Eberhard Karls Universität Tübingen
Slavisches Seminar
Sommersemester 2006
Hauptseminar: Der realistische Roman
07.10.2006
Analyse und Vergleich der Darstellung und Funktion geographischer Räume in den Romanen „Krieg und Frieden“ von Lev Tolstoj und „Vor dem Sturm“ von Theodor Fontane
Hausarbeit
vorgelegt von: Katharina Friesen
Inhaltsverzeichnis
I Konzeption des Raumes ... 2
1 Raum und Zeit in Kunst und Literatur ... 2
2 Realistische Literatur des 19. Jahrhunderts ... 3
3 Räume in der realistischen Literatur ... 6
4 Geographische Räume ... 8
II Analyse und Vergleich der Darstellung und Funktion der
geographischen Räume in Krieg und Frieden und in Vor dem
Sturm ... 9
5 Darstellung und Funktion historischer und nationaler geographischer
Räume im Kontext von Krieg und Besetzung ... 10
5.1 Krieg als Verletzung des nationalen Raumes ... 12
5.2 Besetzung als Sakrileg, Erniedrigung und Schande ... 17
5.3 Umbruch ... 20
6 Darstellung ethnisch-nationaler Wesensmerkmale in Verbindung mit dem
nationalen geographischen Raum und in Abgrenzung zu anderen
Völkern ... 22
6.1 Verbindung mit der Transzendenz ... 23
6.1.1 Ost und West ... 23
6.1.2 Moskau und Petersburg ... 27
6.2 Kontinuität ... 30
Teil I
Konzeption des Raumes
1 Raum und Zeit in Kunst und Literatur
Kunst ist ein wichtiger, wenn nicht gar daseinsbestimmender Bestandteil des menschlichen Lebens. Meist wird jedoch eine Unterscheidung zwischen der Wirklichkeit des Lebens und Kunst vorgenommen und Kunst dabei als etwas Sekundäres eingestuft. Spätestens seit Platons und Aristoteles Denition gilt sie in der europäischen Kultur weitestgehend als die Nachahmung der Wirklichkeit. Platon sieht den Begri(ESC) der Nachahmung und die Kunst allgemein als negativ. Aristoteles jedoch betont die reinigende, kathartische, Wirkung, die Kunst, und vor allem das Drama, auf die Psyche des Menschen haben kann. Allerdings muss sich der Mensch mit dem Dargestellten identizieren, damit diese Wirkung eintreten kann. Deshalb sollte das Dargestellte so weit wie möglich der Realität des Rezipienten nachempfunden, also so mimetisch wie möglich, sein. Das Kunstwerk muss dem Rezipienten die Illusion einer Wirklichkeit vermitteln. Um das zu leisten, muss es zunächst die Grundlagen der menschlichen Wahrnehmung, vermittelst derer er seine Umwelt und sich selbst (re)konstruiert, reproduzieren. Zwei der wichtigsten dieser Grundlagen sind der dreidimensionale Raum und die Zeit, die anhand der Bewegung innerhalb dieses Raumes für den Menschen spürbar wird. Dabei sind Raum und Zeit untrennbar miteinander verbunden, denn in der menschlichen Vorstellung ist kein Raum ohne Bewegung und folglich ohne Zeit und keine Bewegung ohne Raum möglich. Jeder in einem beliebigen Moment wahrgenommene Zustand des Raumes erscheint als das Ergebnis einer kontinuierlichen Bewegung innerhalb dessen. Raum und Zeit bilden ein basales System der menschlichen Wahrnehmung und jegliches Phänomen wird auf die eine oder andere Weise in dieses System eingeordnet. 1 Demnach muss ein Kunstwerk, das eine Wirklichkeitsillusion schaffen möchte, dem Dargestellten eine räumliche und zeitliche Ausdehnung geben. Neben der aristotelischen Au(ESC)assung von Wesen und Funktion der Kunst gab es innerhalb verschiedener Epochen und Strömungen eine Reihe unterschiedlicher Ansichten. Einige davon, wie z.B. der Symbolismus, verneinten die auf eine Nachahmung der Wirklichkeit festgelegte Rolle der Kunst. Folgerichtig versuchten die Symbolisten in ihren Werken, die raum-zeitlichen Bezüge so weit wie möglich auÿer Kraft zu setzen. Da jedoch Kunstwerke von Menschen produziert und rezipiert werden, unterliegen sie immer einer menschlichen Perspektive, die ohne raum-zeitliche Einordnungen nicht auskommt. Deshalb wird Kunst, so wenig mimetisch sie auch sein möchte, immer von einem Minimum an räumlich-zeitlichen Beziehungen geprägt sein. Dabei hat jedes künstlerische Medium eigene Möglichkeiten und Verfahren diese auszudrücken. Für die Literatur, auf deren Untersuchung sich diese Arbeit beschränken wird, hat Michail Bachtin die grundlegende Einheit des Chronotopos herausgearbeitet. Er hat festgestellt, dass "Kunst und Literatur von chronotopischen Werten unterschiedlichen Grades und Umfanges durchdrungen sind. Jedes Motiv, jedes gesonderte Moment eines Kunstwerks ist ein solcher Wert. 2 Allgemein definiert Bachtin den Chronotopos innerhalb eines literarischen Textes als Materialisierung der Zeit im Raum3. Wie man sehen kann, verbindet der Begri (ESC) Zeit und Raum zu einer untrennbaren Einheit und spiegelt damit die Realität der menschlichen Wahrnehmung wieder. Dadurch reektiert er auch die Verbindung, die ein literarischer Text über einen Chronotopos mit der menschlichen Wirklichkeit hat. Auch Bachtin bestimmt explizit, "dass der Chronotopos die künstlerische Einheit des literarischenWerkes in dessen Verhältnis zur realen Wirklichkeit bestimmt."4
2 Realistische Literatur des 19. Jahrhunderts
Chronotopoi sind demnach in jedem literarischen Werk unweigerlich vorhanden und bestimmen unter Anderem sein Verhältnis zur Realität. Besonders wichtig wird der Chronotopos in dieser Hinsicht jedoch für eine Literatur, die sich zum Ziel gesetzt hat, Realität so wahrheitsgetreu, wie möglich abzubilden5, sprich, für die realistische Literatur des 19. Jahrhunderts. Die Ausgestaltung und Strukturierung von Chronotopoi war sicherlich nicht die kleinste Herausforderung für die Realisten bei ihrer selbsternannten Aufgabe einer wahrheitsgetreuen Abbildung der Wirklichkeit. Allerdings ist der Begri(ESC) der Realität und folglich auch der des Realismus, wie sie im Zusammenhang mit der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts verwendet werden, reichlich problematisch.
[...]
1vgl. dazu Bachtin, Michail: Formen der Zeit im Roman. Untersuchungen zur historischen Poetik. Frankfurt a.M. 1989. S 209.
2Ebd. S 192.
3Ebd. S 201.
4Ebd. S 191.
5Lauer,
Reinhard: Der europäische Realismus. In: Neues Handbuch der
Literaturwissenschaft. Band 17. von See, Klaus (Hrsg.). Wiesbaden.
1980. S 12-13.
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Katharina Friesen, 2006, Analyse und Vergleich der Darstellung und Funktion geographischer Räume in den Romanen "Krieg und Frieden" von Lev Tolstoj und "Vor dem Sturm" von Theodor Fontane, Munich, GRIN Publishing GmbH
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