Universität Luzern
Fakultät I für römisch katholische Theologie
Dissertation zum Thema:
„Actus purus principii caritative diligentis“
Trinitarische Theologie bei Bonaventura
und ihr Ursprung bei Dionysius Pseudo-Areopagita
und Richard von St.-Victor
Verfasser:
Markus Brun
Wintersemester 2005/6
INHALT
Einleitung ... 6
A) Bonaventura im Spiegel der Forschung ... 8
I. Die Diskussion um die Eigenart eines Denkens ... 8
1. „DENKEN“ – IM SPANNUNGSFELD VON GLAUBE UND VERNUNFT ... 8
a) Ein „verlockendes Porträt des seraphischen Lehrers“: É. Gilson ... 10
b) Ein „eklektizistischer Aristoteliker“: F. Van Steenberghen ... 12
c) Bonaventuras Geschichtstheologie und Vernunftkritik: J. Ratzinger ... 15
d) Eine originale Synthese: J. F. Quinn und F. Corvino ... 18
e) Neuere Untersuchungen ... 19
2. SYSTEMATISCHE UNTERSUCHUNGEN ZUR THEOLOGIE BONAVENTURAS ... 23
a) Hierarchische Ordnung und heilsgeschichtliche Sicht: R. Guardini ... 23
b) Gottes- bzw. Trinitätslehre: Der dynamische Gottesbegriff ... 24
c) Gottes- und Schöpfungslehre ... 31
d) Trinität, Schöpfung und Erlösung verbindende Theologie im „Wort“ ... 34
3. BONAVENTURA ALS THEOLOGE DER MYSTIK ... 37
a) Mystik als Begriff, der seinen Inhalt sucht ... 37
b) Untersuchungen zur Theologie der Mystik bei Bonaventura ... 39
II. Fragestellung und thesenhafter Ausblick ... 43
1. CONTEMPLATIO: SICH SELBST GENOMMENES TRINITARISCHES DENKEN ... 44
2. THESENHAFTER AUSBLICK: GENESE EINER TRINITARISCHEN THEOLOGIE ... 47
B) Die Lehre „De Deo trino et uno“:
Das trinitarische Sein Gottes bei Bonaventura
I. Die Aufgabe und der Ort der Trinitätstheologie ... 51
1. EIN UMFASSENDES VERSTÄNDNIS VON „THEOLOGIE“ ... 51
a) Unterschiedliche Forschungsergebnisse ... 51
b) Glaube, Vernunft und Erfahrung ... 54
c) Theologie als Schrifteröffnung: Die Denk-auf-Gabe der Hl. Schrift ... 63
d) „Theologie des Wortes“: Kommunikation mit dem dreieinen Gott ... 77
2. DER ORT DER TRINITÄTSTHEOLOGIE INNERHALB DER THEOLOGIE ... 80
a) Das Verhältnis von Gotteslehre und Trinitätslehre ... 81
b) „Theo-Logie“ als Rede vom „ersten Ausgangspunkt“ ... 85
II. Die Entwicklung der Dreieinigkeitslehre ... 89
1. WERKE ALS MAGISTER: AUSGANG UND ANALYSE ... 89
a) Der Sentenzenkommentar ... 89
b) Quaestiones disputatae de Mysterio Trinitatis ... 95
c) Sermones de Trinitate ... 109
d) Breviloquium ... 134
e) Zwischenergebnis: Entwicklungsrichtung der Magisterzeit ... 153
2. WERKE ALS ORDENSGENERAL: AUFSTIEG UND SYNTHESE ... 154
a) Itinerarium mentis in Deum: Die Erkenntnis der trinitarischen Wirklichkeit im Gekreuzigten ... 155
b) Collationes in Hexaëmeron: Die Einsicht in das trinitarische Geheimnis der Welt durch das „dreifache Wort“ ... 211
3. TRINITÄTSTHEOLOGISCHE BEGRIFFLICHKEIT UND IHRE ENTWICKLUNG ... 243
a) Bonaventuras Gebrauch von Begriffen ... 243
b) Bonaventuras eigenes begriffliches Instrumentarium ... 245
c) Die Bedeutung der trinitarischen „Hervorgänge“ ... 254
d) Ergebnis: Entwicklung einer emanativen Trinitätstheologie ... 260
III. „Primum Principium“ als Klammer um Gotteslehre und Heilsgeschichte ... 263
1. DENKEN VOM ERSTEN AUSGANGSPUNKT HER ... 263
a) Herantasten an den Horizont bonaventurianischen Denkens ... 263
b) Der Begriff „principium“ im Horizont heilsgeschichtlichen Denkens ... 265
