Ludwig Maximilians Universität München
Department für Geo und Umweltwissenschaften
Proseminar Stadt Entwicklung, Struktur, Zukunft
WS 2007/08
Wachstum und Entwicklungsprobleme von
Städten in der ,,Dritten Welt"
Vorgelegt von:
Elisabeth Junge
Gliederung
1. Einleitung ... 3
2. Definition ,,Dritte Welt"/ Entwicklungsland... 3
3. Demographische Verstädterung in wenig entwickelten Ländern ... 4
3.1 Ursachen des Wachstums... 4
3.2 Städtisches Flächenwachstum, innerstädtischer Verdichtungsprozess und
Überverstädterung ... 6
3.3 Land Stadt Flucht ... 6
3.3.1 Lokale Herkunft der Migranten... 7
3.3.2 Soziale Hintergründe für die Wanderung... 8
3.4 Wachstum der Städte in der Vereinigten Republik Tansania ... 9
4. Entwicklung von Metropolen und Megastädten ... 11
5. Dar es Salaam und das Primatstadtproblem... 14
6. Bildung von und Überleben in Marginalsiedlungen ... 17
7. Probleme und Konsequenzen durch ,,squatter settlements" und Hüttenviertel... 21
8. Eindämmungspolitik und Versuche städtisches Wachstum zu mindern... 23
9. Zusammenfassung und kurzer Ausblick auf zukünftige Problembewältigung... 25
Literatur:... 27
2
1. Einleitung
,,Irgendwann im nächsten Jahr wird eine Frau im Slum Ajegunle in Lagos ein Kind
bekommen, ein junger Mann wird sein Dorf in Westjava gegen die hellen Lichter von Jakarta
eintauschen oder ein Bauer wird mit seiner verarmten Familie in eines der unzähligen
,,pueblos jovenes" von Lima ziehen. Das genaue Ereignis ist unwichtig und wird vollkommen
unbemerkt stattfinden. Trotzdem wird es einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte
darstellen. Zum ersten Mal wird die Stadtbevölkerung auf der Erde gegenüber der
Landbevölkerung in der Überzahl sein. Tatsächlich könnte, angesichts der Ungenauigkeit der
Bevölkerungszählungen in der Dritten Welt, dieser epochale Übergang bereits stattgefunden
haben."
1
Dieses Zitat zeigt deutlich, welchen Stellenwert Städte mittlerweile in der Welt, und vor allem
auch in Entwicklungsländern rein quantitativ, eingenommen haben. In der vorliegenden
Arbeit werde ich mich genauer damit beschäftigen, wie es denn eigentlich dazu kommt, dass
Städte in der Dritten Welt so scheinbar ungebremst wachsen und welche Folgen dies vor
allem für die Stadtbevölkerung hat. Ferner werde ich auf die Problematik der Metropolen und
Megastädte eingehen und dann am Beispiel der ehemaligen tansanischen Hauptstadt Dar es
Salaam die Problematik einer Primatstadt erörtern. Am Ende meiner Arbeit werde ich mich
mit dem Entstehen von Marginalsiedlungen, den damit verbundenen Problemen und
möglichen Lösungsansätzen beschäftigen.
2. Definition ,,Dritte Welt"/ Entwicklungsland
Bevor ich auf das Wachstum und die Entwicklungsprobleme von Städten in der Dritten Welt
eingehe, möchte ich den Begriff der Dritten Welt kurz definieren und erklären. Der Begriff
der Dritten Welt, während des Kalten Krieges entstanden, bezeichnete alle blockfreien
Staaten. Mit der Zeit änderte sich die Bedeutung und in den 1960er Jahren wurden mit dieser
Bezeichnung eher wirtschaftlich unterentwickelte Länder assoziiert. Mit Erster Welt wurden
die industriell hochentwickelten Länder mit einer marktwirtschaftlichen und mit Zweiter Welt
wurden die industriell hochentwickelten Länder mit einer planwirtschaftlichen
Wirtschaftsordnung bezeichnet. Im allgemeinen Sprachgebrauch umfasst die Dritte Welt
heutzutage Entwicklungs- wie auch Schwellenländer. Als Definitionskriterien werden eine
koloniale Vergangenheit, Entwicklungsbedürftigkeit der Wirtschaft, des Sozialwesens, der
Infrastruktur sowie der staatlichen und bürokratischen Institutionen angegeben. Desweiteren
bestehen Mängel im Gesundheits- und Bildungswesen und es wird von einer hohen
1
DAVIS 2007,
http://www.materialien.org/planet/Planetofslums.pdf
3
Verschuldung des Landes sowie von einer Überbevölkerung desselben ausgegangen. Ferner
fehlt die Mittelschicht normalerweise fast gänzlich und es kommt zu einer starken
Elitenbildung.
2
In unserer jetzigen Zeit spricht man von Entwicklungs- oder Schwellenländern, da zum einen
der kalte Krieg vorbei ist und ein Denken in ,,Blockstaaten" nicht mehr stattfindet und zum
andern, weil von moralischer und ethischer Seite der Gedanke der ,,Einen Welt"
aufgekommen ist. Aufgrund dessen werde ich in meinen weiteren Ausführungen vornehmlich
den Begriff des Entwicklungslandes gebrauchen.
