Universität Hamburg
Sommersemester 2007
Die exotischen Frauenfiguren in Gerstäckers Roman Tahiti
und deren rassistische Abwertung
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1. Einleitung ... 3
1.1. Ethnographischer Realismus und Südsee-Utopie ... 4
1.1.1. Literarische Südseebilder ... 4
1.1.2. Einordnung des Romans Tahiti ... 5
1.2. Exotismus und Rassismus ... 6
1.3. Die doppelte Kolonialisierung der Frau ... 8
1.4. Zwischenergebnis und Fragestellung ... 10
2. Figuren rassistischer Abwertung in Tahiti ... 11
2.1. Die Insulaner als unschuldige Kinder ... 12
2.2. Die Frauen als exotisch, sinnliche und (un)moralische Wesen... 13
2.3. Die Insulaner als Müßiggänger und rein sinnliche, geistlose Wesen... 14
3. Die Frauenfiguren Sadie, Aumama und Pomare... 15
3.1. Sadie ... 15
3.2. Aumama ... 16
3.3. Pomare... 18
4. Abschließende Diskussion ... 19
5. Literatur... 21
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1. Einleitung
In dem Südseeroman Tahiti (1854) verliebt sich der Franzose René in die Insulanerin Sadie.
Sie heiraten und führen ein abgeschiedenes Familienleben auf der Insel Atiu. Doch dann sie-
deln sie nach Tahiti über, wo das Paar mit der dortigen europäischen Gesellschaft in Berüh-
rung kommt. René verliebt sich in die Amerikanerin Susanne und verlässt Tahiti.
In einem zweiten Erzählstrang werden die politischen Verhältnisse auf Tahiti geschildert.
Dort streiten sich die Engländer, vertreten auf der Insel durch protestantische Missionare, mit
den katholischen Franzosen um die politische und religiöse Vorherrschaft. Die Engländer
ziehen sich letztendlich zurück, die protestantische Königin Pomare flieht. Der folgende Auf-
stand der Insulaner wird von den Franzosen blutig niedergeschlagen. René kehrt elf Jahre
später nach Tahiti zurück. Seine Frau Sadie ist tot, nur noch seine Tochter lebt auf Atiu. Re-
né, von Schulgefühlen und enttäuschten Hoffnungen getrieben, verschwindet mit einem Kanu
in der Nacht.
Der Roman Gerstäckers reiht sich ein in eine lange europäische Tradition von Südseedarstel-
lungen. Deshalb sollen zunächst in dem ersten Kapitel die Ursprünge der Südseedarstellungen
anhand der Reiseberichte Louis Antoine de Bougainvilles und Georg Forsters dargestellt wer-
den. Gerstäckers Tahiti lässt sich zwischen den Schreibstilen ethnographischer Realismus und
Südsee-Utopie einordnen. Utopische Südseedarstellungen zeigen bestimmte Strukturen und
Funktionen, die eine Schnittstelle von Exotismus, Rassismus und Sexismus bilden. Dies soll
außerdem im ersten Kapitel der Arbeit theoretisch analysiert werden. Aus diesen Überlegun-
gen ergeben sich bestimmte Fragen, unter denen der Roman im Folgenden untersucht werden
soll. Zunächst soll im zweiten Kapitel an einzelnen Figuren rassistischer Abwertung vor allem
der Zusammenhang von Exotismus und Rassismus analysiert werden, dann werden im dritten
Kapitel der Hausarbeit die drei zentralen Frauenfiguren des Romans hinsichtlich der besonde-
ren Stellung von Frauen im Rahmen von Kolonialisierung und der Darstellung von Kultur-
kontakt erläutert.
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1.1. Ethnographischer Realismus und Südsee-Utopie
1.1.1. Literarische Südseebilder
Eine lange Tradition von Südseeerzählungen hat zu einer Fülle an Klischees und Motiven
geführt, die dem deutschen Lesepublikum in der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt waren, so
dass Gerstäcker sie nach Belieben abrufen konnte.
1766 beginnt Louis Antoine de Bougainville seine erste Weltumsegelung. Es war die erste
Seeforschungsexpedition, die vornehmlich wissenschaftlichen Zielsetzungen folgte. Der ein-
zige spektakuläre Ertrag der Reise war allerdings die ,,Entdeckung" Tahitis
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. So steht denn
auch im Mittelpunkt von Bougainvilles Reisebericht die Beschreibung der Insel, eine Darstel-
lung, in der sich idealisierende Stereotype des Menschen im Naturzustand mit antik-
mythischen Deutungen mischen (Kohl 1983, 207f.). Bougainville beschreibt die Inselbewoh-
ner:
,,Ich habe niemals so wohlproportionierte Männer gesehen: um einen Mars oder Herkules zu
malen, würde man nirgends schönere Muster finden. Ihre Züge unterscheiden sich nicht von
denen der Europäer, und sie würden auch ebenso weiß sein, wenn sie sich nicht beständig im
Freien und in der prallen Sonne aufhielten" (Bougainville 1985, S. 202).