2. TRINITÄTSTHEOLOGIE ALS THEOLOGIE DES „PRIMUM PRINCIPIUM“ ... 267
a) „primum principium“ als Schema der Darstellung ... 267
b) Die vielfache Bedeutung des „primum principium“ ... 273
c) Die Zusammenfassung von Gotteslehre und Heilsgeschichte ... 286
3. DER TRINITARISCHE „RHYTHMUS“ DES „PRIMUM PRINCIPIUM“ ... 294
a) Herleitung des trinitarischen Rhythmus ... 295
b) Integrierung des trinitarischen Rhythmus in die gesamte Theologie ... 315
c) Der trinitarische Rhythmus in Christus geschaut ... 321
C) Das Denken der Dreieinigkeit bei Richard v. St.-Victor und sein Einfluss auf Bonaventura
I. Sapiential und existential gewonnene Trinitätslehre ... 330
1. BONAVENTURAS EINSCHÄTZUNG RICHARDS VON ST.-VICTOR ... 331
2. „ERKENNTNIS UND LIEBE“ – RICHARD ALS „AUTORITÄT“ ... 333
a) Von der durch „intentio“ geleiteten „ratio“ zur „contemplatio“ Gottes ... 335
b) Richards Liebesbegriff und seine Aufnahme bei Bonaventura ... 338
3. RICHARD ALS BEGRÜNDER EINER NEUEN TRADITIONSLINIE ... 346
II. Trinität als ewiges Ursprungsgeschehen der Liebe ... 350
1. DER „METAPHYSISCHE“ AUSGANGSPUNKT: DIE BETRACHTUNG DES EWIGEN ... 350
a) Die drei Seinsweisen ... 352
b) Seinsgrade und Seinsmächtigkeit ... 354
c) Der Gottesbegriff ... 355
d) Die unmitteilbaren Eigenschaften der göttlichen Natur ... 356
e) Die Fülle der Gottheit ... 358
2. DER ZENTRALE GEDANKE: DIE FÜLLE DER „MIT-LIEBE“ ... 360
a) Die Personenmehrheit in Gott ... 360
b) Die Dreizahl der Personen ... 362
3. DIE THEOLOGISCHE REFLEXION: „URSPRUNG“ ALS VERMITTLUNG VON SUBSTANZ UND PERSONEN ... 364
a) Substanz und Person ... 364
b) Qualität und Ursprung ... 365
c) Ursprungsweisen als Personalproprietäten ... 367
4. DIE ANWENDUNG AUF DIE TRADITION: ERKLÄRUNG DER GÖTTLICHEN „NAMEN“ ... 373
a) Die Namen „Vater“, „Sohn“ und „Hl. Geist“ ... 374
b) „Bild“, „Wort“ und „Gabe“ und die Trias „Macht, Weisheit, Güte“ ... 376
c) Die Bezeichnungen „ungeboren“ und „geboren“ und der Ausdruck „Figur seiner Substanz“ ... 378
5. ERGEBNIS: „URSPRUNGSBEZIEHUNGEN“ ALS SCHLÜSSEL ZUR TRINITÄTSTHEOLOGIE ... 382
6. DIE GRATWANDERUNG RICHARDS ... 385
III. Richards Aufnahme und Transformation bei Bonaventura ... 388
1. ANSÄTZE RICHARDS UND IHRE AUFNAHME BEI BONAVENTURA ... 388
a) Die Terminologie der Liebe ... 388
b) Der durchdachte Ursprung ... 390
c) Der Begriff „Person ... 393
d) Anwendungen der Unterscheidung der Personen gemäss des Ursprungs ... 396
2. BONAVENTURAS TRANSFORMATION RICHARDSCHER ANSÄTZE ... 399
a) Die Unterscheidung von schöpferischem und geschöpflichem „Sein“ („esse a se“ – „esse ab alio“) ... 399
b) „Bonum perfectum“ als ursprünglich personales Liebesein Gottes ... 402
D) Der dreieine Gott, Ursprung und Ziel der Welt: Eine trinitarische Theologie
I. Die Öffnung der Trinitätslehre auf das Gebiet der gesamten Theo-Logie ... 409
1. IN SICH STRÖMENDE LIEBE: „ACTUS PURUS PRINCIPII CARITATIVE DILIGENTIS“ ... 410
a) Die Quellfülle des Vaters: „amor gratuitus“ als „dilectio pura“ ... 411
b) Die erfüllte Gabe des Hl. Geistes: „amor debitus“ als „dilectio plena“ ... 413
c) Die integrierende Mitte des Sohnes: „amor permixtus“ als „dilectio perfecta“ ... 416
2. DER DREIEINIGE GOTT ALS SCHÖPFER, ERLÖSER UND VOLLENDER DER WELT ... 421
