiche der deutschen Jugend- und Popkultur. In den letzten zehn Jahren hat sich Techno in Deutschland in vielfältiger Form präsentiert, wobei deutlich wurde, daß er mehr als ein kurzlebiger Trend ist. Inzwischen begegnet Techno vielen Menschen in ihrem Alltag, ohne daß es ihnen sonderlich auffällt. Im Radio und im Supermarkt läuft Technomusik. Die Fernsehsender unterlegen Vorschauen und Trailer des Abendprogramms mit Technomusik; Marketing-Konzepte von Internetfirmen und seriösen Banken bedienen sich ästhetischer Elemente der Technokultur. Das augenfälligste Phänomen des Techno ist sicherlich die Berliner Loveparade, zu der sich jedes Jahr über eine Million Protagonisten dieser jugendlichen Praxis friedlich versammeln, um sich selbst und ihren Lebensstil zu feiern. Das Ausmaß dieser Veranstaltung beschreibt ein Augenzeuge:
„Es war die größte Party der Welt. Doppelt so viele Leute wie bei Woodstock, zehn mal mehr als beim Besuch des Papstes, mehr als bei der Wiedervereinigungsfeier, dreimal soviel los wie beim Gewinn der Europameisterschaft.“ 3 Kaum eine kulturelle Strömung der letzten Jahre konnte derart polarisieren wie Techno. Die Wirtschaft schwärmt von der hohen Kaufkraft des auf Konsum fixierten Technoklientels, Soziologen sehen in Techno ein Ende der klassenspezifischen Vergemeinschaftungen und die Medizin erforscht die Auswirkungen von Designerdrogen und lautstarker Musik auf die Körper jugendlicher Raver 4 . Kulturkritiker hingegen warnen vor Massenkultur, Kritiklosigkeit und Werteverfall. Politiker und Kirchen benutzen Techno, um ihr konservatives Image zu verbessern. So hieß die Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes am 1. Mai 1998 in Schwerin analog zur Loveparade Job-Parade und die evangelische Kirche versuchte zeitweise, mit Techno-Gottesdiensten Jugendliche an sich zu binden. Techno ist nach anfänglicher Zurückhaltung der Wissenschaft inzwischen aus nahezu allen Perspektiven analysiert und erklärt worden. Lediglich im sprachwis-
1 Janke,K.; Niehues, S.: saturday night fever. Discoführer Deutschland. München. 1999. S. 66. 2 Im folgenden ohne Anführungszeichen.
3 Jürgen Laarmann. In: Frontpage. Nr.8. 1996. S.3.
4 Technospezifische Fachausdrücke werden wegen der besseren Lesbarkeit nur bei der ersten Erwähnung kursiv gekennzeichnet.
Einleitung
senschaftlichen Bereich finden sich bisher keine ausführlichen Untersuchungen, die sich ausschließlich mit Techno befassen. Das mag daran liegen, daß zu Technomusik für gewöhnlich nicht gesungen wird und es folglich auch keine interpretierbaren Texte gibt. Diese Erscheinung wird von den Feuilletons auch als Inhaltslosigkeit und „Sprachverweigerung“ 5 ausgelegt.
Dennoch widmet sich diese Arbeit der Technokultur und ihrem Umgang mit Sprache, denn ganz ohne Sprache kommt Techno nicht aus. Wichtige Begriffe und Redewendungen der Technoszene werden aufgeführt, ihre Bedeutung erklärt und ihre Verwendungsweise erläutert. Es wird gezeigt, wie Sprache im Kontext von Techno mit technospezifischen Mitteln verwendet wird und welche Folgen sich daraus ergeben.
Genau wie frühere Kulturphänomene läßt sich Techno als Spiegel, vielleicht sogar als Katalysator gesellschaftlicher Umwälzungen begreifen. Die Bruchstelle zu früheren Erscheinungen liegt darin, daß sich diese Erscheinung in erster Linie nicht als alternativer Protest gegen bestehende Verhältnisse versteht, sondern als Bestätigung der bestehenden Verhältnisse unter Betonung des individuellen Vergnügens.
1.2 Ziele der Arbeit Diese Arbeit ist eine Systematisierung der übereinstimmenden Elemente von kultureller und sprachlicher Praxis. Die Prämisse ist, daß diese Praktiken in einem Wechselverhältnis zueinander stehen.
Da die Technokultur noch keine langen Traditionen aufweist, soll eine synchrone Bestandsaufnahme eines lebendigen, sich wandelnden Organismus erstellt werden. Ausgangspunkt dafür soll der Diskurs der Jugendsprachforschung sein, an den diese Arbeit anknüpfen will. Jugendsprachlich produktive Strukturen der Technokultur sollen als ein überregionales Phänomen beschrieben und erklärt werden. In Hinblick auf Techno als Lebensstil und Kommunikationsform sollen die Begrifflichkeiten, Werte und Verhaltensweisen der Technokultur eingehend erläutert werden. Das Prinzip des Samplings soll als ein durchgängig angewandtes, die Kommunikationsform Techno charakterisierendes Verfahren in Musik, Mode, Graphik und Kommunikation herausgestellt werden. Es soll gezeigt wer-
5 Bruckmaier,K.: Gibt es Mäuse auf dem Mars? In: Süddeutsche Zeitung. München. 11.04.1997. S.11.
Einleitung
den, daß Techno nicht inhaltslos ist, sondern mit Inhalten anders umgeht, als andere kulturelle Phänomene.
1.3 Methodik Um die genannten Ziele erreichen zu können, ist es notwendig, Quellen einzubeziehen, die Einblicke in die kulturellen und sprachwissenschaftlich relevanten Zusammenhänge von Techno geben. Es gibt primäre Quellen, hauptsächlich sind diese Selbstdarstellungen der Szene, die in Form von Tonträgern, Büchern, Magazinen und Artikeln vorliegen. Kulturexterne, sekundäre Quellen wollen Techno aus einer Außenperspektive heraus systematisieren und verstehen. Diese finden sich in Tageszeitungen, Wochenmagazinen und wissenschaftlichen Untersuchungen über Techno.
