1. Einleitung
In meiner Hausarbeit möchte ich das Phänomen der sogenannten neuen Kriege besprechen. In die Diskussion eingeführt wurde es unter anderem durch Veröffentlichungen von Mary Kal- dor. Ihr Buch „Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung“ dient mir dabei als Ausgangspunkt.
Grob dargestellt kann man es als Gegenentwurf zum kulturellen Paradigma in der Betrach- tung von Krieg und Gewalt beschreiben, als Unterfangen die strukturellen Bedingungen von Krieg und Gewalt zu analysieren. Ein wesentliches Merkmal der neuen Kriege ist die Nivel- lierung der Grenzen zwischen staatlicher und privater Gewalt, zwischen Krieg und organisier- ter Kriminalität. Mary Kaldors These, die hinter dieser nach analytischer Klärung verlangen- den Entwicklung steht, ist ein grundlegender Wandel der sozialen Basis von organisierter Gewalt, den sie zurückgeführt auf ökonomische und politische Veränderungen seit Beginn der 80er Jahre.
Eine einfache Entgegnung gegen die neuen Kriege ist ein „so neu sind sie gar nicht“: Viele Muster und Verhaltensweisen sind seit Ende des 2. Weltkrieges virulent; warum also jetzt ein neues analytisches Muster erstellen, wo sich die Aufmerksamkeit, vielleicht erst durch das Ende der Blockkonfrontation, wieder auf die Konflikte in der sogenannten Dritten Welt rich- tet?
Mary Kaldor gegen solche Einwände verteidigend werde ich besprechen inwiefern die Theo- rie der neuen Kriege einen neuen Typus organisierter Gewalt beschreibt und abschließend auf die von Kaldor vorgeschlagenen Handlungsmöglichkeiten eingehen. Zur Unterstützung dieses Konzeptes möchte ich die von Georg Elwert entwickelte Theorie der Gewaltmärkte hinzu- nehmen, um die strukturellen Aspekte und ökonomischen Motivationen der neuen Kriege besser auszuleuchten.
2. Die Bedingungen der neuen Kriege
Aus der Konfrontation mit den verschiedenartigen Konfliktgebieten im postsowjetischen Raum und aus dem Vergleich mit den scheinbar andersartigen Konflikten in Asien und Afrika zur gleichen Zeit, entwickelte die Sozialwissenschaftlerin Mary Kaldor ihre Theorie der neu- en Kriege. Sie erkannte ein neues Verhaltensmuster, welches in diesen Konflikten hervortritt und welches sie als neuen Typ von organisierter Gewalt beschreibt. Trotz aller Unterschiede zwischen den Konflikten, deren ethnischen, kulturellen und historischen Hintergründen, kons-
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tatiert Mary Kaldor eine grundlegende Veränderung der sozialen Basis, in den Konflikt behaf- teten Gesellschaften, welcher sie sich mit ihrer Theorie annähert.
Die unscharfe Titulierung „neue Kriege“ benutzt Kaldor zum einen, um sich von den soge- nannten „alten“ im Sinne von Clausewitz geführten Kriegen abzugrenzen. Und zum anderen um sich von den Theorien zum Low Intensity Conflict abzugrenzen, welche auch von privati- sierten, postmodernen oder entarteten Kriegen sprechen, dabei aber nicht die von ihr ausge-
machte Dimension des sozialen Wandels berücksichtigen 1 . Im Fortgang ihres Buches ver-
wendet Kaldor die Titulierung neue Kriege ungleich seltener und spricht zunehmend von pri- vatisierter oder organisierter Gewalt, wodurch sie eine strikte Trennung von Krieg und Ge- walt unterläuft. Diese begriffliche Formulierung verweist auf das von ihr anvisierte Ziel, der Analyse der gesellschaftlichen Hintergründe. Dabei richtet sie sich vor allem auf den qualita- tiven Wandel auf der Ebene der Akteure, wie er sich in der zunehmenden Privatisierung des Krieges zeigt.