a) Die trinitarische Prägung von Schöpfung und Heilsgeschichte im Breviloquium: Die Betrachtung im „primum principium“ ... 421
b) Die trinitarische Ordnung der Wirklichkeit im Aufstieg des Itinerarium: Die Betrachtung „in Christus“ ... 428
c) Die trinitarische Ordnung im Glaubens-, Schrift- und Mystikverständnis des Hexaëmeron: die Betrachtung „im Hl. Geist“ ... 442
II. Die trinitarische Theologie Bonaventuras und ihre philosophischen Implikationen ... 468
1. BONAVENTURAS PHILOSOPHIEVERSTÄNDNIS IN SEINER VERSCHRÄNKUNG MIT „THEOLOGIE“ UND „MYSTIK“ ... 468
a) Die Verschränkung der Philosophie mit der Theologie ... 468
b) Die Verschränkung von „Philosophie“ und „Theologie“ mit „Mystik“ ... 469
2. DAS PHILOSOPHISCHE HAUPTPROBLEM: DIE GEFÄHRDUNG DER KOMMUNIKATION ... 470
a) Die Ausgangslage: Gott kommuniziert sich dem Menschen im „dreifachen Wort“ ... 470
b) Die Verhinderung der Kommunikation im „dreifachen Irrtum“ der „ewigen Welt“, der „Einheit des Intellekts“ und des „Fehlens von Lohn und Strafe“ ... 472
3. DIE TRINITARISCH GEPRÄGTE KOMMUNIKATION GOTTES UND DES MENSCHEN IM LICHT ... 478
a) Grundlegung einer „trinitarischen“ Erkenntnis der Schöpfung: „die drei Strahlen des Lichts“ ... 479
b) Der trinitarische Grund des dreifachen Irrtums der Philosophen: die fehlende Erkenntnis im „Urbild“ ... 489
c) Der Grund des Irrtums der Philosophen, welche die Ideen kannten: das Fehlen der heilenden Ausrichtung auf das Ziel in Glauben, Hoffnung und Liebe ... 492
4. ZUSAMMENFASSUNG: BONAVENTURAS STANDPUNKT IN PHILOSOPHISCHEN FRAGEN AUF DEM HINTERGRUND SEINER TRINITÄTSTHEOLOGIE ... 496
a) Die Antwort auf die Lehre der „Ewigkeit der Welt“: Die „Quellfülle“ des Vaters in Trinität und Schöpfung ... 497
b) Die Antwort auf die Lehre der „Einheit des Intellekts“: Die „Urbildlichkeit“ des Sohnes als Mitte der Erkenntnis ... 501
c) Die Antwort auf die Lehre der „fatalen Notwendigkeit“ und der „Ablehnung von Lohn und Strafe“: Der Hl. Geist als Gabe und die Freiheit des Willens ... 506
Rückblick – Bonaventuras trinitarische Theologie und ihr Ursprung bei Richard von St.-Victor und Dionysius ... 511
1. EMANATIVE TRINITÄTSTHEOLOGIE ALS KERN EINER TRINITARISCHEN THEOLOGIE ... 511
a) Die trinitarische „Form“ der Darstellung von Theologie ... 511
b) Kritische Anfragen: Überbetonung des Vaters – Vernachlässigung des Hl. Geistes ... 514
c) Essential-appropriative Trinitätstheologie der „circumincessio“ als Verbindung von Gottesschau und Weltanschauung ... 516
2. HISTORISCHER URSPRUNG UND THEOLOGISCHES ZIEL VON BONAVENTURAS TRINITARISCHER THEOLOGIE ... 519
a) Zwei Quellen: Dionysius und Richard von St.-Victor ... 519
b) Aufgabe und Ziel: Die Vermittlung von Gegensätzen als Vollzug der Einheit im Lebensraum der „Kirche“ ... 521
Abkürzungen, Quellen, Literaturverzeichnis ... 524
1. ABKÜRZUNGEN ... 524
2. QUELLEN UND ÜBERSETZUNGEN ... 525
a) Bonaventura von Bagnoregio und Richard von St.-Victor ... 525
b) Weitere antike und mittelalterliche Autoren ... 527
c) Varia ... 529
3. SEKUNDÄRLITERATUR ... 530
a) Bonaventura von Bagnoregio ... 530
b) Richard von St.-Victor ... 538
c) Beiträge zu anderen mittelalterlichen Autoren ... 540
d) Weitere Literatur ... 541
