Phantasia bei Aristoteles -
Eine Untersuchung
über die philosophische Konzeption der phantasia bei Aristoteles
Verfasser:
Martin Hagemeier
Inhalt
Einleitung ... 3
1. Vorbemerkungen zur phantasia bei Aristoteles ... 5
1.1. Zur Übersetzung des Begriffes ... 5
1.2. Phantasia in der Tierwelt ... 8
2. Die Definition der phantasia in De Anima III, 3 ... 14
2.1. Die Einführung der phantasia ... 15
2.2. Die nominale Definition der phantasia ... 19
2.3. Die negative Bestimmung der phantasia ... 23
2.3.1. Die Nicht-Identität der phantasia mit der Wahrnehmung ... 24
2.3.2. Die Nicht-Identität der phantasia mit Wissenschaft und Vernunft ... 25
2.3.3. Die Nicht-Identität der phantasia mit der Meinung ... 26
2.3.4. Die Widerlegung des platonischen Standpunktes ... 26
2.4. Die kausale Herleitung der phantasia aus der Wahrnehmung ... 27
2.5. Der Stellenwert der realen Definition ... 32
3. Phantasia und Erinnerung ... 37
3.1. Das Denken ist auf phantasmata angewiesen (1) ... 39
3.2. Der Bildcharakter der phantasmata ... 41
4. Phantasia und Träume ... 45
4.1. Welcher Seelenteil ist für das Träumen verantwortlich? ... 46
4.2. Exkurs in die Physiologie der Wahrnehmung ... 49
4.3. Aristoteles‘ Basis der physiologischen Erklärung des Traums ... 51
4.4. Die physiologische Entstehung der Träume ... 54
4.5. Der Zentralsinn als Baustein einer Bewusstseinstheorie? ... 57
5. Phantasia und Denken ... 60
5.1. Das Denken ist auf phantasmata angewiesen (2) ... 61
6. Eine Einschätzung der phantasia bei Aristoteles ... 67
6.1. Lässt sich ein einheitliches Konzept der phantasia entwickeln? ... 68
6.2 Philosophische Auswirkungen ... 73
7. Literaturverzeichnis: ... 77
7.1. Primärliteratur und Kommentare ... 77
7.2. Sekundärliteratur ... 77
Einleitung
In dieser Magisterarbeit werde ich einen Teilaspekt der aristotelischen Seelenlehre untersuchen, die phantasia. Vor allem in dem Buch De Anima und den Schriften der Parva Naturalia wird das seelische Vermögen der phantasia verwendet, um einzelne psychologische Aspekte zu erörtern. Darunter fallen so verschiedene Bereiche wie die Entstehung von Sinnestäuschungen, die kausale Erklärung von Erinnerungen, Träumen und Halluzinationen, sowie eine Bezugnahme auf phantasia im Zusammenhang mit dem Denkvermögen und in Handlungskontexten. Auf Grund dieser ausgedehnten Anwendung der phantasia und der interessanten Position, die sie in diesen verschiedenen Kontexten einnimmt, werde ich im Folgenden eine Interpretation dieses Begriffs erarbeiten. Das Erkenntnis leitende Interesse meiner Arbeit richtet sich dabei in erster Linie auf die Bedeutung der phantasia bei Aristoteles. Ich werde dabei die These verfolgen, dass Aristoteles die phantasia in seine Untersuchungen einführt, um eine Erklärung für psychophysische Prozesse zu ermöglichen, welche nicht anhand seiner kausalen Theorie der Wahrnehmung zu erklären sind.
In zweiter Linie werde ich auch auf die Auseinandersetzung mit der phantasia in der Sekundärliteratur eingehen. Die moderne Diskussion wandte sich dem Thema phantasia zu, weil sich darin möglicherweise der Ansatz zu einer Theorie des sinnlichen Gehaltes bei Aristoteles aufspüren lässt.1 In dieser Diskussion, entstanden differenzierte Ausarbeitungen über die phantasia bei Aristoteles.2 Die verschiedenen Verwendungsweisen von phantasia legen nahe, dass sich anhand der aristotelischen Wahrnehmungstheorie und der phantasia eine repräsentationalistische Theorie formulieren lässt,3 oder dass der phantasia eine zentrale Aufgabe bei der Interpretation der Sinneswahrnehmung zugesprochen werden kann.4 Diese Interpretationen enthalten elementare Fragen, die an Aristoteles gestellt werden müssen, und sind zudem hilfreich für die Interpretation der oftmals schwierigen Texte.
Um einen ersten Einblick in die Verwendungsweise des Begriffes phantasia zu vermitteln, werde ich im ersten Kapitel zum einen auf die Übersetzung dieses Begriffes eingehen, und zum anderen Aristoteles‘ Verwendung der phantasia in Bezug auf ihr Vorkommen in der Tierwelt hervorheben.
