Die Systemtheorie
von Niklas Luhmann
Theresia Friesinger
Hausarbeit
Luhmanns Systemtheorie
im Kontext von
Sozialer Arbeit
am Beispiel der Schulsozialarbeit
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
3
2. Biografie und wie Luhmann die Welt sieht
5
2.1 Wer war Niklas Luhmann?
5
2.2 Luhmann und der ,,blinde Fleck"
6
2.3 Luhman und der Konstruktivismus
6
3 Die Systemtheorie von Niklas Luhmann
7
3.1 Was ist ein System nach Luhmann?
7
3.2 Wo bleibt bei Luhmann der Mensch?
8
3.3 Der Mensch fliegt aus der Gesellschaft raus
9
3.4 Die Autopoiesis
11
3.5 System/Umwelt-Differenz
12
3.6 Wer und was ist Umwelt?
13
3.7 Die Anpassung von System und Umwelt
13
3.8 Die Reduktion der Komplexität
14
3.9 Luhmann stellt die Kommunikation auf den Kopf!
15
4 Luhmann's Systemtheorie und die Soziale Arbeit
18
4.1 Ist Soziale Arbeit ein Funktionssystem?
18
4.2 Was bedeutet Systemdenken konkret für die Soziale Arbeit?
20
4.3 Luhmann'sches Systemdenken anhand des nachfolgenden Beispiels
von Schulsozialarbeit
21
4.4 Ist Luhmann für die Soziale Arbeit aktuell?
22
4.5 Ist Luhmann für die Soziale Arbeit zu abstrakt?
23
4.6 Soziale Arbeit Im Systemdenken von Luhmann nur unter Hilfe zur
Selbsthilfe zu verstehen
24
4.7 Soziale Arbeit Nach Luhmann: Beobachten, reflektieren, variieren
25
5 Kritik an Niklas Luhmann
27
5.1 Die Luhmann-Habermas-Kontroverse
27
5.2 Allgemeine Kritik an Niklas Luhmann
28
5.3 Persönliche Kritik an Luhmann
29
5.4 Ausblick
31
Literaturverzeichnis 35
3
,,Man kann nicht sehen,
dass man nicht sieht, was man nicht sieht."
Niklas Luhmann
1 Einleitung
Um das komplexe Feld ,,Soziale Arbeit" transparent beschreiben zu können
benötigen wir Theorien. Der Ursprung des Begriffes ,,Theorie" stammt aus dem alt-
griechischen ,,theorein" und bedeutet nichts anderes als ,,schauen" bzw. noch
genauer formuliert: ,,erschauen." Vereinfacht ausgedrückt machen Theorien Aussa-
gen über die beobachtete Welt und sie geben gegebenenfalls auch Anleitung wie die
Welt beobachtet werden kann, mit jeweils unterschiedlichen Perspektiven der Be-
trachtungsweise, welche gerade die Vielfalt der Theorien begründen.
Es gibt viele sozialtheoretische Ansätze, die Soziale Arbeit wirklichkeitsnah be-
schreiben und erklären, jeweils mit unterschiedlichen Handlungsanweisungen und
alternativen, jedoch kann es keine kausal formulierte Theorie geben, die ganz kon-
krete Zuordnungen und Handlungsansätze für die in der Realität mannigfaltigen
Situationen beschreibt. Trotzdem haben alle Theorien ihre Berechtigung, denn
aufgrund der enormen Komplexität unserer Welt kann keine Theorie für sich den
Anspruch erheben, die ganze Welt oder das ganze Feld der Sozialen Arbeit erfassen
zu können. Am Beispiel der zum Teil diametral angelegten diversen Systemtheorien
erkennt man den Versuch das Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit aus mannigfaltigen
Winkeln zu betrachten. Es geht in den Erhebungen nicht um die Frage wer letzt-
endlich Recht hat, sondern um den Zugewinn neuer Aspekte und Möglichkeiten des
Agierens und des Handelns. Die in soziologischen Kreisen berühmte Luh-
mann/Habermas-Kontroverse (siehe Kap. 5.1) ist ein Beispiel dafür, wie unterschied-
lich Thesen und Theorien ausfallen können. Beide Theorien sind Beobachtungstheo-
rien, jedoch wird die Position des Menschen in der Gesellschaft unterschiedlich defi-
niert und gehandhabt. Ich werde in der nachfolgenden Arbeit ganz speziell die Sys-
temtheorie von Niklas Luhmann vorstellen, der nicht nur die Systeme unserer Ge-
sellschaft genau untersucht, beschrieben und beobachtet, sondern den Beobachter
selbst in das System mit eingeschlossen hat. Wenn er über die Gesellschaft schreibt,
dann ist es immer auch eine Beschreibung der Gesellschaft in der Gesellschaft
(Vergl. Luhmann 1992b, 137 ff). Luhmann wirft den anderen Theorien vor, den Be-
obachter oft außen vor zu lassen und ihn nicht in die Theorien mit einzubeziehen.
