Einleitung und Vorbemerkungen
Kulturförderung des Bundes
2.2.1.3. Themenausstellungen 2.2.2. Die 'immaterielle Kultur' – am Beispiel der "Kulturvergleichenden Medizin" 7 2.2.3. Zusammenfassung
2.3. Zur Besonderheit der 'Kulturförderung' aus Sicht der Förderpraxis 2.3.1. Haushaltssystematik 2.3.2. Leistungsplansystematik 2.3.3. Förderprogramme 2.3.4. Anforderungen an das Kulturmanagement
Zusammenfassung und kritischer Ausblick
4.2. Endnoten (Quellenangaben/Anmerkungen)
Einleitung und Vorbemerkungen
Kulturmanagement in Bezug auf das Gesundheitswesen zu verstehen, erfordert auf den erste Blick einen Brückenschlag zwischen zwei weit auseinander fallenden Bereichen, der schwierig oder aber zumindest als eine Herausforderung erscheint; denn Kulturma- nagement bezieht sich - in einer häufig verstanden Form 1 - auf die darstellende oder bildende Kunst, die in Museen, Theatern und Bibliotheken ausstellbar, vorführbar und erfahrbar ist, aber auch auf akustische und visuelle Produktionen, die bei "Funk, Film und Fernsehen" erstellt und verbreitet werden können.
Kurzum bezieht sich Kulturmanagement vielfach auf Kunst- und Ausprägungsformen, die eine Kultur definieren, "die man schaffen, fördern und als (nationalen) Besitz verehren kann: die hö- here Welt der Werte und Werke in Kunst, Philosophie und Wissenschaft." 2 In aller Regel ist der Mensch in diesem Prozess dabei als Organisator, Manager oder Produzent von Kunst und Kultur beteiligt. Interessante Aspekte tauchen zusätzlich je- doch auf, wenn der Mensch nicht als Produzent tätig ist, sondern selbst als Kulturpro- dukt in die Ausstellung, Vermarktung, in das Zentrum des Kulturmanagements gerät. Die finanzielle und materielle Unterstützung derartiger Veranstaltungen und Projekte, die den Menschen im Fokus haben, gehört zum Kernbereich der Kulturförderung des Bundes, (sofern sie nicht dem Subsidiaritätsprinzip in Bezug auf die Bundesländer un- terliegt) und auf das bezogen ist, was nach dem 'Kulturfinanzbericht' der Bundes- regierung finanziell gefördert wird - beziehungsweise potentiell gefördert werden könnte 3 .
In dem 'Kulturfinanzbericht' greift die Kulturförderung auf einen normativen Kultur- begriff zurück, der bereits von HEINRICHS kritisiert wurde, da hierdurch die Förderung bestimmter Institutionen und Projekte nicht nur ermöglicht, sondern auch verhindert wird – je nachdem, wie eng oder weit die Definition des zu fördernden Inhaltes erfolgt 4 . So lässt sich – in Abschnitt 2.1. – die auch aus der Praxis heraus berechtigte Frage stel- len, ob "Kultur ohne Kunst" durch den Bund überhaupt förderbar ist bzw. die Feststel- lung treffen, dass auch de facto eine Kulturförderung stattfinden kann, ohne explizit so benannt zu werden.
Verzerrt kann die lediglich auf die "Kunstförderung" hin gedachte Kulturförderung nämlich auch darüber hinaus erscheinen, wenn dabei, aufgrund der Definition, nur die "materielle Kultur", und nicht auch die "immaterielle Kultur", im Datenbericht aufge- führt wird 5 . (Die hierzu erforderliche Begriffsklärung von "materieller" und "immate-
rieller" Kultur wird im Abschnitt 2.2. erfolgen.) Kulturmanagement, das sich derart in- haltlich reduziert, läuft Gefahr, wesentliche Chancen nicht zu nutzen, Fördermöglich- keiten nicht zu beachten und spezifische kulturelle Faktoren oder Themenstellungen
Beispiele aus der praktischen Arbeit sollen veranschaulichen, wo die theoretischen Be- trachtungen und Definitionen zu kurz greifen – wo
Kulturförderung
über die Haushalts- systematik
6
und Leistungsplansystematik des Bundes hinweg stattfindet und an welchen Stellen sich dadurch konkrete Forderungen an praktiziertes
Kulturmanagement
ergeben. Zudem zeigt sich, dass Förderprogramme kein statisches Instrument, sondern einem stetigen Wandel unterworfen sind. Und dies bedeutet, dass
Kulturmanagement
mehr auf Aktualität und "Marktorientierung" ausgerichtet werden muss. In diesem Zusammen- hang wird am Rande auch die Frage aufgeworfen, ob alles ausgestellt werden kann und sollte, was prinzipiell ausgestellt werden könnte – wo also die Grenzen des
Kulturma- nagements
durch "immaterielle" Kultur gleichermaßen berührt und bedingt werden können
7
.
