Seminararbeit SS 2006
HS: Wer oder was bestimmt unser Verhalten?
Der Aufbau des Verhaltens im Miteinander von Natur und Kultur
Freie Universität Berlin
Institut für Soziologie
Mag., NF Soziologie
Das Gefühl des Neids –
die Blickwinkel des Genetikers John Medina und der
Psychologen Christophe André und François Lelord im
Vergleich
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zur Einführung von John Medinas Am Tor zur Hölle. Die Biologie der sieben
Todsünden 4
2.1. Problematik des Standes der Forschung 4
2.2. Problematik des Einflusses der Kultur 5
2.3. Ausbildung eines Arbeitsmodells 6
2.3.1. Systematische Voraussetzungen 6
2.3.2. Die biologischen Grundlagen 7
3. Aus John Medinas Am Tor zur Hölle. Die Biologie der sieben Todsünden: Der
biologische Hintergrund des Gefühls „Neid“ 8
4. Neid aus psychologischer Sicht: Christophe Andrés und François Lelords Die
Macht der Emotionen und wie sie unseren Alltag bestimmen 14
4.1. Hypothesen über Emotionen 14
4.2. Neid 17
5. Fazit 19
Literaturangaben 21
1. Einleitung
In meiner Arbeit konzentriere ich mich auf einen Aspekt aus John Medinas Am
Tor zur Hölle. Die Biologie der sieben Todsünden (Originaltitel:
The Genetic Inferno: Inside the Seven Deadly Sins). Medina, Forscher auf dem
Gebiet der Genetik, beleuchtet darin 2002 die so genannten sieben Todsünden
Wollust, Völlerei, Geiz, Trägheit, Zorn, Neid und Hochmut auf ihren biologischen
Hintergrund. Auslöser, wie er im Vorwort schreibt, ist für ihn die Geburt seines
Sohnes und die Frage nach der genetischen Ähnlichkeit zu seinen Eltern in
Neigungen und Eigenschaften. „Was ist überhaupt erblich? Würde sich seine
Veranlagung als ebenso genetisch erweisen wie das gegenwärtige Kobaltblau seiner
Augen?“ (Medina 2002: 10) Medina begibt sich auf „Suche nach der biologischen
Grundlage menschlichen Verhaltens“ (Medina 2002: 11).
Aufgebaut sind die einzelnen Kapitel nach einem durchgehenden Schema. Jedem
Kapitel stellt der Genetiker ein Zitat aus Dante Aligheris Göttlichen Komödie1
voran. Auch im Text finden sich zahlreiche Zitate dieses Werkes, ebenso
Anekdoten aus dem mittelalterlichen Leben im 13. und 14. Jahrhundert und auch
viele Abbildungen. Die Kapitel beginnen mit einer Einführung durch einen
fiktiven Mediävistik-Professor, der die zum biologischen Thema adäquate Stelle
aus der Göttlichen Komödie erläutert. Im Anschluss wird auf die „Gene und
biochemischen Substanzen, die an bestimmten Verhaltensweisen beteiligt sind“
(Medina 2002: 12) eingegangen. Darauf folgt ein Abschnitt zur Debatte, „ob ein
Geist – und somit ein Mensch – mehr ist als die Summe seiner neurologischen
Teile“ (ebd.). Es wird dabei von einem Arbeitsmodell ausgegangen, dass jedes
Gefühl in zwei Komponenten aufteilt: das neuronale System und das Bewusstsein,
wobei die Bestimmung dessen, was wir Bewusstsein nennen, nur schwer festzulegen
ist. In den Kapiteln wird untersucht, welche Bestandteile unser Bild vom
Bewusstsein prägen und „was dies möglicherweise über die Biologie der jeweils
betrachteten Emotion verrät“ (Medina 2002: 13).
