Abstract
Elisabeth Pilecky
Begleitung und Unterstützung bei der Bewältigung von Verlust und
Trauer
Diplomarbeit, eingereicht an der Fachhochschule St. Pölten im August 2007
80 % aller Menschen sterben heute nicht im Kreis ihrer Familie sondern in Kranken-
häusern oder Heimen. Diese Entwicklung führt auch zu einer Veränderung der tradi- tionellen Bewältigungsformen. Der Tod eines nahen Angehörigen kann eine Krise auslösen. Die Auswirkungen dieses Verlustes sind sehr unterschiedlich und hängen von zahlreichen Faktoren ab, unter anderem von der Art und dem Zeitpunkt des Ver- lustes, der Beziehung zum Verstorbenen, dem jeweiligen sozialen Umfeld und zu- nehmend auch von den professionellen Unterstützungsmöglichkeiten in der Region.
Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Erfassung und Darstellung der professio- nellen Modelle zur Unterstützung betroffener erwachsener Angehöriger bei der Be- wältigung von Verlust und Trauer in Niederösterreich. Weiters wird untersucht, in welchen Einrichtungen es Sozialarbeit gibt und welchen berufsspezifischen Beitrag sie in diesem Handlungsfeld leistet.
In dieser Diplomarbeit werden die Ziele und Zielgruppen nachstehend angeführter Einrichtungen anhand von ExpertInneninterviews und Internetrecherchen näher be- schrieben:
x Kriseninterventionsteam Rotes Kreuz,
x Selbsthilfegruppen.
Mit der Darstellung einer Übersicht der einzelnen Einrichtungen und ihrer Schnittstel- len möchte diese Arbeit dazu beitragen, die Zusammenarbeit untereinander zu verbessern und mithelfen, dass sich jede als wichtiger Teil eines Gesamtnetzwerkes sieht und dadurch zur „Unterstützung und Begleitung bei der Bewältigung von Verlust und Trauer“ effizienter für die Betroffenen arbeiten kann.
Wie aus dem Hospizkonzept und dem Leitbild des Akutteams hervorgeht, kann auf Sozialarbeit in diesem Handlungsfeld aus qualitativen Gründen nicht verzichtet wer- den.
II
Executive Summary
Company and support at the coping with loss and mourning
The attitude of death and dying has changed strongly in course of the 20 th and 21 st century. Today people do not die within a familiar surrounding anymore, in Austria for example 80% dies in a hospital or in a nursing home. This development leads to strong changes of the traditional forms of mourning. The death of a family member or a close friend can trigger a crisis. The consequences of a loss are very different and depend on numerous factors, including the way and the time of the loss, the relation to the member of the family or friend, the respective social environment and the pro- fessional support.
The focus of the thesis is to describe professional models for supporting adults cop- ing with losses in Lower Austria and to find out, which profession specific contribution social work can provide from the point of view of experts. The examined facilities are a stationary hospice, a palliative station in the hospital, a crisis intervention team Red Cross, an acute team of Lower Austria, a burial, the crisis line and self-help-groups.
By presenting an overview of social institutions and their gateways this thesis wants to help improving the cooperation and to show that each one is a part of an all- including network, so that the facilities can work more efficiently by supporting person concerned to copy with loss and mourning.
The concept of hospice and the model of the acute team shows, that social work is an important factor in this domain and its lacking decreases the quality of each sup- port.
