Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung ...1
2. Die endoxa in der Topik
...2
2.1. Endoxa als Basis der dialektischen Deduktion... 2
2.2. Wann X ein endoxon ist. ... 3
2.3. Der Nutzen der endoxa in der Topik... 5
3. Die endoxa in der aristotelischen Philosophie
...6
3.1. Thithenai ta phainomena ... 6
3.2. Die Methode der endoxa ... 8
3.3. Die endoxa und die ersten Prinzipien der Wissenschaft... 10
4. Schlussbemerkungen
...12
5. Literaturverzeichnis:
...13
1
1.
Einleitung
An mehreren Stellen im Corpus aristotelicum werden Sätze erwähnt, die als endoxa
bezeichnet werden. Damit sind Sätze gemeint, die eine anerkannte Meinung zum Ausdruck
bringen. Indem sie durch eine Autorität Anerkennung zugesprochen bekommen,
unterscheiden sich endoxa von Sätzen die "bloß" eine Meinung (doxa) vertreten. Diese
Autorität wird entweder qualitativ oder quantitativ begründet. Demnach ist ein Satz ein
endoxon
, wenn er entweder von vielen Leuten angenommen wird, oder von wenigen, dafür
aber besonders angesehenen Leuten.
Durch ihre autoritative Legitimation gewinnen sie für Aristoteles an Interesse, weil sie in die
Nähe von beweiskräftigem Wissen über eine Sache rücken. Sie haben nicht den gleichen
Anspruch an Richtigkeit und Wahrheit wie ein Beweis, aber in ihren jeweiligen Gebieten
können sie ähnliche Funktionen erfüllen.
Das Anliegen meiner Hausarbeit besteht darin, die Bedeutung der endoxa in der
aristotelischen Philosophie zu untersuchen. Dabei setzte ich drei besondere Schwerpunkte.
Zunächst werde ich auf das erste Buch der Topik eingehen und die Gründung der Dialektik
auf endoxa besprechen. In diesem Buch der Topik geht Aristoteles erläuternd auf die endoxa
ein, und erklärt ihren Nutzen für die dialektische Deduktion.
Der zweite Schwerpunkt ist die Anwendung der endoxa in der Ethik. G.E.L. Owen entdeckte,
dass mit den in der Nikomachischen Ethik angesprochenen phainomena, in erster Linie nicht
empirische Tatsachen gemeint sind, sondern die endoxa, als Ausdruck von Erkenntnis.
Jonathan Barnes geht auf dieses Problem ein, und konzipiert eine aristotelische Methode der
endoxa
, die ich besprechen möchte.
Der dritte Schwerpunkt soll die Relevanz der endoxa, für die Auffindung der ersten Prinzipien
der Wissenschaften klären. Aristoteles erwähnt diesen besonderen Nutzen nur nebenbei in der
Topik und bleibt eine genauere Klärung schuldig. Unter Einbeziehung von C.D.C. Reeves
Buch ,,Practise of reason", werde ich versuchen diese epistemologische Basis der
aristotelischen Philosophie darzustellen.
2
2. Die endoxa in der Topik
2.1. Endoxa als Basis der dialektischen Deduktion
Aristoteles beginnt die Topik mit der Angabe des zu erreichenden Zieles. Er will eine
allgemeine Methode entwickeln, mit deren Hilfe aus endoxa Deduktionen gebildet werden
können. Anhand von formalen Regeln, soll es einerseits ermöglicht werden zu jedem
beliebigem Problem Deduktionen zu bilden und andererseits sollen diese Regeln vor
Widersprüchen in der Argumentation bewahren
1
. Die Beliebigkeit der vorgelegten Probleme
stellt Aristoteles Methode nicht in die Nähe der Vorgehensweise der Sophisten. Gegen diese
grenzt er sich vielmehr ab, indem er an die Form des dialektischen Übungsgespräches
(gymnasia) anknüpft, wie es in der Akademie abgehalten wurde
2
.
Einleitend stellt Aristoteles die drei Arten der Deduktion vor: die apodiktische, die
dialektische und die eristrische Deduktion. Das entscheidende Charakteristikum, der
verschiedenen Arten der Deduktionen, sind die jeweils zugrunde liegenden Sätze. An der
wissenschaftlichen Arbeitsweise der Deduktion werden keine Änderungen vorgenommen.
