Inhaltverzeichnis
1. Lustmaximierung Eine Einleitung zum Utilitarismus 3
2. reasoning machine Die Erziehung und das Leben des John Stuart Mill 4
3. Utilitarianism Der Utilitarismus 6
3.1 Erstes Kapitel Allgemeine Bemerkungen 7
3.2 Zweites Kapitel - Was heißt Utilitarismus 9
3.3 Drittes Kapitel - Von der fundamentalen Sanktion des Nützlichkeitsprinzips 15
3.4 Viertes Kapitel Welcherart Beweis sich für das Nützlichkeitsprinzip führen
lässt 17
3.5 Fünftes Kapitel Über den Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit und
Nützlichkeit 20
4. Das größte Glück der größten Anzahl kritische Schlussbemerkungen 24
Literaturverzeichnis 27
2
1. Lustmaximierung – Eine Einleitung zum Utilitarismus
Der Utilitarismus wurde nicht nur als rein akademische Angelegenheit, sondern als Bestandteil einer politischen Bewegung vertreten, deren Protagonisten in ihrer Mehrfachkompetenz als Juristen, Ökonomen, Psychologen und Sozialphilosophen wesentlich zur Idee radikaler Reformen im Geiste des aufgeklärten Bürgertums
beitrugen. 1
Was unter dem Namen Utilitarismus von John Stuart Mill bekannt wurde und in der vorliegenden Ausarbeitung zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung wird, entstammt einer konsequenten Tradition angelsächsischer Philosophie und Ethik. England hatte seine demokratische Revolution schon lange hinter sich, als in Frankreich, Deutschland und weiten Teilen Europas auf das bürgerliche Aufbegehren in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Phase der reaktionären Restauration folgte. Mit einer gewissen Stetigkeit wurde das Denken und Bestreben einer bürgerlichen Freiheit vom 18. im 19. Jahrhundert fortgeführt. Das revolutionäre Potential der Arbeiterklasse, ob der zunehmenden Industrialisierung, mündete in England nicht in eine weitere Revolution, sondern bedingte es eher, dass sich Moralphilosophen zunehmend auch mit der sozialen Verantwortung und dem gesamtgesellschaftlichen Allgemeinwohl auseinandersetzten und in ihre Konzeptionen der individuellen Freiheit miteinbezogen. Die Integration der Erfahrung in die Grundlagen von Erkenntnistheorie und Philosophie ist demnach schon seit Englands Ausgang aus dem Mittelalter über Locke und Humes eine Eigenart des angelsächsischen Denkens. So verwundert es auch nicht, dass die Nüchternheit des Comte‘schen Positivismus besonders hier mehr Beachtung fand, als in dessen Mutterland Frankreich. Die Geisteshaltung, nur das positiv wahrgenommene als Grundlage einer den Menschen definierenden Psychologie anzuerkennen, findet sich insbesondere in der Argumentation des Utilitarismus wieder. Diese ebenso nüchterne und praktische Verteidigung der Nützlichkeit als obersten Maßstab sittlichen Handels, begründete
1 Wolf, Jean-Claude: Lob des Exzentrikers, Neue Züricher Zeitung Online, 2006
[http://www.nzz.ch/2006/05/20/li/articleDZO1P.html; Zugriff: 16.10.07]
3
der Angelsachse Jeremy Bentham (1748 – 1832), dessen maßgeblicher Einfluss auf
John Stuart Mill im nächsten Kapitel dargelegt wird. 2
Laut dem Utilitarismus beruht die Maxime menschlichen Handels auf der
Lustmaximierung. Somit vollzieht er, vor allem seit Mill, einen Spagat zwischen der
englischen liberalen Tradition der persönlichen Freiheit und dem zunehmenden
Bewusstsein einer sozialen Verantwortung innerhalb der Gesellschaft, also
sozialistischen Tendenzen. Unter dem Bestreben der klassischen Utilitaristen und
weiteren demokratischen Aktivisten kam es im England des viktorianischen Zeitalters
zu weitreichenden politischen Reformen. 3
Vor diesem Hintergrund wird auch dem Wirken John Stuart Mills das Propagieren
eines „auf dem Boden des Liberalismus“ wurzelnder Sozialismus nachgesagt. 4
2. reasoning machine – Die Erziehung und das Leben des John
Stuart Mill
John Stuart Mill wurde am 20. Mai 1806 als Sohn von James Mill und Harriet Murrow
in London geboren. Er wuchs im spätviktorianischen England unter dem
beherrschenden Einfluss seines Vaters James Mill auf. Er und dessen Freund
Jeremy Bentham zählen zu den führenden Vertretern des philosophischen
Radikalismus im England des vorletzten Jahrhunderts. James Mills Ansichten auf
das Bewusstsein des Menschen waren maßgeblich durch die Arbeiten von John
Locke (1632-1704) beeinflusst. So sah er das ‚jungfräuliche‘ Gewissen seines jungen
Sohnes, als blankes Blatt Papier, dass er durch eine, rationale und institutionsferne
Erziehung, ganz nach seinen eigenen philosophischen Überzeugungen zu
beschreiben begann.