Diese traditionelle Unterscheidung wird im Literaturverzeichnis jedoch nicht fortgeführt, da einige Werke, die einen Überblick über Techno geben wollen und damit eigentlich zur Sekundärliteratur zu rechnen sind, z.B. Localizer 6 , aufgrund ihrer technospezifischen Gestaltungsweisen wiederum als Quelle angesehen werden können. Eine Teilung in Quellen und Sekundärliteratur würde der Übersichtlichkeit schaden. Aus diesem Grund ist das Literaturverzeichnis vereinfachend rein alphabetisch angeordnet.
Darüber hinaus ist es notwendig, die Mechanismen der kulturellen Praxis Techno zu berücksichtigen, zu erleben und zu verstehen. Deshalb habe ich zur Vorbereitung auf diese Arbeit Orte technokultureller Praxis besucht und dort teilnehmend beobachtet. Weiterhin habe ich von Freunden und Bekannten, die aufgrund ihres Alters an Techno partizipiert haben oder noch immer Teil der Szene sind, Informationen erhalten.
Ich habe versucht, die Technokultur zu verstehen, um ihre Kommunikationen erklären zu können. Dabei gehe ich von der These aus, daß sich eine Jugendkultur durch Anwendung und Durchsetzung bestimmter Prinzipien, Interessen und Präferenzen entwickelt, die unter anderem auch in sprachlichen Verhaltensweisen zum Ausdruck kommen. Diese fallen in das Gebiet der Jugendsprachforschung, in deren Rahmen diese Arbeit einzuordnen ist.
6 Klanten, Robert (Hrsg.): Localizer 1.0 - the techno house book. Berlin. 1995.
Einleitung
In Anlehnung an die Subkulturanalysen im Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) 7 durch CLARKE ET. AL. 8 und an die soziologischen Techno-Forschungen HITZLERS 9 werden ethnographische Methoden zur Beschreibung der jugendlichen Teilkultur Techno verwendet. Die Cultural Studies sind vornehmlich im angelsächsischen Akademiebetrieb etabliert. Sie sind nicht als eine abgeschlossene Disziplin, sondern eher ein als in verschiedenen Disziplinen und über deren Grenzen hinaus praktizierter Forschungsstil zu begreifen.
Weiterhin werden Methoden der Soziolinguistik 10 verwendet, da eine rein sprachliche Untersuchung nur deskriptiv wäre und keine ausreichende Erklärung der Phänomene bieten würde.
Einige der verwendeten Texte sind ausschließlich oder ergänzend im Internet online abrufbar. 11 Da die Gültigkeit von Hyperlinks wegen des dynamischen Charakters des World Wide Web nicht immer gewährleistet ist, wurden die Textdateien zur besseren Verfügbarkeit der Quellen für diese Arbeit zum Zeitpunkt ihrer Drucklegung zentral auf der Seite http://www.fortunecity.de/tatooine/kubrick /121/artikel.htm zusammengestellt.
7 Selbstdarstellung des CCCS In: Willis, P.: Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule. Frankfurt/Main. 1979.
8 Vgl. Clarke, J. et. al. (Hrsg.): Jugendkultur als Widerstand. Milieus, Rituale, Provokationen. Frankfurt/Main. 1979.
9 Hitzler, R.: Der Pillen-Kick. Ekstasetechniken bei Techno-Events. In: Hirschauer, P. et. al. (Hrsg.): Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik. Nr.4. Neuwied. 1997. S.357-363. 10 Vgl. Löffler, H.: Germanistische Soziolinguistik. Berlin. 1994.
11 Die Zitation von Internet-Quellen richtet sich nach Bleuel, Jens: Zitation von Internet-Quellen. Online im Internet abgerufen unter http://www.bleuel.com/ip-zit.pdf am 15.01.2001.
Jugendsprache 5
2 Jugendsprache
Es wird davon ausgegangen, daß Techno hauptsächlich von Jugendlichen konsumiert und praktiziert wird und deshalb die Kategorien der Jugendsprachforschung zur Untersuchung der Kommunikationsform Techno heranzuziehen sind. Die Ju-gendsprachforschung wird als Ausgangspunkt für die Darstellung und Untersuchung von Techno verstanden. Hierzu ist zunächst der Begriff Jugend zu klären, denn dieser wird in der Forschung uneinheitlich behandelt. 12 Daran anschließend wird der Begriff Jugendsprache erläutert und von der Standardsprache abgegrenzt. Es folgt ein kurzer historischer Überblick über die deutsche Jugendsprachforschung und eine Darstellung einiger wichtiger Merkmale von Jugendsprache.
2.1 Der Jugendbegriff Jugend als eigenständige Lebensphase neben Kindheit, Berufsleben und Alter entstand mit der Einführung von Universitäten und Schulen. Wurde der Begriff um die Jahrhundertwende vorwiegend unter biologischen und anthropologischen Gesichtspunkten gesehen, betrachtet man Jugend heute auch als soziales, juristisches, psychologisches und kulturelles Phänomen. Dieses beginnt mit dem Einsetzen der Pubertät, mit ca. 13 Jahren und endet mit ca. 21 Jahren, wobei das Ende oftmals nicht genau zu bestimmen ist. Jugend ist also die Zeit, die zwischen Elternhaus und dem selbständigen Erwachsensein liegt und den Jugendlichen sozusagen gesellschaftliches Handeln auf Probe gestattet. Bedingt durch zunehmend früher einsetzende Reifeprozesse, die Verlängerung der allgemeinen Lebenserwartung und durch die Verlängerung der durchschnittlichen Ausbildungsdauer beginnt Jugend immer eher und dauert immer länger. Die immer deutlicher in Erscheinung tretende Phase der verlängerten Jugend nach der Schulausbildung bis zum Ende des dritten Lebensjahrzehnts heißt Post-Adoleszenz 13 . Oftmals befreit vom Zwang zu wirtschaftlicher Selbständigkeit, haben die Jugendlichen in dieser Phase die Möglichkeit, ihre Identität auf sozialer, moralischer, intellektueller, politischer und sexueller Ebene herauszubilden. Mit Jugendlichen sind im folgenden junge Menschen zwischen 13 und 30 Jahren gemeint, die einen generationsspezifischen Lebensstil pflegen, „der sich vor allem durch ‚eigene’ Verhaltensweisen
12 Zur Jugendforschung vgl. Schäfers, B.: Soziologie des Jugendalters. Opladen. 1998. S.21ff.
13 Vgl. Schäfers, B.: Soziologie des Jugendalters. Opladen. 1998. S.23.
Jugendsprache
und Ausdrucksformen sowie besondere Werte und Normen auszeichnet.“ 14 Die sich so äußernde Kulturform wird im Sinne von BAACKE „Jugendkultur“ 15 genannt, der den Begriff vom Verständnis GUSTAV WYNEKENS 16 ableitet. Mit die-
sem weitgefaßten Verständnis von Jugend kann man die Technoszene aufgrund ihrer Altersstruktur als Jugendszene auffassen.
