Vorwort
Angesichts der Weltlage im angehenden 21. Jahrhundert, die von manchen als „Kampf der Kulturen“ interpretiert wird, wobei immer auch die Idee eines Kampfes der Religionen mitschwingt, angesichts der gegenwärtigen Brisanz von Themenkomplexen wie religiösem Fanatismus, Intoleranz, aber auch Toleranz und ihre Grenzen, hat sich Lessings Theaterstück „Nathan der Weise“ eine erstaunliche Aktualität bewahrt.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich vor allem mit dem Bauplan des Dramas und möchte deutlich machen, wie dessen Kernstück, die Ringparabel, dessen Inhalt noch einmal in konzentrierter Form auf den Punkt bringt, sich gleichzeitig aber auch in den übrigen Aufzügen widerspiegelt und darüberhinaus ein wichtiges Kettenglied für den Fortgang der Handlung bildet.
Dorit Heike Gruhn, M.A. arbeitet seit 1993 als Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache an der Benemérita Universidad Autónoma de Puebla in Mexiko.
Seite Gliederung
1 Die Parabel im Drama: über die Gattungsverflechtung 4
2 Die Entwicklung des Dramas bis zur Ringparabel: Figuren 5
und Leitthemen 2.1 Exposition 5
2.2 Vom zweiten Aufzug bis zur Ringparabel 7 3 Die Ringparabel 12
3.1 Die Ringparabel im Verhältnis zur bisherigen Handlung 12
3.2 Die Ringparabel als lineares Verknüpfungsglied im 14
Drama
3.3 Erfüllung des Richterspruchs 17 4 Die Welt ohne Nathan 20
Bibliographie 21
3
1. Die Parabel im Drama: über die Gattungsverflechtung
Wer Lessings Nathan der Weise 1 aufschlägt, findet als Untertitel den Eintrag "Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen". Die Bezeichnung "dramatisches Gedicht" mutet seltsam an. Handelt es sich denn nun um ein Drama, oder um ein Gedicht? Gegen Mitte des Dramas wird der Leser bzw. Zuschauer nochmals mit solch einer Aufhebung der Gattungsgrenzen konfrontiert: Nathan der Weise erzählt ein Märchen, oder, genauer gesagt, eine Parabel. Diese Abweichungen von der Poetik des Aristoteles, die im Drama des 18. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht noch befolgt wurde, befremdeten die damaligen Rezipienten des Stückes sicher noch mehr als die heutigen. Allerdings hat Lessing, der eine eigene Dramentheorie entwarf, in der er die traditionellen Formen erweiterte, diese Technik ganz bewußt eingesetzt, denn sie steht in einem engen Zusammenhang zum Inhalt des Stückes. Wenn eines der Leitthemen des Nathan der Streit zwischen Vertretern verschiedener Religionen um den rechten Glauben ist, und hier verschiedene Menschengruppen miteinander in Kommunikation treten, warum sollte dann die Gattung Drama nur für sich allein und ganz abgeschottet von anderen literarischen Gattungen den Rahmen bilden? Doch noch in anderer Hinsicht eignet sich die Einfügung der Parabel ganz besonders zur Untermauerung des Drameninhalts: Wenn Nathan eine Art Weisheitslehrer ist und den anderen Figuren Erkenntnisse über religiöse Problemstellungen vermitteln soll, dann drängt sich sofort der Vergleich mit Jesus Christus auf, der ebenfalls seine Lehren durch Parabeln (oft wohl fälschlicherweise als Gleichnisse bezeichnet) veranschaulichte. Allerdings hat die Ringparabel in Nathan der Weise nicht lediglich die Funktion, durch einen bildhaften Vergleich das zu Erkennende noch einmal anders zu verdeutlichen, vielmehr ist sie geschickt mit dem gesamten Handlungsverlauf verflochten und spiegelt nicht nur diesen, sondern auch sich selbst in ihm. Wie Lessing das im einzelnen konstruiert hat, wollen wir in dieser Arbeit untersuchen, wobei wir zunächst einmal auf Figuren und mehrere leitende Themen des Stückes eingehen, die bis zum Einsetzen der Ringparabel entfaltet werden,
1 Grundlage für die Zitate dieser Arbeit war die Reclam-Ausgabe von Nathan der Weise, vgl. Bibliographie.
4
um dann in einem zweiten Schritt zu durchleuchten, wie die Parabel diese Themen aufnimmt und im Rest des Stückes weiterführt.