3. Demographische Verstädterung in wenig entwickelten Ländern
,,Während in den großen städtischen Agglomerationen der Industrieländer in den vergangenen
Jahrzehnten eine Umstrukturierung in Form der Suburbanisierung und der darüber
hinausgehenden Exurbanisierung statt fand, ist die Mehrzahl der Metropolen in
Entwicklungsländern durch einen bis heute anhaltenden innerstädtischen Verdichtungsprozess
geprägt."
3
Die Gegensätze, die zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern hinsichtlich des
Verstädterungsgrades bestehen, werden noch übertroffen im Hinblick auf die erheblichen
Unterschiede innerhalb der am wenigsten entwickelten Länder. Von Staaten wie Afrika oder
Teilen von Asien wird eine hohe durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 4,5%
deutlich überschritten. Ein Wert von 6% bei der demographischen Verstädterung zieht bei
zukünftig konstanten Werten eine Verdoppelungszeit der städtischen Bevölkerung von
weniger als 12 Jahren nach sich. Betrachtet man dagegen ein durchschnittliches jährliches
Wachstum von 0,5% in den Industriestaaten, so zeigt sich deutlich, welch extreme
Entwicklung in Städten der Dritten Welt vor sich geht.
4
3.1 Ursachen des Wachstums
,,Die demographische Situation der Industrieländer ist heute durch ein niedriges Niveau der
Sterbe- und auch der Geburtenrate gekennzeichnet; die Bevölkerungsentwicklung stagniert
oder pendelt um geringe Zu- oder Abnahmen. Diese Verhältnisse stehen im scharfen Kontrast
zu der demographischen Situation in den Entwicklungsländern heute, wo bei traditionell
2
SOTOLONGO 1999,
http://www.vdpp.de
3
HEINEBERG 2006, S. 37 38
4
HEINEBERG 2006, S. 33
4
hohem Niveau der Geburtenrate die Sterberate deutlich absinkt, so dass die Bevölkerung
außerordentlich anwächst."
5
Betrachtet man nun genau die Ursachen und Hintergründe der demographischen
Verstädterung in Entwicklungsländern, so fällt zuerst auf, dass jene sehr verschieden und
vielschichtig sind. Hohe Bevölkerungszuwachsraten ergeben sich als Folge verbesserter
medizinischer Versorgung und sich ändernder Heiratssitten. Außerdem gibt es in den Städten
eine teilweise gehobenere Ernährung, was sich durch eine quantitative und qualitative
Verbesserung der Nahrungsmittel ergibt.
6
Ein weiterer sehr gewichtiger Grund für die
zunehmende demographische Verstädterung in Entwicklungsländern ist die allgemein hohe
Abwanderung der Bevölkerung vom Land in die Städte. Hierbei gilt es in ,,push factors"
und ,,pull factors" zu unterscheiden. ,,Demografische, wirtschaftliche (z.B. Landmangel),
politische und soziale Faktoren veranlassen zur Landflucht. Umweltzerstörung, Vertreibung
und Flucht vor Kriegen/ Bürgerkriegen wirken zusätzlich als Push - Faktoren der Migration in
die Städte".
7
Ferner zählen zu diesen Faktoren noch die agrare Überbevölkerung,
Naturkatastrophen, Auflösung der Primärgruppen, unzureichende Ernährung,
Arbeitslosigkeit, Verschuldung und der Wandel in der Agrar- und Sozialstruktur infolge von
Boden- und Agrarreformen.
8
Zu den Pull Faktoren zählen zum einen eine anspruchsvollere Arbeit, der leichtere Zugang
zu Bildungsmöglichkeiten und Gesundheitsdiensten, vielseitigere kulturelle Freizeitangebote
sowie eine günstigere Infrastrukturausstattung als auf dem Land.
9
Zum anderen gehören zu
diesen Faktoren die soziale Anonymität, soziale Aufstiegschancen, die Vorstellung von
besseren Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten und die Erwartungsdeckung durch die ,,moderne
Stadt Fassade", durch die zum großen Teil extern initiierte Industrie. Ferner führen viele
Regierungen eine gezielte Ansiedlungs- und Wohnungsbaupolitik in den Hauptstädten durch,
um die Wohn- und Lebensverhältnisse zu verbessern, mobile, innenpolitisch gefährliche
Bevölkerungsgruppen zu kontrollieren oder die Arbeitskräfte für die NiedrigLohntarife
ausnützende extern initiierte Industrie heranzuschaffen.
10
So werden die Anziehungskräfte
der Städte und die Abstoßungskräfte des Landes zu einem sehr starken Migrationmotiv.
Normalerweise verlässt der Teil der Bevölkerung, der besser ausgebildet ist, die sich wenig
5
STEWIG 1983, S. 312
6
HEINEBERG 2006, S. 33
7
GRUPP,
http://www.omnia-verlag.de/index.php
8
HEINEBERG 2006, S. 33
9
GRUPP,
http://www.omnia-verlag.de/index.php
10
HEINEBERG 2006, S.33
5
weiterentwickelnden ländlichen Gebiete.
