Universität Würzburg
Institut für deutsche Philologie
Sommersemester 2007
Hauptseminar: Der Willehalm Wolframs von Eschenbach
Wolframs Willehalm unter dem Aspekt der Gattungsfrage
Von: Christian Werner, Würzburg
Inhalt
1. Die Forschungslage zur Gattungsfrage 3
2. Mittelalterliches Gattungsbewusstsein 4
3. Aspekte der Legende im Willehalm 6
4. Aspekte der Chanson de geste im Willehalm 16
5. Aspekte des Höfischen Romans im Willehalm 23
6. Schlussgedanken 29
Bibliographie 31
1. Die Forschungslage zur Gattungsfrage
Nicht immer hat die Wolfram-Forschung dem Willehalm so viel Beachtung
geschenkt, wie es heute der Fall ist. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich
die Auseinandersetzung mit diesem Text zu einem Thema des Mainstreams
altgermanistischer Forschung entwickelt. Dies ist wohl nicht zuletzt auf die
mannigfaltigen Schwierigkeiten, die sich dem Willehalm-Interpreten
bieten, zurückzuführen. In diesem Zusammenhang sind insbesondere der
fragmentarische Charakter der Dichtung und das damit einhergehende offene Ende
hervorzuheben, welcher Deutungsversuche hinsichtlich der ungeklärten
Gattungsfrage erschwert. Infolge der Gattungsdiskussion haben sich mit der Zeit
unterschiedliche Standpunkte herauskristallisiert. Bis heute wird häufig die
Meinung vertreten, dass der Willehalm als Legende zu lesen sei. Ein
entschiedener Verfechter dieser Sichtweise ist Friedrich Ohly1, dessen
Interpretation sich hauptsächlich auf das initiale Gebet an den Heiligen Geist
(1,1-5,14) beruft. Diesem Ansatz folgend hat in jüngerer Zeit auch Franziska
Wessel-Fleinghaus2 eine umfangreiche Interpretation des Wolfram’schen Textes
vorgelegt, welchen sie aufgrund des innovativen Umgangs des Dichters mit der
theologischen Kernproblematik als Problemlegende qualifiziert. Demgegenüber
sieht Werner Schröder3 im Willehalm einen „tragischen Roman“; seine
Argumentation stützt sich dabei auf den Versuch des Dichters, den ursprünglich
im Umkreis der chanson de geste angesiedelten Aliscans-Stoff in
romanesker Manier zu überformen. Schließlich hat es auch nicht an Versuchen
gefehlt, das Werk in die Tradition der Heldenepik respektive der französischen
chanson de geste zu verorten. Hierfür plädiert besonders dezidiert Walter
Haug4, der den heldenepischen Duktus der Dichtung herausstellt, der mit einer
verneinten höfischen aventiure-Welt kontrastiert. Diesbezügliche
Überlegungen trägt auch Kurt Ruh5 vor, wenngleich er jedoch konzediert, dass der
Willehalm sich durch das Vorhandensein heterogener gattungsindizierender
Merkmale auszeichne, mithin keiner Gattung eindeutig zugeschlagen werden könne
und daher vielmehr als „Opus mixtum“ zu betrachten sei. Aufgrund seiner
Unbestimmtheit kann dieser Vorschlag indes lediglich als Verlegenheitslösung
angesehen werden6; die Forschung hat die Unzulänglichkeiten dieser Perspektive
betont, wobei vor allem die sich bereits im Entstehen befindlichen
Gattungsbilder der höfischen, der heldenepischen und der hagiographischen
Dichtungen verwiesen wurde.7 Zweifelsohne ist es unmöglich die Gattungsfrage
einer eindeutigen Lösung zuzuführen und es würde geradezu vermessen erscheinen,
eine letztgültige Antwort etablieren zu wollen, die allen vorhandenen
Gattungshinweisen gerecht wird – zu disparat, zu sperrig und vielschichtig
präsentiert sich Wolframs Dichtung dem Rezipienten. Auch scheint sich der Autor
der innovativen Kraft seines Willehalm durchaus bewusst gewesen zu sein:
unsanfte mac genozen
Diutscher rede deheine
dirre die ich nu meine
ir letze und ir beginnen. (4,30ff.)8
In Lichte dieser Äußerung wirft sich zudem die Frage auf, inwiefern Wolfram überhaupt das Ziel verfolgte, sein Werk innerhalb des abgesteckten Bereiches einer bestimmten Gattung zu konzipieren. Es ist nicht abwegig, dass es der Intention des Dichters entsprach, Grenzen zu überschreiten, indem er Elemente verschiedener Gattungen amalgamierte. Um jedoch aus diesen Überlegungen fundierte Schlüsse ziehen zu können, bedarf es zunächst der Klärung des Verständnisses und der Beschaffenheit literarischer Gattungen im Mittelalter.