Im zweiten Teil wird die aristotelische Definition der phantasia in De Anima III, 3 untersucht werden. In diesem Kapitel wird die phantasia in die Untersuchung der Seele eingeführt, und dort befindet sich die umfangreichste Analyse der phantasia im Corpus Aristotelicum. Sie erfährt hier zunächst eine negative Bestimmung, in Abgrenzung zu anderen Vermögen der Seele, ehe Aristoteles zu einer abschließenden Definition der phantasia gelangt.
Das dritte Kapitel geht über auf die verschiedenen Anwendungsweisen der phantasia bei Aristoteles. In ihm werde ich die Ausführungen aus De Memoria et Reminiscentia (kurz De Memoria) über die Bedeutung der phantasia für die Erinnerung aufgreifen. Daran anschließend wird das vierte Kapitel die in De Insomniis enthaltenen Aussagen über die physiologische Entstehungsweise der phantasia erörtern, welche die Ausführungen über die kausale Bestimmung der phantasia in De Anima III, 3 ergänzen. Das fünfte Kapitel wird die Beziehung zwischen der phantasia und dem Denkvermögen behandeln. Dieses Kapitel wird die aristotelische Argumentation in De Anima III, 7-8 untersuchen, in welcher von Aristoteles die These begründet wird, dass das Denken auf Vorstellungsbilder (phantasmata) angewiesen ist. Im Anschluss daran werde ich, im letzten Teil meiner Arbeit, der Frage nachgehen, inwiefern sich das aristotelische Konzept der phantasia zusammenführen lässt.
1. Vorbemerkungen zur phantasia bei Aristoteles
1.1. Zur Übersetzung des Begriffes
Der Begriff phantasia wird von Aristoteles in einem dreifachen Sinn verwendet. Er verweist entweder auf das psychophysische Vermögen der phantasia, auf die Aktivität der phantasia, oder auf das Resultat, welches sich in der Anwendung der phantasia ergibt. Dieser dreifache Sinn erschwert eine entsprechende Übersetzung in die deutsche Sprache, weil es kein Wort gibt, das zu diesem dreifachen Sinn korrespondiert5. Nahe liegend ist eine Wiedergabe mit „Phantasie“, da dieses Wort in die deutsche Sprache übernommen wurde. Entsprechender ist aber eine Übersetzung mit „Einbildungs“- oder „Vorstellungskraft“. Allerdings sind diese Übersetzungen mit sprachlichen Konnotationen besetzt, welche den Zugang zu Aristoteles verstellen. Mit Phantasie wird allgemeinhin eine im weitesten Sinne schöpferische Leistung bezeichnet. Und der Begriff der Einbildungskraft bekam von Immanuel Kant eine eigenständige Konnotation und geht über Aristoteles‘ Verständnis von phantasia hinaus.6
In der vorliegenden Arbeit werde ich daher zumeist die transliterierten Formen der griechischen Termini verwenden. Auf diese Weise soll die Eigenständigkeit der aristotelischen Begriffe erhalten, und das Problem einer interpretierenden Übersetzung vermieden werden. Falls notwendig, werden aber auch die in den zugrunde liegenden Übersetzungen gewählten Ausdrücke verwendet.7
[....]
1 Vgl. Rapp [2001], S. 63f. Ich gebe Referenzen unter Angabe von Nachname, Erscheinungsjahr und ggf. Seite an. Die Verweise auf Stellen im Corpus Aristotelicum bestehen aus einer Abkürzung des entsprechenden Werkes und der Angabe des Buches (in römischen Zahlen), des Kapitels (in arabischen Zahlen) und der Seite, Spalte und Zeile nach der Standardausgabe des griechischen Textes von Immanuel Bekker.
2 Vgl. Nussbaum [1985], Modrak [1987], Watson [1988], S. 14-37, Frede, D. [1992], Schofield [1992], Castoriadis [1994], Busche [1997], Caston [1998], Rapp [2001].
3 Vgl. z.B. Caston [1998], S. 258f. Gegen die Interpretation eines Repräsentationalismus argumentiert Weidemann [2001].
4 Dafür argumentieren z.B. Ross [1995], S. 147f und Nussbaum [1985], S. 255-261. Dieser Ansicht wird von Busche [1997] widersprochen.
5 Dorothea Frede veranschaulicht dies am Beispiel der englischen Sprache. Vgl. Frede, Dorothea [1992], S. 279f.
6 Einen Überblick über die Begriffsgeschichte geben z.B. Bundy [1927], Watson [1988] und Cocking [1991
7 Als Textgrundlage stütze ich mich auf die gängigen Übersetzungen, die in der Primärliteratur aufgeführt werden. Bei Zitaten wird selbstverständlich auf die jeweilige Übersetzung verwiesen.
Arbeit zitieren:
M. A. Martin Hagemeier, 2004, Phantasia bei Aristoteles, München, GRIN Verlag GmbH
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