Ludwig –Maximilians- Universität München
Institut für deutsche Philologie
Fachteil Deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters (Mediävistik)
Proseminar „Kudrun“
WS 2007/2008
Hilde und Gerlint - Antagonisten?
Vorgelegt von:
Elisabeth Junge
Gliederung
1 Einleitung 5
2 Figur der Hilde 5
2.1 Hildes Position gegenüber Hartmut und Herwig 6
2.2 Hildes „Rache“ – die Antwort auf den Brautraub und Königsmord 7
2.2.1 Widerstand bei Kudruns Entführung und Reaktion auf die Ermordung des
Ehemanns 7
2.2.2 Initiierung der Rückentführung 10
2.3 Bereitschaft zur Versöhnung 11
3 Figur der Gerlint 13
3.1 Gerlints Funktion bei Hartmuts Werbung 13
3.2 Funktion bei Vorbereitung und Ausführung des Brautraubes 14
3.3 Kudruns Knechtschaft durch Gerlint 16
3.3.1 Versuch der Beeinflussung im Guten 16
3.3.2 Gerlint als Teufelin 18
3.4 Gerlints Schicksal 21
4 Schluss 21
5 Literaturverzeichnis 23
1 Einleitung
In der „Kudrun“ treten immer wieder Frauen als Herrscherinnen und Beraterinnen
auf. Neben Hilde, die Hagen dazu anhält, Buhurte zu veranstalten, um seine Ehre
zu verteidigen und Kudrun, die am Ende für die Versöhnung zwischen mehreren
Königshäusern verantwortlich ist, nehmen Hilde, die Tochter Hagens, und Gerlint,
die Königin der Normannen, zentrale Positionen innerhalb des Werkes ein. So ist
es Hilde, die nach dem Tod ihres Mannes das Ruder in die Hand nimmt und einen
Feldzug gegen die Ormanier organisiert, um ihre Tochter wieder begrüßen zu
können. Gerlint hingegen nimmt eine zentrale Position bei der Knechtschaft
Kudruns ein. Sie ist diejenige, die immer wieder versucht ihren Willen zu
brechen und endlich in die Heirat mit Hartmut einzustimmen.
Da sich schon in diesen kurzen Schilderungen Parallelen wie auch Differenzen bei
diesen beiden Herrscherinnen zeigen, beschäftige ich mich damit genauer in der
vorliegenden Arbeit. Ziel hierbei ist es, diese Übereinstimmungen und
Unterschiede anhand einzelner Verhaltensweisen in bestimmten Szenen genauer
herauszuarbeiten, um mich am Schluss der Frage zu widmen, ob denn nun Hilde und
Gerlint als die wirklichen Antagonisten des Kudrunepos zu sehen sind.
2 Figur der Hilde
Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich mich mit der Figur der Hilde
beschäftigen. Hilde ist zwar eine Figur, der man nicht zu viel Individualität
zusprechen kann1, allerdings spielt der Erzähler durch sie mit bestimmten
Klischees und Schemata. Hilde tritt zum einen als höfische Frau, aber auch als
alleinige Herrscherin auf, wie ich später noch zeigen werde. Ferner
repräsentiert sie die Vätergeneration in der „Kudrun“ und somit auch den
absoluten Rachegedanken, an dem sie aber nicht unverrückbar festhält. Außerdem
erscheint sie immer wieder in Positionen, die sonst vom König bekleidet werden.
Deswegen werde ich im ersten Teil meiner Arbeit zuerst Hildes Position bei zwei
Werbern um Kudrun betrachten, um danach auf die Planung und Art ihrer Rache
einzugehen. Abschließen werde ich den Anfang meiner Arbeit mit der Betrachtung
Hildes im Versöhnungsteil der Kudrun.