4. PERSONENVERZEICHNIS ... 546
Einleitung
Nachdem die kritische Edition der Werke Bonaventuras 1902 erschienen war, hatte eine breitere Anzahl Historiker, Philosophen und Theologen ein gutes Arbeitsinstrument zur Hand, das ihnen erlaubte, neue Zugänge zum Verständnis des Gesamtwerkes des Franziskanertheologen und Ordensgenerals Bonaventura von Bagnoregio zu suchen, der zwar unter den Mystikern bekannt war, in der Geschichte der systematischen Theologie aber eher ein Schattendasein geführt hatte.1 Durch die zahlreichen Untersuchungen ist es sicher gelungen, den „seraphischen Lehrer“ aus seiner spirituellen Isolation herauszuführen und seine Bedeutung für die systematische Theologie aufzuzeigen. Worin jedoch das Spezifikum des theologischen Schaffens Bonaventuras besteht, ist auch nach der Fülle von Untersuchungen, die im Laufe der Forschung des 20. Jahrhunderts seine Gedankenwelt in den Gebieten der Philosophie, Theologie und Mystik zu entschlüsseln und für die aktuelle Zeit zugänglich zu machen suchten, nicht eindeutig ersichtlich. Deshalb möchte die vorliegende Darstellung den Versuch wagen, den Kern des systematischen Zugangs zum Werk Bonaventuras aufzuzeigen und dessen theologiegeschichtliche Wurzeln deutlich zu machen. Dabei handelt es sich um die Trinitätstheologie. In ihr liegt der Kern von Bonaventuras Art und Weise zu denken, insofern er ganz und gar vom Geheimnis des dreieinen Gottes her Theologie betreiben möchte.
Ihre Berechtigung zieht diese Arbeit aus der Tatsache, dass, während die immanente Trinitätstheologie Bonaventuras, wie auch die appropriative Eigenart seines theologischen Denkens bereits ausführlich untersucht wurden2, eine systematische Untersuchung der Bedeutung der Trinitätstheologie für das Gesamtwerk Bonaventuras weitgehend3 fehlt. Wurde also in gewissem Sinne der Anfang der Trinitätslehre, d. h. ihre systematische Gewinnung, und ihr Schluss, das Ergebnis eines bis ins Kleinste hinein trinitarischen Denkens, dargelegt, so fehlt doch eine Darstellung der Mitte. Man könnte diese Mitte die „Anlage der Trinitätslehre in ihrer Verbindung mit der gesamten Theologie“ nennen, so dass diese in ihrer Kohärenz mit dem trinitarischen Urbild erkennbar wird. Diese Arbeit möchte den bonaventurianischen Entwurf der Trinitätstheologie dahingehend erhellen, dass klar wird, wie Bonaventuras Trinitätstheologie in ihren Optionen auf eine „trinitarische Theologie“ hin angelegt ist.4
A) Bonaventura im Spiegel der Forschung
I. Die Diskussion um die Eigenart eines Denkens
Hat Bonaventura von Bagnoregio eine eigene Synthese mittelalterlich-scholastischen Denkens geschaffen und wie ist diese zu verstehen? Die Frage nach der Eigenständigkeit und damit auch der Eigenart von Bonaventuras Denken, die sich im historischen Kontext der Wiederbelebung der Scholastik in der Wende zum 20. Jahrhundert in erster Linie als Frage nach der Bestimmung des Verhältnisses von Bonaventura, des doctor seraphicus, und Thomas von Aquin, des doctor angelicus stellte, hat sich im Laufe der Forschung des 20. Jahrhunderts stark nuanciert, sie ist jedoch deren Vorzeichen geblieben und hat gleichsam das Spannungsfeld einer breiten Diskussion eröffnet.5 Ist Bonaventuras Denken eine eigentliche