Inhaltsverzeichnis:
I Funktionale Ausprägungen weiblich beeinflußter Kultur 3
1. Kulturelle Relevanz von Frauen auf der Basis des Rezipierens und
Sendens von Schrifttexten 3
2. Kulturelle Relevanz von Frauen auf der Basis des Lesens und
Schreibens von Schrifttexten 4
II - Ausprägungen weiblich beeinflußter Kultur 7
1. Künstlerisches Wirken von Frauen auf der Basis des Gestaltens von
Schrifttexten 7
2. Autonomes Wirken von Frauen auf der Basis des Benutzens von
Schrifttexten 9
3. Schriftstellerisches Wirken von Frauen auf der Basis des Verfassens
von Schrifttexten 10
Anmerkungen 13
Quellenverzeichnis 16
Literaturverzeichnis 17
1
Bereits im Frühmittelalter stellt eine von Frauen praktizierte Schriftlichkeit keine Ausnahme, sondern vielmehr eine Selbstverständlichkeit dar. Mehr als ihnen bisher von der (älteren) Forschung vielleicht zugestanden wurde, traten Frauen als Rezipierende, Sendende, Lesende, Schreibende, Gestaltende, Benutzende und Verfassende von Schriftstücken in der frühmittelalterlichen Gesellschaft in Erscheinung.
Ausgehend von einem anhand zweier Quellen 1 dokumentierten Briefwechsel zwischen Bonifatius (Winfried; 672/675 - 05.06.754) und Eadburg, Äbtissin des Kenter Marienklosters "Beata Dei Genetrix Maria" (gestorben ca. 751) 2 , der vermutlich den Jahren 735/736 entstammt 3 , soll im folgenden die Bedeutung von Frauen als Trägerinnen frühmittelalterlicher Kultur, dabei besonders der Schriftkultur, aufgezeigt werden. Während die Quellengrundlage direkte Hinweise auf die Tätigkeiten von Frauen als Rezipientinnen und Senderinnen, Leserinnen und Schreiberinnen sowie Gestalterinnen von Texten geben kann, läßt sich die tatsächliche Benutzung von Schriftstücken durch Frauen sowie weibliche Verfasserschaft immerhin mittelbar erschließen. Dabei soll der Beitrag von Frauen zur frühmittelalterlichen Kultur am dafür wohl maßgeblichsten Bereich, der Schriftlichkeit, aufgezeigt, in ihren funktionalen und ihren intellektuell-kreativen Ausprägungen unterschieden und sowohl in rein methodisch-quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht untersucht werden. Ferner sollen die hierbei angestellten Beobachtungen vor dem Hintergrund der jeweiligen sozialen Stellung der Frau gesehen und im Verhältnis zu den Leistungen männlicher Gelehrter bewertet werden.
Ziel dieser Arbeit ist es, den bislang vielleicht unterbewerteten Anteil von Frauen an der Kultur des Frühmittelalters herauszuarbeiten und in (nach vorherrschender Meinung) männlich dominitierten Kulturbereichen auch und spezifisch über weibliches Wirken zu informieren.
2
I. Funktionale Ausprägungen weiblich beeinflußter Kultur
1. Kulturelle Relevanz von Frauen auf der Basis des
Rezipierens und Sendens von Schrifttexten
Bei den beiden vorliegenden Quellenzeugnissen, den Bonifatius-Briefen Nummer 35 und 30 4 , stellt die Kenter Äbtissin Eadburg jweils die Empfängerin der Schrifttexte dar.
Mit dem Empfang von Schriftstücken verbindet sich der Besitz von Texten und damit die Macht über Texte bzw. die Entscheidungsbefugnis über deren Verwendung oder Verbleib, indem man etwa ein Buch verleihte oder verschenkte. So konnte Eadburg als Besitzerin von (religiösen) Schriftstücken ("solamine librorum" 5 ; "sanctorum librorum munera transmittendo" 6 ) diese Bonifatius und damit auch dem heidnischen "exulem Germanicum" 7 zugänglich machen.
Die Nennung weiblicher Namen in Widmungen, etwa in Florilegien, bibelexegetischen Schriften und geistlichen Ermahnungen, in Dokumenten (als Eigentümerinnen), Testamenten (als Vererbende, Erbende) oder in Urkunden (als (Mit-)Schenkerinnen, Wohltäterinnen, Beschenkte, Zeuginnen) belegt darüberhinaus aber auch die Relevanz von geistlichen wie adligen Frauen - sei es als Sendende oder als Rezipierende - bezüglich der konkreten Inhalte von Schriftlichkeit. 8
3
2. Kulturelle Relevanz von Frauen auf der Basis des Lesens
und Schreibens von Schrifttexten
Stellt das bloße Entgegennehmen eines Schriftstückes noch eine rein passive Angelegenheit dar, so bedarf es beim selbständigen Lesen und Schreiben eines Textes aktiver Fertigkeiten. Daß Eadburg als Nonne über diese Fertigkeiten verfügte, ergibt nicht nur direkt aus ihrer durch die Briefe dokumentierten Schreibfähigkeit, sondern auch aus unserem Wissen über die klösterliche Ausbildung in Stiften oder Nonnenkonventen, deren Stellenwert als führende Bildungsinstitutionen Mönchsklöstern in nichts nachstand 9 . Etwa 70 Nonnenkonvente, die im Frühmittelalter noch fast ausschließlich den Töchtern des Hochadels vorbehalten waren 10 , existierten um 900 im deutschen Raum, davon ein Großteil in Sachsen, wo es rund vier Mal soviele Nonnen- als Mönchsklöster gab 11 . Außer Nonnen stand die klösterliche Ausbildung meist auch noch adeligen Frauen offen, die in äußeren Klosterschulen unterrichtet wurden. Während die Ausbildung weltlicher Frauen an den äußeren Klosterschulen aber wohl nicht ganz an das Niveau der geistlichen Schulung, vor allem was die Vermittlung der Schreibfähigkeit betraf, heranreichen konnte, war im Bürgertum die Schul- und Ausbildung für Frauen generell weniger umfassend als für Männer 12 .
Laut dem maßgeblichen Brief des Hl. Hieronymus an Laeta über die Erziehung ihrer Tochter sollten sich Mädchen nicht nur weibliche Handarbeiten wie das Spinnen, Weben und Schneidern aneignen, sondern auch das Lesen und Schreiben der deutschen sowie der lateinischen Sprache erlernen. Zwar sollte Frauen nach Auffassung Hieronimus' mit der Kenntnis des Lateinischen lediglich das Verstehen der Bibel und der Psalter ermöglicht werden, da die stark religiös geprägte Erziehung der Mädchen zu Schamhaftigkeit, Enthaltsamkeit, Mäßigung, Demut, Schweigsamkeit und Unterordnung unter den Mann im Zentrum seiner Lehren stand. 13 Doch gerade dieser Erwerb des Lateinischen
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Evi Goldbrunner, 1999, Frauen als Trägerinnen frühmittelalterlicher Kultur, Munich, GRIN Publishing GmbH
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