III
Inhalt
Abstract II
IV
Memento
Inhaltsverzeichnis
1
1 EINLEITUNG 4
1.1 PROBLEMSTELLUNG 4
1.2 FORSCHUNGSFRAGE 5
1.3 INHALTLICHER AUFBAU DER ARBEIT 6
2 THEORETISCHE GRUNDLAGEN 7
2.1 EINLEITUNG 7
2.2 VERLUST 7
2.2.1 Definition des Begriffes Verlust 7
2.2.2 Verschiedene Formen des Verlustes 8
2.3 KRISEN 12
2.3.1 Definition des Begriffes Krise 12
2.3.2 Arten von Krisen 13
2.4 TRAUER 16
2.4.1 Definition des Begriffes Trauer 16
2.4.2 Trauerphasen nach Kast 17
2.5 WICHTIGE FAKTOREN FÜR DIE VERLUSTBEWÄLTIGUNG 19
2.5.1 Art des Todes 20
2.5.2 Beziehung zum Verstorbenen und soziales Umfeld 20
2.5.3 Persönlichkeit des Betroffenen und Selbstwertgefühl 21
1
Inhaltsverzeichnis
2.5.4 Bisherige Erfahrungen mit Verlusten und Einstellung zum Tod 22
2.5.5 Männer trauern anders 23
2.5.6 Schuldgefühle 24
2.5.7 Rituale 24
2.5.8 Professionelle Hilfe 27
3 FORSCHUNGSDESIGN 28
3.1 EINLEITUNG 28
3.2 METHODENWAHL 28
3.3 DATENGEWINNUNG 28
3.4 DATENAUSWERTUNG 29
4 MODELLE DER UNTERSTÜTZUNG 31
4.1 EINLEITUNG 31
4.2 KRISENINTERVENTIONSTEAM (ROTES KREUZ) 33
4.2.1 Geschichtliche Entwicklung 33
4.2.2 Ziele und Zielgruppen 33
4.2.3 Zahlen und Fakten 34
4.3 AKUTTEAM (LAND NÖ) 36
4.3.1 Geschichtliche Entwicklung 36
4.3.2 Ziele und Zielgruppen 36
4.3.3 Zahlen und Fakten 37
4.4 HOSPIZ 40
4.4.1 Geschichtliche Entwicklung 40
4.4.2 Ziele und Zielgruppen 41
4.4.3 Zahlen und Fakten 41
4.5 PALLIATIVSTATION KRANKENHAUS 43
4.5.1 Geschichtliche Entwicklung 43
4.5.2 Ziele und Zielgruppen 44
4.5.3 Zahlen und Fakten 44
4.6 BESTATTUNG 45
4.6.1 Geschichtliche Entwicklung 45
4.6.2 Ziele und Zielgruppen 46
2
Inhaltsverzeichnis
4.6.3 Zahlen und Fakten 46
4.7 TELEFONSEELSORGE 48
4.7.1 Geschichtliche Entwicklung 48
4.7.2 Ziele und Zielgruppen 49
4.7.3 Zahlen und Fakten 50
4.8 SELBSTHILFEGRUPPEN 51
4.8.1 Geschichtliche Entwicklung 51
4.8.2 Ziele und Zielgruppen 52
4.8.3 Zahlen und Fakten 54
5 AUSWERTUNG UND INTERPRETATION DER INTERVIEWS 55
5.1 EINLEITUNG 55
5.2 KATEGORIEN 55
5.2.1 Ziele und Zielgruppen 55
5.2.2 Problemlagen 56
5.2.3 Methoden und Handlungen 57
5.2.4 Konflikte und Lösungsansätze 57
5.2.5 Veränderungswünsche 59
6 AUFGABEN DER SOZIALARBEIT IN DIESEM HANDLUNGSFELD 61
6.1 HOSPIZ UND PALLIATIVSTATION 61
6.2 AKUTTEAM 62
6.3 BEDÜRFNISPYRAMIDE NACH MASLOW 63
6.4 AUFGABEN DER SOZIALARBEIT 64
7 RESÜMEE 66
8 LITERATUR 68
9 ABBILDUNGSVERZEICHNIS 73
10 ANHANG 74
LEITFADEN FÜR INTERVIEWS 74
3
1 Einleitung
Karl Marx schrieb nach dem Tod seines achtjährigen Sohnes: „Der Tod ist kein Un- glück für den, der stirbt, sondern für den, der überlebt.“ (Diderich 2002:1)
Der Tod ist in unserem Leben allgegenwärtig und doch seltsam fremd. Er wird in den Medien inszeniert und in der Gesellschaft peinlich gemieden. Noch nie in der Menschheitsgeschichte haben so viele Menschen so viele Tote und Todesarten durch die Medien gesehen und dennoch gleichzeitig persönlich so wenig Berührung mit Sterbenden oder einem Leichnam gehabt. (Student 2004:11)
Die durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen in den westlichen Industrie- staaten ist in den letzten Jahrzehnten ständig angestiegen. Das hat dazu geführt, dass viele junge Menschen noch keinen Todesfall innerhalb ihrer Familie bzw. im engen Freundeskreis erlebt haben. Diese Diskrepanz könnte eine Erklärung für die Unsicherheit vieler heutiger Menschen gegenüber Tod und Sterben – und in der Fol- ge gegenüber der Trauer sein. (Student 1994:116)