christliche Philosophie, die er der aufkommenden, sich verselbständigenden Vernunftphilosophie des Aristoteles entgegenstellen wollte? Wie sind die Eigenheiten seiner Theologie zu verstehen, was ist der Verstehensschlüssel, der seinen spürbaren Systemwillen erklären kann und gleichzeitig die zum Teil unschlüssig erscheinenden Entscheidungen über Theozentrik oder Christozentrik, Erlösung als Satisfaktion oder Neuschöpfung etc. verständlich macht? Und schliesslich: Welche Bedeutung hat die eigenartige Existenzbezogenheit seines Gesamtwerkes, die seine spekulativen Schriften immer auch das geistliche Leben betreffend erscheinen lassen und seine Spiritualität und Mystik manchmal über das von der Sache her erforderte Mass hinaus dermassen spekulativ durchdacht machen? Diesem Spannungsfeld, das sich aus Fragen nach der Philosophie, Theologie und theologischen Mystik ergibt, soll im Folgenden anhand der wichtigsten Untersuchungen nachgegangen werden.
1. „Denken“ – im Spannungsfeld von Glaube und Vernunft
Etienne Gilsons These von der „Philosophie des heiligen Bonaventura“ als einer in ihrer Art einzigartigen philosophischen Synthese mittelalterlichen Denkens6 wird von Ferdinand Van Steenberghen7, der in der umfassenden Rezeption von Aristoteles, wie sie Thomas von Aquin realisiert hat, den Höhepunkt der Lehrentwicklung des 13. Jahrhunderts erblickt, energisch abgelehnt. Die Weite des Diskussionsfeldes, das damit angezeigt ist, wird erst bewusst, wenn diese Kontroverse inhaltlich betrachtet wird. Von einem philosophiehistorischen Standpunkt aus gesehen meint Andreas Speer, die Kontroverse zwischen Gilson und Van Steenberghen als eine Diskussion um das Aufeinandertreffen von „Augustinismus“ und „Aristotelismus“ umschreiben zu können. Da diese Schematisierung die geistesgeschichtliche Entwicklung einer so bewegten Zeit wie jener Bonaventuras jedoch keineswegs ganz erfassen kann, hält Speer diese Diskussion für müssig.8 Positiver wird die Kontroverse von Dieter Hattrup bewertet, der sie gleichzeitig für „sinnvoll und unentscheidbar“9 hält, da er sie dahingehend „auf den Punkt“ bringen kann, dass er in ihr das wohl weiteste, nie zur Genüge auslotbare Verhältnis von Glaube und Vernunft angesprochen sieht; Glaube und Vernunft, die in ihrem Unterschied – man könnte sagen in der Dialektik von geglaubter Vernunft und vernünftigem Glauben – gegenseitig aufeinander angewiesen sind, vorausgesetzt freilich, dass sich Vernunft wie Glaube nicht als absolut betrachten, sondern sich als Gabe und Aufgabe selbst reflektieren. 10
[....]
1 Die Werke Bonaventuras werden nach dieser bis heute einzigen zuverlässigen kritischen Gesamtedition zitiert: OPERA OMNIA, ed. studio et cura PP. Collegii S. Bonaventurae (Quaracchi), Florenz 1882-1902, vol. I-X.
- Zur Geschichte der Edition: M. KÖCK, Quaracchi – Der franziskanische Beitrag zur Erforschung des Mittelalters, in: E. Coreth u. a. (Hg.), Christliche Philosophie im kath. Denken des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 2: Rückgriff auf das scholastische Erbe, Graz-Wien-Köln, 1988, 390-396; W. KLUXEN, Die geschichtliche Erforschung der mittelalterlichen Philosophie und die Neuscholastik, in: Coreth, l. c., 362-389, hier 365-366.
