Thomas Kuhn und die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.
Kritische Diskussion einer Theorie der Wissenschaftsentwicklung
von Timo Luks
Inhalt:
I. Einleitung Seite 3
II. Paradigma und Normale Wissenschaft Seite 3
1. Protowissenschaft und wissenschaftliche Gemeinschaft
2. Paradigmabegriff
3. Normalwissenschaft
III. Anomalie und Krise Seite 8
IV. Wissenschaftliche Revolution Seite 9
1. Ursachen, Entstehung und charakteristische Merkmale
2. Auswahlkriterien und Inkommensurabilitätsthese
3. Zusammenfassung
V. Fortschritt und Wahrheit Seite 13
1. Normalwissenschaftlicher und revolutionärer Fortschritt
2. Relativer Wahrheitsbegriff
VI. Kritische Diskussion Seite 16
1. Kritik an Normalwissenschaft
2. Kritik an wissenschaftlichen Revolutionen
3. Weitere Einwände und Zusammenfassung
VII. Literatur Seite 24
I. Einleitung
In dieser Hausarbeit steht Thomas S. Kuhns Essay "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" im Mittelpunkt, dessen Argumentationsgang dargelegt und anschließend kritisch diskutiert wird. Es soll aufgezeigt werden, daß Kuhns Konzeption hinsichtlich des Wesens der Wissenschaftsentwicklung und der Analyse konkreter Wissenschaftsmodelle innerhalb ihrer jeweiligen Geschichtlichkeit ein plausibles Erklärungsmodell bietet.
Zuerst soll aber kurz auf jene Konzeption der Wissenschaft eingegangen werden, von der sich Kuhn bewußt absetzt. Er kritisiert "das weit verbreitete Bild der Wissenschaftsentwicklung als linearer Wissensakkumulation" durch die stetige Weiterentwicklung und Verbesserung vergangener Theorien. Kuhn kritisiert ein Konzept, daß in der Wissenschaft den Prozeß eines sich kontinuierlich entwickelnden, teleologischen Fortschritts verwirklicht sieht, demzufolge "man sich die Wissenschaft als eine Beschreibung, eine Erfassung der Wirklichkeit vor[stellt], die sich asymptotisch der vollen Wahrheit nähert". Dabei existierte ein objektiver Wahrheitsbegriff zumindest als Abstraktum, dessen Erreichbarkeit zwar in Frage gestellt wurde, der aber als regulative Idee stets präsent war und angestrebt werden sollte. Daraus ergab sich, daß Popper beispielsweise Wissenschaft mit dem Bau eines Hauses verglich, dem der Forscher gemäß trialerror-Prinzip Stein um Stein hinzufügen sollte.
In der Auseinandersetzung mit dem kurz skizzierten Modell entwickelte Kuhn seine Vorstellungen von Wissenschaft und Wissenschaftsentwicklung, Wahrheit und Fortschritt, die sich anhand der Begriffe Paradigma, normale Wissenschaft, wissenschaftliche Revolution etc. umreißen lassen und im Folgenden dargestellt und diskutiert werden.
II. Paradigma und Normale Wissenschaft
1. Protowissenschaft und wissenschaftliche Gemeinschaft
Ein Zustand ohne forschungsleitende (wissenschaftliche) Weltanschauung, der durch den ständigen Wettbewerb verschiedener Schulen gekennzeichnet ist, von denen jede bestimmte methodisch-theoretische Konzepte liefert, aber keine in der Lage ist, die gesamte Arbeit eines begrenzten Fachgebiets zu leiten, wird als Protowissenschaft bezeichnet. Mangels eindeutiger Auswahl und Bewertungskriterien erscheinen dabei "alle Tatsachen, die irgendwie zu der Entwicklung einer bestimmten Wissenschaft gehören könnten, gleichermaßen relevant zu sein". Ohne besondere Kriterien, welche die Leitung der Suche übernehmen könnten, bleibt wissenschaftliche Arbeit auf das Anhäufen oberflächlicher, leicht zugänglicher Daten beschränkt. Die Wissenschaft ist als solche nicht klar definiert und besitzt keine eindeutig festgelegten Kriterien oder Prüfungen. Verschiedene Theoriekonzepte kämpfen um die Vorherrschaft. Der Sieger wird zum Paradigma, er muß dabei ein hinreichendes Maß an Problemlösungskompetenz mit sich bringen, zugleich neuartig und offen genug sein, um eine genügend große Gruppe von Wissenschaftlern von seiner Nützlichkeit und Ergiebigkeit zu überzeugen.
Die jeweilige wissenschaftliche Gemeinschaft hat als Träger von Wissenschaft und Fortschritt eine zentrale Funktion. Wissenschaftliche Gemeinschaften sind Gruppen von Fachleuten eines Spezialgebietes, die "durch ihre Bindung an einen gemeinsamen Bestand kognitiver Elemente bestimmt" sind und einen gemeinsamen Ausbildungsweg durchlaufen haben. Die Mitglieder einer solchen Gemeinschaft teilen einen bestimmten Kanon von Fachliteratur und gewinnen daraus ähnliche Erkenntnisse. Diese wissenschaftliche Sozialisation hat "eine relativ starke Kommunikation und Einheitlichkeit fachlicher Urteile" zur Folge, "die Mitglieder der Gruppe verfolgen gemeinsame Ziele". Wissenschaftliche Gemeinschaften übernehmen im Regelfall die vollständige Verantwortung für "ihr" Fachgebiet. Die sogenannte "community of scholars" ist allein in der Lage, Theorien und Methoden abzulehnen oder anzuerkennen. Nur sie besitzt eine entsprechende Machtbasis. Der Erfolg eines Wissenschaftlers "wird durch die Anerkennung der Mitglieder seiner professionellen Gruppe belohnt, und nur die Anerkennung dieser Gruppe kommt für ihn in Frage [...] und die Bejahung durch Leute außerhalb der Spezialistengruppe hat für ihn nur einen negativen Wert oder überhaupt gar keinen".
Die Abhängigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis von funktionierenden Wissenschaftlergemeinschaften bedeutet, daß Wissenschaft insgesamt als soziales Unternehmen aufzufassen ist. Die einzelnen Individuen, aus denen letztendlich jede `community of scholars` besteht, sind fest in sozialen Prozessen eingebunden und können nur durch ihre gesellschaftlich bedingte Sprache und Wahrnehmung die `Wirklichkeit` strukturieren. Das führt dazu, daß Kuhn "mit dem Zusammenhang von Theorie, Sprache und Realität und dem Hinweis auf die Rolle wissenschaftlicher Gemeinschaften [...] zu einer dialektischen Erkenntnistheorie" ansetzt.
3. Der Paradigmabegriff
[...]
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Timo Luks, 2000, Thomas Kuhn und die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Kritische Diskussion einer Theorie der Wissenschaftsentwicklung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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