1.1 Problemstellung
Die Strategie unserer Zeit im Umgang mit Trennungen ist vor allem die Vermeidung. Unangenehme Erscheinungen werden „ungeschehen“ gemacht, indem sie verleug- net oder verdrängt werden. Die Frage nach Sterben, Tod und Trauer und deren an- gemessene Bewältigung bereiten vielen Menschen Probleme, weil sie nie gelernt haben, mit Trennungen umzugehen. Und gerade der Tod ist die letzte aller Trennun- gen. (Student 1994:9)
Zu Beginn des 20. Jh. starben noch viele Menschen zu Hause in der vertrauten Um- gebung begleitet und umgeben von ihren Angehörigen. Hilfreiche Rituale unterstütz- ten sie und ihre Angehörigen bei der Bewältigung von Sterben und Tod. Das ersparte zwar nicht die Schmerzen des Verlustes, aber es half vor allem den Angehörigen bei der Bewältigung der Trauer. (Aries zit. nach Student 1994:10)
Ulrich Beck (1986) ist in seinem Buch „Risikogesellschaft“ der Ansicht, dass man frü- her Ereignisse eher als „Schicksalsschlag“ betrachtet hat, der von Gott oder der Na- tur gesandt wurde. Trug früher der Betroffene dafür keinerlei Verantwortung, so wer- den heute in der individualisierten Gesellschaft weit eher diese Ereignisse als „per-
4
1 Einleitung
sönliches Versagen“ angesehen. Es kommt dadurch, was noch zusätzlich belastet, zu neuen Formen der „Schuldzuweisung“. (Beck 1986:218)
Überlieferte Formen der Angst- und Unsicherheitsbewältigung versagen. Es entsteht ein Zwang zur Selbstverarbeitung und Selbstbewältigung. Durch die zunehmenden sozialen und kulturellen Erschütterungen und Verunsicherungen (in NÖ z.B. durch Großereignisse wie das verheerende Busunglück auf der Autobahn bei Melk im Jahr 2000, die Gasexplosion in Wilhelmsburg 1999 sowie das Hochwasser 2002 an der Donau und am Kamp und das Hochwasser 2006 im Marchfeld) entstehen neue An- forderungen an professionelle Einrichtungen. Ausbildung, Beratung, Therapie und Politik sind immer mehr gefordert, neue Modelle der Unterstützung für Betroffene zu entwerfen bzw. auch zu finanzieren. (Beck 1986:251f.)
1.2 Forschungsfrage
Ich habe mein Langzeitpraktikum in einem stationären Hospiz absolviert. Angehöri- genarbeit, das heißt die Unterstützung und Begleitung von betroffenen Familienmit- gliedern, Freunden und Arbeitskollegen war in dieser Einrichtung ein wichtiges The- ma, das vorrangig von der Sozialarbeiterin koordiniert wurde.
Mein Diplomarbeitsthema ist aus der Frage entstanden: Wohin können sich betroffe- ne erwachsene Angehörige in NÖ mit ihren Problemen und Sorgen in diesem Be- reich wenden?
Die Forschungsfrage lautet:
Welche professionellen Modelle zur Unterstützung der Bewältigung von Verlusten gibt es in NÖ für betroffene erwachsene Angehörige und welchen berufsspezifischen Beitrag kann hier Sozialarbeit leisten?
Auf diesem Gebiet gibt es kaum Publikationen. Das Ziel dieser Arbeit ist eine Erfas- sung und Darstellung der professionellen Modelle bzw. Einrichtungen in NÖ, die be- troffene erwachsene Angehörige bei der Verlustbewältigung und Trauerarbeit unter- stützen und begleiten.