2. Kulturförderung des Bundes
2.1. Ist "Kultur ohne Kunst" durch den Bund förderbar?
Bezieht man sich auf den 'Kulturfinanzbericht', so umfasst die Kulturförderung durch den Bund 8 nur einige wenige Sparten, nämlich: Theater und Musik, Bibliotheken, Mu- seen, Sammlungen und Ausstellungen, Denkmalschutz und Denkmalpflege, Kulturelle Angelegenheiten im Ausland, Kunsthochschulen, sog. Sonstige Kulturpflege und die Verwaltung für kulturelle Angelegenheiten 9 .
Bei der Ermittlung und Darstellung der verwendeten Fördermittel für die Kultur greift der Bund auf die "Haushaltssystematik der Jahresrechnungsstatistik" 10 zurück und weist im Kulturfinanzbericht zugleich darauf hin, dass sich eine Diskrepanz zwischen der von der EU präferierten Kulturdefinition, die sich an dem Kulturbegriff der UNESCO orien- tiert, und dem Kulturverständnis des Bundes ergibt. Dadurch wird bereits deutlich, dass nicht alle Förderbereiche, die beispielsweise im Bereich der EU als Kulturaktivitäten gefördert werden könn(t)en 11 , in die Darstellung der Einnahmen und Ausgaben für die Kulturförderung der öffentlichen Hand in Deutschland mit einbezogen werden 12 . Dies zeigt, dass auch die Definitionen des Kulturbegriffs der jeweiligen Institutionen und Or- ganisationen mehr einem normativen und zweckorientierten Charakter folgten und Kul- turförderung damit eine Definitionsfrage ist 13 - oder kann zumindest zu einer solchen bestimmt werden kann.
2.2. Unterscheidung nach der materiellen und immateriellen Kultur
2.2.1. Die 'materielle Kultur' – am Beispiel: "Der ausgestellte Mensch"
"Mensch-/Sein in Ausstellungen" ist eng an die Vorstellung von Normalität bzw. an die Abweichung davon geknüpft. Zumeist führt erst das Außergewöhnliche und von der Norm abweichende am Menschen dazu, dass dafür Aufmerksamkeit erzielt wird oder erzielt werden kann.
Bereits in der Vergangenheit wurden "menschliche Kuriosa", auf Jahrmärkten, von fah- renden Schaustellern, in Zirkussen und speziellen Shows zur Schau gestellt – oft auch für die "Kuriositäten" selbst die einzige Möglichkeit zum Einkommenserwerb. Auf medizinischer Seite stand das von der Norm abweichende Merkmal, die "pathologi- sche" Veränderung, im Fokus – sei es als Anschauungsobjekt für FachkollegInnen,
StudentInnen oder interessierte Laien, sei es als Medium der Dokumentation außerge- wöhnlicher, mitunter auch seltener Erkrankungen.
Doch mit der Ausstellung des Menschen bzw. menschlicher Körperteile 14 waren zu ver- schiedenen Zeiten auch kontrovers geführte Diskussionen verbunden, deren Kernpunkte dabei das zeitgemäße ethische und moralische Verständnis in Bezug auf die Darstellung und den Umgang mit dem menschlichen Körper bzw. die Ausstellbarkeit desselben waren. Einen kurzen erläuternden Einblick soll die nachfolgende – nicht abschließen- de 15 - Darstellung der wesentlichen historischen und gegenwärtigen Ausstellungsarten
2.2.1.1. Freakshows und Völkerschauen
In den Anfängen des 19. bis ungefähr in die Mitte des 20. Jahrhunderts verzeichneten so genannte Freakshows und Völkerschauen eine enorme Popularität. In den Freakshows, die oft als "Side-Shows" zu anderen Veranstaltungen stattfanden, wurden – teils regio- nal in festen Lokalitäten, teils auf nationalen und internationalen Tourneen – "Fehlent- wicklungen" des menschlichen Körpers (bspw. Minderwuchs, weiblicher Bartwuchs, sog. Siamesische Zwillinge, etc.) zur Schau gestellt. Aber auch Vertreter verschiedener Ethnien (u.a. der im Rahmen der Kolonialisierung eroberten Länder) wurden dem inte- ressierten Publikum in so genannten Völkerschauen präsentiert. Nicht immer war der Aufenthalt der Vertreter dieser Ethnien in den "Gastländern" freiwillig und unumstrit- ten. Teils wurden den Veranstaltern die Ausstellung "aechter" Ethnien von wissen- schaftlicher Seite ausdrücklich bestätigt, um die Qualität der Veranstaltung und Seriosi- tät zu betonen; aber auch zahlreiche Betrugsfälle, die der reinen Sensationslust des Pub- likums und den finanziellen Interessen der Veranstalter geschuldet waren, ließen sich beobachten 16 .
