Freie Universität Berlin
Institut für Theaterwissenschaft
Seminar für Filmwissenschaft
Hausarbeit zum HS: Der Essayfilm
SS 2004
Über das Essayistische in Bill Violas HATSU-YUME.
Autorin: Andrea Wildt
Über das Essayistische in Bill Violas
HATSU
-
YUME
. Autorin: Andrea Wildt
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2
2. Analyse von
HATSU
-
YUME
(First Dream)
2.1. Inhalt und Handlung
3 4
2.2. Kameraposition, -einstellung, -bewegung
4 6
2.3. Bildgeschwindigkeit
6
2.4. Licht
6 - 7
2.5. Ton
7
2.6. Montage
7 - 8
3. Merkmale eines Essayfilms
9
3.1. Der subjektive Blick
9 13
3.2. Selbstreflexivität und die Selbstreferentialität
13 16
3.3. Intertextualität und Intermedialität
16 17
4. Schlusswort
17 20
5. Literaturverzeichnis
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Über das Essayistische in Bill Violas
HATSU
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YUME
. Autorin: Andrea Wildt
2
1. Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit hat sich zur Aufgabe gestellt, das Essayistische in
den Arbeiten Bill Violas zu untersuchen. Zu Beginn soll mittels einer Analyse des
Videos
HATSU
-
YUME
( First Dream ) aus dem Jahre 1981 die formalen Mittel dieses
Werkes herausgearbeitet werden, um sodann anhand der von Christina Scherer
bestimmten Merkmale eines Essayfilmes zu prüfen, welche ihrer erarbeiteten Punkte
auch bei Violas Werken eine Rolle spielen sowie auf eventuelle Unterschiede
verweisen. Dabei werden folgende wesentliche Kennzeichen eines Essayfilms diskutiert
werden: die Thematisierung und Inszenierung von subjektiver Sicht, die
Selbstreferentialität und -reflexivität, sowie die Mittel der Intertextualität und
Intermedialität und ihre Wirkungen auf den Rezipienten und den Film. Es werden nicht
alle der angeführten Kennzeichen des Essayfilms in nur dem einen Werk Violas zu
finden sein, daher wird an gegebener Stelle auch auf andere seiner Videoarbeiten Bezug
genommen werden.
1
Als zusätzliche theoretische Basis zum Essay wird mir für diese Hausarbeit der
Text von Theodor W. Adorno "Der Essay als Form"
2
dienen, denn der Begriff
Essayfilm entstand aus einer Transformation des Wortes aus der Literatur auf den Film,
wobei, trotz genreunterschiedlichen Dominanzen der vermittelnden Medien, von einer
Übereinstimmung spezifischer Merkmale des literarischen und des filmischen Essays
ausgegangen wird.
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Die im filmwissenschaftlichem Diskurs diskutierte Problematik der
Gattungsdefinitionen des Genres Essayfilm wird in dieser Arbeit größtenteils
unbeachtet gelassen. Nur zu gegebenen Anlässen wird in Form von Randbemerkungen
auf bestimmte Diskurse aufmerksam gemacht. Am Ende der Erörterung dieser Kriterien
wird noch auf die besondere Stellung Violas als eben kein Filmemacher, sondern
Künstler und sein bevorzugtes Medium das Video einzugehen sein.
1
Als Videomaterial sind mir folgende Arbeiten von Viola zugänglich:
I DO NOT KNOW WHAT IT IS I AM
LIKE
. 1986.
THE PASSING
. 1991.
THE REFLECTING POOL
. 1977-79.
ANCIENT OF DAYS
. 1979-81.
CHOTT EL
-
DJERID
(
A PORTRAIT IN LIGHT AND HEAT
). 1979.
2
Theodor W. Adorno: Der Essay als Form. In: Ebd.: Noten zur Literatur. 1981, S.9-33.
3
Christina Scherer: Ivens, Marker, Godard, Jarman. Erinnerung im Essayfilm. 2001, S.21.
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. Autorin: Andrea Wildt
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2.
Analyse von
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( First Dream )
2.1.