Welche Ziele verfolgen diese Einrichtungen und welche Zielgruppen werden von ih- nen betreut? Mit welchen Problemlagen werden sie bei ihrer Arbeit mit den KlientIn- nen konfrontiert und welche Faktoren spielen laut Meinung von ExpertInnen in diesen
5
1 Einleitung
Einrichtungen eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von Verlust und Trauer? Wei- ters soll erfasst werden, in welchen Einrichtungen SozialarbeiterInnen tätig sind und welche Aufgaben von diesen in diesem Handlungsfeld übernommen werden.
Die von mir überprüfte These lautet:
Durch die zunehmende Individualisierung des menschlichen Lebens, die vermehrt zu veränderten Formen des Zusammenlebens führt – es gibt z.B. immer mehr Single- Haushalte, vereinsamte alte Menschen, weniger dauerhafte Beziehungen durch Trennungen - wodurch es in der Folge zu einer Minimierung des sozialen Umfeldes kommt, sind immer öfter institutionelle Einrichtungen gefordert, Menschen bei der Bewältigung von Verlust und Trauer zu unterstützen.
In NÖ werden in diesem Bereich unterschiedliche Modelle für verschiedene Zielgrup- pen bereits angeboten. Faktoren, die für die Verlustbewältigung wichtig sind und die Individualität der Trauer des Einzelnen müssen unbedingt berücksichtigt werden. Ziel führend ist eine Förderung der Vernetzung der einzelnen Einrichtungen, um durch die bessere Kooperation die Betreuung zu optimieren und um regionale Unterschiede auszugleichen.
1.3 Inhaltlicher Aufbau der Arbeit
Im Kapitel 2 werden die wichtigsten theoretischen Grundlagen für die Arbeit zusam- mengefasst. Anhand von Fallbeispielen aus Literatur und Interviews soll ein Bezug zur Praxis hergestellt werden. Die Beschreibung der wichtigsten Faktoren für die Ver- lustbewältigung wurde größtenteils aus den geführten Interviews entnommen.
Die Darstellung der Vorgehensweise bei der Datenerhebung und Datenauswertung wird in Kapitel 3 genau ausgeführt.
Kapitel 4 erfasst alle untersuchten Einrichtungen und beschreibt ihre Ziele und Ziel- gruppen sowie konkrete Zahlen und Fakten zu ihrer Tätigkeit.
Die Auswertung und Interpretation der geführten Interviews erfolgt in Kapitel 5. Die Aufgaben der Sozialarbeit in diesem Handlungsfeld werden in Kapitel 6 beschrieben.
6
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Einleitung
Tod ist ein Thema, welches in unserer Gesellschaft gemieden wird. Tod passiert an- deren, in den Medien oder zu einem anderen Zeitpunkt - nicht jetzt und hier. Über Tod und Sterben spricht man nicht. Die meisten Menschen lernen nicht, zu trauern, die Trauer anzunehmen und zu durchleben. Stattdessen sind sie gezwungen, ihre Trauer zu verstecken oder gar zu leugnen. Viele Menschen erhalten keine oder nur für eine kurze Zeit Gelegenheit, ihre Gefühle des Schmerzes und des Zorns auszu- drücken und über ihren Verlust zu sprechen. Das soziale Umfeld verlangt meistens, dass möglichst schnell der gewohnte Alltag wieder hergestellt wird. (Wolf 2005:13)
2.2 Verlust
2.2.1 Definition des Begriffes Verlust
