Die Medien sind in aller Munde. Schlagworte wie Globalisierung und Wissensgesellschaft tauchen an allen Ecken und Enden auf und werden mit Massenmedien in Verbindung gebracht. Es heißt, wir haben die Schwelle zum Informationszeitalter überschritten, und tatsächlich ist es die Ware Information, die in Gesellschaft und Ökonomie den Ton angibt. Medien sollen dabei ganz im Sinne der Wortbedeutung als ihr Transportmittel, ihr Übermittler, fungieren. Mit ihrer Hilfe spielen heute Raum und Zeit im Kommunikationsprozess nur noch eine untergeordnete Rolle. Schon die Schrift löst ein Ereignis von seinem Kontext, macht es konservier- und vermittelbar. Die Lektüre des Geschriebenen kann zu einem beliebigen Zeitpunkt an einem beliebigen Ort stattfinden und ermöglicht dem Leser die Rekonstruktion des Ereignisses, die Erkenntnis eines Sachverhalts oder die Teilnahme an der Perspektive des Autors. So kann der Einzelne über seinen Tellerrand hinaus schauen. Die Entwicklung der Massenmedien hat diesem Vorgang zu einer völlig neuen Dimension verholfen. Nach Niklas Luhmann handelt es sich bei Massenmedien um “alle Einrichtungen der Gesellschaft, die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen” 1 . Der technische Fortschritt schafft somit eine immer bessere Erreichbarkeit der Kommunikationsteilnehmer. Presse, Rundfunk und Fernsehen sorgen für globale Berichterstattung rund um die Uhr. Einen Überblick über das Tagesgeschehen in aller Welt geben Nachrichtensendungen und Tageszeitungen verschiedener Gesinnung und Qualität, und wem das nicht reicht, der kann sich auf dedizierten Nachrichtensendern mit detailierteren Informationen eindecken. Diese Vielfalt wird durch die Pressefreiheit garantiert. So wird tagtäglich eine riesige Menge an Informationen produziert, publiziert und rund um den Erdball geschickt. Der Tellerrand des Einzelnen ist nun gar nicht mehr genau auszumachen unter der Brandung von Zeichen, die von allen Seiten ständig hereinschwappen.
Obwohl man die Medien rein von ihrem Status als Übermittler her betrachten könnte, kommen ihnen noch weitere wichtige Aufgaben zu, wie die Hilfe zur individuellen Meinungsbildung oder die Vermittlung demokratischer Werte. Vieles, was wir über unsere Gesellschaft wissen, wissen wir aus den Medien. Somit ist es nicht nur die Gesellschaft, die zur Erfüllung kommunikativer Anforderungen Medien erschafft, benutzt und modifiziert, sondern die Medien beeinflussen umgekehrt auch nicht unerheblich die Gesellschaft. Dies
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lässt sich deutlich an aktuellen Ereignissen wie der Flutkatastrophe in Südostasien oder den beinahe täglichen Berichten über terroristische Attentate ablesen. In beiden Fällen überbieten sich Sender und Verlage gegenseitig mit Menge und Geschwindigkeit von Publikationen, detailierte und teilweise abstoßende Bilder werden gezeigt, und wenn es einmal nichts Neues zu senden gibt, wird eben bis an die Grenze des Erträglichen wiederholt. Getreu dem Motto “nichts ist so alt wie die Tageszeitung von gestern” scheint allerdings die Geschwindigkeit vor der Richtigkeit der Meldungen Priorität zu genießen. So werden gerade im Fall des Terrorismus unter dem großen Konkurrenzdruck der Nachrichtenagenturen voreilig stereotype Perspektiven über die Kultur der Attentäter verbreitet, die Zeit, das mangelnde Wissen über sie aufzuarbeiten, hat man nicht.
Das hat erhebliche soziale Folgen, die in der Bildung von Vorurteilen und einer maßlos übertriebenen Angst um die öffentliche Sicherheit gipfeln. Im Fall der jüngsten Flutkatastrophe ist die Folge des allgegenwärtigen medialen Spektakels gar nicht negativ zu sehen: die ungeahnt große weltweite Spendenbereitschaft wäre ohne die Flut der Bilder sicherlich deutlich geringer ausgefallen. Die Medien üben also einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Gesellschaft aus. Mehr noch: ohne Kommunikation - und damit auch ohne Medien - wäre Gesellschaft, so wie wir sie kennen, gar nicht denkbar. Ihre Macht und diese soziale Bedeutung werfen die Frage nach einer Medientheorie auf, die das Verhältnis von Medien und Gesellschaft untersucht und dessen Tragweite gerecht wird.
Sind die Medien nach Belieben formbar und eher als Werkzeug zu sehen, oder unterliegt ihre Entwicklung einer eigenen Logik? Die Frage muss vor allem sein, inwieweit sich Gesellschaft und Medienstruktur gegenseitig bedingen. Bis heute gibt es dazu keine einheitliche Theorie, was sicher auch mit dem rasanten technischen Fortschritt auf dem Gebiet der Kommunikation zusammenhängt.