2.1 Hildes Position gegenüber Hartmut und Herwig
Hartmut von Ormanie beginnt um Kudrun zu werben. Während bei den vorhergehenden
Werbern nur Hetel explizit bei den Verhandlungen erwähnt wurde, wird nun auch
Hilde beteiligt2. Hilde deckt hier ein Lehensverhältnis auf, das zwischen ihrem
Vater Hagen und Ludwig, dem Vater von Hartmut, besteht: „ez lêch mîn vater
Hagene hundert unde drî/ sînem vater bürge dâ ze Garadîne“ (610,2-3). Im
folgenden Vers macht Hilde deutlich, dass es unpassend wäre, wenn sie nun diese
Lehen durch eine Heirat wieder zurückerlangen würden: „diu lêhen naemen übele
von Ludewîges hende die mâge mîne.“ (610,4) Somit wird deutlich, dass Kudrun,
würde sie Hartmut ehelichen, unter Stand heiraten würde, was aber nicht im
Interesse ihrer Eltern ist. So bezieht Hilde sehr deutlich Position, indem sie
Hartmut durch die Werbungsboten ausrichten lässt: „si wirt niht sîn wîp“
(612,1). Desweiteren solle sich Hartmut keine Hoffnungen machen, dass er sich
mit Kudruns Minne rühmen kann (612,3). Hilde agiert hier somit nicht wie die
typische Brautmutter3, die normalerweise zwischen Werber und Brautvater
vermittelt, sondern sie ist hier diejenige, die die Werbung ablehnt, was
normalerweise Aufgabe des Brautvaters wäre.
In der 12. Âventiure tritt Herwig nun mit Gewalt an die Hegelingen heran, da er
die Werbung um Kudrun nicht ruhen lassen möchte. Hilde nimmt hier nun die nach
dem Brautwerbungsschema typische Position ein und fungiert als Vermittlerin. Auf
Hetels Frage, was sie über die Handlungen Herwigs denkt (635,4), reagiert sie
wie folgt:
„Waz sol ich dar zuo sprechen
ez dunket mich niht unbillîch, ob ein ritter tuot
mit lieb und ouch mit leide daz man ûf êre prîse.
wie möhte im misselingen? Hérwî´c ist bíderbe unde wîse.“
Hilde sieht also Herwigs Werbungsabsicht hier als legitim an und fahndet
nicht nach eventuellen Standesunterschieden. Später dann, als Herwig bereits in
die Burg eingedrungen ist und der Kampf zwischen ihm und Hetel durch Kudrun
geschlichtet wurde, ist auch Hilde anwesend, als Herwig das Wort an Kudrun
richtet (655,4). Auch die Erlaubnis, dass er um Kudrun werben darf, kommt nicht
nur vom Brautvater, sondern wird auch von der Brautmutter erteilt: „Urlóubes
gerte zuo der krône baz bereiten“
Hilde tritt bei der jeweiligen Werbung von Hartmut und Herwig ganz verschieden
auf. Während der Erzähler ihr bei der Situation mit Herwig die typische Rolle
der Brautmutter zuteilt, lässt er sie bei der Werbung Hartmuts als diejenige
auftreten, die explizit die Werbung abweist und somit in dieser Szene dominanter
auftritt als der Brautvater
2.2 Hildes „Rache“ – die Antwort auf den Brautraub und Königsmord
Um auf die Rachegedanken Hildes und die spätere Ausführung näher eingehen zu
können, werde ich vorher Hildes Position und Verhalten bei der Entführung ihrer
Tochter und ihre Reaktion auf den Mord an Hetel betrachten. Als Folge dieser
Ereignisse gilt ihr Beschluss der Rückentführung von Kudrun und die Rache an
denen, die soviel Leid über sie gebracht haben.
2.2.1 Widerstand bei Kudruns Entführung und Reaktion auf die Ermordung des
Ehemanns
Nachdem Herwig in Seeland von Siegfried angegriffen wird, sendet Kudrun, auf
sein Bitten hin, ihren Vater und andere Helfer aus, um ihm beizustehen. Hartmut,
der von der relativ unbeschützt zurückgebliebenen Kudrun erfährt, wappnet sich
für eine Werbungsfahrt, bei der er im schlimmsten Fall die Braut mit Gewalt
entführen wird. Als er nach seiner Ankunft allerdings Boten aussendet, die
Kudrun seine Werbungsabsicht nochmals im Guten überbringen sollen, reagiert
Hilde sehr heftig und lässt Herwig über seine Boten ausrichten: „welt ir ir wîn
niht trinken, sô schenket man iu heizez bluot ze miete.“ (775,4).
[...]
1 Insgesamt gibt es im Text 3 Figuren mit dem Namen Hilde; dies suggeriert
eine gewisse Austauschbarkeit
2 SCHMITT (2002), S. 226
3 SCHMID-CADALBERT (1985), S. 86
4 SCHMITT (2002), S. 227
Quote paper:
Elisabeth Junge, 2008, Hilde und Gerlint - Antagonisten?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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