11
Die zwei Hauptgründe für das rasante Wachstum
von Städten in Entwicklungsländern sind folglich die höheren Zuwachsraten der
Stadtbevölkerung sowie die zunehmende Landflucht.
3.2 Städtisches Flächenwachstum, innerstädtischer Verdichtungsprozess
und Überverstädterung
Großstädte, Metropolen und Megastädte in Ländern der Dritten Welt sind bis heute durch
einen anhaltenden innerstädtischen Verdichtungsprozess sowie durch ein enormes städtisches
Flächenwachstum gekennzeichnet.
Durch das Flächenwachstum entstehen rasch randstädtische Hütten- bzw.
Marginalsiedlungen, die sich auch schnell ausbreiten. Die enorme Größe solcher Slums wird
einem bewusst, wenn man weiß, dass 40 50% der Bevölkerung von solch großstädtischen
Agglomerationen darin wohnen.
Der anhaltende innerstädtische Verdichtungsprozess zeigt sich deutlich, wenn man die
durchschnittliche Einwohnerdichte im Kerngebiet von Greater Bombay City (um 2000: 19759
EW/km²) mit der von Inner London (um 2000: 7329 EW/km²) gegenüberstellt. Hier fällt
auf, dass die Einwohnerdichte von Bombay die von London um ca. das Zweieinhalbfache
übertrifft. Die sowieso schon sehr hohen Einwohnerdichtewerte von Bombay City steigen
durch zehntausende von Bürgersteigbewohnern. Eine enorm anwachsende Verkehrsbelastung
und die deswegen immer höhere Luftverschmutzung zählen zu den Konsequenzen dieses
Prozesses.
Ferner herrscht in vielen Entwicklungsländern eine starke Überverstädterung, womit das
überproportionale Wachstum städtischer Bevölkerung im Gegensatz zum wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Entwicklungsstand des Landes bezeichnet wird. Die wachsende
demographische Vormachtstellung der großen Metropolen wird somit noch durch eine starke
funktionale Überkonzentration ergänzt.
12
3.3 Land Stadt Flucht
,,Was in einem entwicklungspolitischen Zusammenhang ohnehin am stärksten interessieren
muss, ist die (...) Zuwanderung von Menschen aus ländlichen Gebieten."
Im Gegensatz zur europäischen Geschichte, in der es schon im 19. Jahrhundert berühmte
Beispiele für die scharenweise Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte oder ins
11
GRUPP,
http://www.omnia-verlag.de/index.php
12
HEINEBERG 2006, S. 37 - 38
6
überseeische Ausland gibt, gilt die massenhafte Stadtwanderung in einigen
Entwicklungsländern, vor allem in Afrika etwas Neues, das erst zwischen 1960 und 1965
einsetzte. Arbeitswanderungen gab es in Afrika schon vorher. Allerdings erstreckte diese sich
vornehmlich auf Plantagen, Bergwerke oder Großbaustellen und war meist saisonaler Art.
Man spricht hier von einer sogenannten ,,rural rural migration". Der Prototyp des Migranten
war normalerweise ein junger Mann, der sich der Lohnarbeit außerhalb des Dorfes nur
solange widmete, bis er das Ersparte nutzen konnte, um seiner Familie und sich eine eigene,
meist bäuerliche Existenz aufzubauen, sich eine Sonderanschaffung leisten zu können oder
um ausstehende Steuerschulden zu begleichen. Die Abwesenheit von Land und Familie war
zeitlich begrenzt und diente einem bestimmten Ziel. Somit spricht man hier von einer
kreisförmigen Wanderungsbewegung. Auch in den 1950er und ´60er Jahren herrschte dieses
Muster noch vor, auch unter denen, die in Städte gegangen waren. Die kreisförmige
Wanderungsbewegung bei Menschen, die in Städte migrierten, ergab sich durch den
administrativ beschränkten Zuzug in die Stadt während der Kolonialzeit. Ein selbstständiger
Hausbau mit dazugehörigem Grundbesitz wurde den Afrikanern verwehrt und vor allem
Familien wurde kein dauerhafter Aufenthalt genehmigt. In den 1930er Jahren, in denen ein
enormer Wanderungsdruck auf die Städte wegen der landwirtschaftlichen Krisen herrschte,
halfen diese Kontrollmaßnahmen noch. Allerdings nahm der Erfolg durch solche Maßnahmen
ab Beginn der 1950er Jahre rapide ab und die Wanderströme in die Städte stiegen immer
weiter an, sodass 1977 bereits 17% der Einwohner in Städten ,,Landflüchtlinge" waren.
13
Bild 1: Ausweg Landflucht?
http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,2215881,00.html
3.3.1 Lokale Herkunft der Migranten
Betrachtet man nun genauer, woher die Stadtzuwanderer denn eigentlich kommen, so fällt
auf, dass 1967 über 45% der Zugewanderten aus der Region stammten, in der die Stadt liegt.
13
SATZINGER 1990, S. 331 - 334
7
0 comments