Ich habe mich für den spannenden Abschnitt über „Neid“ entschieden. Diese
Entscheidung fiel spontan bei der Einschulung meiner Nichte. Ihr etwa zwei Jahre
älterer Bruder hatte sichtlich Probleme mit der Tatsache, dass seine kleine
Schwester nun Geschenke bekam, er jedoch nicht, woraufhin seine Eltern auch ihm
vorsorglich gekaufte Präsente überreichten. Im anschließenden Großelterngespräch
hinter vorgehaltener Hand wurde die Meinung deutlich, dass man so die Kinder „zu
Neid erziehe“ und dass die Beiden lernen müssten, sich einfach neidlos mit dem
anderen zu freuen. So war mein Interesse geweckt: wo liegen die Ursachen des
Neides? Welchen Zweck hat(te) er?
In meiner Vorgehensweise referiere ich zunächst die wichtigsten Punkte aus
Medinas Einführung. Es wird um die Komplexität des Themas und biologische
Grundlagen gehen. Anschließend werde ich mich dem Kapitel über Neid zuwenden,
wobei ich den Dante-Aspekt ignorieren werde.
Dem gegenüber stelle ich die Ansicht zweier französischer Psychologen:
Christophe André und François Lelord. In ihrem ebenfalls 2002 veröffentlichten
Buch „Die Macht der Emotionen und wie sie unseren Alltag bestimmen“ behandeln
sie in einem Kapitel auch das Gefühl des Neides.
2. Zur Einführung von John Medinas Am Tor zur Hölle. Die Biologie der
sieben Todsünden
2.1. Problematik des Standes der Forschung
Medina geht zunächst auf das Problem ein, dass die Forschung erst am Anfang
steht, ein komplexes Thema zu entschlüsseln (vgl. Medina 2002: 19). Will man das
menschliche Verhalten untersuchen, muss man sich „mit den verzwickeltsten und
fähigsten Zellgruppen des bekannten Universums auseinander setzen – dem
menschlichen Gehirn“ (ebd.), und zwar mit einer der kompliziertesten Funktionen
des Gehirns. Das Gehirn besteht aus einer Billion als Neuronen bezeichneter
Zellen. Jedes Neuron kann mit tausenden anderer Zellen in Verbindung stehen,
sogar mit unmittelbar benachbarten Zellen Verbände gründen und so ein Netzwerk
aufbauen, das in unregelmäßigem Kontakt zu weit entfernten Gehirnarealen steht
(vgl. ebd.). Die Verknüpfungen der Neuronen können unterschiedlichen Charakters
sein, einerseits spezifische Verbindungen herstellen, andererseits Verbindungen
unterbrechen. „Zudem können einzelne Neuronen diese An/Aus-Muster offenbar in
zusammengefasster Form erfassen und intelligente Entscheidungen treffen, die auf
Veränderungen in den von ihnen wahrgenommenen Mustern beruhen“ (Medina 2002:
19f.). Neuronen sind in der Lage, mit einer Geschwindigkeit von ca. 900 Metern
pro Sekunde untereinander zu kommunizieren und es ist der Wissenschaft bisher
noch nicht gelungen, „auch nur einen einzigen winzigen menschlichen neuronalen
Schaltkreis im Labor [zu] isolieren […] – von einer Darstellung der
Zusammenarbeit von Abermillionen Neuronen ganz zu schweigen“ (Medina 2002: 20).
Es sind also erst Grundkenntnisse über einen kleinen Teil der menschlichen Gene
bekannt und noch weniger über „das Verarbeitungspotential der Neuronen, die
diese Gene benutzen“ (ebd.). Trotzdem führte die Erforschung der Gene zu einer
so genannten Anlage-Umwelt-Debatte, in der nach Medinas Ansicht die natürliche
Anlage viel zu starke Betonung fand: „Jeder Gefühlsausbruch, jedes brutale
Verhalten, jedes sexuelle Vergehen ließ sich nun mit unserer DNA erklären, und
die Wahrnehmung von Verhaltensweisen und Motivationen glitt allmählich in eine
zu starke Vereinfachung ab“ (Medina 2002:21).