2. Mittelalterliches Gattungsbewusstsein
Um den Willehalm unter dem Aspekt der Gattungsfrage überhaupt näher
beleuchten zu können, ist es zunächst unumgänglich, Informationen über das
Gattungsverständnis mittelalterlicher Autoren und des zeitgenössischen Publikums
einzuholen. Ältere Literatur zu diesem Aspekt geht davon aus, dass bereits im
Mittelalter ein ausgeprägtes Gattungsbewusstsein vorherrschte, womit den
verschiedenen Dichtungen gleichzeitig die Fähigkeit zugesprochen wird, kraft
ihrer gattungsmäßigen Natur das Werkverständnis in eine bestimmte Richtung zu
lenken. So entwickelt etwa Richard Alewyn ein Gattungsverständnis, demzufolge
sich die verschiedenen Genres klar und deutlich voneinander abheben und somit
eindeutig klassifizierbar sind:
„Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ist eine Gattung ein deutlich umrissenes Modell, in dem nicht nur eine obligate Sprache und Technik, sondern auch ein vorgeschriebenes Weltbild und ein vorgeschriebener Gedankengehalt so zusammengehören, daß keiner seiner Bestandteile verrückbar oder auswechselbar ist.“9
Daneben weist bereits Friedrich Ohly darauf hin, dass der Stilsprung von
Gattung zu Gattung in der Synchronie ausgeprägter sei als der diachron
betrachtete Gattungswandel.10 Hieraus lässt sich folgern, dass innovative
Weiterentwicklungen des Verständnisses einzelner literarischer Genres sich nur
relativ langsam vollziehen, so dass zu jeder Zeit unschwer zwischen
verschiedenen Dichtungsarten unterschieden werden kann.
Einen anderen Standpunkt nimmt Klaus Grubmüller11 in seiner differenzierten
Abhandlung zur mittelalterlichen Gattungskonstitution ein. Er legt dar, dass das
volkssprachige Mittelalter weder über eine präskriptive noch eine deskriptive
Gattungspoetik verfüge, was sich nicht zuletzt in einer unpräzisen, teilweise
gar widersprüchlichen Terminologie niederschlägt. So könne der
mittelhochdeutsche Begriff liet sowohl zur Bezeichnung eines gesprochenen
als auch eines gesungenen Textes Verwendung finden und einen Umfang von nur
einer einzigen aber auch sehr vielen Strophen aufweisen (Der Nibelunge liet).12
Während in lateinischen Dichtungen durchaus ein Gattungsverständnis auszumachen
ist, kann für die mittelhochdeutschen Werke, von einem Gattungsverständnis keine
Rede sein. Dessen ungeachtet existieren aber sehr wohl Werkreihen, denen
gattungsprägende Funktion zukommt, wie etwa Artusroman, Heldenepos, Minnelied,
Prosaroman, Sangspruch usw. Dennoch, so Grubmüllers Kernthese, sperren sich
diese literarischen Phänomene gegen die Einordnung in eine umfassende
Gattungstypologie, weil sie sich ständig weiterentwickeln und somit stets in
neuen Spielarten auftreten können, wodurch es unmöglich wird, sie einem einmal
etablierten Gattungskorsett einzuverleiben. Daher sei es angezeigt, die
mittelalterliche Gattungsdiskussion nicht auf Basis vorgefertigter, festgefügter
Raster zu führen, sondern einen historisch dynamischen Gattungsbegriff
heranzuziehen, der etwaigen Weiterentwicklungen Rechnung trägt. Somit erübrigt
sich die Frage nach festen Kriterien, da davon ausgegangen wird, dass Vertreter
derselben Werkreihe an verschiedenen Stationen des Entwicklungsprozesses
entstehen und somit gar nicht exakt die gleichen Merkmale aufweisen können. Wenn
also Texte lediglich eine gewisse Schnittmenge an Gemeinsamkeiten mit den
Vorgängern aus ihren Werkreihen teilen, ja normalerweise selbst mehreren Reihen
zugleich angehören, konstatieren wir im Falle des Willehalm die Teilhabe an
mindestens drei dieser Gattungen: den (höfischen) Roman, das Heldenepos bzw. die
chanson de geste sowie die Legende. Dass Wolframs Willehalm ein
gattungsmäßig höchst vielschichtiges Gebilde darstellt, illustriert auch schon
die eingangs dargestellte Vielfalt der Forschungsstandpunkte. Ob es sich aber
dabei tatsächlich um ein vom Autor intendiertes opus sui generis handelt,
wie Walter Haug annimmt13, oder die Neuartigkeit der Willehalmdichtung im Sinne
Grubmüllers einer quasi regelhaften Erweiterung des Gattungshorizontes
geschuldet ist, soll genauso diskutiert werden wie die Frage, welche
Gattungshinweise der Dichter dem Leser liefert, wie er sie einsetzt und welche
Wirkung von ihnen ausgeht.