2.2 Begriffsklärung Jugendsprache
Der Terminus Jugendsprache wird in der Forschung nicht einheitlich verwendet. Man spricht von einem „definitorischem Dilemma“ 17 , das darin begründet ist, daß
man sich über eine Bestimmung der untersuchten Sprechergruppe sowie der Grenzen zwischen Reichweite und Sachspezifik nicht einig ist. Je nach Gewichtung wird „die Sprache der Teenager und Twens“ 18 als „Soziolekt“ 19 , „Scene-Deutsch“ 20 , „transitorischer Soziolekt“ 21 , „Sondersprache“ 22 oder „altersspezifische Varietät“ 23 bezeichnet. EICHINGER zählt Jugendsprache einerseits zu den
Sonder- und Fachsprachen, da bestimmte Sachbereiche sprachlich professionell behandelt werden. Andererseits verbirgt Jugendsprache spezielle Sachverhalte vor Außenstehenden, so daß er zudem die Zuordnung zu den Geheimsprachen vertretbar hält. Darüber hinaus rechnet er sie zu den Gruppensprachen 24 , da sie vor-
wiegend von einer gesellschaftlichen Gruppe benutzt wird. Dem widerspricht hingegen BAUSINGER 25 , der den Begriff Kontrasprache bevorzugt, weil ein Jugendli-
cher nicht nur einer, sondern mehreren gesellschaftlichen Gruppen zugehörig ist.
14 Lindner, R.: Editorial. S.7. In: Honneth, A. (Hrsg.): Jugendkultur als Widerstand: Milieus, Rituale, Provokationen. Frankfurt/Main. 1979. S.7-14.
15 Baacke, D.: Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung. München. 1987. S.86ff. 16 Vgl. Wyneken, G.: Die neue Jugend. Ihr Kampf um Freiheit u. Wahrheit in Schule u. Elternhaus. in Religion u. Erotik. München. 1914.
17 Radtke, E.: Substandardsprachliche Entwicklungstendenzen im Sprachverhalten von Jugendlichen im heutigen Italien. S.131. In: Holtus, G.; Radtke, E. (Hrsg.): Sprachlicher Substandard III. Tübingen. 1990. S.128-171.
18 Welter, G.: Die Sprache der Teenager und Twens. In: Schriftenreihe zur Jugendnot. Bd.5. Frankfurt/Main. 1961.
19 Beneke, J.: Zur sozialen Differenziertheit der Sprache am Beispiel jugendtypischer Sprechweise. S. 253. In: Zeitschrift für Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung (ZPSK). Nr.38. 1985. S.251267.
20 Rittendorf, Michael: Angesagt: Scene-Deutsch: ein Wörterbuch. Frankfurt/Main. 1984. 21 Löffler, H.: Germanistische Soziolinguistik. Berlin. 1994. S.123ff.
22 Brenner, G.: Eigene Wörter. Sondersprachliche Tendenzen Jugendlicher als Unterrichtsgegenstand. 1983. In: Der Deutschunterricht 35. S.37-54.
23 Nabrings, K.: Sprachliche Varietäten. Tübingen. 1981. S.122ff.
24 Vgl. Eichinger, L. M.: Deutsch von heute. Zum Wandel des Sprachgebrauchs am Beispiel der Jugendsprache. In: Triangulum. Germanistisches Jahrbuch für Estland, Lettland und Litauen. Tartu. 1996. S.172-194. 25 Vgl. Bausinger, H.: Deutsch für Deutsche. Dialekte, Sprachbarrieren, Sondersprachen. Frankfurt/Main. 1972. S.118.
Jugendsprache 7
In allen Fällen sind mit Jugendsprache jedoch altersspezifische Phänomene gemeint, die sich in "sprachlicher, grammatikalischer lautlicher und wortbildungsspezifischer Hinsicht deutlich von der Standardsprache abheben." 26 Eine ausführlichere Definition in Anlehnung an PÖRKSEN, HENNE und JAKOB findet sich bei BUSCHMANN. Demnach bezeichnet Jugendsprache „die Gesamtheit hochgradig inhomogener Stile einer Generationspopulation mit spezifischen/typischen sprachlichen Abweichungen vom vorausgesetzten Standard, denen bestimmte Motivationen (besonders: Selbstprofilierung) zugrunde liegen und deren Merkmale beschreibbar sind. Zur Sprechergruppe gehören Menschen, die die biologische Reife erreicht haben, aber nicht die soziale.“ 27
2.3 Jugendsprache und Standardsprache Die Standardsprache stellt „innerhalb einer Gesamtsprache das räumlich nicht begrenzte Sprachsystem der öffentlichen und privaten Kommunikation mehrerer sozialer Gruppen“ 28 dar. Sie ist die Einheitssprache des Deutschen, auf die sich viele regionale, soziale und fachliche Varietäten beziehen. Eine Gruppierung von Sprechern, die sich einer von der Standardsprache abweichenden Varietät bedient, ist durch außersprachliche Merkmale wie soziale, sachlich-begriffliche, g eschlechts- und altersspezifische Sonderungen gekennzeichnet. Diese Varietäten bezeichnet man auch als Sondersprachen. 29 Die Merkmale, die eine Abgrenzung der Gruppierung Techno von anderen jugendlichen Sprechern ermöglichen, sollen in dieser Arbeit systematisch erarbeitet werden. Zu beachten ist jedoch, daß auch eine Varietät wie die Jugendsprache mit der Untergruppierung Technokultur immer nur ein Teil der deutschen Standardsprache ist und sich insofern in einem stetigen Wechselverhältnis zu ihr befindet. Jugendsprache „setzt die Standardsprache voraus, wandelt sie schöpferisch ab, stereotypisiert sie zugleich und pflegt spezifische Formen ihres sprachlichen Spiels.“ 30 So etwas wie eine reine Jugendsprache kann es deshalb nicht geben. Auch die Möglichkeit einer reinen Technosprache ist damit ausgeschlossen. Ein Jugendlicher ist zudem immer auch in andere Sprachsysteme eingebunden, z.B. als Schüler, Sportler, Kind der Eltern, etc. „Ein und derselbe Jugendliche kann
26 Ehmann, H.: oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache. München. 1996. S.23.
27 Buschmann, M.: Zur ‚Jugendsprache’ in der Werbung. S.219f. In: Muttersprache Nr. 104. 1994. S. 219231.
28 Henne, H.: Semantik und Lexikographie. Untersuchungen zur lexikalischen Kodifikation der deutschen Standardsprache. Berlin. 1972. S.47.