4
Während ich versucht habe den relativ hohen luhmann'schen Abstraktionsgrad zu
entschlüsseln, trotz seiner glasklaren Gedanken, habe ich mich gefragt, wie es ei-
gentlich möglich sein konnte und ist, Dinge oder Erscheinungen zu definieren und zu
beschreiben, ohne den Betrachter mit seinem ,,blinden Fleck" mit einzuschließen?
Das Anfangszitat weist genau auf diesen ,,blinden Fleck" hin. Deshalb ist auch bei
Luhmann alles anders. Er stellt Dinge ganz einfach auf den Kopf und das Ganze hat,
meinem Anschein nach, noch einen methodischen Charakter. Gewisse Passagen
und Beschreibungen z.B. das Kommunikationsmodell von Luhmann haben mich
auch amüsiert, weil ich es interessant finde, mit neuen Gedankenmustern überrascht
zu werden. Die Integration der Autopoeisis (siehe Kapitel 3.4) in das Systemdenken
einzuflechten, war für mich nicht wirklich etwas Neues, da ich die Funktion der Sys-
teme, ohne wirklich im Detail darüber philosophiert zu haben, diffus so eingeschätzt
habe, wie Niklas Luhmann sie so lebendig in seiner Systemtheorie beschreibt. Durch
das stetige Erschließen seiner operativen Systemtheorie, die für mich komplett neu
war, habe ich Niklas Luhmann nun in mein Repertoire der Wissensschätze aufge-
nommen, auf den ich nicht mehr ohne weiteres verzichten möchte. Er ist ein Mensch,
der wenn er könnte, die Ge-sellschaft zur Aufklärung nötigen würde, damit wir Zu-
sammenhänge besser verstehen lernen und entsprechend dann die Erwartungshal-
tungen präparieren. Aber er würde auch die Gentechnik dahingehend gebrauchen,
Glühwürmchen mit Äpfeln zu kreuzen, um auch nachts Äpfel pflücken zu können
(Vergl. Berghaus 2003, 15-16).
5
2. Biografie und wie Luhmann die Welt sieht
2.1 Wer war Niklas Luhmann?
Niklas Luhmann wurde am 8.12.1927 in Lüneburg geboren. Nach dem Jurastudium
hat er zehn Jahre später noch ein Soziologiestudium an der Harvard University in
den USA angehängt, dort lernte er Talcott Parsons kennen. Während Parsons das
Rekonstruktionsmodell der Systeme vertritt, geht Luhmann davon aus, dass die
Systeme real sind. So modellierte er den strukturell-funktionalen Ansatz von Parsons
in einen funktional-strukturellen Ansatz um, der nicht die Struktur des Systems in den
Vordergrund rückt, sondern er fragt nach der Funktion von internen Strukturen
(Vergl. Miller 2001, 31). 1968 wurde er Professor für Soziologie an der Universität
Bielefeld. Luhmann hat von Anfang an für seine Theorie übertragbare Begriffe aus-
gesucht, denn er wollte die einzelnen Funktionssysteme (Gesellschaft, Politik, Religi-
on, Familie, Erziehung usw.) miteinander vergleichen und in Beziehung setzen. Sein
Lebenswerk war demnach eine Theorie der Gesellschaft zu erstellen. ,,Diese Sys-
temtheorie erhebt für sich selbst den Anspruch, universell zu sein." (Luhmann 1987,
163) Universell bedeutet aber nicht, die komplette Realität widerzuspiegeln, das ist
undenkbar, sondern sie erhebt damit nur ihre Berechtigung und ihren Wahrheitsan-
spruch gegenüber anderen Theorien, weil sie versucht das ganze soziale Spektrum
zu berücksichtigen. Nach vielen Veröffentlichungen über die einzelnen Funktions-
systeme der Gesellschaft hat er noch ein Jahr vor seinem Tod am 6.11.1998 als
Krönung seines Werkes ,,Die Gesellschaft in der Gesellschaft" veröffentlicht, in der er
unsere Gesellschaft als ein Produkt der Gesellschaft beschreibt, bzw. ein Produkt
der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung und Selbstorganisation. 1988 erhielt Niklas
Luhmann den Hegelpreis der Stadt Stuttgart. Er war zeitlebens ein umstrittener
Soziologe, weil das Fundament seiner Theorie, seine Perspektive eine ganz andere,
eine völlig neue und ich würde sogar sagen, fast verspielte Perspektive, ist, die man
mit dem Kinderspiel: ,,Ich sehe was, was du nicht siehst" bezeichnen könnte. Jeder
sieht, hört, fühlt anders, jeder sieht anderes, hört anderes, fühlt anderes! Dieser
Aspekt durchzieht seine ganze Theoriekonstruktion.