In Anlehnung an Norbert Elias „Prozeß der Zivilisation“ beschreibt Kaldor die neuen Kriege als eine Umkehrung des Zivilisationsprozesses. Die Entfernung von Gewalt aus dem alltägli- chen Leben, durch die Errichtung des staatlichen Gewaltmonopols, war für Elias ein wesentli-
ches Charakteristikum des Zivilisationsprozeß. 2 Die Auflösung der Staatsautorität über das
Gewaltmonopol wird durch verschiedene Prozesse gefördert: durch eine zu schwache Reprä- sentation der Eliten, ein fehlendes Vertrauen in den Staat seitens der Bevölkerung oder dem gezielten Unwillen, auf Seiten der jeweiligen Regierung, der Privatisierung der Gewalt entge- genzutreten. Während in den alten Kriegen der Aufbau von Staatlichkeit dazu führte, dass Gewalt mittels des verstaatlichten Gewaltmonopols zentralisiert und eingegrenzt wurde, ent- stehen die neuen Kriege in einer Situation, wo sich durch die zunehmende Privatisierung des
Krieges, neue Formen nichtstaatlicher Organisation von Gewalt herausbilden. 3
Deutlich wird dies für Kaldor vor allem in denjenigen Staaten, wo es zu einem Scheitern der vormaligen Emanzipationsbestrebungen kam. Sei es in den postkolonialen Staaten, in denen der nationale Befreiungskampf ein politisches Machtvakuum hinterließ, weil er nicht zur Ausbildung einer starken regulierenden Staatlichkeit geführt hat oder in den postsozialisti- schen Staaten, wo durch den Zusammenbruch des Sozialismus ein nicht gefülltes Machtvaku- um blieb.
1 Vgl. Kaldor 2000, S. 10.
2 Vgl. Elias 1997, S. 320.
3 Auf die Frage inwiefern die neuen Kriege nicht doch auf die Ausbildung von Staatlichkeit zielen und wie sich das Konzept von Kaldor angemessen kritisieren läßt komme ich im dritten Teil.
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Kaldor erklärt diese Prozesse durch drei wesentliche Veränderungen, an denen sie die Charak-
teristika der privatisierten Gewalt in den neuen Kriegen festmacht. Dies ist zum einen die so-
ziale Ausprägung und politische Formulierung einer konstruierten Legitimation, die Kaldor
Politik der Identität nennt. Des Weiteren führen die technischen und strategischen Verände-
rungen zu einer neuen Form der Kriegführung. Und abschließend sind es die Auswirkungen
der globalisierten Kriegswirtschaft, welche nach Mary Kaldor zu den neuen Kriegen führt. 4 Diese drei Punkte möchte ich ausführen, ehe ich im anschließenden Kapitel die Kritik an Kal-
dor aufnehmen und besprechen werde.
2.1. Die Politik der Identität
Die wachsende Zunahme kultureller Diskrepanzen zwischen globalen und ortsgebundenen
Konflikten, die Entankerung sozialer Gruppen bietet den verschiedenen Akteuren eine Fläche
zum schüren von Konflikten. Ausgehend von der Basis scheinbar traditioneller Identitäten
(Ethnos, Stamm, Religion) werden politische Machtansprüche formuliert. In dieser Hinsicht
sieht Mary Kaldor in der „Politik der Identität“ nicht mehr die Hauptursache der Akteure,
sondern nur die nachträgliche Legitimation des Handelns. Die Behauptung einander aus-
schließender Identitäten liefert dabei eine ausgezeichnete Begründung für den Selbstzweck
der Gewalt, wenn politische Identität als exkludierendes Etikett fungiert, welches die ethni-
schen, kulturellen oder religiösen Abgrenzungskriterien vorgibt.
Damit weist Kaldor eine kulturalistische Erklärung der neuen Kriege nicht zurück, sondern
führt sie vielmehr als instrumentalisiertes Kennzeichen der neuen Kriege an und macht sich
so für eine zweckrationale Erklärung der neuen Kriege stark. Sie verwendet die Begriffe „Po-
litik“ und „Identität“ nur in dem eingeschränkten Sinn, als „Politik“ für den Anspruch auf
staatliche Macht steht und „Identität“ als Basis zur Artikulation von politischen Ansprüchen
dient. Dieses Ausnutzen kultureller und ethnischer Differenzen ist insofern wirkungsvoll, als
die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe in der Regel askriptiv bestimmt wird. Um die
Besonderheit des Konstruktes der „Politik der Identität“ aufzuweisen vergleicht Kaldor dieses
mit der Propagierung einer bestimmten Ideologie. Eine solche schafft Einheit und Identität
durch die angestrebte Idee, wobei nur die gemeinsame Überzeugung zählt. Eine solche Bewe-
gung tendiert zur Integration verschiedener Gruppen unter dem Banner der Ideologie, wohin-
gegen sich die „Politik der Identität“ bereits im Vorfeld exkludierend gegen die Nichtmitglie-
der wendet und sich fragmentierend auf die Gesellschaft auswirkt.