- Zum wissenschaftlichen Stellenwert: cf. J. HAMESSE (Evaluation critique des éditions de Quaracchi-Grottaferrata. À propos des Opera omnia de saint Bonaventure, in: Editori di Quaracchi 100 anni dopo, A. Cacciotti, B. Faes de Mottoni [Ed.] Roma 1997, 41-58). Sie kritisiert die Entscheidung „de privilégier le sens du texte plutôt que sa forme“, was die Editoren dazu geführt habe, „à corriger eux-mêmes le sens de certains passages ... en vertu des connaissances philosophiques ou théologiques...qui leur était familière“ (43-44). Weiter beanstandet wird die eigenmächtige Einfügung der Titel und die Korrektur von nicht genauen Zitaten (46). - Zur Authentizität der unter Bonaventura aufgeführten Werke ist unbedingt beizuziehen: B. DISTELBRINK, Bonaventurae scripta, authentica dubia vel spuria critice recensita, Roma 1975; I. BRADY, The Edition of the "Opera Omnia" of St. Bonaventure, in AFH 70 (1977), 352-376. Neuerdings umstritten ist „De reductione artium ad theologiam“ (D. HATTRUP Ekstatik der Geschichte, Paderborn 1993, 126-171; id., Bonaventura zwischen Mystik und Mystifikation. Wer ist der Autor von De Reductione?, in: ThGl 87 (1997), 541-562). Die bedenkenswerte These Hattrups wurde bisher nicht gross diskutiert. P.MARANESI (CFr 64 (1994), 417-421) weist in seiner Rezension der Habilitationsschrift die inhaltlichen Argumente des Autors relativierend u. a. auf die geistige Nähe von „De reductione“ zum „Itinerarium“ Bonaventuras hin: „in ambedue le opere esiste la medesima dinamica e lo stesso tono sereno nei confronti del conoscere e dei suoi processi astrattivi“ (420).
- Eine neue Ausgabe des Gesamtwerkes Bonaventuras mit italienischer Übersetzung, die den Text grundsätzlich unter Berücksichtigung der neueren Forschungsergebnisse der Quaracchiedition entnimmt, ist noch unabgeschlossen: OPERE DI SAN BONAVENTURA, Conferenza Italiana Ministri Provinciali O. F. M. Città Nuova Editrice, edizione latino-italiano a cura di J. G. BOUGEROL, C. Del Zotto e Leonardo Sileo, Roma 1990- (= Opere).
2 Von A. STOHR (Die Trinitätslehre des hl. Bonaventura, Münster, 1923) bis K. OBENAUER, (Summa Actualitas. Zum Verhältnis von Einheit und Verschiedenheit in der Dreieinigkeitslehre des heiligen Bonaventura, Frankfurt a. M. u. a. 1996) und von T. SZABO (De ss. Trinitate in creaturis refulgente. Doctrina s. Bonaventurae, Romae 1955) bis H. HEINZ (Trinitarische Begegnungen bei Bonaventura. Fruchtbarkeit einer appropriativen Trinitätstheologie, Münster 1985).
3 Unter historischem Gesichtspunkt hat dies O. GONZÁLEZ gemacht. Sein Ergebnis, dass Bonaventuras Trinitätstheologie hauptsächlich von Dionysius Ps.-Areopagita her zu verstehen ist, wird gerade durch die mehr systematische Perspektive der vorliegenden Untersuchung korrekturbedürftig erscheinen. – Unter der aktualisierten Perspektive der Religionsphilosophie hat die Bedeutung der Trinitätstheologie im Werk Bonaventuras Klaus HEMMERLE herausgearbeitet. (Theologie als Nachfolge, Bonaventura - ein Weg für heute, Freiburg 1975).
4 In unserer Zeit hat dies Gisbert GRESHAKE gemacht, der damit mindestens einen Vorgänger in der westlichen Theologie hat. Cf. G. GRESHAKE, Der dreieine Gott. Eine trinitarische Theologie, Freiburg – Basel – Wien 1997.
5 Der Franziskaner L. LEMMENS, Verfasser der Bonaventura-Biographie „Der hl. Bonaventura“ [Kempten –München 1909], meint nachdem er das „innige Verhältnis zwischen den beiden heiligen Freunden Bonaventura und Thomas“ (l. c., 58) hervorgehoben hat: „Es sind philosophische Fragen, in denen beide voneinander abweichen. In der Hauptsache stimmen sie überein. Beide lehren die doctrina communis, die manchmal in verschiedener Weise erklärt und erweitert wird. Nur mit Vorbehalt kann man sie als Häupter zweier verschiedener theologischen Schulen bezeichnen.“ (82). Diese versöhnliche Einschätzung teilen auch die Editoren der Gesamtedition der Werke Bonaventuras von Quaracchi (X, 31-33).
