Pädagogische Hochschule Freiburg
Institut für deutsche Sprache und Literatur
Seminar: Rainer Werner Fassbinder
Wintersemester 2005/2006
Die Zuspitzung der Grausamkeit
in Fassbinders ,,Martha"
Kristin Reichenbächer
3. Semester
Schwerpunkt Grundschule
Deutsch, Haushalt/Textil, Mathematik
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Inhalt
1. Einleitung _______________________________________________________________ 3
2. Inhaltsangabe zu ,,Martha" von Rainer Werner Fassbinder_______________________ 4
3. Zuspitzung der Grausamkeit und ihre Darstellung in ,,Martha" ___________________ 4
3.1 Wiedersehen von Martha und Helmut __________________________________________ 5
3.1.1 Betrachtung der inhaltlichen Ebene __________________________________________________ 5
3.1.2 Auffälligkeiten in der filmischen Umsetzung___________________________________________ 5
3.2 Achterbahnfahrt ____________________________________________________________ 6
3.2.1 Betrachtung der inhaltlichen Ebene __________________________________________________ 6
3.2.2 Auffälligkeiten in der filmischen Umsetzung___________________________________________ 6
3.3 Sonnenbrand _______________________________________________________________ 7
3.3.1 Betrachtung der inhaltlichen Ebene __________________________________________________ 7
3.3.2 Auffälligkeiten in der filmischen Umsetzung___________________________________________ 8
3.4 Zunehmende Isolierung und Missbrauch Marthas ________________________________ 9
3.4.1 Betrachtung der inhaltlichen Ebene __________________________________________________ 9
3.4.2 Auffälligkeiten in der filmischen Umsetzung__________________________________________ 11
3.5 Marthas Flucht und ihre Folgen ______________________________________________ 12
3.5.1 Betrachtung der inhaltlichen Ebene _________________________________________________ 12
3.5.2 Auffälligkeiten in der filmischen Umsetzung__________________________________________ 13
4. Vergleich der Zuspitzung zwischen Fassbinders ,,Martha" und Woolrichs ,,Für den Rest
ihres Lebens" _____________________________________________________________ 14
4.1 Grundlegende Informationen ________________________________________________ 14
4.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede ___________________________________________ 14
4.2.1 Entscheidende Vorüberlegung _____________________________________________________ 14
4.2.2 Flitterwochen __________________________________________________________________ 15
4.2.3 Donnerstagnacht ________________________________________________________________ 15
4.2.4 Folgen des Missbrauchs __________________________________________________________ 16
4.2.5 Sadismus______________________________________________________________________ 16
4.2.6 Todesangst ____________________________________________________________________ 17
4.2.7 Im Krankenhaus ________________________________________________________________ 18
5. Schlusswort _____________________________________________________________ 19
Quellenverzeichnis _________________________________________________________ 20
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1. Einleitung
,,Die Ehe als Vampirgeschichte"
1
- so lautet eine der zahlreichen Kritiken zu Fassbinders
,,Martha" aus dem Jahre 1973. Diese Bewertung ist ganz in seinem Sinne, da er genau das, die
Liebe als Utopie
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und den Wunsch der Frauen unterdrückt zu werden, darstellen wollte.
Fassbinder schreibt ein Drehbuch voller Emotionen, psychischer und physischer Gewalt. Es
entsteht ein Drama, indem Fassbinder seiner zutiefst skeptischen Haltung zur Liebe, wie in
keinem seiner anderen Filme, Ausdruck verleiht.
3
Diese Arbeit setzt sich mit der im Film klar erkennbaren Steigerung der Grausamkeit
auseinander, analysiert diese auf der inhaltlichen Ebene und betrachtet die filmischen Mittel,
die der Unterstreichung der grausamen Elemente dienen. Der Begriff der Grausamkeit dient
als Oberbegriff für jegliche Art der körperlichen und seelischen Gewalt, der Martha, die
Hauptdarstellerin, ausgeliefert ist oder der sie ausgesetzt werden will. Die Gewalt und auch
die Isolation zur Aussenwelt intensivieren sich im Verlauf ihrer Ehe mit Helmut zunehmend,
werden unerträglich und enden tragisch. Der Begriff der Zuspitzung umschreibt diese
dramatische Entwicklung.
Nach einer kurzen Inhaltsangabe des Films ,,Martha" von Fassbinder, beginnt diese Arbeit mit
einer vertiefenden, chronologischen Betrachtung der Sequenzen, welche die Steigerung der
Grausamkeit besonders bekräftigen. Diese Sequenzen werden zunächst inhaltlich analysiert
und im Anschluss folgt eine kurze Betrachtung, wie die filmischen Mittel zur Verstärkung der
inhaltlichen Seite eingesetzt werden. Die Darstellung wird abschließend durch einen
Vergleich zu Cornell Woolrichs Kurzgeschichte ,,For the rest of her life"
4
ergänzt. Dieser
Vergleich hat einerseits das Ziel, auch hier die prägnantesten Stufen der Gewalt aufzuzeigen.