Inhalt und Handlung
Das Geschehen in
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kann zur Übersicht grob in fünf
Themenkomplexe unterteilt werden. Das Video beginnt mit Bildern aus der Natur, dem
folgt ein thematischer Bruch zu Bildern eines Hafen- und Schiffbetriebes, darauf
schließt ein Einschub von mehreren Einstellungen schwimmender Kerzen an. Danach,
um den zweiten inhaltlichen Bruch zwischen den Themenkomplexen zu vollziehen,
sieht man Bilder einer asiatischen Großstadt (Tokio). Am Ende des Videos kehren die
Bilder zum Anfangsthema der Natur zurück, indem lebende Fische und ein Mensch im
nächtlichen Wald gezeigt werden. Der bildliche Inhalt von
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YUME
bewegt sich
demzufolge zwischen den Polen Natur, Industrie und Grosstadt und den damit
verbundenen Assoziationen, wobei keines der Themen die anderen überwiegt.
4
Diese
von mir benannten Themenkomplexe werden sporadisch von kurzen Einschüben aus
anderen Themenbereichen unterbrochen. So werden beispielsweise im ersten
Bilderkomplex für einen Moment Bilder einer am Wasser liegenden Stadt
zwischenmontiert oder im Grosstadtkomplex kurz das Bild eines in den nächtlichen
Wald gehenden Mannes. Dadurch verbinden sich die sonst klar voneinander getrennten
Bereiche und geben einen kurzen Vorausblick auf Bevorstehendes. Innerhalb der
einzelnen Motive werden mehrere, meist zwei, Unterthematiken miteinander
verhandelt. So mischen sich in den ersten Komplex der Naturbilder Darstellungen von
Menschen in der Natur. Anfangs wird die Landschaft noch allein und rein gezeigt, aber
später drängen sie sich in ihre Einsamkeit, mal spazierend, arbeitend oder betend, aber
immer in Harmonie mit ihrer Umgebung und im Hintergrund der Szenerie. Das
dominierende Motiv des ersten Themenkomplexes bleibt aber die Natur.
Im zweiten Teil bilden die Arbeit der Fischer auf den Schiffen und die gezeigten
toten Fische die beiden thematischen Pole. Was die Anzahl der Bilder betrifft besteht
zwischen ihnen eine ungefähre Ausgeglichenheit, in der emotionalen Wirkung aber
dominieren die Bilder der toten und sterbenden Fische und lassen die schwere Arbeit
der Fischer in den Hintergrund treten.
Der Bilderkomplex zwischen Hafen- und Grosstadt, die schwimmenden Kerzen,
ist ohne Einschübe gestaltet.
4
"Er ( Der Essay ) koordiniert die Elemente, anstatt sie zu subordinieren." Adorno, S.31.
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. Autorin: Andrea Wildt
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Im Großstadtkomplex verschwinden die Menschen und der Verkehr der Stadt
hinter Licht- und Wasserreflexionen. Sie werden zu Statisten in ihrer eigenen
Umgebung. Die Dominanz der Bilder liegt hier eindeutig bei den Licht- und
Wasserexperimenten. Die Rückkehr zum Anfangsmotiv der Natur wird im langsamen
Übergang von Wasserspiegelungen an einer Autoscheibe zu Wasserspiegelungen eines
Fischteiches vollzogen. Darauf erfolgt nochmals ein kurzes Intermezzo der
Stadtszenerie. Ein Mann holt sich Nachschub am Zigarettenautomaten, dabei wird das
Anzünden der ersten Zigarette zu einem Tanz des Feuers inszeniert. Der letzte Komplex
zeigt in zwei Einstellungen wie eine Lichtquelle sich den Weg durch den nächtlichen
Wald bahnt. Zuerst weist das Licht dem Zuschauer den Weg und später schaut er dem
Licht von weiten zu, wie es aus dem Bild verschwindet.
In
HATSU
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YUME
wird keine Geschichte erzählt, in dem Sinne nicht, dass es weder
wiederkehrende Protagonisten, noch die Entwicklung eines kausalen Geschehens gibt.
Es handelt sich bei den gezeigten Bildern eher um Beobachtungen von Menschen und
Landschaften, die gewiss auch auf einer anderen Eben ihre Geschichten vermitteln. Dies
erreicht, dass der Zuschauer sich selbst eine Geschichte aus den vorhandenen
Bildmaterial konstruieren muss, was ganz im Sinne des Autors steht:
"I´m interested in perceiving people from an outside point of view. Being unem-
cumbered by a plot, you´re allowed to have your own individualized relationship
with them. The emotions they´re going through become yours as well."