6
2.2 Luhmann und der ,,blinde Fleck"
,,Ich sehe was, was Du nicht siehst", so nennt sich auch der Titel eines Aufsatzes von
Niklas Luhmann, in dem er das Beobachtungskonzept von George Spencer Brown
erläutert (Vergl. Luhmann 1990, 228-234). Die These von Brown untermauerte die
Vorstellung der Beobachtung von Luhmann, dass Beobachtungen mit zweiwertigen
Unterscheidungen operieren, wobei immer nur eine Seite bezeichnet wird und
die andere ausgeblendet bleibt. Wenn ich etwas als gut empfinde, dann unterscheide
ich das Gute von dem Bösen, oder das Schöne von dem Hässlichen. Er unterteilt
demnach den Beobachtungsprozess in ein schlichtes binäres Code-System.
Die Konsequenz daraus ist, dass die Welt die beobachtet wird, entscheidet was un-
terschieden wird. Die Pointe ist nur, dass die Unterscheidung selbst im Akt des
Unterscheidens nicht beobachtet werden kann. Diese Feststellung nennt Luhmann
den ,,blinden Fleck". Er entsteht dadurch, dass der Beobachter ,,zugleich Subjekt und
Objekt" ist (Berghaus 2004, 37). Um diesen zu beobachten bedarf es einer zweiten
Beobachtung: einer Beobachtung zweiter Ordnung. Da aber auch die Beobachtung
zweiter Ordnung den blinden Fleck in sich trägt, kann die Welt nicht objektiv betrach-
tet werden. Unterscheidungen sind mannigfaltig vorhanden und dasselbe Ding kann
auf verschiedene Weise unterschieden werden. Somit ist Erkenntnis immer subjekt-
bezogen und das Ding an sich immer ein Konstrukt der Wirklichkeit.
2.3 Luhman und der Konstruktivismus
Luhmann war schon aus dem Grunde ein Anhänger der Systemtheorie, weil für ihn
unabänderlich feststand, ,,dass Systeme real in der Wirklichkeit existieren" (Berghaus
2003, 26). Nicht nur das Gesellschaftssystem ist real, sondern auch das Bewusst-
seinssystem ist real. Bewusstseinssysteme beobachten die Gesellschaft. Der Kon-
struktivismus ist eine Kognitionstheorie, mit dem Axiom, dass es unmöglich ist, die
externe Realität in Erkenntnissen über die Welt abzubilden, sprich dass die Realität
nicht als Realität eins zu eins erfasst werden kann. Das was wir sehen oder glauben
zu sehen ist immer nur eine Konstruktion. Also sind unsere Beobachtungen Operati-
onen von psychischen und sozialen Systemen. Diesen Ansatz nennt Luhmann ,,ope-
rativer Konstruktivismus" (Luhmann 1991, 73 in Berghaus 2004, 27). Er fragt nicht
was konstruiert wird, sondern wie konstruiert wird. Wie empfinden die Beobachter die
Realität? Wir wird sie wahrgenommen? Wie nehmen sie die Welt nicht wahr? Wie
stabil ist ein System? Als Ordnungssoziologe interessieren ihn hauptsächlich die Be-
7
dingungen eines Systems. Je unabhängiger und strukturierter, bzw. ausdifferenzier-
ter ein System ist, konstatiert er, umso besser kann es funktionieren und auch auf die
Bedingungen der Umwelt eingehen! Die Frage ist, tun die Systeme das in der Reali-
tät auch wirklich? Wie weit setzen sich Systeme für Ökonomie und Umweltprobleme
ein, die ja scheinbar alle Systeme betreffen? Warum verabschiedet sich die Deut-
sche Bank von Tausenden von Mitarbeitern, obwohl sie schwarze Zahlen in Milliar-
denhöhe schreibt? Doch Luhmann setzt auf seine Beobachtungstheorie. Jede Beo-
bachtung impliziert nach Luhmann automatisch und immer eine Unterscheidung und
das ist immer eine Differenz oder ein Konstrukt. Somit outet er sich gleichzeitig als
ein radikaler Konstruktivist. Er spricht von einer System/Umwelt-Differenz. Doch be-
vor ich die System/Umwelt-Differenz näher erläutere, möchte ich vorab darstellen,
was für Luhmann ein System ist, bzw. was für ihn kein System ist.