Der Ausgang der apodiktischen Deduktion liegt weiterhin in ersten und wahren Sätzen, den
Prinzipien und Axiomen der Wissenschaften
3
. Die Prämissen der dialektischen Deduktion
hingegen, werden aus endoxa gebildet. Die Differenz, die Aristoteles zwischen den Prämissen
der apodiktischen und dialektischen Deduktion ausmacht, ist die unterstellte Selbstevidenz
der ersten und wahren Sätze (archai) die nicht in den endoxa enthalten ist. Die endoxa selbst
gewinnen erst an Beweiskraft und Legitimation, durch eine von außen zugesprochene
Autorität.
Die eristrischen Deduktionen wiederum unterscheiden sich von den dialektischen
Deduktionen, indem sie aus Prämissen gebildet werden, die entweder nur scheinbar die
Position einer anerkannten Meinung einnehmen, oder die nur scheinbar aus einer solchen
deduziert werden
4
. Weil ihr Wahrheitsgehalt allerdings nicht mehr mit den wahren und ersten
Sätzen des Beweises oder den anerkannten Meinungen der Dialektik zu vereinbaren ist, lehnt
Aristoteles die eristrischen Deduktionen ab.
1
Vgl. Top. 100 a18f. Ich zitiere Aristoteles gemäß der üblichen Bekkerzitation. Die deutsche Übersetzung wurde
von Christof Rapp und Tim Wagner besorgt, vgl. Aristoteles 2004.
2
Vgl. Top. 101 a25f und Primavesi, 1996, S. 31.
3
Vgl. Top. 100 a27f.
4
Die zweite Art der eristrischen Deduktion gehört nicht mehr zu den Deduktionen, weil sie keinen richtigen
syllogismos
bilden. Die erste Art, mit den vorgetäuschten anerkannten Meinungen ist zwar als syllogismos noch
formal richtig, fällt aber aus dem Rahmen, des von Aristoteles angestrebten Bereiches des wissenschaftlichen
Arbeitens. Vgl. Top. 100 b23ff
3
Aber welcher Wahrheitsanspruch steckt für Aristoteles in den Prämissen der dialektischen
Deduktion? Wenn nicht mehr erste und wahre Sätze den Ausgang der Deduktion bilden,
sondern ,,nur" endoxa, kann dann noch der gleiche Wahrheitsanspruch an die dialektische
Deduktion gelegt werden? Auch wenn sich die dialektische Deduktion weiter an das in der
Analytika priora
beschriebene Modell hält
5
, bleibt fraglich ob Aristoteles dadurch nicht
zugleich einen ,,bescheideneren Wahrheitsbegriff"
6
einführt. Ebenso steckt in diesem
Problem, ein weiterer Einspruch, der sich gegen Aristoteles erheben lässt: Die Verwendung
von endoxa legt die Vermutung nahe, das Aristoteles zu einem Common Sense Denker wird,
der eine Konsenstheorie der Wahrheit etablieren will.
2.2. Wann X ein endoxon ist.
Aristoteles wird durch die Verwendung von endoxa nicht zu einem Common Sense Denker.
Dies geht bereits aus den Kriterien hervor, die endoxa erfüllen müssen, ehe sie als Prämissen
einer dialektischen Deduktion verwendet werden können:
,,Anerkannte Meinungen sind dagegen diejenigen, die entweder von allen oder den meisten
oder den Weisen und von diesen entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten
und anerkanntesten für richtig gehalten werden." (Zitat Top. 100 b21-22)
Endoxa
sind die vertretenen Positionen, die entweder quantitativ durch eine Vielzahl von
Leuten als richtig legitimiert werden, oder qualitativ von ,,Weisen" als richtig angesehen
werden
7
. Dabei gibt es zusätzlich den Vorrang bestimmter besonders bekannter oder
anerkannter Meinungen. Diese Erklärung erscheint auf den ersten Blick zirkulär
8
. Eine
Meinung gilt als anerkannt, weil sie vielen bekannt ist, deren Bekanntheit wiederum durch
ihre Anerkennung gesteigert wird. Es liegt aber die Interpretation nahe, dass Aristoteles
vielmehr auf die unterschiedliche Relevanz der Personen oder Gruppen zielt, welche die
endoxa
aufstellen. Um diese Relevanz zu klären, ist ein Blick auf Aristoteles Epistemologie
hilfreich. Es zeigt sich dabei eine ,,sympathische" Seite an Aristoteles, wenn er jedem
grundsätzlich die Fähigkeit zuspricht, etwas zur Erforschung der Wahrheit beizutragen:
,,Die Erforschung der Wahrheit ist in einer Rücksicht schwer, in einer anderen leicht. Dies
zeigt sich darin, dass niemand sie in genügender Weise erreichen, aber auch nicht ganz
verfehlen kann, sondern ein jeder etwas Richtiges über die Natur sagt, und wenn sie einzeln
genommen nichts oder nur wenig zu derselben beitragen, so ergibt sich aus der
Zusammenfassung aller ein gewisse Größe." (Zitat Met.993a30-b4)
5
Vgl. an.pr. I cap.2-8, die Deduktion wird hier nicht anders definiert als in Top. 100a 25-27
6
Zitat Höffe 1996, S.55
7
So auch in Top. 104a8-12, EN 1095a28-30 und EN 1098b26-29
8
Vgl. Barnes 1980, S. 510
4
Dies ist Aristoteles beharrliche Ansicht, dass wir Menschen einen natürlichen Zugang zur
Wahrheit haben. Und weil wir grundsätzlich in der Lage sind, zu Wissen zu gelangen, haben
unsere Meinungen einen besonderen Stellenwert in philosophischen Untersuchungen
9
.