6 É. GILSON, La Philosophie de Saint Bonaventure, Paris 11924 (in der Folge zitiert nach der zweiten deutschen Auflage: Die Philosophie des hl. Bonaventura, Köln-Olten 21960). Von dem Zeitpunkt an, da Bonaventura seine akademische Laufbahn aufgeben musste und Ordensgeneral wurde, „erscheint uns das Denken des heiligen Bonaventura als ein auf der ganzen Linie einsetzendes Streben nach einer neuen Synthese, in der alle philosophischen und religiösen Werte, die er erfahren hatte, Platz finden sollten: angefangen von der schlichtesten Glaubensform schreitet er durch die Philosophie, dann durch die Theologie und steigt Stufe um Stufe höher, ohne eine einzige Stufe unrechtmässigerweise zu missachten, aber auch ohne einer einzigen einen ihr nicht gebührenden Platz zu gestatten, bis zu den Höhen des mystischen Lebens, wozu Franziskus ihn eingeladen hatte.“ (55).
7 „Bref, si l’on essaie de situer l’oeuvre respective des deux grands docteurs dans l’histoire du mouvement scientifique, c’est à dire dans l’histoire de la philosophie et la théologie, on est en présence de deux phases successives, et non de formes parallèles, de la pensée chrétienne au XIIIe siècle; aux yeux de l’historien, la seconde comporte une certaine critique de la première. Les éditeurs franciscains de Quaracchi ont eu raison, sur ce point, contre de plus récents interprètes du Docteur Séraphique.“ (F. Van STEENBERGHEN, La Philosophie au XIIIe siècle [Deuxième édition mise à jour], Louvain 1991, 477-478)
8 A. SPEER, Triplex Veritas. Wahrheitsverständnis und philosophische Denkform Bonaventuras, Franziskanische Forschungen 32, Werl/Westfalen 1987, 25-26. Seiner Ansicht nach steht Bonaventura in der „Auseinandersetzung mit dem aristotelischen Wissenschaftsanspruch“, der ihm eine zweifache Aufgabe als Professor und Ordensgeneral eintrug: „die unwiderruflich verselbständigten Erkenntnisperspektiven der ursprünglich weitgehend einheitlichen Weltsicht in einer neu zu erringenden Synthese wieder zusammenzuführen“ und „die grundsätzliche Sicherung einer Form wissenschaftlicher Intellektualität als legitimer und notwendiger Ausdrucksform franziskanischer Spiritualität“ herzustellen. (35-36).
9 D. HATTRUP gibt eine ausführliche Darstellung der Kontroverse (Ekstatik der Geschichte, 53- 78; hier: 67). Er spricht von einem „sinnvollen und produktiven Streit“ (70), der den Rahmen des Bonaventura-Bildes bestimmt hat: „Alle anderen Historiker, Philosophen und Theologen haben mehr oder weniger grosse Details in dieses Bild eingetragen, ohne doch seinen Rahmen zu vergrössern, geschweige denn ihn zu wechseln oder an einem neuen Bild zu malen.“ (53).
10 So kann HATTRUP die „Tiefenstruktur“ der unentscheidbaren Diskussion zwischen Gilson und Van Steenberghen als je andere Entscheidung über das Verhältnis von Glaube und Vernunft, Theologie und Philosophie in Bonaventuras Denken beschreiben: „Denn die Vernunft kann nicht von sich selbst mit vernünftigen Mitteln nachweisen, dass sie nicht gegeben ist; und die geschichtlichen Gaben können von sich nicht mit geschichtlichen Mitteln zeigen, dass nicht eine Vorgabe schon bei jeder Gabe vorhanden sein muss, die von unhintergehbarer Substanz ist, die also nicht von einem andern kommt, sondern von jeher in sich selbst steht.“(l. c., 71).
Quote paper:
Dr. theol. Markus Brun, 2005, "Actus purus principii caritative diligentis" - Trinitarische Theologie bei Bonaventura und ihr Ursprung bei Dionysius Pseudo-Areopagita und Richard von St.-Victor, Munich, GRIN Publishing GmbH
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