Im Zuge dieses pädagogischen Experiments, wie der Vater es selbst nannte,
schirmte er seinen Sohn von jeglichen äußeren Einflüssen ab. Gleichzeitig begann
er, unter der Mithilfe von Jeremy Bentham, den jungen John Stuart mit der
Bewältigung komplexer rationaler Problemstellungen zu fordern und zu fördern. So
gelang es dem Vater beispielsweise, seinem Sohn, ab dem Alter von drei Jahren,
Griechisch und ab dem siebten Lebensjahr die Platonischen Dialoge nahezubringen. 2 vgl. Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, erweiterte Neuausgabe (26. -35. Tsd.). Frankfurt a.M., 1993, S.480f. und vgl. Rohls, Jan: Geschichte der Ethik. Tübingen, 1991, S.340f.
3 So zum Beispiel, die Einführung des Wahlrechts für Arbeiter 1872; vgl. Rohls, Jan: Geschichte der Ethik. Tübingen, 1991, S.346f.
4 Jan Rohls: Geschichte der Ethik. Tübingen, 1991, S.349
4
Es folgten politische und ökonomische Lehrinhalte. Im Alter von elf war er bereits fähig die Schriften seines Vaters auf logische und formale Geschlossenheit zu überprüfen. Der Konditionierungsprozess des Vaters funktionierte. Durch die konsequente Erziehung und Beeinflussung des jungen Geistes war sein Sohn zu der ‚reasoning machine‘ geworden, die er und sein gleichgesinnter Freund Jeremy Bentham sich gewünscht hatten. Es gelang ihnen, ganz im Sinne der utilitaristischen Position (s.u.) eine Erziehung, die rein auf Erfahrung und gedanklicher Assoziation
basierte, zu gestalten und dabei alle störenden emotionalen Einflüsse fernzuhalten. 5 Diese von John Stuart Mill in seiner Autobiographie als emotional unterentwickelt bezeichnete Geisteshaltung stürzte ihn im Alter von 20 Jahren in eine tiefe Depression. Auf die zunehmende emotionale Beanspruchung seiner Jugend konnte ihm seine auf intellektuelle Problemstellungen ausgerichtete Erziehung keine Antworten mehr liefern. Er rebellierte gegen den Vater und entfernte sich von der utilitaristischen Philosophie. Eine intensive Beschäftigung mit der menschlichen Gefühlswelt und die Hinwendung zur (deutschen) Romantik schlossen sich jenen Erkenntnissen an. Diese Erfahrung veranlasste Mill in seinem Schaffen der folgenden Jahre, den Utilitarismus Benthams und seines Vaters um emotionale und
kulturelle Aspekte zu erweitern. 6 Er setzte sich wieder intensiv mit Benthams Werken auseinander und studierte Jura unter dem Utilitaristen John Austin. In der von ihm begründeten UTILITARIAN SOCIETY, diskutierte er mit Gleichgesinnten, während er seinen Lebensunterhalt, wie sein Vater, mit einer Anstellung bei der EAST INDIA COMPANY bestritt. Er verfasste politische, philosophische und ökonomische Artikel und zählte sich zu einer Gruppe britischer Reformanhänger, die im Unterhaus unter dem Namen PHILOSOPHICAL
RADICALS bekannt geworden war. Er blieb sein Leben lang dem ‚principle of greatest
happiness‘ Benthams treu, ergänzte es aber um einige entscheidende Aspekte, welche in seinem Werk UTILITARIANISM bekannt wurden. Dies ließ ihn, zusammen mit seinen weiteren Schriften, zu dem bedeutsamsten Utilitaristen und zu einem der wichtigsten englischsprachigen Moralphilosophen und politischen Reformer des
neunzehnten Jahrhunderts werden. 7 John Stuart Mill verstarb 1873 im Alter von 67 Jahren in seiner Wahlheimat Avignon.
5 vgl. Crisp, Roger: Mill on Utilitarianism. London, 1997, S.2
6 vgl. Crisp, Roger: Mill on Utilitarianism. London, 1997, S.3
7 Mill wird auch als Begründer der Terminologie ‚Utilitarismus‘ angesehen, die zuvor mit‚
Nützlichkeitsprinzip‘ oder ‚Glücksprinzip‘ etikettiert wurde.
5
3. Utilitarianism – Der Utilitarismus Doch schon vor Mill hatte die praktische Philosophie des Utilitarismus, formuliert und
verteidigt durch seinem Vater und Bentham als ethisches Konzept, Bestand. Die
teleologische Ethik, zu denen der Utilitarismus als eine egoistisch hedonistische
Moralphilosophie zählt, steht den Grundannahmen einer deontologischer Ethik
gegenüber. Somit ist auch Mills 1863 erschienenes Werk UTILITARIANISM als eine
Verteidigungsschrift gegen die Vorwürfe von Anhängern deontologischen Ethiken zu
verstehen. 8 Dabei steht vor allem die Abgrenzung und Ablehnung der unter anderen von Kant vertretenen naturrechtlichen Begründung der Ethik im Vordergrund.