3 Die Systemtheorie von Niklas Luhmann
3.1 Was ist ein System nach Luhmann?
Für Luhmann ist System ein interdisziplinärer Begriff, den er ganz gezielt einsetzt,
um die Komplexität der Welt zu erfassen. Außerdem lässt er sich auf alle Bereiche
der Wirklichkeit übertragen und besitzt Eigenschaften wie Strukturbildungsgesetze,
Dynamik, Operationen und Geschlossenheit. Ein System verweist immer auf ein
Ganzes und auf seine Teile. Ein Wahrnehmungsgesetz lautet: Das Ganze ist mehr
als die Summe der Teile. Es geht nicht nur um das Summieren der Teile, die dann
als Endprodukt das Ganze ergeben, sondern es handelt sich bei Luhmann um das
Zusammenwirken der Merkmale, der Eigenschaften, der einzelnen Elemente und der
das System umgebenden Umwelten. Nach Luhmann gibt es organische (biolo-
gische), soziale und psychische Systeme. Jedes System ist nach Luhmann operativ
geschlossen. Das besagt, dass Informationen nicht von außen in ein System hinein-
getragen werden, sondern die Informationen werden hauptsächlich system-intern
erzeugt. ,,Systeme bestehen nicht aus Dingen, sondern aus Operationen." (Luhmann
1984, 46 ff) ,,Nur ein System kann operieren, und nur Operationen können ein Sys-
tem produzieren." (Luhmann 1995, 27) Natürlich operiert jedes System auf seine
charakteristische Weise. Ein biologisches System lebt, soziale Systeme kommunizie-
ren und psychische Systeme operieren in Form von Wahrnehmungs-, Deutungs- und
8
Bewusstseinsschematas. Jedes System hat eine oder mehrere Umwelten ohne die
es nicht existieren kann. System und Umwelt bedingen sich. Aber nun folgt die erste
Überraschung. Nach Luhmann ist der Mensch kein System! Im ersten Moment ist
das nur schwer nachvollziehbar, doch man muss nur versuchen die luhmann'schen
Gedanken nach und nach zu antizipieren, um zu verstehen wie konsequent und lo-
gisch er seine Theorie aufgebaut hat.
3.2 Wo bleibt bei Luhmann der Mensch?
Ist er außen vor? Evtl. sogar annuliert? Nach Luhmann ist er zwar außerhalb des
Geschehens, also nicht im System, aber in der Umwelt bestplatziert!
,,Der Mensch mag für sich selbst und für Beobachter als Einheit erscheinen, aber er
ist kein System. Erst recht kann aus einer Mehrheit von Menschen kein System ge-
bildet werden" (Luhmann 1984, 67f).
Der Mensch ist nach Luhmann kein System. Auch mehrere Menschen sind kein Sys-
tem. Wäre er ein System, wäre er nach Luhmann eine Art von Trinitätssystem. Da in
der realen Welt so etwas wie ein Trinitätssystem, bestehend aus einem psychischen,
sozialen und biologischen System, was eigentlich der Mensch und nur der Mensch
ist, nicht vorkommt, hat Luhmann sinnvoll beschlossen ihn nur partiell an den auto-
poetischen Systemen teilhaben zu lassen. Der Mensch, Luhmann spricht nur von
Personen, ist nur ein Teilaspekt des jeweiligen agierenden Systems und bringt sich
nur insofern in das System ein, wie es vom System und für ihn selbst erforderlich ist.
Trotzdem behält der Mensch seine Einheit und gerade deswegen, weil er von keinem
System ganz dominiert werden kann. Würde man den Menschen als System bzw.
Trinitätssystem betrachten, müsste man strukturelle Kopplungen untereinander be-
schreiben und die anderen Systeme, gerade weil sie keine Trinität vorweisen, hätten
nicht dieselbe Ausgestaltung, Sinn, Struktur und Qualität. Dieses Geflecht - Mensch -
mit unterschiedlichen System/Umwelt-Differenzen lässt unterschiedliche Beobach-
tungen und Wahrnehmungen von Welt zu. Diese ganze Komplexität der Verhältnisse
kann nicht mit der Metapher des kommunizierenden Menschen alleine ausrei-
chend und substantiell erfasst werden. Deshalb ist es theoretisch konsequent den
Menschen in der Umwelt zu platzieren. Luhmann wird ständig vorgeworfen eine in-
humane Gesellschaftstheorie entwickelt zu haben.
,,Der Mensch ist nicht Subjekt, sondern Adjekt der Gesellschaft." (Luhmann 1992b,
139). Als Adjektive verschiedener Systemtypen leugnet Luhmann keineswegs den
0 comments