Die antikisierende Darstellung der Bewohner Tahitis erklärt Kohl psychologisch. Im Europa
des 18. Jahrhunderts setzte ein Prozess der Erotisierung der Kunst ein. Die bildliche Verge-
genwärtigung der griechischrömischen Mythologie und ihrer erotischen Sujets zeigte sich als
Darstellung unterdrückter sexueller Wunschphantasien (Kohl 1983, S. 212).
Die Bewohner und Bewohnerinnen Tahitis, die im Gegensatz zu den zum Beispiel sehr dun-
kelhäutigen Australiern, vom äußeren Erscheinen dem europäischen Schönheitsideal nahe
kamen
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, bekamen in den Reiseberichten des 18. Jahrhunderts eine ,,erotische Lizenz" (Maler
1988, S. 83).
Durch den Bericht Bougainvilles etablierte sich im westlichen Europa ein Bild von Tahiti als
eines exotischen Garten Edens, ein Paradies, das so anziehend wirkt, dass immer wieder Pro-
minente, wie zum Beispiel Goethe, die Auswanderung dorthin planten (Maler 1984, S. 84).
Georg Forster, der die Expedition Cooks begleitete, landete 1773 erstmals auf Tahiti. Den
ersten Anblick beschreibt er folgendermaßen:
,,Ein Morgen war's, schöner hat ihn schwerlich je ein Dichter beschrieben, an welchem wir die
Insel O-Tahiti, 2 Meilen vor uns sahen. Der Ostwind, unser bisheriger Begleiter hatte sich ge-
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Bereits 1767 war das englische Schiff Dolphin gelandet, es war aber erst Bougainvilles Bericht, der Tahiti dem
europäischen Lesepublikum bekannt und populär machen sollte (vgl. Kohl 1983, S. 201).
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Schon in Forsters Reiseberichten wurde der australische Eingeborene auf die niedrigste Stufe gestellt (Maler
1984, S. 87).
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legt; ein vom Lande wehendes Lüftchen führte uns die erfrischendsten und herrlichsten Wohl-
gerüche entgegen und kräuselte die Fläche der See. Waldgekrönte Berge erhoben ihre stolzen
Gipfel [...] Vor diesen her lag die Ebene, von tragbaren Brodfruchtbäumen und unzählbaren
Palmen beschattet, deren königliche Wipfel weit über jene empor ragten" (Forster 1965, S.
217f.).
Zwar diente Forsters Reisebericht einer weiteren Bestätigung des Bildes von Tahiti als idylli-
schem Paradies auf Erden, doch war er einer der Ersten, der Ungleichheiten im vermeintli-
chen Idyll anerkannte (Maler 1988, S. 83). Er forderte eine ethnographisch-realistische
Darstellung fremder Kulturen und kritisierte explizit das Konstrukt des ,,Edlen Wilden" bei
Rousseau, das bloß ideale bürgerliche Selbstporträts enthalte (Pickerodt 1987, S. 131). Auf
seine eigenen Beobachtungen aufbauend entwirft Forster trotzdem ein Bild natürlicher Un-
schuld.
Die Argumentation, auf die sich das Motiv des exotischen Garten Edens berufen kann, ist,
Maler zufolge, simpel und überzeugend: Die Bewohner der Südseeinseln scheinen von der
Arbeit befreit, da der natürliche Reichtum genügend Nahrungsmittel bereit hält, außerdem
gibt es kein christliches moralisches Gesetz, das Sinnesgenuss zur Sünde erklärt. So können
die Inselbewohner als unschuldige Kinder beschrieben werden, die fröhlich und unbeschwert
das Leben in vollen Zügen genießen (Maler 1984, S. 83f.).
Dass dieses Bild vor allem in Bezug auf die Sexualität der Insulanerinnen nicht durchgehalten
werden kann, zeigt Forsters Bericht über unreglementierte Sexualität, welche offensichtlich
seinem Begriff von moralisch guter Natur widerspricht:
,,Die menschliche Natur muß freylich sehr unvollkommen seyn, daß eine sonst so gute, einfäl-
tige und glückliche Nation zu solchem Verderbniß und zu solcher Sittenlosigkeit hat herabsin-
ken können" (Forster 1965, S. 278f.).
