Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Verbreitungsgebiet und Herkunft 3
3. Lebensweise 5
4. Geschichtliche Entwicklung 6
5. Religion 8
5.1. Ramat 9
5.2. Kamui 9
5.3. Inau 10
5.4. Bärenfest 11
5.5. Haus und Feuerstelle 12
6. Behandlung von alten Menschen 12
7. Tod Krankheiten und Begräbnis 13
7.1.Tod 13
7.2. Krankheiten 14
7.2.1. Gewöhnliche Krankheiten 15
7.2.2. Metaphysische Krankheiten 17
7.3. Begräbnis 19
8. Fazit 21
9. Literaturverzeichnis 22
10. Abbildungsverzeichnis 22
2
1. Einleitung
In meiner Seminararbeit möchte ich die Ainu im Norden Japans etwas näher beleuchten. Der besondere Schwerpunkt soll dabei auf der Behandlung von Alten und Kranken liegen. Diese scheint sich bei den verschiedenen Wildbeuter- und Pflanzerkulturen in der ethnologischen Literatur zunächst sehr unterschiedlich darzustellen. Von menschenunwürdigen Ritualen wie der Altentötung beispielsweise bei den Tschuktschen in Sibirien ist die Rede oder davon, dass ältere Menschen einfach ausgesetzt und sich selbst überlassen werden. Diese Behauptungen erfordern eine eingehendere Betrachtung, welche ich bei den Ainu im nördlichen Japan vollziehen möchte.
Um jedoch näher auf die Situation und die Behandlung von alten und kranken Menschen in diesem Volk eingehen zu können, werde ich zunächst mit dem kulturellen Hintergrund der Ainu näher zum zentralen Thema meiner Seminararbeit hinführen. Dabei werde ich das Verbreitungsgebiet der Ainu, ihre Herkunft und Geschichte sowie insbesondere ihre Religion kurz darstellen.
2. Verbreitungsgebiet und Herkunft
Die Siedlungsgebiete der Ainu umfassen die Insel Hokkaido, die nördlichste der vier japanischen Hauptinseln, sowie die Südhälfte von Sachalin und die Inseln der Kurilenkette, wobei in der heutigen Zeit nur noch Hokkaido als Siedlungsgebiet „übrig geblieben“ ist (vgl. Karte Abb.2, S.4). Die ethnische Selbstbezeichnung „Ainu“ steht für „Mensch“. Eine Ableitung vom japanischen Wort „imu“ (Hund) ist mit großer Wahrscheinlichkeit falsch und wirft vielmehr einen Blick auf die Stellung und Wertschätzung der Ainu als Minderheit in der japanischen Gesellschaft 1 .
Die Zahl der Ainu wird nach aktuellen Erhebungen auf knapp 24.000 geschätzt 2 , bei Fitzhugh ist die Rede von bis 50.000 3 . In der Vergangenheit hatte man mehrfach ein Aussterben befürchtet. Dies schien jedoch unbegründet. Wie Ölschleger betont, zeigt ein Blick auf die Bevölkerungszahlen zwischen 1804 und 1940 zwar einen Rückgang von 21.697 auf 16.170 Menschen, jedoch fiel die Zahl nie unter 15.000 4 . Ohnuki-Tierney schreibt in diesem Kontext, dass der letzte der Kurilen-Ainu 1941 gestorben ist.
1 Ölschleger, Hans Dieter in: Staatliches Museum für Völkerkunde München 2002, S.14; vgl. Wirz, S.7
2 Umfrage der Präfekturregierung Hokkaido 1999: 23.767 Menschen bezeichneten sich selbst als Ainu
3 Fitzhugh, S.9
4 Ölschleger in: Staatliches Museum für Völkerkunde München 2002, S.14
3
Abb.1 Veränderung des Ainu-Territoriums im Zeitraum 1400 bis 1945
Im Bezug auf Technik und soziale Organisation ist die Ainu-Kultur auf Hokkaido am komplexesten und am weitesten entwickelt 5 . Für Hokkaido spricht Ohnuki-Tierney von
18.000 tatsächlichen Ainu; diese Zahl bezieht sich allerdings auf Daten, welche sie im Jahr
1981 als Arbeitsgrundlage verwendete 6 . Somit scheint sich die Bevölkerungszahl im Vergleich zu den Ermittlungen von Ölschleger und Fitzhugh in den letzten zwanzig Jahren erfreulich positiv entwickelt zu haben.
Der genaue Herkunftsort der Ainu ist schwer bestimmbar. Es gibt mehrere Thesen. Ölschleger spricht von Beweisen für eine mongolide Zugehörigkeit der Ainu, welche sich von den Japanern weniger deutlich unterscheiden sollen als beispielsweise die Germanen von den Romanen. Langköpfigkeit und starke Behaarung, welche tatsächlich sehr charakteristische Merkmale der Ainu sind, nehmen andere Forscher zum Anlass, um eine Zugehörigkeit zur australoiden Rasse (Australien, Südindien, westliches Ozeanien) anzunehmen 7 ; denn die benachbarten Völker im asiatischen Raum sind eher spärlich behaart.
Der russische Ethnologe Leo Sternberg, auf den sich Wirz und Arutiunov beziehen, sieht viele kulturelle Gemeinsamkeiten mit den Bewohnern Mikronesiens und anderen Südseeinselgruppen: Die Schambinde der Männer als Unterkleid oder das Auslegeboot sowie
5 Ohnuki-Tierney, S.22
6 Ohnuki-Tierney, S.19
7 Ölschleger in: Staatliches Museum für Völkerkunde München 2002, S.15, vgl. Peng & Geiser, S.9 f.
4
der Webeapparat, welcher in seinen Augen viele Ähnlichkeiten mit indonesischen Exemplaren aufweist 8 .