Dieses Zitat lässt sich allerdings auch dazu verwenden, um Aristoteles in die Nähe einer
Common Sense Theorie zu stellen. Mit einer anderen Übersetzung des griechischen ta
endoxa
, kann der Stellenwert der endoxa geschmälert werden. Ausgangspunkt ist hierfür, wie
Jonathan Barnes bemerkt, die von Boethius angefertigte lateinische Übersetzung der Topik.
Boethius übersetzt das griechische Adjektiv endoxos mit probabilis, woraus sich eine
Übertragung auf ta endoxa machen lässt. Endoxa werden in diesem Falle als
,,wahrscheinliche Meinungen" oder ,,plausiblen Meinungen" aufgefasst
10
. Auf diese Weise
wird aber eine wichtige Grundbestimmung der endoxa unterschlagen. Aristoteles zielt nicht
nur auf den Inhalt eines endoxon, der in jedem Punkt anders sein kann, sondern vorwiegend
auf die Quelle, durch die eine doxa erst zu einer anerkannten Meinung wird. Eine in der
dialektischen Deduktion vorgetragenen Meinung ist abhängig von den Kriterien der
Anerkennung, die sich an den Vortragenden richten.
Das sich hierin kein originärer Ansatz einer Common Sense Theorie verbirgt wird deutlich,
wenn Aristoteles explizit die Autorität der endoxa anspricht: Mit ,,elitärer" Betonung hebt
Aristoteles hervor, dass nur die Meinungen der Weisen, der Angesehenen oder diejenigen
Meinungen als endoxa gelten können, die ein gutes Argument haben. Ein gutes Beispiel dafür
ist eine Textstelle zu Beginn der Eudemischen Ethik.
,,Ebenso brauchen auch die Meinungen der Menge nicht geprüft zu werden, denn sie sprechen
auf gut Glück über so gut wie alle Dinge, und am meisten, wenn sie darüber (die eudaimonia
d. Verf.) sprechen. Nur die Meinungen der Weisen müssen geprüft werden, denn es wäre
widersinnig, ein Argument für die beizubringen, die keines Arguments, sondern des Erleidens
bedürfen." (Zitat EE 1215a1-3)
11
Was den Weisen gegenüber der Menge in seiner Relevanz hervorhebt, ist natürlich in erster
Linie sein Wissen über ein bestimmtes Gebiet. Dieser Vorsprung des ,,Weisen" ist es gerade,
der Aristoteles dazu veranlasst seine Ansichten zu bevorzugen
12
. Und zugleich wendet sich
Aristoteles damit gegen den Vorwurf eines ,,bescheideneren Wahrheitsbegriffes". Warum
sollte die Ansicht des Weisen falsch sein, weniger Wert beinhalten, oder nur ein Ausdruck
9
Vgl. Barnes 1980, S. 506-509
10
Vgl. Barnes 1980, S. 498f
11
Die ,,des Erleidens bedürfen": gemeint sind Kinder, Kranke und geistig Verwirrte, deren Aussagen einer
Korrektur bedürfen, durch fehlendes Alter oder fehlende Gesundheit (Vgl. EE 1214b28-a3).
12
Vgl. Barnes 1980, S. 503
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