29 Vgl. Möhn, D.: Sondersprachen. S.384. In: Lexikon der germanistischen Linguistik. Tübingen. 1980. 30 Henne, H.: Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik. Berlin. 1986. S.208.
Jugendsprache
alle Szenen durchlaufen, sozusagen der Reihe nach, er kann aber auch, zumindest teilweise, an mehreren Szenen gleichzeitig partizipieren.“ 31
2.4 Rückblick auf die deutsche Jugendsprachforschung
Der heutigen Jugendsprachforschung geht die Untersuchung der Gauner-, Soldaten-, Studenten- und Pennälersprache im 19. Jahrhundert voraus, bei der man davon ausging, daß Jugendsprache allein unter dem Aspekt des immer schon vor-handenen Generationenkonflikts zu verstehen sei. 32 Schon damals werden auf sprachlichem Gebiet gruppeninterner, institutioneller und hyperbolischer Sprachgebrauch als konstitutive Merkmale jugendlichen Sprechens festgestellt. 33 Die traditionelle Jugendsprachforschung, wie sie auch heute noch betrieben wird, beginnt nach 1945. Nach dem 2.Weltkrieg haben die britische und die amerikanische Popkultur einen großen Einfluß auf deutsche Jugendliche. Dieser Einfluß wird Amerikanisierung 34 genannt. Er ist einerseits durch den Kontakt zu der alliierten Besatzungsmacht begründet, als auch durch die Abneigung, die die Jugendlichen der Nachkriegszeit dem von nationalsozialistischer Ideologie geprägten Bild von Jugend entgegenbringen. Für dieses distanzierte Verhalten prägt SCHELSKY den Begriff der „skeptischen Generation“ 35 .
Im wesentlichen beschränken sich die darauffolgenden Untersuchungen zum Sprachverhalten junger Leute auf das Sammeln und moralische Werten jugendsprachlicher Ausdrücke, da Jugendsprache nach Ansicht der zeitgenössischen Experten „vor allem auf der lexikalisch-semantischen Ebene ausgeprägt“ 36 ist. Vor allem in den 1960er Jahren werden umfangreiche Lexika erstellt, die allerdings funktionale und soziale Aspekte jugendlichen Sprechens weitgehend außer Acht lassen. Bedeutende Sammlungen werden von KÜPPER 37 und im populärwissenschaftlichen Bereich von EHMANN 38 erstellt. Die zur Zeit aktuellste Sammlung
31 Baacke, D.: Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung. Weinheim. München. 1987. S.30. Her-vorhebung im Original.
32 Vgl. Eichinger, L. M.: Deutsch von heute. Zum Wandel des Sprachgebrauchs am Beispiel der Jugendsprache. S.184. In: Triangulum. Germanistisches Jahrbuch für Estland, Lettland und Litauen. Tartu. 1996. S.172-194.
33 Vgl. Henne, H.: Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik. Berlin. 1986. S.10. 34 Zur Amerikanisierung vgl. Maase, K.: Bravo Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren. Hamburg. 1992.
35 Vgl. Schelsky, H.: Die skeptische Generation. Düsseldorf. 1957.
36 Beneke, J.: Zur sozialen Differenziertheit der Sprache am Beispiel jugendtypischer Sprechweise. S.252. In: Zeitschrift für Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung (ZPSK). Nr.38. 1985. 37 Vgl. Küpper, H.: Jugenddeutsch von A bis Z. Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. Hamburg. 1970. 38 Vgl. Ehmann, H.: Affengeil. Ein Lexikon der Jugendsprache. München. 1992.
Jugendsprache
stellt das in der Duden-Reihe erschienene „Wörterbuch der Szenesprachen“ 39 dar, das Begriffe und Redewendungen nach jugendspezifischen Themen wie Funsport, Partykultur und Computer ordnet und erklärt. Interessant ist das den Band ergänzende Internetprojekt 40 , bei dem versucht wird, dem raschen Wandel jugendsprachlicher Ausdrücke gerecht zu werden, indem Besucher die Möglichkeit erhalten, neue Wörter und Wendungen zu ergänzen. Dieses Vorhaben zeigt aber zugleich, daß hier „lexikalischer Voyeurismus“ 41 betrieben wird, ohne die Hintergründe einer Jugendszene zu berücksichtigen.
Der Paradigmenwechsel in der Sprachwissenschaft seit den 1970er Jahren führt dazu, daß jugendliche Sprechweisen auch in ihrem kommunikativen und sozialen Zusammenhang untersucht werden. Hier bilden sich zwei Forschungspositionen heraus. Die traditionell veranlagte Position, vertreten von den Forschern BAUSIN- GER, BENEKE,HENNE, POLENZ und SORNIG, fokussiert eine strukturlinguistische Varietätenbeschreibung. ANDROUTSOPOULOS unterscheidet zwei Schwerpunkte der traditionellen Jugendsprachforschung: die „soziolinguistischen Aspekte der Uneinheitlichkeit und Motivation einerseits, die linguistischen Aspekte der alterspräferentiellen und -spezifischen Ausdrucksweisen andererseits.“ 42 Jugendsprache wird in ihrem Verhältnis zur Sprache als Ganzem gesehen, denn „sie setzt die Standardsprache voraus, wandelt sie schöpferisch ab, stereotypisiert sie zugleich und pflegt spezifische Formen ihres sprachlichen Spiels.“ 43 Die andere Forschungsposition wird vor allem von SCHLOBINSKI 44 , NEULAND 45 und SCHWITALLA 46 vertreten. Sie vertreten die gegenteilige Auffassung, daß jugendliche Sprechweisen in erster Linie umgangssprachliche Sprechstile 47 sind und arbeiten deshalb mit ethnographischen Methoden. Die Pluralisierung der Gesellschaft solle durch soziolinguistische Forschungsmethoden mit einbezogen wer-
39 Duden.Wörterbuch der Szenesprachen. Mannheim. 2000.
40 http://www.szenesprachen.de abgerufen am 15.01.2001.