2. Die Entwicklung des Dramas bis zur Ringparabel: Figuren und Leitthemen
2.1 Exposition
Im ersten Aufzug werden dem Leser bzw. Zuschauer die meisten Figuren des Stückes vorgestellt, ebenso wie deren teilweise konfliktgeladenes Beziehungsgefüge. Dabei beschränkt sich Lessing als "Meister der Exposition" 2 allerdings nicht auf eine bloße Einführung in Situation und Charaktere, sondern es werden sofort zentrale Elemente der vielschichtigen Thematik des Dramas dargestellt und erläutert. Hier wollen wir auf drei (im Grunde genommen zusammengehörende) Themenkomplexe eingehen, die das Stück durchziehen: Religiöse Konflikte zwischen den drei monotheistischen Religionen, extreme bzw. selbstgefällige Formen von Religiosität und Erziehung zur Menschlichkeit.
Religiöse Konflikte und Vorurteile
Bereits der äußerliche Rahmen der Handlung steht sowohl örtlich wie auch zeitlich für religiöse Konflikte. Schauplatz ist Jerusalem, wichtiges Zeremonialzentrum der drei monotheistischen Religionen und von jeder derselben als ihr ureigenstes Heiligtum beansprucht, Zeitpunkt ist die Epoche der Kreuzzüge, bei denen Juden, Christen und Moslems sich im Namen der Religion blutige Auseinandersetzungen lieferten. Die verschiedenen Religionen finden wir in den Figuren verkörpert: Nathan ist Jude und auch seine Tochter Recha wird zunächst als Jüdin vorgestellt, Daja, der Tempelherr und der Klosterbruder sind Christen, Al Hafi ist Moslem. Auch die religiösen Vorurteile der einzelnen Figuren rücken schnell ins Blickfeld. Der Tempelherr will die Einladung des Juden Nathan nicht annehmen, "[...] Auch laßt / Den Vater mir vom Halse. Jud´ ist Jude" (1,VI), läßt er Daja wissen. Der (vorerst nicht persönlich auftretende) Patriarch möchte zu Zeiten des Waffenstillstands den
2 Eibl (1981), S. 4.
5
Sultan Saladin durch einen Hinterhalt militärisch bezwingen und rechtfertigt den Vertragsbruch damit, im Gegensatz zu seinem Gegner der "richtigen" Religion anzugehören: "Nur, - meint der Patriarch, - sei Bubenstück / Vor Menschen, nicht auch Bubenstück vor Gott" (1,V). Eine Ausnahme bildet hier von Anfang an Nathan, der als Jude eine christliche Haushälterin beschäftigt und diese auch sehr gut behandelt (die reichen Mitbringsel) und der darüberhinaus in Al Hafi einen muslimischen Freund hat. Über Nathans Lippen kommen keinerlei Pauschalurteile über Angehörige einer bestimmten Religion.
Wunderglaube und Fanatismus
Lessing stellt den Lesern bzw. Zuschauern auch von Anfang an extreme bzw. selbstgefällige Formen des religiösen Glaubens vor, die zumeist im Laufe des Stückes als Irrwege aufgedeckt werden. Hier wird auch deutlich, daß den Nebenfiguren durchaus eine wichtige Funktion zukommt, die weit über eine Rolle als Statisten oder treibende Motivation für die logische Verknüpfung der Handlung hinausgeht: Sie fungieren als personifizierte Einwände oder Gegenbeispiele im Argumentationsschema Lessings. In der Tat läßt sich das Drama als philosophischer Essay lesen. Lessing selbst hat es als "Lesedrama" bezeichnet und konnte sich dessen bühnengerechte Aufarbeitung selbst nicht so recht vorstellen 3 . Bei späteren Inszenierungen kam es dann auch immer wieder zu Abweichungen von der Vorlage Lessings 4 . Ist nicht schon das einleitende Zitat "Introite, nam et heic dii sunt" ein Hinweis darauf, daß Lessing, dem ja seit 1778 verboten war, weiterhin religionsphilosophische Streitschriften zu veröffentlichen, hier die theoretische Auseinandersetzung mit dem Pastor Goeze lediglich mit anderen Mitteln weiterführt? So wundert es auch nicht, wenn das Geschehen des Dramas sich weniger am Tun der Figuren festmachen läßt, sondern vielmehr im Dialog entwickelt wird, wobei Nathan als Hauptstrang der Ideenführung auf sehr subtile Weise Einwände und Gegenargumente in der Verkörperung der übrigen Figuren erläutert und entkräftet. So entblößt Nathan Rechas
3 vgl. Schröder (1984), S. 272, Fußnote 8.
4 vgl. z.B. die Ausführungen von Kröger (1980), S. 85, zu der Schiller-Inszenierung von Lessings Nathan.
6
Arbeit zitieren:
Magister Artium Dorit Heike Gruhn, 1998, Das Drama als Parabel, München, GRIN Verlag GmbH
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