5
Aber dennoch sind die Bilder nicht beliebig zusammengesetzt, sondern folgen
einer bedeutsamen Absicht des Autors, die in ihrer Ganzheit eine Vielzahl an
unabschließbaren Deutungen eröffnen, ein weiteres Merkmal des Essays.
6
2.2.
Kameraposition, Kameraeinstellung, Kamerabewegung
Die Position der Kamera verhält sich in fast allen Einstellungen "neutral" zu
ihrem Gegenstand. Mit neutral ist vor allem gemeint, dass Viola sich beim Filmen auf
die Höhe seiner Gegenstände begibt und nicht die Kamera die Position des Menschen
einnehmen lässt. So ist denn auch die frontale Stellung zum Objekt die am häufigsten
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Ellen Wolff: Digital Cathedral. www.billviola.com 31.10.2004.
6
Scherer, S.379 und Adorno S.20.
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. Autorin: Andrea Wildt
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benutzte.
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Die Stein-Szene kann dabei als Beispiel dienen. Dort wird ein erst immens
erscheinender Stein frontal, sprich die Kamera befindet sich ungefähr in der Mitte seiner
Höhe, aufgezeichnet. Erst das spätere Dazukommen von Personen setzt ihn in ein
Verhältnis zum Menschen.
Die Kameraeinstellungen zeichnen sich da schon durch mehr Vielfalt aus. Sie
gehen von Nahaufnahmen bis hin zu extremen long shots. Viola setzt in
HATSU
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YUME
diverse Zooms ein, ansonsten bleibt der Bildausschnitt innerhalb einer Einstellung meist
gleich. Abgesehen von einem, handelt es sich bei allen Zooms in
HATSU
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YUME
um
einen Wechsel der Einstellungsgröße von einer Nahaufnahme zum long shot. Die
Kamera ist dem Objekt am Beginn nahe, um es erst danach in seiner Umgebung
abzubilden.
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Eine Ausnahme zu dieser Feststellung bilden die Anfangsbilder der
Großstadtsequenz, denn hier wechselt Viola die Kameraeinstellungen ständig, was,
gekoppelt mit einer schnellen und richtungswechselnden Kamerabewegung für
Unkenntlichkeiten beim Rezipienten sorgt.
Es gibt in
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mehrere ausgedehnte Drehungen der Kamera um ihre
eigene Achse, in denen sich die Kameraeinstellung weder in der Größe, noch in ihrer
Position verändert. Viola setzt diese Bewegung der Kamera in
HATSU
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YUME
nur bei
Landschaftsaufnahmen ein, welche alle drei kurz aufeinander folgen. Dabei zeigt die
erste Einstellung einen in Nebel getauchten Wald, die zweite eine Ackerlandschaft mit
einer Bergkette im Hintergrund und die dritte Einstellung präsentiert einen Wald von
Bambusbäumen. Der ersten Waldaufnahme per Drehung um die eigene Achse sind
mehrere, durch Schnitte getrennte Standbilder
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des selben Waldes vorgeschaltet. Die
darauf folgende Feldlandschaft beginnt mit der bewegten Einstellung und erst
anschließend werden die Standbilder derselben Landschaft montiert. Die Montage der
letzten Landschaftsaufnahme erfolgt dann wieder wie bei der ersten, erst die
Standbilder, dann die Kameradrehung. Alle drei Bildkomplexe haben verschiedene
Kameraeinstellung. Der Wald wurde halbnah, die Bambusstämme nah und die
Feldlandschaft aus der Ferne aufgenommen. Die Standbilder geben die Wirklichkeit nur
ausschnitthaft wieder, sie verweigern den sie umgebenen Raum zu offenbaren, er bleibt
der Phantasie des Rezipienten überlassen, wohingegen die Drehung der Kamera um ihre
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Nur in wenigen Einstellungen wurde aus dem beobachtenden Standpunkt heraus, von oben,
aufgezeichnet.
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Dabei ist es natürlich wichtig jeweils die vorhergehende Einstellung zu beachten, denn das Objekt kann
dort schon mit seiner Umgebung eingeführt worden sein, was aber in HATSUYUME nur in einer
Einstellung der Fall ist.
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Standbild meint hier kein eingeblendetes Foto, sondern eine Einstellung ohne Kamerabewegung.
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