41 Schlobinski, P.; Kohl, G.; Ludewigt, I.: Jugendsprache. Fiktion und Wirklichkeit. Opladen. 1993. S.38. 42 Androutsopoulos, J. K.: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt/Main. 1998. S.34.
43 Henne, H.: Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik. Berlin. 1986. S.208. 44 Vgl. Schlobinski, P.: „Frau Meier hat Aids, Herr Tropfmann hat Herpes, was wollen Sie einsetzen?“ Exemplarische Analyse eines Sprechstils. In: Januschek, F.; Schlobinski, P. (Hrsg.): Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie (OBST). Heft 41. 1989. S.1-34.
45 Vgl. Neuland, E.: Spiegelungen und Gegenspiegelungen. Anregungen für eine zukünftige Jugendsprachforschung. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 15. 1987. S. 58-82.
46 Vgl. Schwitalla, J.: Die vielen Sprachen der Jugendlichen. In: Gutenberg, N. (Hrsg.): Kann man Kommunikation lehren? Konzepte mündlicher Kommunikationund ihrer Vermittlung. Frankfurt/M. 1988. S.167176.
47 Vgl. Schlobinski, P.; Kohl, G.; Ludewigt, I.: Jugendsprache. Fiktion und Wirklichkeit. Opladen. 1993. S.211.
Jugendsprache
den, fordert EICHINGER. 48 Die lexikalischen Besonderheiten jugendsprachlicher
Ausdrücke werden jetzt nur noch als eine augenfällige Erscheinung von Jugend-
kulturen gesehen, die mit soziolinguistischen und ethnographischen Methoden zu
untersuchen sind. Damit wird die Vorstellung von einer Gesamthaften, die Gesell-
schaft unterwandernden Jugendsprache hinfällig. An ihre Stelle treten so viele jugendliche Sprechweisen, wie es auch jugendliche Gruppierungen gibt. 49 Alle
übrigen Ansichten von der „einen“ Jugendsprache halten SCHLOBINSKI ET. AL. für einen Mythos. 50 Dieser Aspekt der fragmentarisierten Jugend ist jedoch nicht neu,
denn er wurde bereits vor 30 Jahren von dem Soziologen HORNSTEIN 51 vorgetra-
gen. Hieran zeigt sich, daß die sprachwissenschaftliche Beschäftigung mit dem
Phänomen Jugend mit leichter Verzögerung den Forschungsaktivitäten der Soziologie folgt. 52
ANDROUTSOPOULOS 53 und NEULAND 54 glauben, daß Jugendsprache sowohl alters-
spezifisch als auch soziokulturell bedingt sei. Aus diesem Grund betrachten sie
den strukturalen und ethnographischen Forschungsansatz als Ergänzung des je-
weils anderen. Von diesem Standpunkt ausgehend, wird in dieser Arbeit die
Technokultur betrachtet. Dabei wird der Fokus auf das Prinzip der Bricolage, das vor allem von SCHLOBINSKI 55 und NEULAND 56 als wichtiger Strukturierungsme-
chanismus im Sprechen Jugendlicher betrachtet wird, gerichtet.
48 Vgl. Eichinger, L. M.: Deutsch von heute. Zum Wandel des Sprachgebrauchs am Beispiel der Jugendsprache. S.193. In: Triangulum. Germanistisches Jahrbuch für Estland, Lettland und Litauen. Tartu. 1996. S.172-194.
49 Vgl. Schlobinski, P.; Kohl, G.; Ludewigt, I.: Jugendsprache. Fiktion und Wirklichkeit. Opladen. 1993. S.37.
50 Vgl. Schlobinski, P.; Kohl, G.; Ludewigt, I.: Jugendsprache. Fiktion und Wirklichkeit. Opladen. 1993. S.9. 51 Vgl. Hornstein, W.: Jugend in ihrer Zeit. Hamburg. 1966. S.322.
52 Vgl. Jakob, K.: Jugendkultur und Jugendsprache. S.320. In: Deutsche Sprache. Zeitschrift für Theorie, Praxis, Dokumentation. 16. Jahrgang. 1988. S.320-351.
53 Vgl. Androutsopoulos, J. K.: Deutsche Jugendsprache: Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt/Main. 1998. S.2.
54 Vgl. Neuland, E.: Jugendsprache und Standardsprache. Zum Wechselverhältnis von Stilwandel und Sprachwandel. In: Zeitschrift für Germanistik. 1994. Heft 1. S.78-98.
55 Vgl. Schlobinski, P.: „Frau Meier hat Aids, Herr Tropfmann hat Herpes, was wollen Sie einsetzen?“ Exemplarische Analyse eines Sprechstils. S.9. In: Januschek, F.; Schlobinski, P. (Hrsg.): Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie (OBST). Heft 41. 1989. S.1-34.
56 Vgl. Neuland, E.: Spiegelungen und Gegenspiegelungen. Anregungen für eine zukünftige Jugendsprachforschung. S.70f. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik. Nr.15. 1987. S.58-82.
Jugendsprache
2.5 Merkmale von Jugendsprache Jugendliche sprechen ihre eigene Sprache 57 , setzen diese jedoch nur innerhalb ihrer Gruppe oder Szene ein. 58 Eines der Merkmale von Jugendsprache ist die Distinktion im Sinne BOURDIEUS 59 . Einerseits soll mit jugendlicher Sprache die Gruppenzusammengehörigkeit nach innen bestätigt und andererseits gegenüber anderen Gruppen abgegrenzt werden. 60 HEINEMANN nennt dies die „Signalfunktion“ 61 von Jugendsprache. Die hierzu angewandten Mittel faßt BAUSINGER unter vier Leittendenzen zusammen: Konfrontation, Abweichung, Feeling und Spiel. 62 Diese Mittel haben nach SCHLOBINSKI 63 die Funktion, eine ironisierende Distanzierung und gleichzeitige Reproduktion der ironisierten dominanten kulturellen Werte und Normen zu bewirken. Die Anwendung jugendsprachlicher Mittel ist damit Ursache und Ausdruck von Identität zugleich.