Genauer formuliert bedeutet dies, eine generelle Skepsis gegenüber dem
theologischen Utilitarismus, dem ethischen Intuitionismus und moralischer
Instinkttheorien, die laut Mill nur der unbegründeten Sicherung von Vorurteilen
dienen. 9 Dadurch erklärt sich auch die auffällig starke rhetorische Komponente des Werkes.
So besteht eine wesentliche Funktion der Schrift in der Widerlegung von Vorwürfen
seitens der Utilitarismus-Kritiker. Dabei greift Mill die Anschuldigungen explizit auf,
um dann in der Folge den Gegenbeweis antreten zu können. Dieses Vorgehen wird
insbesondere im zweiten Kapitel systematisch betrieben. Trotz jenes bedingt
apologetischen Werkmerkmals gelingt es Mill, seine eigene Interpretation des
Utilitarismus zu gestalten.
Mill formuliert mit UTILITARIANISM seine bereits in LOGIC angekündigte notwendige
PHILOSOPHIA DER PRAXIS 10 inhaltlich aus. Grundsätzlich steht in diesem ethischen
Konzept nicht das Gewissen mit seiner intuitiven Begründungspflicht als Maßstab
moralischer Normen im Vordergrund, sondern Erfahrung und Beobachtung. Nur sie
erlauben ein Urteil über die Bewertung von Handlungen, genauer gesagt den
Handlungsfolgen. Die Konsequenzen einer Handlung, sind die einzigen
‚Untersuchungsobjekte‘ der teleologischen Schule der Ethik. Denn nur sie erlauben
es, eine Handlung als moralisch gut oder schlecht zu bewerten. Diese im Empirismus
begründete Strategie wird im Utilitarismus zum obersten Prinzip erhoben. Auch Mill
8 Das Werk UTILITARIANISM erschien in der Tat im Jahre 1863 unter diesem Titel. Die eigentliche Erstveröffentlichung besteht jedoch aus einer Reihe von Essays Mills, die in FRAISERS MAGAZIN FOR TOWN AND COUNTRY im Jahre 1861erschienen.
9
vgl. Lawen, Irene: Schriften zur politischen Ethik Bd.6, Konzeptionen der Freiheit. Saarbrücken, 1996, S.63
10 Lawen, Irene: Schriften zur politischen Ethik Bd.6, Konzeptionen der Freiheit. Saarbrücken, 1996, S.63
6
verbleibt in jener erkenntnistheoretischen Position und lehnt sich an den utilitaristischen Hedonismus seiner Vorgänger an. Das allgemeine Glück und das Streben der Menschen danach ist für Bentham wie für Mill das einzig mögliche Kriterium der Bewertung von Handlungsfolgen. Damit grenzt sich die teleologische Ethik von der deontologischen ab, bei der eine Tat aufgrund von Motivation, Gewissen und Pflicht bewertet wird.
Das nachfolgend kommentierte Werk ist somit eigentlich nur eine Verteidigung des Utilitarismus, auch wenn Mill ihn dadurch, was noch zu zeigen sein wird, auf die Ebene anthropologischer Differenziertheit gehoben hat, auf der er noch heute diskutiert wird. 11 Denn:
obwohl Mill sich zum Empirismus bekannte, war er auch bereit, sich für idealistische Visionen in der Moral zu öffnen. Dies gilt ganz besonders von seiner Hoffnung, dass es die Menschen in Zukunft noch besser schaffen mögen, ihre egoistischen oder privaten Interessen den Interessen der Gemeinschaft freiwillig und enthusiastisch unterzuordnen. 12
Somit weist Mills normative Begründung inhaltliche Übereinstimmungen mit dem Intuitionismus auf und somit der naturrechtlichen Position der Anhänger Kants. Auf diese, den Utilitarismus prägenden Ergänzungen soll im folgenden wiederholt hingewiesen werden. Dennoch bleibt auch in Mills Ausführungen die Ablehnung des Naturrechts (entsprechend der utilitaristischen Position) als Grundlage der Abgrenzung zum Intuitionismus konstant und prägt das erste Kapitel des Buches.
3.1 Erstes Kapitel – Allgemeine Bemerkungen
(General Remarks)
Schon auf der ersten Seite des Werkes betont Mill die Bedeutung und Wahrheit seiner philosophischen Schule in der Tradition der Antike, „zu der Zeit, als der junge Sokrates dem alten Protagoras lauschte und […] die Theorie des Utilitarismus gegen die populäre Moral dieses sogenannten Sophisten verfocht“. 13 Auf den folgenden
11 vgl. Düppen, Martina: Der Utilitarismus: Eine theoriegeschichtliche Darstellung von der Antike bis
zur Gegenwart. Köln, 1996, S.166f.
12 Wolf, Jean-Claude: Lob des Exzentrikers, Neue Züricher Zeitung Online, 2006
[http://www.nzz.ch/2006/05/20/li/articleDZO1P.html; Zugriff: 16.10.07]
13 Mill, John Stuart: Utilitarianism / Der Utilitarismus. Stuttgart, 2006, S.7
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Benedikt Wagner, 2007, Das größte Glück der größten Anzahl , Munich, GRIN Publishing GmbH
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