Andererseits haben die Ainu jedoch auch von benachbarten altsibirischen Völkern wie den Gilijaken zahlreiche Dinge und Traditionen übernommen, wie die Hundezucht, den Schlitten oder die Schneeschuhe. Dies geschah aber mit großer Wahrscheinlichkeit erst im Laufe der vergangenen zweihundert Jahre 9 .
Die äußeren Merkmale der Ainu lassen aber nur eine sehr unzureichende Einordnung zu. Kulturell verlässliche Beweise für Verbindungen sind allein schon aufgrund fehlender schriftlicher Zeugnisse 10 nahezu unmöglich.
In neueren Untersuchungen, in denen genetische Merkmale 11 und Charakteristika der Fingerabdrücke, Zähne und der Blutgruppen erfasst wurden, zeigt sich relativ eindeutig eine mongolide Zuordnung. Somit vermutet man nach aktueller Forschungslage die ursprüngliche Heimat der Ainu doch entweder auf dem eurasischen Kontinent oder in Gebieten südlich der japanischen Inselkette 12 .
3. Lebensweise
Der traditionelle Lebenslauf bzw. Alltag der Ainu basiert auf Jagen, Fischen und dem Sammeln von Pflanzen. Auf Hokkaido wurde in einigen Regionen des Weiteren Gartenbau betrieben. Die Produkte umfassten vor allem Hirse, Rüben, Bohnen, verschiedene Getreidearten und Kartoffeln. Je nach regionalen Gegebenheiten variiert die Bedeutung der jeweiligen Tier- und Pflanzenarten für die Wirtschaft der Ainu sehr stark. Für Hokkaido sind Sikahirsch und Lachs für die Ernährung von signifikanter Bedeutung. Der Braunbär spielt im religiösen Bezug eine wichtige Rolle (siehe unten). Fuchs, Hase oder Eichhörnchen wurden besonders wegen des Pelzes verfolgt. Meeressäuger und Wale wurden nur an einigen Stellen an der Küste gejagt. Insgesamt war die wirtschaftliche Kultur der Ainu auf Hokkaido aber auf das Leben im Landesinneren ausgerichtet 13 .
8 Wirz, S.6 vgl. auch Arutiunov, S.A.in: Fitzhugh, S.29-31
9 Witz, S.6 10 die Ainu sind usprünglich eine schriftlose Kultur 11 vgl. Fitzhugh, S.17 12 Ölschleger in: Staatliches Museum für Völkerkunde München 2002, S.15 13 Ölschleger in: Staatliches Museum für Völkerkunde München 2002, S.17
5
Auf Sachalin wurden neben dem Bär und Pelztieren Moschus- und Rentier gejagt. Die Tiere des Meeres wie beispielsweise der pazifische Hering hatten hier durch die geographische Lage bedingt eine wesentlich größere Bedeutung als auf Hokkaido.
Auf den Kurilen dagegen waren die Ainu nahezu vollständig auf das Meer angewiesen: Seehund, Seelöwe, Walross und Seeotter wurden neben Braunbär, Fuchs und Otter gejagt.
In Bezug auf die Arbeitsteilung herrscht bei den Ainu eine klare Einteilung nach Alter und Geschlecht. Die Männer jagen, fischen und stellen die dazu benötigten Waffen und Utensilien wie Netze oder Fallen her. Frauen und ältere Männer sammeln oder helfen beim Fischfang bzw. geben das Wissen darüber an die Jüngeren weiter 14 . Außerdem umfassen die Aufgaben der Frauen Kochen, Flechten, Weben und Nähen; des Weiteren werden Pflanzen für den Gebrauch im Winter haltbar gemacht. Die Stellung der Frau ist im Vergleich zu anderen Völkern verhältnismäßig hoch; Wirz schreibt beispielsweise, dass sie in öffentlichen Angelegenheiten durchaus mitsprechen und entscheiden durfte 15 .
Durch die exakte Arbeitsteilung stellt die Kernfamilie eine autarke wirtschaftliche Einheit 16 im Sinne einer Subsistenzwirtschaft dar. Die Ehen sind im Normalfall monogam, reichere Männer können aber auch polygyne Verbindungen eingehen. Die Wohnfolge ist virilokal.
4. Geschichtliche Entwicklung
In frühen Dokumenten aus der chinesischen Han-Dynastie 17 ist die Rede von stark behaarten Menschen, welche jenseits des Meeres im Osten lebten. Es gibt aber keinen Beweis, dass damit die Ainu gemeint waren. Starke Behaarung galt als Markenzeichen für jegliche Barbaren.
Während der Heian-Periode 18 wurde der Norden Japans zu einem dauerhaften Kriegsherd. Es kam zu einer verstärkten Ansiedlung von japanischen Fischern, welche den Ainu die Fischereigründe streitig machten. Eine Reihe von Aufständen der Ainu bzw. damals bekannt als Ezo 19 , war die Folge.
Im 16. Jahrhundert schloss nach mehreren politischen Wechseln die Familie der Kakizaki einen dauerhaften Frieden mit den Ainu. 1604 wurde Hokkaido endgültig in das zentralisierte
14 Peng & Geiser, S.179 f.
15 Wirz, S.22 16 Ölschleger in: Staatliches Museum für Völkerkunde München 2002, S.18 17 202 v.Chr. – 9. n.Chr. nach Ölschleger in: Staatliches Museum für Völkerkunde München 2002; vgl. Wirz, S.9: 189 v.Chr. – 30 n.Chr.
18 794 – 1185 n.Chr.
19 Siddle, Richard: Ainu History: An overview. in: Fitzhugh, S.67 ff.
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Rudi Loderbauer, 2006, Behandlung von alten und kranken Menschen bei den Ainu, Munich, GRIN Publishing GmbH
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