Der Distinktionsprozeß wird vom gesellschaftlichen Individualisierungsdruck bestimmt. Die Jugendlichen versuchen, sich nach außen, aber auch untereinander durch den Gebrauch sprachlicher Stilelemente zu profilieren. Diese werden jedoch durch soziale und mediale Verbreitung in ihrer Bedeutung als Differenzierungsmöglichkeit entwertet, denn wenn eine Redewendung von jedermann benutzt wird, kann man sich nicht mehr individuell damit schmücken. Jugendsprache bewegt sich daher in einem ständigen dialektischen Prozeß von Neubesetzung und Entwertung sprachlicher Zeichen. Die gemeinsam von einer jugendlichen Gruppe benutzten sprachlichen Präferenzen bilden einen Sprechstil. 64 Die Themen der Jugendsprache zeigen die Bedürfnisse, Interessen, Intentionen und Konflikte von Jugendlichen besonders in Bereichen, die von der Standard-
57 Vgl.Pörksen, U.; Weber, H.: Spricht die Jugend eine andere Sprache? Heidelberg. 1984.
58 Vgl. Last, A.: 'Heiße Dosen' und 'Schlammziegen': Ist das Jugendsprache? S.51. In: Januschek, F.; Schlobinski, P. (Hrsg.): OBST. Thema 'Jugendsprache'. Nr. 41. Osnabrück. 1989. S.1-34.
59 Vgl. Bourdieu, P.: Die feinen Unterschiede. Frankfurt/Main. 1982.
60 Schlobinski, P.: „Frau Meier hat Aids, Herr Tropfmann hat Herpes, was wollen Sie einsetzen?“ Exemplarische Analyse eines Sprechstils. S.2. In: Januschek, Franz; Schlobinski, Peter (Hrsg.): OBST. Thema ‘Jugendsprache’. Nr. 41. Osnabrück. 1989. S.1-34.
61 Heinemann, M.: Zur Signalfunktion der Jugendsprache. In: Fleischer, W. (Hrsg.). Entwicklungen in Wortbildung und Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache. Berlin. 1983. S.122-138.
62 Bausinger, H.: Jugendsprache. In: Hirschauer, P. et. al. (Hrsg.): Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik. Nr.2. Neuwied. 1987. S.170-176.
63 Schlobinski, P.: "Frau Meier hat Aids, Herr Tropfmann hat Herpes, was wollen Sie einsetzen?" Exemplarische Analyse eines Sprechstils". S.2. In: Januschek, F; Schlobinski, P. (Hrsg.): OBST. Thema ‘Jugendsprache’. Nr. 41. Osnabrück. 1989. S.1-34.
64 Schlobinski, P.: "Frau Meier hat Aids, Herr Tropfmann hat Herpes, was wollen Sie einsetzen?" Exemplarische Analyse eines Sprechstils". S.10. In: Januschek, F; Schlobinski, P. (Hrsg.): OBST. Thema ‘Jugendsprache’. Nr. 41. Osnabrück. 1989. S.1-34.
Jugendsprache
sprache nur unzureichend abgedeckt werden. 65 Lebensweltliche Muster drücken sich in Sprache aus. In diesem Sinne bilden jugendsprachliche Ausdrücke thematische Muster, die die für Jugendlichen relevanten Themenbereiche abdecken. Die Themenbereiche der Jugendsprache sind nach BARBARA DAVID:
• Verhältnis zu Erwachsenen (Personen nach Beruf, Schulpersonal)
• Verhältnis zu Gleichaltrigen (Studenten, Schüler, Mädchen, Jungen)
• Schule und Ausbildung (Zensuren, Schulräume)
• Freizeitgestaltung (Geld, Musik, Tanzen)
• Empfinden (Gefühle, emotionale Handlungen)
• Eigene Selbstdarstellung (Bekleidung)
• Grundbedürfnisse (Bewegungen, Essen)
• Verbotene Bereiche (Drogen, Gewalt)
• Gesellschaftliche Tabuzonen (Sexualität, Tod) 66
Ebenso, wie sich die Sprache aus den Bedürfnissen einer Kultur entwickelt, läßt sich anhand der Sprache auf die Bedürfnisse und Werte einer Kultur rückschließen. 67 So stellt HUGO STEGER fest, daß sich der gesellschaftliche Wechsel von der Gesellschaftskritik in den 1960er Jahren zur Sinnlichkeit und Selbstbespiegelung in den 1970er Jahren an der Sprache ablesen läßt. 68 Die 1960er Jahre wurden demnach durch sozialwissenschaftliche Begriffe wie Autorität, Entfremdung und Demonstration geprägt, die 1970er Jahre hingegen durch psychologische Begriffe wie Bewußtsein, Emotion, Aggression und Verdrängung.
Ein weiteres Merkmal von Jugendsprache ist die Verwendung von Anglizismen. Gerade auch Techno entlehnt, wie noch zu zeigen sein wird, für fast alle Institutionen der Szene Begriffe der englischen Sprache. Das deutet darauf hin, „daß der Stellenwert des Englischen im Rahmen von Jugendkulturen durch eine zunehmende Loslösung von spezifischen Nationalitäten gekennzeichnet ist.“ 69
65 Vgl. David, B.: Jugendsprache zwischen Tradition und Fortschritt. Ein aktuelles Phänomen im historischen Vergleich. Alsbach. 1987. S.83.
66 Vgl. David, B.: Jugendsprache zwischen Tradition und Fortschritt. Ein aktuelles Phänomen im historischen Vergleich. Alsbach. 1987. S.32.
67 Schlobinski, P.: "Frau Meier hat Aids, Herr Tropfmann hat Herpes, was wollen Sie einsetzen?" Exemplarische Analyse eines Sprechstils". S.10. In: Januschek, F; Schlobinski, P. (Hrsg.): OBST. Thema ‘Jugendsprache’. Nr.41. Osnabrück. 1989. S.1-34.
68 Vgl. Steger, H.: Sprache im Wandel. S.38. In: Benz, W.: Die Bundesrepublik Deutschland. Bd.3. Kultur. Frankfurt/Main. 1983. S.15-46.