2.2.1.2. Medizinische Sammlungen und Museen
Veränderungen am menschlichen Körper, die ein auffälliges Abweichen von der "Norm" bedeuteten, bedingten zu den verschiedenen Zeiten einen unterschiedlichen Umgang mit diesen tatsächlichen oder vermeintlichen "Pathologien". Bereits frühe Zeugnisse und Nachbildungen finden sich in historischen Tempeln und an Opferstätten. Hier wird ein frühes magisches Ritual angenommen, in welchem die Gottheit gebeten wurde, das derart 'verformte' Organ zu heilen, den Menschen von diesem Makel zu be-
Im Wandel der Zeit, und mit stärker naturwissenschaftlich orientiertem Blick auf den Körper, wurden Illustrationen 17 und figürliche Nachbildungen 18 , Moulagen 19 aber auch Sammlungen 20 derartiger Veränderungen des Körpers vorgenommen. Museen schufen in naturkundlichen oder völkerkundlichen Museen Ausstellungen, die teils auch ausge- stopfte Menschen in entsprechenden Dioramen zeigten 21 . Auch auf medizinge- schichtliche oder medizintechnische Aspekte spezialisierte Museen wurden geschaffen – teils aus privaten Förderinitiativen heraus, wie etwa das "Deutsche Hygienemuseum in Dresden" 22 . Nicht immer ist dabei die private Förderschaft 23 unumstritten (gewesen), wie auch das mit bestimmten Sammlungen und Darstellungen in Museen verbundene Menschenbild oder auch die Ausstellungs-"Gegenstände" 24 selbst
2.2.1.3. Themenausstellungen
Als bekannteste Themenausstellung, die zugleich eine breit und kontrovers geführte Diskussion auslöste, darf die Wanderausstellung "Körperwelten" hier exemplarisch ge- nannt werden. Der Initiator Gunther von HAGENS 25 entwickelte im Rahmen wissen- schaftlicher Tätigkeit ein Verfahren mittels dessen Leichen oder Leichenteile "plasti- niert" werden können. Ein Teil der derart präparierten Leichen wurde vor wenigen Jah- ren in der Wanderausstellung präsentiert – und ist mittlerweile Bestandteil des von v. Hagens so genannten "Plastinarium" 26 , das der Selbstdarstellung nach ein "Anatomische Theater der Moderne" bzw. eine Dokumentation der "Kunst der anatomischen Präpara- tion und Konservierung" sein soll.
Ein weiteres Beispiel stellt die "Sammlung Prinzhorn" dar, welche die "Bildnerei der Geisteskranken" fokussierte. Mensch (als Künstler) und Kunstprodukt verschmelzen dabei zu einer Einheit. Kunst ohne den Künstler ist nicht denkbar – Kunst, im Rahmen der "Bildnerei der Geisteskranken", reduziert den Künstler dabei jedoch auf den patho- logischen Moment seines Seins. Kunst wird damit zum Ausdruck der Geisteskrankheit – der Künstler für das Publikum als "Geisteskranker" festgelegt 27 .
2.2.2. Die 'immaterielle Kultur' –
am Beispiel der "Kulturvergleichenden Medizin" Wurde bislang der "materielle" Teil der Kultur zur Betrachtung herangezogen, so war aber auch eingangs bereits von der "immateriellen" Kultur die Rede, die sich im Bereich des Kulturmanagements auswirken kann. Die vorausgehenden Beispiele bezogen sich auf den "ausgestellten Menschen". Wie dort bereits kurz angesprochen wurde, ist es vielfach die Abweichung von der Norm, die erst das eigentliche Interesse an dem Men-
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Marion Röbkes, 2007, Kulturförderung des Bundes und kultureller Impact im Gesundheitswesen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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