Einerseits ist die Natur bei Forster gut, die Zivilisation verdorben, andererseits bringt der un-
schuldige Naturzustand ,,viehisches" Verhalten mit sich (Pickerodt 1987, S. 134).
Den Reiseberichten, die Tahiti als ,,Metapher des Exotischen an sich" (Pollig 1987, S. 19)
etabliert haben, folgt eine Fülle an literarischer Verarbeitung des Südseemythos. Ich werde in
dieser Arbeit Gerstäckers Roman Tahiti exemplarisch behandeln.
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1.1.2. Einordnung des Romans Tahiti
1850 reist Gerstäcker selbst in die Südsee. Das Resultat sind fast dreißig Titel Südseeerzäh-
lungen. Neben seinen eigenen Reiseerfahrungen kann sich Gerstäcker auf die oben beschrie-
bene Tradition an Südseedarstellungen und etablierten Klischees und Motiven beziehen.
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Für eine übersichtliche Darstellung auch anderer literarischer Verarbeitungen vgl. Maler 1988 und 1984.
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Gerstäcker kennt sowohl die weitestgehend utopische Reisebeschreibung Bourgainvilles wie
auch die eher realistisch-ethnographische Forsters. Wo kann Gerstäckers Erzählung platziert
werden? Anselm Maler ordnet Gerstäckers Südseeerzählung Tahiti in die idyllisch-utopische
Schreibtradition ein, obwohl durchaus realistische Tendenzen zu erkennen seien.
,,Doch Gerstäckers Werk liefert erst einmal Südseeillusion. Die realistische Perspektive seiner
Schilderungen erfaßt weniger ihren ethnographischen und geographischen Gegenstand als das
Verhalten des Reisenden und Beobachters selbst. Darin geht er weiter als die phantasierenden
Erzählungen der Autoren vor ihm. In der Darstellung des Südseelebens freilich bleibt er ein
treuer Protokollant der Topoi und Wertungen, denen der Raum in der prominenten Reiselitera-
tur und im Unterhaltungsroman des frühen 19. Jahrhundert unterliegt" (Maler 1984, S. 88).
Schon die zeitgenössischen Rezensionen des Romans lassen diese beiden Aspekte erkennen.
So wird in der Rezension in Das Ausland (1854) zunächst der Roman löblich in die Tradition
der historischen Romane eingeordnet, mit dem Lob, dass hier die Geographie und Ethnogra-
phie einem jungen Leserpublikum näher gebracht werde (Schott-Tannich 1993, S. 231f.).
Dies wird aber gleich wieder relativiert, da der Roman dem Anspruch ethnographischen Rea-
lismus' nicht gerecht werden könne. So ist er ,,z.B. in dem, was man über die Reste des Hei-
denthums erwarten sollte, zu mager, überhaupt in einzelnen Theilen nachlässig gearbeitet"
(ebd. S. 235). Insgesamt zeige sich ,,allzu viel europäische Reflexion" (ebd. S. 234). Ganz
offensichtlich sind die zwei Erzählstränge, einerseits die Liebesgeschichte zwischen René und
Sadie, andererseits die historischen Ereignisse der Auseinandersetzung zwischen Franzosen,
Engländern und Tahitianern, schlecht miteinander verknüpft.
Die Südseeklischees, die Gerstäcker aufruft, weisen bestimmte Strukturen und Funktionen
auf, die im Folgenden theoretisch analysiert werden sollen.
1.2. Exotismus und Rassismus
Wer träumt nicht hin und wieder von der einsamen Insel mit glasklarem, türkisem Wasser,
weißem Strand, grünen üppigen Palmen unter strahlender Sonne, irgendwo weit weg im Oze-
an gelegen? Vor allem in der Werbung wird heute an den Traum vom Exotischen appelliert.
Dass der fremde Raum längst durch differenzierte Beschreibungen, durch tägliches Näherrü-
cken in den Medien zivilisatorisch eingeholt ist, nimmt dem Traumbild nicht seine Wirkung
(vgl. Pickerodt 1987, S. 121). Ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis scheint dahinter
zu stehen. Pollig sieht die Aktualität des Exotismus durch empfundene Sinnkrisen hervorgeru-
fen. Der Exotismus biete eine Fluchtmöglichkeit in ,,paradiesische Quasi-Welten" (Pollig
1987, S. 17).
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