Universität zu Köln Historisches Seminar
Einführungsseminar: Die alte Bundesrepublik - Gesellschaft und Kultur Sommersemester 2002
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Der Hamburger Historiker Fritz Fischer 2 brach mit seinem 1959 erschienen Aufsatz ¡
Ä'HXWVFKH .ULHJV]LHOH³ und dem zwei Jahre später folgendem Buch Ä*ULII QDFK GHU ¢
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in die friedliche Landschaft der deutschen Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit ein. Er eröffnete mit seinen auf empirischer Arbeit basierenden Schriften zur Ursache, Schuldfrage und den deutschen Zielen des Ersten Weltkrieges eine Schlüsseldebatte der 60er Jahre, die einen Bewußtseinswandel des historischen und politischen Denkens in Deutschland vorantrieb und das bisherige Geschichtsbild in Frage stellte. Denn vor allem die älteren Historiker sahen sich durch Fischers Thesen provoziert. Sie lehnten sie ab, mußten sich aber nun mit dem neuen Quellenmaterial beschäftigen, um Fischers Thesen widerlegen zu können. Plötzlich schlug sowohl die deutsche Geschichtswissenschaft als auch die deutsche Öffentlichkeit das Buch der deutschen Geschichte wieder auf. Die Fischer-Kontroverse lieferte nun die Chance, das verlorene unmittelbare Verhältnis der Geschichtswissenschaft zum öffentlichen Leben wiederherzustellen. War dies der Beginn einer grundlegenden Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit, die auch mentalitätsprägend war? Drang die Fischer-Kontroverse in
breitere Öffentlichkeitsschichten vor und veränderte das gesellschaftliche Klima in der Bundesrepublik nachhaltig? War die Fischer-Kontroverse ein Beitrag zur Identitätsfindung Deutschlands? Beendete sie die Geschichtsverdrossenheit der
deutschen Nachkriegsgesellschaft und die Krise der deutschen Geschichtswissenschaft? Bezüglich der Fischer-Kontroverse gibt es sowohl aus linkem als auch aus rechtem Lager eine Vielzahl von publizistischen Stellungnahmen. Die Kontroverse als solche fand hauptsächlich
in der Historischen Zeitung statt. Die vier Hauptkontrahenten Fritz Fischer, Gerhard Ritter,
1 Michael Freund: Bethmann Hollweg. Der Hitler des Jahres 1914? in FAZ, 28.3.1964. 2 Fritz Fischer wurde 1908 in Oberfranken geboren, studierte Philosophie, Theologie, Geschichte und Pädagogik in Erlangen und Berlin, promovierte in Theologie und Neuerer Geschichte und war von 1948 bis 1973 Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Hamburg. Er war Ehrendoktor mehrerer deutscher
Hochschulen und der Universität Oxford. Er starb 1999.
3 Fritz Fischer: Deutsche Kriegsziele. Revolutionierung und Separatfrieden im Osten 1914-1918, HZ, Bd. 188,
1959, S.249-310. 4 Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918,
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Karl Dietrich Erdmann und Egmont Zechlin veröffentlichten hier eine Vielzahl an Aufsätzen und widmeten mehrere Kapitel oder sogar ganze Bücher dieser Kontroverse. Aber sie blieb natürlich nicht auf die vier Historiker beschränkt. In- und ausländische Historiker und Journalisten gestalteten die Kontroverse lebhaft mit, und die deutschen Historikertage der 60er Jahre waren hauptsächlich von der Auseinandersetzung mit Fischers Thesen geprägt. Als gute Überblicksabhandlungen mit einem hilfreichen Literaturverzeichnis sind der Beitrag Ä'LH )LVFKHU.RQWRYHUVH³ 5 von H.-J. Schröder und das Buch von Wolfgang Jäger Ä+LVWRULVFKH)RUVFKXQJXQGSROLWLVFKH.XOWXULQ'HXWVFKODQG³ 6 zu nennen.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei wesentliche Teile. Im ersten Teil wird die Ausgangsposition der Kontroverse dargestellt. Wie sah das Geschichtsbild der Nachkriegszeit aus und wie hatte es sich seit dem späten Kaiserreich entwickelt? Wie konnte es zu dem öffentlichen Geschichtsverlust kommen? Warum hatte vor allem die junge Generation keinen Bezug mehr zu Staat und Nation? Der zweite Teil handelt von den zentralen Hauptthesen Fischers. Aus welcher Perspektive betrachtete Fischer die deutsche Geschichte? Welches Quellenmaterial benutze er? Der dritte Teil beschäftigt sich mit den darauffolgenden Reaktionen und Kritikpunkten der Historikerzunft, der Politik und der Öffentlichkeit. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich auch mit der Frage, was von der Fischer-Kontroverse übrig geblieben ist. Es soll geklärt werden, ob Fischer nicht nur die Methoden der Geschichtswissenschaft revolutioniert hat, sondern ob er auch das gesellschaftliche Geschichtsbewußtsein tiefgreifend verändert hat. Auch auf die Aktualität der Fischer-Kontroverse im Prozess der deutschen Vergangenheitsbewältigung soll eingegangen werden. Das Ziel dieser Arbeit besteht in einer intensiven Auseinandersetzung mit der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigung der 60er Jahre im Focus der Fischer-Kontroverse, um die Frage zu klären, ÄRE LKP GDV JHOXQJHQ LVW RE DOVR VHLQ %XFK ]XP EHVVHUHQ 9HUVWlQGQLV GHXWVFKHU9HUJDQJHQKHLW EHLWUlJW RGHU REHV VLH PLYHUVWHKWXQGDOVR HQWVWHOOW³ 7
5 Hans-Jürgen Schröder: Fischer-Kontroverse, in Peter, M./Schröder, H.-J.: Einführung in das Studium der Zeitgeschichte, Paderborn 1994, S.69-82.