Gleichzeitig werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Film ,,Martha" und
der Kurzgeschichte ,,Für den Rest ihres Lebens" herausgestellt.
1
Jeremias, Brigitte: Die Ehe als Vampirgeschichte. FAZ vom 30.05.1974. Aus: Limmer, Wolfgang: Rainer
Werner Fassbinder, Filmemacher. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1981. S. 165.
2
Vgl. Jansen, Peter W. und Schütte, Wolfgang: Rainer Werner Fassbinder. Frankfurt am Main: Fischer-
Taschenbuch-Verlag, 1992. S.47.
3
Vgl.
www.filmstarts.de/kritiken/klassiker/Martha.html
(Stand: 28.02.2006).
4
deutsche Übersetzung: ,,Für den Rest ihres Lebens"
4
2. Inhaltsangabe zu ,,Martha" von Rainer Werner Fassbinder
Rainer Werner Fassbinder schreibt im Jahre 1973 das Drehbuch zum Film und im gleichen
Jahr wird das Drama unter seiner Regie produziert.
Die etwa 30-jährige Martha Hyer, Angestellte einer Bibliothek, verliert auf einer Italienreise
ihren verehrten Vater. Auf dieser Reise begegnet sie auch Helmut Salomon, dem Mann ihres
Lebens.
5
Einige Zeit später treffen sie sich zufällig auf der Hochzeit ihrer Freundin und seines
Bruders. Martha, die noch Jungfrau ist, glaubt in Helmut, dessen Dominanz sie als anziehend
empfindet, das große Glück gefunden zu haben. Sie heiraten schnell. Doch das anfängliche
Glück und die Faszination Marthas entwickeln sich allmählich und in zunehmender Intensität
zu Furchtsamkeit und Qual. Der herrschsüchtige Helmut beginnt, sie immer mehr zu
unterdrücken und von der Aussenwelt abzuschotten. Anfangs fühlt sich Martha noch durch
seine starke sadistische Ader in ihren fast schon masochistischen Bedürfnissen befriedigt,
doch im Laufe der Ehe leidet sie zunehmend an seinen perversen Machtspielchen und
Misshandlungen. Er bestimmt über ihr Leben und sie lässt das zu. ,,Beide ergänzen sich in
ihrem Willen zu quälen und zu leiden."
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Schließlich sucht Martha Zuflucht bei einem ehemaligen Arbeitskollegen, Herrn Kaiser. Von
Helmut bis zur Todesangst getrieben, bittet Martha Herrn Kaiser sie von dem seelischen und
körperlichen Terror ihres Mannes zu befreien. Dieser Befreiungsversuch wird Beiden zum
Schicksal. Martha verursacht durch ihre Phobien und ihre Hysterie einen Autounfall, der für
Herrn Kaiser tödlich und für Martha in einer Querschnittlähmung endet. Von nun an, an den
Rollstuhl gefesselt, ist Martha für den Rest ihres Lebens ganz ihrem Mann ausgeliefert.
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3. Zuspitzung der Grausamkeit und ihre Darstellung in ,,Martha"
Die nachstehenden Analysen zeigen die Steigerung der Grausamkeit, der Martha ausgeliefert
ist. Die Darstellung beginnt in der Sequenz, in der sich Martha und Helmut das erste mal,
nach der kurzen Begegnung in Rom, wieder sehen.
5
Vgl. Limmer, Wolfgang: Rainer Werner Fassbinder, Filmemacher. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1981. S.
165.
6
www.filmstarts.de/kritiken/klassiker/Martha.html
(Stand: 28.02.2006).
7
Vgl. Limmer, W.: Rainer Werner Fassbinder, Filmemacher. S. 165.
5
3.1 Wiedersehen von Martha und Helmut
Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf die Szenen in Kapitel 5 von 0:25:27 bis
0:32:30.
3.1.1 Betrachtung der inhaltlichen Ebene
Martha und Helmut treffen sich zufällig auf der Hochzeit ihrer Freundin und seines Bruders
wieder. Martha leugnet zunächst ihn zu kennen, vermutlich aus Scham vor den anderen
Gästen und um ihre Faszination an Helmut, ihrem zukünftigen Mann, zu verdecken. Helmut
hat sichtlich ihr Interesse geweckt und ihr Vertrauen gewonnen. Doch ihre Gutgläubigkeit
wird missbraucht. Sehr bedeutungsvoll ist Helmuts Verhalten, da dieses bereits in der
Kennlernphase der Beiden erkennen lässt, welchen Lauf die Zukunft nehmen wird. Er
beschämt sie beispielsweise als sie zugibt, ihn seit ihrer kurzen Begegnung in Rom, nicht
mehr vergessen zu haben aber er entgegen bringt, dieses nicht ausgesagt zu haben. Ausserdem
sagt Helmut, dass sie weder attraktiv noch schön wäre. Die größte Erniedrigung erlebt sie hier
jedoch, als er sie herablassend fragt, ob sie noch Jungfrau wäre. Dies verweist auf den
Stellenwert von Sex in ihrer zukünftigen Ehe und darauf, dass er ihre Gefühlswelt nicht
akzeptiert. Martha bejaht seine Frage. Nicht nur seine Wortwahl bei all diesen verbalen
Verletzungen hat demütigenden Charakter, sondern vor allem seine musternden und gierigen
Blicke, sein bösartiges Lachen, seine Gestik und seine Intonation. Helmut ist grob zu ihr und
fasst sie lieblos an ihre Brust. Er zieht sie energisch an sich und küsst sie derb auf Dekolletee
und Hals. Hier wird zum ersten Mal seine vampirische Sonderbarkeit deutlich.