„Verlust bedeutet immer die Trennung von etwas, das in gewisser Weise Teil der Existenz des Individuums ist oder ihm gehört. Dieses "Etwas" kann eine Person sein, jemand, der ihm sehr nahe stand und durch den Tod oder das Auseinanderbrechen einer Beziehung von ihm getrennt oder für immer aus seiner Umgebung entfernt wird. (…) Ein schwerer Verlust beinhaltet die nicht wieder rückgängig zu machende Trennung von einem physischen oder emotionalen Teil der Person. (…) Die Auswir- kungen eines Verlustes sind sehr unterschiedlich und hängen von zahlreichen Vari- ablen ab: Persönlichkeit, Art des Verlustes, Zeitpunkt des Verlustes im Verhältnis zu anderen Ereignissen im Leben der Person, andere bedeutende Ereignisse im Leben, die Einbeziehung naher Freunde oder Verwandter, die praktischen Auswirkungen des Verlustes für das zukünftige Leben des Individuums.“ (Cook, Phillips 2002:1)
Laut Berichten von WissenschafterInnen, die andere Kulturen und ihre Reaktionen auf den Verlust eines Menschen untersucht haben, gibt es überall kurz nach dem Verlust ein allgemeines Bemühen um die Wiedererlangung der geliebten Person bzw. wird an ein Wiedersehen nach dem Tode geglaubt. (Wolf 2005:12)
7
2 Theoretische Grundlagen
2.2.2 Verschiedene Formen des Verlustes
Der Tod eines Angehörigen kann sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise ereig- nen. Er kann langsam und schleichend im Zuge einer chronischen Krankheit eintre- ten oder plötzlich und völlig unerwartet einen Menschen aus dem Leben reißen. Je nach Form und Art des Todes entstehen für die Angehörigen unterschiedliche Her- ausforderungen und Probleme. (Wolf 2005:48)
2.2.2.1 Der schleichende Tod und die vorgezogene Trauer
Wenn sich der Tod eines Menschen in Form einer schleichenden chronischen Krank- heit ankündigt, dann bewirkt das bei seinen Angehörigen sehr häufig ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Einerseits versuchen die meisten, den PatientInnen Mut zum Durchhalten und zum Kampf gegen die Krankheit zuzusprechen, andererseits wünschen sich viele einen raschen und schmerzlosen Tod für sie, damit sie ihr Lei- den nicht miterleben müssen. Dies führt oft zu einer Gratwanderung zwischen Hoff- nung und Loslassen können, die bereits vor dem Tod für die Angehörigen sehr zer- mürbend sein kann. (Wolf 2005:49)
In diesen Fällen kann oft eine vorgezogene Trauer bei den Angehörigen beobachtet werden. Sie sind innerlich bereits dabei, Abschied vom Sterbenden zu nehmen und sich mit seinem Tod auseinander zu setzen. Hilfreich für die Trauerverarbeitung sieht Wolf hier vor allem das Akzeptieren der eigenen Gefühle. Das kann z.B. die Wut auf den Partner sein, weil er sterben wird und den anderen alleine zurück lässt. Häufig entstehen bei den Angehörigen in diesem Zusammenhang auch Schuldgefühle. Hier kann es ihnen helfen, wenn sie dazu ermutigt werden, die restliche Zeit zu nützen, um unerledigte Dinge anzusprechen und zu versuchen, diese gemeinsam zu klären. (ebd.:49)
2.2.2.2 Der plötzliche Tod
Viele Arten des Sterbens sind langsam und ermöglichen dadurch eine Vorbereitung auf die kommenden starken Veränderungen, die der Tod für die Angehörigen mit sich bringt. Es gibt aber Todesarten, die plötzlich und völlig unerwartet passieren. Dazu gehören Unfälle, Gewaltverbrechen und Suizid. Manche Krankheiten wie Herzinfarkt oder Gehirnschlag können ebenso zu einem plötzlichen Tod führen. Bei einem plötz- lichen Tod ändern sich die Lebensumstände der Angehörigen von einem Augenblick zum nächsten. (Paul 2004:9)
8
2 Theoretische Grundlagen
Generell geht aus Untersuchungen und ExpertInnenmeinungen hervor, dass plötzli- che unerwartete Todesfälle schwieriger zu verarbeiten sind, als solche, auf die sich die Angehörigen einstellen können. Der Schockzustand und die Phase des Nicht- Wahrhaben-Wollens dauern beim plötzlichen Tod häufig länger an.