Die Komplexität der biologischen Zusammenhänge menschlichen Verhaltens und die
Uneinigkeit darüber, wie sie funktionieren, spiegelt sich auch bei den
Fachleuten wider, beispielsweise in der Diskussion, was Gefühle sind und wie sie
neuronal arbeiten (vgl. Medina 2002: 21ff). „Ohne verlässliches
Hintergrundwissen ist es unmöglich, einzelne Gene einzelnen Verhaltensweisen
zuzuordnen, in der Hoffnung, wichtige Tatsachen zu vermitteln“ (Medina 2002:
22).
2.2. Problematik des Einflusses der Kultur
Als zweites Problemfeld führt der Gentechniker die wichtige Rolle der Kultur in
der Gestaltung des Verhaltens an. Der Cortex, also die das Gehirn bedeckende
Großhirnrinde, ist Ort der Verarbeitung menschlicher Funktionen, z.B. Sprache zu
benutzen oder „mit Hilfe unseres nützlichen opponierbaren Daumens unsere Umwelt
manipulieren [zu] können“ (Medina 2002: 23). Durch diese und ähnliche
Fähigkeiten ist der Mensch in der Lage, soziale Organisation aufzubauen und „das
Konzept der Kultur“ (ebd.) in einzelnen Gruppen zu bilden. Das als neuronale
Plastizität2 bekannte Phänomen zeigt, dass die Kultur Einfluss auf das Organ
Gehirn und dadurch auf menschliches Verhalten hat. Andersherum hat Kultur aber
keinen im engeren Sinne genetischen Ursprung. Medina möchte sich in seinem Buch
allerdings auf die Biologie beschränken (vgl. Medina 2002: 24).
[...]
1 „Die Göttliche Komödie (italienisch: Divina Comedia oder
Divina Commedia) ist das bekannteste Werk des italienischen Dichters Dante
Alighieri […]. Dante begann mit der Niederschrift im Jahre 1307, und beendete
das Werk erst kurz vor seinem Tod im Jahre 1321. Die Commedia gilt als
bedeutendste epische Dichtung der italienischen Literatur, und als eines der
herausragenden Werke der Weltliteratur. Es ist zudem das erste große Werk in
italienischer Sprache, die als Literatursprache von Dante erst aus seinem
toskanischen Idiom entwickelt werden musste. Der Zusatz göttlich (italienisch
divina) wurde erst 20 Jahre später, also lange nach Dantes Tod, von Giovanni
Boccaccio geprägt. […] Die Commedia besteht aus drei Teilen (cantiche, große
Abschnitte, die zum Teil auch als ′Bücher′ bezeichnet werden): Inferno
(Hölle), Purgatorio (Fegefeuer), und Paradiso (Paradies), die
wiederum aus 34, 33, und 33 Gesängen bestehen (canti, Kapitel). Die prägnante
Zahl 9 ist bei Dante durchgängig in allen Werken zu finden und basiert auf einer
theologischen Aussage. Die 3 ist die Zahl Gottes, wobei sich bei der 9 die
heilige Trinität mit sich selbst multipliziert. Da alles miteinander verknüpft
ist, kann man die Divinia Commedia als göttliches ganzes verstehen. […]“
zitiert aus: http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6ttliche_Kom%C3%B6die am
02.09.2006
2 „Unter neuronaler Plastizität versteht man die Eigenschaft von einzelnen
Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abhängigkeit der Verwendung
in ihren Antworteigenschaften zu verändern. In Abhängigkeit des betrachteten
Systems spricht man von synaptischer Plastizität oder kortikaler Plastizität.“
zitiert aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Neuronale_Plastizit%C3%A4t am
09.09.2006
Arbeit zitieren:
Silke Wellnitz, 2006, Das Gefühl des Neids, München, GRIN Verlag GmbH
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