3. Aspekte der Legende im Willehalm
Seit jeher werden Erzählungen von Lebensgeschichten vorbildlicher Menschen
überliefert. Basierend auf einem historischen Substrat, bilden diese
Heiligenlegenden jedoch geschichtliche Fakten nicht realiter ab, sondern werden
durch fiktionale Elemente überformt. Als konstitutive Elemente dieser
Erzählungen gilt daher neben der vita, dem Leben des Heiligen und der
passio, dem Leid, das der Märtyrer in seinem irdischen Dasein erduldet, auch
das miraculum, ein Grabwunder also, bzw. wundersame Geschehnisse aus dem
Leben des Heiligen. Ehe wir weitergehende Überlegungen zur Deutung des
Willehalm als Legende anstellen wollen, erscheint es sinnvoll, uns zu
vergegenwärtigen, in welcher Weise diese drei Elemente in Wolframs Text
ausgemacht werden können.
[...]
1 Ohly, Friedrich: „Wolframs Gebet an den Heiligen Geist im Eingang des
Willehalm.“ In: Zeitung für deutsches Altertum 91, 1961/62, S. 1-37.
2 Wessel-Fleinghaus, Franziska: „Gotes handgetat. Zur Deutung von Wolframs
‚Willehalm’ unter dem Aspekt der Gattungsfrage.“ In: Literaturwissenschaftliches
Jahrbuch 33 (1992), S. 29-100.
3 Schröder, Werner: Der tragische Roman von Willehalm und Gyburg. Zur
Gattungsbestimmung des Spätwerks Wolframs von Eschenbach. Mainz: Akademie der
Wissenschaften und der Literatur, Wiesbaden 1979, Nr. 5.
4 Haug, Walter: „Parzivals ‚zwîfel’ und Willehalms ‚zorn’. Zu Wolframs Wende vom
höfischen Roman zur Chanson de geste.“ In: Ders.: Strukturen als Schlüssel zur
Welt. Kleine Schriften zur Erzählliteratur des Mittelalters. Tübingen 1989, S.
529-540.
5 Ruh, Kurt: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. Bd. II. ‚Reinhart Fuchs’,
‚Lanzelet’, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg. Berlin 1980 (=
Grundlagen der Germanistik 25), hier S. 190; sowie Ders.: „Drei Voten zu
Wolframs „Willehalm“: 3. Zur Gattungsfrage.“ In: Ernst-Joachim Schmidt (Hrsg.):
Kritische Bewahrung. Festschrift für Werner Schröder zum 60. Geburtstag. Berlin
1974, S. 293-297.
6 Ruh selbst bezeichnet seinen Beitrag als „Verlegenheitsbestimmung“, die jedoch
ihre Berechtigung habe, da sie auf sorgfältigen Analysen basiere; vgl. Ruh 1980,
S. 190.
7 Vgl. Tomasek 1998, S. 183.
8 Übersetzung (Ü): Nur schwerlich mag eine Erzählung in deutscher Sprache der
gleichkommen, die ich nun vom Anfang bis zum Ende im Sinne habe.
9 Vgl. Richard Alewyn: „Der Roman des Barock“, In: H. Steffen (Hg.): Formkräfte
der deutschen Dichtung vom Barock bis zur Gegenwart. Göttingen, 1963, S. 21-34,
hier: S. 22; zit. nach Wessel-Fleinghaus 1992, S. 30, Fn. 6.
10 Friedrich Ohly: „Halbbiblische und außerbiblische Typologie“ (1976), In: Ders.:
Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung. Darmstadt, 1977, S.
361-400, hier: S. 363; zit. nach Wessel-Fleighaus 1992, S. 30, Fn 6.
11Grubmüller, Klaus: Gattungskonstitution im Mittelalter. In: Palmer, F.,
Hans-Jochen Schwierer: Mittelalterliche Literatur im Spannungsfeld von Hof und
Kloster. Tübingen 1999, S. 193-10.
12 Vgl. Grubmüller 1999, S. 196; der Autor führt als weiteres Beispiel für die
terminologische Mehrdeutigkeit von Gattungsbezeichnungen das mære an. Dieser
Begriff wird findet im Zusammenhang mit erzählenden Gedichten Verwendung, ist
aber auch für sämtliche Spielarten zwischen Epos und Schwank gebräuchlich und
kann darüber hinaus auch schlicht und einfach „Neuigkeit“ oder „Geschichte“
bedeuten.
13 Vgl. Haug 1989, S. 540.
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Christian Werner, 2007, Wolframs "Willehalm" unter dem Aspekt der Gattungsfrage, Munich, GRIN Publishing GmbH
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