Besonders wichtig für das Einsetzen des Trauerprozesses ist die Möglichkeit, sich vom Verstorbenen verabschieden zu können. Bis vor einigen Jahren war es für An- gehörige kaum möglich, sich von einem durch einen Unfall ums Leben gekommenen Menschen zu verabschieden, außer das Unfallopfer musste identifiziert werden. Mitt- lerweile erkennen – auch dank der Zusammenarbeit mit dem Kriseninterventions- team des Roten Kreuzes - immer mehr Bestatter, dass die Möglichkeit der Verab- schiedung, dieses wortwörtliche „Begreifen“ des Todes der betroffenen Person für die Realisierung und das Einsetzen des Trauerprozesses bei den Angehörigen sehr wichtig ist. (Interview 4:6)
Auch bei sehr tragischen Verkehrsunfällen, durch die der Leichnam massiv entstellt wurde, gibt es die Möglichkeit, durch Abdecken der betroffenen Stellen den Angehö- rigen eine Verabschiedung zu ermöglichen. Die Eltern oder der Partner erkennen auch an einer Hand, dass sie jetzt vor dem toten Körper des geliebten Menschen stehen. Das ist so wichtig, um das bis dahin Unvorstellbare begreifen zu können und sich nichts mehr „vorzumachen“. (Interview 10:5)
Fallbeispiel:
„Ich wurde zu einem Fall gerufen, da ist der Bauer vom Dach herunter gefallen und war auf der Stelle tot. Der Notarzthubschrauber war gerade dort, als ich hin- gekommen bin. Nach der erfolglosen Reanimation ist er weggeflogen und der Be- statter wollte den Mann auf der Stelle wegbringen. Ich habe ihn weggeschickt und ihm gesagt, zuerst muss einmal die Familie begreifen, was da passiert ist. Vor ei- ner ½ Stunde war der Bauer noch lebendig auf dem Dach und jetzt lebt er nicht mehr. Ich habe die Bäuerin ermutigt, ihren Mann in die Arme zu nehmen. Allmäh- lich haben alle begriffen, was geschehen ist, als sie gemerkt haben, wie der Kör- per kalt wurde. Wenn man den Leichnam sofort wegbringt, …. die Angehörigen können das dann nicht „behirnen“. Durch den Unfall hat man ein Brett vor dem Kopf.“ (Interview 4:8)
9
2 Theoretische Grundlagen
2.2.2.3 Suizid
Wenn ein Mensch beschließt durch Suizid aus dem Leben zu scheiden, dann ist das für nahe stehende Personen oft eine sehr starke Belastung. Eine Selbsttötung ist nicht nur ein plötzlicher Tod, sie ist auch die am stärksten tabuisierte Todesursache in unserer Gesellschaft. Geheimnisse und Vorurteile ranken sich um jeden einzelnen Suizid. Nach einem Suizid fühlen sich die Angehörigen häufig schuldig, weil sie den Suizid nicht verhindern konnten. Sie geben sich die Schuld, Anzeichen übersehen bzw. falsch gedeutet zu haben. Die Verantwortung für die Entscheidung zum Leben oder zum Sterben trägt jedoch nach Ansicht von Paul jeder Mensch für sich selbst. (Paul 2004:15) Paul nennt vier Punkte, die den Angehörigen nach einem Suizid den Verlust er- schweren und den Beginn des Trauerprozesses verzögern können: x Suizid geschieht immer alleine – in Abwesenheit der Angehörigen.
x Die moralische Verurteilung des Suizids verhindert häufig friedliche Fantasien über den Tod und begünstigt angstbesetzte Vorstellungen.
x Die polizeilichen Ermittlungen nach einem Suizid erfordern, dass die Leiche erst nach einigen Tagen freigegeben wird. Dadurch ist häufig eine Verabschiedung für die Angehörigen nicht mehr möglich.