Im Jahr 1970 hat Hans Magnus Enzensberger in der von ihm gegründeten Zeitschrift Kursbuch einen Artikel unter dem Namen “Baukasten zu einer Theorie der Medien” veröffentlicht. Der 1929 geborene Lyriker und Essayist stellt darin 22 Bausteine zur Konstruktion einer sozialistischen Medientheorie vor. Sein zentraler Begriff ist der der “Bewusstseinsindustrie”. Das eigene Bewusstsein ist hier nicht mehr ein abgeschottetes
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Refugium des Menschen, Sammelstelle subjektiver Erfahrungen im Umgang mit der Welt, sondern es wird permanent gezielt von außen manipuliert, die Quelle dieser subjektiven Erfahrungen gewissermaßen zu objektiver Wahrheit gleichgeschaltet. Die Bewusstseinsindustrie produziert keine Waren, sondern Meinungen und Bewusstseinsinhalte. Ihr Zweck ist es, “die bestehenden Herrschaftsverhältnisse, gleich welcher Art sie sind, zu verewigen. Sie soll Bewusstsein nur induzieren, um es auszubeuten.” 2 Die Leistung dieser Industrie zeigt sich für Enzensberger am deutlichsten im Schwinden der politischen Möglichkeiten des Einzelnen: Von einer immer kleineren Anzahl von Entscheidungsträgern kann über eine immer größere Masse hinweg entschieden werden und dieser Zustand wird von der Mehrheit stillschweigend hingenommen. Die Medien spielen bei dieser Form der Manipulation natürlich eine entscheidende Rolle, und mit ihrer technischen Fortentwicklung wächst auch die Macht der Bewusstseinsindustrie. “Mit der Entwicklung der elektronischen Medien ist die Bewusstseinsindustrie zum Schrittmacher der sozio-ökonomischen Entwicklung spät-industrieller Gesellschaften geworden. Sie infiltriert alle anderen Sektoren der Produktion, übernimmt immer mehr Steuerungs- und Kontrollfunktionen und bestimmt den Standard der herrschenden Technologie.” 3 Eine sozialistische Medientheorie, das macht Enzensberger deutlich, muss an dem Widerspruch arbeiten, dass “der Kapitalismus der Monopole” die neue Produktivkraft der Bewusstseinsindustrie schneller entfaltet als in anderen Sektoren, und sie zugleich fesseln, also kontrollieren, muss, um die bestehenden Produktionsverhältnisse nicht zu gefährden.
Das emanzipatorische Potential der Massenmedien wird also im Keim erstickt. Dieses Potential besteht dabei in ihrer mobilisierenden Kraft: “Zum ersten Mal in der Geschichte machen die Medien die massenhafte Teilnahme an einem gesellschaftlichen und vergesellschafteten produktiven Prozess möglich, dessen praktische Mittel sich in der Hand der Massen selbst befinden.” 4 Soviel zur Theorie, in der Praxis sind die Medien bisher jedoch weit davon entfernt, eine solche Teilnahme zu ermöglichen. Weil sie keine Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger zulassen, verhindern sie Kommunikation eher, als ihr zu dienen. Sie machen in ihrer gegenwärtigen Gestalt
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Hans Magnus Enzensberger, Bewusstseins-Industrie, in: Einzelheiten I, 1967, S. 13
3 Hans Magnus Enzensberger, Baukasten zu einer Theorie der Medien, in: Kursbuch 20, 1970, S. 159
4 Ebd., S. 160
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keinerlei Feedback möglich und erlauben dem Empfänger ausschließlich, aufzunehmen, was ihm geboten wird. Das stellt für Enzensberger wohlgemerkt kein technisches, sondern ein strukturelles Problem dar: Technisch gesehen sind elektronische Distributionsmedien von ihrer Natur her zugleich auch Kommunikationsmedien. Ihr Gebrauch als solche wird allerdings bewusst verhindert, die Umkehrung des Verhältnisses von Produzenten und Konsumenten zu Gunsten der Herrschaft unterbunden.
Mit der Ausweitung medial gestützter Beeinflussung auf eine ganze Industrie ergibt sich auch für die Frage der Zensur eine völlig neue Dimension. Eine zentrale Kontrolle dieses Systems kann es nicht mehr geben, da hierfür ein noch größeres System notwendig wäre. Doch dank elektronischer Medien ist das Informationsnetz so eng geworden, dass der Staat es nicht mehr ohne weiteres abdichten kann, zumal er selbst ja auch auf Informationsaustausch angewiesen ist. Enzensberger verdeutlicht das exemplarisch an der damaligen staatlich unterdrückten Verbreitung von Kopierautomaten. In der sowjetischen Bürokratie konnte von Verbreitung keine Rede sein, das Gerät machte jeden zum potentiellen Publizisten und war damit der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Doch auch im kapitalistischen Westen hatte eine einzige Firma das Monopol auf die Vervielfältigungsapparate und vermietete sie lediglich, statt sie zu verkaufen, und das zu einem Preis, der von sich heraus schon sicherstellte, dass nicht jedermann in ihren Besitz kommen konnte. So blieb der Gebrauch der Maschine zwar prinzipiell ein Privileg der Inhaber politischer und ökonomischer Macht, aber durchaus nicht lückenlos. Diese Zustände in den siebziger Jahren sind heute natürlich kaum mehr vorstellbar, wo doch jedem freisteht, sich ein Kopiergerät oder einen Computer mit Drucker zu kaufen. Das zeigt, dass das System mit wachsender Komplexität immer weniger restriktiv zu kontrollieren ist.
Im vierten Baustein geht Enzensberger auf den Begriff der Manipulation ein, welcher die kritische Diskussion der Massenmedien in den vorangegangenen Jahren stark geprägt hatte. Er sieht dieses Schlagwort als eine Art Schutzschild, hinter dem sich die linken Kritiker vor der empfundenen Übermacht der Medien verstecken. Den Grund sieht er in der Sozialgeschichte der linken Bewegungen und in einer Angst davor, die bürgerliche Kultur in Frage zu stellen. In den Medien ist das Informationsprivileg der Oberschicht aufgehoben,
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Roland Hallmeier, 2004, Eigenlogik der Medien, München, GRIN Verlag GmbH
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