Michel Foucault: Der Wille zum Wissen:
Recht über den Tod und Macht zum Leben (Kapitel 5)
von Diana Wieser
Inhalt
1. Das Recht über Leben
und Tod in der Geschichte
2. Konstitution der Bio-Macht:
Disziplinen des Körpers
und Bevölkerungsregulierung
· Disziplinen des Körpers
· Bevölkerungsregulierung
3. Das Sexualitätsdispositiv
· Kapitalismus
· Bio-Geschichte
· Bio-Politik
· Normalisierungsgesellschaft
· Sexualität
4. Paradoxa der Bio-Macht
· Rassismus
· Nazismus
· Atommacht
5. Literatur
1 Das Recht über Leben und Tod in der Geschichte
Im letzten Kapitel seines Werkes "Der Wille zum Wissen: Sexualität und Wahrheit" (1976) nähert sich Michel Foucault dem Recht über den Tod und der Macht zum Leben zunächst historisch, indem er darstellt, wie die moderne Bio-Macht aus der absoluten souveränen Macht, dem Recht über den Tod, hervorgegangen ist.
Es ist anzumerken, dass hier der Machtbegriff grundlegend der klassischen Definition nach Max Weber entspricht, in der Macht als die Chance, in sozialen Beziehungen den eigenen Willen auch gegen Widerstrebungen durchzusetzen, verstanden wird. Foucault teilt Webers Auffassung, die Macht sei asymmetrisch verteilt; d.h. Einzelne haben eine Kontrollmacht, die sie befähigt, die Ziele einer unterdrückten Mehrheit zu beeinflussen. Macht ist also niemals ein auf Kooperation und Konsens beruhendes Merkmal sozialer Interaktionen, sondern wird a priori als Unterdrückung einer Mehrheit durch eine privilegierte Minderheit eingeführt. Für Foucaults Werk ist der Grundgedanke einer juridisch negativen Macht entscheidend, die durch Verbot, Zensur und Unterdrückung ihren repressiven Charakter erlangt.
Ich möchte zunächst in einigen Zitaten die Definition von Macht, die der Autor in "Der Wille zum Wissen" vorlegt, skizzieren, wenngleich der Autor betont, es könne keine Definition von Macht, sondern nur deren Analyse geben.
Unter Macht ist zunächst zu verstehen:
[…] die Vielfältigkeit von Kraftverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kraftverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten - oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftliche Hegemonien verkörpern.
Die Möglichkeitsbedingung der Macht oder zumindest der Gesichtspunkt, der ihr Wirken bis in die `periphersten´ Verzweigungen erkennbar macht und in ihren Mechanismen ein Erkenntnisraster für das gesellschaftliche Feld liefert, liegt […] in dem bebenden Sockel der Kraftverhältnisse, die durch ihre Ungleichheit unablässig Machtzustände erzeugen, die immer lokal und instabil sind. Allgegenwart der Macht: […] weil sie sich in jedem Augenblick und an jedem Punkt - oder vielmehr in jeder Beziehung zwischen Punkt und Punkt - erzeugt. Nicht weil sie alles umfasst, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall […]
Die Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt. (1976 a:113-114)
Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.
(1976 a: 115)
Für Foucault hat Macht keine Substanz, sondern wird als eine Kraft begriffen, die durch die Subjekte wirkt beziehungsweise Effekte in der Gesellschaft bewirkt. Bis zum 18. Jahrhundert hatte sich der Begriff Macht im Sinne einer Erzwingungschance auf den Staat bezogen (Machiavelli, Hobbes, Kant). Foucault aber sieht den Staat nur als einen Punkt im Netz der Machtbeziehungen, nicht aber als Quelle der Macht, denn diese hat für ihn keine Lokalisation, sondern konstituiert sich in Form eines komplexen Netzes von Strategien und Taktiken in der Multiplikation von Einzelstrategien. Bei Foucault ist die Macht ohne Äußeres völlig abstrakt, weshalb seine Ausführungen nur mit Mühe nachvollzogen werden können. In Form zahlreicher Beispiele werden die Thesen des Autors zunehmend transparenter.
[...]
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Diana Wieser, 1998, Michel Foucault: Der Wille zum Wissen: Recht über den Tod und Macht zum Leben (Kapitel 5), Munich, GRIN Publishing GmbH
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