69 Androutsopoulos, J.K.: Deutsche Jugendsprache: Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt/Main. 1998.
Technokultur
3 Technokultur
In diesem Kapitel sollen Charakteristika von Techno behandelt werden. Seine geographische und historische Entwicklung sowie seine Phänomene sollen beschrieben und erklärt werden, um diese dann auf signifikante Strukturen und implizierte Werte abzufragen.
Hierzu ist es notwendig, mit den soziologischen Begriffen Jugendkultur und Szene zu arbeiten. Sie ermöglichen, Techno in einer ausdifferenzierten Gesellschaft zu lokalisieren und sich einen Überblick über das Phänomen zu verschaffen. Kultur meint im allgemeinen Sinne den „ganzen Bereich zwischenmenschlicher Ver-haltensformen und Gesittungen, die ‚soziales’ und ‚kultiviertes’ Leben überhaupt ermöglichen“ 70 .
Da es sich bei Techno um eine „jugendzentrierte Populärmusik“ 71 handelt, kann man die sich um die Musik gruppierenden Formen und Inhalte auch als Jugendkultur oder Technokultur bezeichnen. Unter Jugendkulturen verstehe ich mit AN- DROUTSOPOULOS „prototypischeKonstellationen von Ausdrucksformen, Verhaltensweisen, Wissensbeständen und Einstellungen, die in konkreten sozialen Zusammenhängen (Szenen, Sozialwelten) erlebt und ausgestaltet werden.“ 72 Genauer gesehen, handelt es sich bei den unter dem Begriff Technokultur zusammengefaßten Phänomenen jedoch weniger um eine Kultur als um eine Szene, zu der eine Vielzahl verschiedener Akteure gehört: DJs, Veranstalter, Gäste, Personal, Dealer, Groupies, Zeitungsmacher und Designer. Eine Szene ist für den Soziologen RONALD HITZLER 73 ein loser, unverbindlicher Zusammenschluß von Leuten, der durch ein gemeinsames zentrales Thema oder durch gemeinsame Haltungen begründet ist. Im Gegensatz zu herkömmlichen klassenspezifischen Vergemeinschaftungen teilen sie spezielle Formen der Selbststilisierung in einem Netzwerk freiwilliger und freizeitlicher Beziehungen. Im Unterschied zum Begriff Jugendkultur sind die Randbereiche einer Szene nicht klar abgegrenzt, sondern verlaufen diffus.
70 Schäfers, B.: Soziologie des Jugendalters. Heidelberg. 1998. S.177.
71 Spatscheck, C.; Nachtigall, M.; Lehenherr, R.; Grüßinger, W.: Happy Nation?!?. Jugendmusikkulturen und Jugendarbeit in den 90er Jahren. Münster. 1997. S.7.
72 Androutsopoulos, J. K.; Kallmeyer, W.: Was geht´n? Newz von der Szene. Online-Text. Online abgerufen unter http://www.ids-mannheim.de/pub/sprachreport/ am 15.01.2001. S.1.
73 Vgl. Hitzler, R.; Pfadenhauer, M.: Raver Sex. Erotische Impressionen aus der Techno-Szene. Dresden. 1996.
Technokultur
Einerseits soll hier von einer Technokultur gesprochen werden, wenn die Formen und Inhalte gemeint sind, andererseits von einer Technoszene, wenn damit die Akteure und ihr Verhältnis zueinander gemeint sind.
3.1 Musikalische Bestimmung Techno bezeichnet zunächst einmal eine spezifische Form von Popmusik, die sich durch ihre spezielle Form der Produktion und Rezeption von herkömmlicher Popmusik unterscheidet. Techno ist insofern der Oberbegriff für ein Genre populärer Musik, analog zu anderen musikalischen Genres wie Rock oder Blues. Techno ist aber auch zugleich der Begriff für eine seiner musikalisch minimalistischeren, klanglich harter Unterarten.
Musikalisch gesprochen, ist Techno eine „Tanzmusik mit regelmäßig schlagender Bassdrum, vorherrschend geringem Vokalanteil und keiner direkt festzulegenden Struktur von Refrain, Strophe o.ä.“ 74 Tatsächlich entsteht das Technospezifische durch die Konzentration auf den repetitiven Gebrauch der Schlaginstrument-Geräusche, die ineinander verschachtelt werden. Dadurch entsteht ein sich stetig auf- und abbauender Spannungsbogen, der die traditionellen Liedstrukturen wie Strophe oder Refrain ersetzt. Musikalisch absorbiert Techno die unterschiedlichsten Einflüsse: Jazz, Disco, Funk, Soul, Hip-Hop, Punk, Rock, Reggae, etc.
Auf der Seite der Produktion von Technomusik muß man zwischen den eigentlichen, musikschaffenden Produzenten und den musikverarbeitenden, ausführenden Künstlern, den Discjockeys, unterscheiden.
Die Produzenten spielen zur Produktion von Technomusik keine Instrumente im traditionellen Sinn, sondern sie programmieren Computer oder bedienen computerähnliche elektronische Hilfsmittel, die Töne erzeugen. Diese werden onomatopoetisch benannt, z.B. Bleeps oder Clonks. Klänge und Geräusche, gespeichert in Klangdateien, werden am Monitor verfremdet, verschoben und in eine Reihenfolge gesetzt. Die so hergestellte Musik wird auf Tonträgern, meistens Schallplatten oder Compact Discs (CD) gespeichert und veröffentlicht. Der Discjockey benutzt diese Tonträger dann, um die Musik aufzuführen, indem er sie in einem Mix vorspielt. Die Arbeit des Discjockeys kann, wie noch in dem Kapitel 3.4 über Disc-
74 Wildermann,G.: Freiraum Techno. S.37. In: Deese, U. (Hrsg.): Jugendmarketing. Das wahre Leben in den
Szenen der Neunziger. München. 1995. S.36-40.
Technokultur
jockeys zu zeigen ist, auch als „ein Musizieren zweiter Ordnung“ 75 bezeichnet werden.