6 Wolfgang Jäger: Historische Forschung und politische Kultur in Deutschland. Die Debatte 1914-1980 über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges . Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd.61, Göttingen 1984.
7 Gerhard Ritter: Eine neue Kriegsschuldthese? Zu Fritz Fischers Buch „Griff nach der Weltmacht“, in HZ 194,
1962, S.646-668, hier S. 646.
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Um die Reaktionen der älteren Historikergeneration und der deutschen Öffentlichkeit auf Fischers Thesen nachvollziehen zu können, muss man das dominante Geschichtsbild der deutschen Nachkriegszeit verstehen. Hierbei muss die Stellung des Ersten Weltkrieges im deutschen Nationalbewußtsein im Zeitabschnitt von 1914 bis 1960 betrachtet werden. Viele deutsche Historiker - wie z.B. Hans Rotfels, Gerhard Ritter, Egmont Zechlin - hatten den Ersten Weltkrieg als deutsche oder österreichische Offiziere miterlebt und waren noch Jahrzehnte später von dem „Kriegserlebnis-Mythos“ befallen. 8 Der Erste Weltkrieg stellte für sie ein ÄXQYHUOLHUEDUHU(ULQQHUXQJVZHUWK|FKVWHU$UW³
£ der deutschen Geschichte dar, und sie
waren von der deutschen Unschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges fest überzeugt. Eine sachliche emotionslose Behandlung des Ersten Weltkrieges war demnach von dem Großteil der damaligen Historikergeneration nicht zu erwarten.
Die deutsche Bevölkerung war von einem „Unschuldskomplex“ befallen, der nicht nur durch den Versailler Vertrag bedingt war, sondern hauptsächlich durch die Legenden der Einkreisung, des Dolchstoßes der Heimatfront und des Überfalles. 10 Ä'LH%HKDXSWXQJGD'HXWVFKODQGYRQUFNVLFKWVORVHQ)HLQGHQYRQ2VWXQG:HVWEHUIDOOHQZRUGHQ VHLZDUGDV+HU]VWFNGHU5HGHQGHV.DLVHUVYRP-XOLXQG$XJXVW[...]XQGGLHVHhEHUIDOOWKHVH Von Beginn des Ersten Weltkrieges an bis hin zur Weimarer Republik versuchten die
ZDUGHU+HEHOXPGHQQDWLRQDOHQ(QWKXVLDVPXVIUGHQJHUHFKWHQ.ULHJ[...]]XZHFNHQ³ 11 deutschen Regierungen die deutsche Unschuld am Ersten Weltkrieg zu beweisen. Dabei spielte die Arbeit der Historiker eine entscheidende Rolle. Sie mussten die deutsche Bevölkerung von einem Verteidigungskrieg Deutschlands überzeugen und die gesamte
Schuld auf die anderen Kriegsteilnehmer abwälzen. 12 Die deutschen Historiker sahen es als ihre Pflicht an, Bethmann Hollwegs Vorgehen zu legitimieren, und dieser Ä.DPSI JHJHQ GLH .ULHJVVFKXOGOJH ZXUGH LQ 'HXWVFKODQG 8 Vgl. Immanuel Geiss: Die Fischer-Kontroverse. Ein kritischer Beitrag zum Verhältnis zwischen
JHZLVVHUPDHQ ]XU )RUWVHW]XQJ GHV .ULHJHV PLW DQGHUHQ 0LWWHOQ XQG PQGHWH ± KLVWRULVFK NRQVHTXHQW±LQGHQ1DWLRQDOVR]LDOLVPXVLQGHQ=ZHLWHQ:HOWNULHJ³
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Historiographie und Politik in der Bundesrepublik, in: ders.: Studien über Geschichte und
Geschichtswissenschaft, Frankfurt 1972, S.108-198, hier S.112.
9 Friedrich Meinecke: Die deutsche Katastrophe, Wiesbaden 6 1965, S.43.
10 Vgl. Geiss: Die Fischer-Kontroverse, S.113.
11 Fritz Fischer: Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik 1911 bis 1914, Düsseldorf 2 1969, S.664.
12 Vgl. Geiss: Die Fischer-Kontroverse, S. 112 f..
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Julia Hermanns, 2002, Die Fischer-Kontroverse - Der Beginn eines neuen deutschen Geschichtsbildes?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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