4 Vgl. Kaldor 2000, S. 13-19.
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Die Hauptmotive, für die Entstehung der „Politik der Identität“, sieht Kaldor in zwei negati- ven Effekten der Globalisierung: Einerseits begreift sie diese als Antwort auf die abnehmende politische Integrationsfähigkeit zentralistisch oder autoritär geprägter staatlicher Strukturen. Indem die politische Klasse versucht ist, eine politische Mobilisierung mittels der „Politik der Identität“ zu erreichen. Andererseits führten Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen zu der Ausbildung von Parallelökonomien, in denen sich legale und illegale Erwerbsmethoden aus- bildeten, wobei sich gerade die illegalen Formen eine gesteigerte Legitimation durch die „Po-
litik der Identität“ erhoffen. 5
Beide Bereiche lassen sich unter dem Aspekt der Globalisierung nicht mehr genau auseinan- derhalten und sind zudem in jedem Konflikt unterschiedlich stark ausgeprägt. Als Erklä- rungsmuster für den postsowjetischen Raum führt Kaldor unter anderem den Komplex der von der sowjetischen Führung gebildeten „Titularnationen“ an. Diese bestanden zum Teil aus künstlich geschaffenen Nationen, welche als Verwaltungseinheit in der Sowjetunion ein Ga- rant für Stabilität waren. Nach dem Ende der Sowjetunion wurden sie jedoch zu einem Unru- hefaktor. Der sich in ihnen ausbreitende Nationalismus, wandte sich gegen die ehemaligen
Besatzer und entfachte überdies Konflikte in den Grenzregionen. 6
Für den postkolonialen Raum in Afrika und Asien hingegen, verwendet Kaldor stärker die Spätfolgen der Kolonisierung und die Auswirkungen neoliberaler Politik und der damit ein- hergehenden „Strukturanpassungsprogramme“, welche zu einer Schwächung der Staatlichkeit
führte. 7 Diese Punkte fasst Kaldor in einer einfachen aber treffenden Formel zusammen:
„Je größer das allgemeine Gefühl der Unsicherheit, desto größer ist die Polarisierung
der Gesellschaft, und umso weniger Raum gibt es für eine alternative, auf Integration
abzielende Politik.“ 8
Dieses „allgemeine Gefühl der Unsicherheit“ wird in den neuen Kriegen durch die „Politik der Identität“ gestärkt. Als Multiplikatoren für eine solche Unterstützung benennt Kaldor zwei
5 Vgl. Kaldor 2000, S. 124f.
6 Philipp Roeder (Roeder 1991)beschreibt in seinem Text dieses Strukturmoment der Sowjetunion und zeichnet den Weg der ethnischen Mobilisation in den Titularnationen nach. Anschaulich wird dies auch am Beispiel des
Ferghana Tals, wo seit 1991 territoriale Grenzen die drei zentralasiatischen Republiken Kirgisien, Tadschikistan
und Usbekistan teilen und vielfache Grenzkonflikte entstanden. Vgl. Lubin, Martin, Rubin 1999.
7 „In Ländern, in denen der Staat weite Teile der Wirtschaft kontrollierte und autonome Institutionen zur Markt- wirtschaft schlichtweg nicht vorhanden sind, bedeutet „strukturelle Anpassung“ oder „Übergang zur Marktwirt-
schaft“ realiter die Abwesenheit jedweder Form von Regulierung. Im Großen und ganzem führt „mehr Markt“
nicht zu neuen, eigenständigen produktiven Unternehmen, sondern vielmehr zu Korruption, Spekulation und
Verbrechen.“ Zitat: Kaldor 2000, S. 134.
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Quote paper:
M. A. Martin Hagemeier, 2003, Über Mary Kaldors These des sozialen Wandels in den neuen Kriegen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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