Schon diese Sequenz macht auf Grausamkeiten in mildem Sinne aufmerksam und lässt
durchblicken, welche Entwicklung die Beziehung der Beiden nimmt. Helmut verletzt Marthas
Gefühle und trotzdem, oder gerade deswegen, lässt sie sich auf ihn ein. Dies verweist auf ihre
masochistische Ader.
3.1.2 Auffälligkeiten in der filmischen Umsetzung
Alle Hochzeitsgäste sitzen an einer langen Tafel und Helmut spricht Martha direkt darauf an,
dass sie sich ja schon einmal begegnet wären. Martha weist dies ab und während dieses
kurzen Dialogs ist die komplette Tafel im Bild, die Gäste rechts daran sitzend. Auffällig ist,
dass Martha ganz am Ende der Tafel bzw. des Raumes sichtbar wird und Helmut in der Mitte.
Die Einstellung bewirkt einen emotionalen Zugang der Zuschauer zu Martha. Denn nicht nur
die Enge und Marthas Stellenwert in der zukünftigen Ehe werden ausgedrückt sondern auch,
dass sie sich in diesem Moment alleine fühlt und völlig überrumpelt ist in ihren Gefühlen. In
den darauf folgenden Dialogen sind die beiden Hauptdarsteller überwiegend aus der
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Normalsicht und in Halbnah- oder Naheinstellung abgebildet. Die Naheinstellung ermöglicht
dem Zuschauer, die Mimik von Martha und Helmut zu erkennen, um daraus eigene Fazite für
den weiteren Gang der Handlung zu ziehen.
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3.2 Achterbahnfahrt
Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Szenen in Kapitel 6 von 0:36:36 bis
0:39:25.
3.2.1 Betrachtung der inhaltlichen Ebene
Martha und Helmut sind auf einem Jahrmarkt und er zwingt sie mit ihm Achterbahn zu
fahren. Hier äussert sich Helmuts Perversität einerseits dadurch, dass Martha große Angst hat,
diese ihm mitteilt und er sich regelrecht über ihre Angst freut. Hier wird deutlich, dass er
Gefallen daran findet, sie zu quälen. In ihrem kurzen Dialog über Angst und dass diese
überwunden werden müsse, schaut Martha ihn nicht an, da sie sich schämt.
Die Achterbahnfahrt wird dem Zuschauer in vollständiger Länge gezeigt. Während der Fahrt
sind das strahlende Lachen Helmuts und der ängstliche Blick Marthas zu sehen. Sie übergibt
sich danach. Nun wird der zweite Aspekt der Herzlosigkeit und Perversität deutlich: kurz
nach dem Moment des Erbrechens eröffnet Helmut ihr, dass er sie heiraten möchte. Seine
Worte klingen nicht dem Anlass entsprechend, sondern kalt und drohend. Martha reagiert
jedoch mit Dank und Freude, was wiederum ihre Naivität und die schon entstandene
Abhängigkeit zeigt. Es findet kein liebevoller Gefühlsaustausch statt. Helmuts Blicke sind
finster, er wendet sich von ihr ab. Den Moment den er gewählt hat, um über Heirat zu
sprechen, eine ,,Situation in der Martha leidet"
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, ist sehr zeichnend für den weiteren Verlauf
ihrer Ehe. Er hat Spaß daran sie zu quälen und gemerkt, dass sie es sich gefallen lässt. Nun
will er sie heiraten, um das perverse Spiel bis zum Ende zu führen und seinen sadistischen
Trieben freien Lauf zu lassen.
3.2.2 Auffälligkeiten in der filmischen Umsetzung
Die Achterbahnfahrt wird durch häufige Wechsel zwischen der Nahaufnahme der Beiden,
sitzend im Achterbahnwagen, der Sicht der Beiden auf die Schienen, das Gerüst der Bahn
sowie das Geschehen auf dem Jahrmarkt, sehr authentisch gezeigt. Diese Darstellung wirkt
sehr bewegungsintensiv und Schwindel erregend echt. Auffällig ist, dass während der Fahrt
nur die Geräusche der Achterbahn zu hören sind. Zu sehen ist nicht nur der gequälte Blick
8
Vgl. Mikos, Lothar: Film- und Fernsehanalyse. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2003. S. 187.
9
www.filmstarts.de/kritiken/klassiker/Martha.html
(Stand: 28.02.2006)
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