x Diese wichtige Verabschiedung wird oft auch durch gut gemeinte Warnungen und Ratschläge verhindert: „Man soll doch den Toten / die Tote so im Gedächtnis be- halten, wie er oder sie war.“ Das führt zu einer Entfremdung des Bildes der Reali- tät bei den Angehörigen. Für sie ist es unter diesen Umständen fast unmöglich die „Wirklichkeit des Verlustes“ zu akzeptieren. (Paul 2004:21)
2.2.2.4 Der Tod von Kindern
Wenn Kinder sterben, empfinden das die meisten Menschen als unnatürlich und un- gerecht. Kinder sollten unserer Meinung nach nie vor den Eltern sterben. War das Kind vor seinem Tod bereits längere Zeit chronisch krank, dann haben die Eltern und Angehörigen es bereits durch einen schweren Weg des Leidens begleitet. (Wolf 2005:55)
10
2 Theoretische Grundlagen
Ein häufiges Problem in diesen Fällen sind Konflikte in der Partnerschaft der Eltern. Jeder Elternteil geht anders mit Leid und Trauer um und erzeugt dadurch Unver- ständnis beim Partner. Während Mütter darüber sehr oft mit jemandem sprechen möchten, versuchen Väter, möglicherweise auf Grund ihrer Erziehung bzw. dem nach wie vor herrschenden Rollenbild des Mannes in unserer Gesellschaft als star- kes Familienoberhaupt, das Ganze soweit als möglich zu verdrängen. Die meisten wollen mit ihrer Partnerin nicht darüber reden. Viele Männer stürzen sich verstärkt in ihre Arbeit bzw. Hobbys und werden durch diese Art der Verlustbewältigung von ih- ren Partnerinnen als herz- und lieblos angesehen. Männer und Frauen können sich in solchen Fällen nur sehr selten gegenseitig Unterstützung geben.
Wolf empfiehlt hier besonders den Besuch von Selbsthilfegruppen für „verwaiste El- tern“, die therapeutisch professionell begleitet werden. (ebd.:55)
Kein Verlust ist mit einem anderen vergleichbar und jeder Mensch macht seine ganz persönlichen Erfahrungen damit, wie er mit dem jeweiligen Verlust umgeht. Je nach- dem es ihm sein soziales Umfeld erlaubt, offen zu seinem Verlust zu stehen und dar- über zu sprechen bzw. wie viel Begleitung und Unterstützung durch Angehörige, Freunde und professionelle Einrichtungen er bekommt, kann seine Verlustbewälti- gung erschwert oder erleichtert werden. (ebd.:56)
11
2 Theoretische Grundlagen
2.3 Krisen
Jeder Mensch steht immer wieder vor neuen Lebensproblemen, die er zunächst mit den erlernten Erfahrungen und den gewohnten Strategien zu erfassen und zu lösen versucht. Von einer Krise kann dann gesprochen werden, wenn ein für einen Men- schen belastendes Ungleichgewicht zwischen der subjektiven Bedeutung seines Problems und seinen Bewältigungsmöglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen, ent- steht. (Kast 2002:12f.)
Die Chinesen stellen das Wort „Krise“ mit zwei Schriftzeichen dar:
Das linke Symbol bedeutet Gefahr, das rechte Chance. Es gibt Zeiten, in denen Probleme in einem menschlichen Leben überhand nehmen und Krisensituationen entstehen. Krisen müssen jedoch nicht unbedingt in eine Katastrophe führen, sie können auch ein Wendepunkt zu einer intensiven Lebensveränderung sein und zum inneren Wachstum eines Menschen beitragen. (Sonneck 2000:29)
2.3.1 Definition des Begriffes Krise
Sonneck versteht unter einer psychosozialen Krise in Anlehnung an die Überlegun- gen von Caplan (1964) und Cullberg (1978) den
„Verlust des seelischen Gleichgewichts, den ein Mensch verspürt, wenn er mit Er- eignissen und Lebensumständen konfrontiert wird, die er im Augenblick nicht be- wältigen kann, weil sie von der Art und vom Ausmaß her seine durch frühere Er- fahrungen erworbenen Fähigkeiten und erprobten Hilfsmittel zur Erreichung wich- tiger Lebensziele oder zur Bewältigung seiner Lebenssituation überfordern.“ (Sonneck 2000:15)
12
Quote paper:
Mag. (FH) Elisabeth Pilecky, 2007, Begleitung und Unterstützung bei der Bewältigung von Verlust und Trauer, Munich, GRIN Publishing GmbH
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