3.2 Geschichte
3.2.1 Geräusche und elektronische Klänge
Die Grundlage jeglicher elektronischer Musik ist die Möglichkeit der Speicherung der bis dahin flüchtigen Töne, die mit Erfindung der Elektronenröhre und des Grammophons Ende des 19. Jahrhunderts durch Thomas Edison ermöglicht wurde. Seitdem sind Klangereignisse technisch reproduzierbar. 76 Mit Elektronenröhren konnte man Töne erzeugen, verstärken und modulieren. Durch die Erfindung von magnetischen Tonbändern in den 1920er Jahren konnte man Schwingungs-vorgänge aufzeichnen, wiedergeben, verändern und montieren. Die neuen technischen Möglichkeiten führten dazu, auch „fremde“ Geräusche bei der Produktion von Musik zu verwenden. Bereits 1913 stellte der italienische Futurist LUIGI RUS- SOLO fest:
„Wir finden viel mehr Befriedigung in der Geräuschkombination von Straßenbahnen, Auspufflärm und lauten Menschenmassen als, beispielsweise, im Einüben der ‚Eroica‘ oder ‚Pastoralen‘“ 77 Die Geräusche des Alltags und überhaupt alle Klänge als Musik zu betrachten war eine revolutionäre Vorstellung, der sich ab 1948 moderne Komponisten wie AR- NOLD SCHÖNBERG,PIERRE SCHAEFFER oder KARLHEINZ STOCKHAUSEN zuwenden. Ihre „Musique Concrète“ beschäftigt sich mit der industrialisierten, modernen Welt und ihren Gesetzen. Ihre Klangforschung bezieht sich auf das Verzerren, Filtern, Überlagern und das Montieren von Geräuschen mit einfachen Mitteln. Mit ihrer Arbeit kommen sie dem Prinzip von Techno und dem Sampling sehr nahe. Seit Ende der 1960er Jahre experimentieren kommerziell erfolgreiche Bands wie Pink Floyd, Can, Tangerine Dream, et. al. mit elektronischen Klangcollagen. Die deutsche Gruppe Kraftwerk liefert in den 1970er Jahren geradezu prophetisch die Philosophie für die kommenden Jahrzehnte: „Songs wie ‚Die Roboter’ oder ‚Die Mensch-Maschine’ besingen affirmativ den futuristischen Traum von einer Fusion
75 Wicke, P.: “Move Your Body”. Über Sinn, Klang und Körper. Online abgerufen unter http://www2.hu- 76 Siehehierzu: Benjamin, W.: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt/Main. 1990.
77 Russolo, L.: Die Kunst der Geräusche. 1913. Nachgedruckt unter dem Titel “Die Geräuschkunst” in Schmidt-Bergmann, H.: Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente. Hamburg. 1993. S.235-241. oder online abgerufen unter http://www.unknown.nu/futurism/noises.html am 15.01.2001.
Technokultur
aus Mensch und Maschine.“ 78 Die Lieder handeln vom positiven Umgang des Menschen mit der Technologie und fordern eine ganzheitliche Betrachtung von Mensch, Natur und Technologie – bis hin zu einer Verschmelzung von Mensch und (Computer-) Technologie.
Die Anfänge kultureller Prozesse lassen sich nur mehr oder weniger willkürlich setzen. Es sprechen jedoch einige Gründe dafür, den Beginn von Techno in der Mitte der 1980er Jahre zu verorten. Zu dieser Zeit ermöglicht die relativ preisgünstige Verfügbarkeit moderner elektronischer Instrumente wie Keyboards, Sampler und Rhythmusmaschinen sowie die Entwicklung von Heimcomputern wie Com-modore 64, Atari 1024 und Amiga 500 die Klangbearbeitung im Heimstudio. Die einfache Bedienbarkeit der Geräte löst das Musizieren von seiner traditionellen Form als hochspezialisierte und trainingsintensive Handarbeit. Die neuen Instrumente bieten viele Möglichkeiten, die spielerisch, oft auch wider die eigentliche Bestimmung eines Gerätes, ausprobiert werden. Die bis dahin gültigen Grenzen der Klangerzeugung werden aufgelöst, die schnell wachsende Szene geht „über die bisher in der Popmusik verwendeten Klangmuster hinaus und popularisiert die Verwendung von Geräuschen als musikalisches Stilmittel.“ 79 Neue Klänge werden um des neuartigen Klanges wegen verwendet.
3.2.2 Namensgebung House und Techno
In diesem Kapitel soll der Ursprung und der Zeitpunkt der Benennung von Technomusik untersucht werden.
In der szeneeigenen Geschichtsschreibung werden zwei verschiedene Ansichten über den Ursprung von Techno vertreten. Die eine besagt, daß der Stil, der heute in Deutschland gemeinhin als Techno bezeichnet wird, ausschließlich als Folge europäischer Entwicklung entstanden ist. Die Ursprünge der Technomusik wird in Bands wie Kraftwerk oder Musikstilen wie der Electronic Body Music (EBM) gesehen. Die andere Meinung, der auch diese Arbeit folgt, sieht die Ursprünge der heutigen elektronischen Tanzmusik vor allem in den amerikanischen Städten Chicago und Detroit, wo schwarz-amerikanische Stile wie Disco und Soul mit europäischen Stilen wie EBM und Elektro vermischt wurden.
78 Feige, M.: Deep In Techno. Die ganze Geschichte des Movements. Berlin. 2000. S.21.
79 Meueler, C.: Auf Montage im Technoland. S.247. In: SPoKK (Hrsg.): Kursbuch Jugendkultur. Stile, Sze-
nen und Identitäten vor der Jahrtausendwende. Mannheim. 1997. S.243-250.
Quote paper:
Carsten Böhmert, 2001, Techno - eine neue Kommunikationsform, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Der Menschensohn: Eine Auseinandersetzung mit dem Titel und dem Selbst...
Termpaper, 28 Pages
Carsten Böhmert's text Techno - eine neue Kommunikationsform is now available as a printed book
Carsten Böhmert has published the text Techno - eine neue Kommunikationsform
Carsten Böhmert has uploaded a new text
A Jittered-Sampling Correction Technique of ADCs
Reduction in jittered-sampling...
Jamiil Tourabaly
Sociolinguistics/Soziolinguistik 2
An International Handbook of t...
Ulrich Ammon, Norbert Dittmar, Klaus J. Mattheier, Peter Trudgill
Sociolinguistics/Soziolinguistik 3
An International Handbook of t...
Ulrich Ammon, Norbert Dittmar, Klaus J. Mattheier, Peter Trudgill
0 comments