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Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 3
2. Historische Einordnung 3
3. Die Repräsentativitätsheuristik 5
4. Die Verfügbarkeitsheuristik 8
5. Verankerung und Adjustierung 12
6. Kontrafaktisches Denken 14
7. Heuristische Urteilsbildung durch Empfindungen 14
8. Abschließende Bemerkungen und Alternativerklärungen 16
Literaturverzeichnis 18
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1. Einleitung
In der sozialpsychologischen Forschung geht man vom Menschenbild des motivated social thinker aus. Dies bedeutet, dass der Mensch seine kognitiven Ressourcen intelligent, sparsam und zielgerichtet nutzt. Um die vorhandenen Kapazität seinen Wünschen entsprechend einsetzen zu können, steht ihm ein Arsenal von mentalen Strategien und shortcuts zur Verfügung, die diese Arbeit erleichtern können. Neben Stereotypen bedient sich der Mensch vornehmlich des Hilfsmittels der Urteilsheuristiken zur situativen und personalen Evaluation. Um einen Urteilsgegenstand auf einer Urteilsdimension einzuordnen, wird auf Urteilsstrategien zurückgegriffen. Das Hauptaugenmerk, auf welches bei der Wahl von Heuristiken Wert gelegt wird, sind die Erhöhung der Entscheidungsgeschwindigkeit und der Effizienz.
Entsprechend der Anzahl unterschiedlicher Situationen kommen unterschiedliche Heuristiken zum Einsatz. Man unterscheidet generell die availability heuristic (Faustregel bei der man sein Urteil auf Grund der Leichtigkeit des Erinnerns fällt), die representativeness heuristic (shortcut bei dem etwas entsprechend der Vergleichbarkeit mit einem typischen Fall beurteilt wird) und die anchoring and adjustment heuristic (mentale Strategie, bei der eine Einschätzung von einem Anfangswert beeinflusst wird). Ebenso werden counterfactual reasoning und in der neueren Forschung subjektive Empfindungen des Individuums als Hinweisreize (cues), die der Entscheidungsfindung dienen, zur Kategorie der Heuristiken gezählt.
Obwohl der positive Nutzen von Heuristiken im Vordergrund steht, sind es vor allem Fehlurteile, die zu wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn führen. Das Zustandekommen solcher Fehler soll an dieser Stelle im Hinblick auf die Funktionsweise von Heuristiken genauer beschrieben und erläutert werden.
2. Historische Einordnung
Wenngleich die Keimzelle wahrscheinlichkeitstheoretischer Erwägungen, das Glücksspiel, sich seit der Antike großer Beliebtheit erfreut, sind diese vergleichsweise spät in den Fokus psychologischer Untersuchungen getreten. Als Ursache dafür wird das Fehlen spontanen Aneignens von Wissen um Wahrscheinlichkeiten angenommen (Kunda 1994). Trotz der Tatsache, dass unser kognitives System durch die Menschheitsgeschichte hindurch die
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Verarbeitung von Häufigkeiten adaptiert hat, ist dies aufgrund der Abstraktheit und der Form seiner Darstellung mit dem Konzept der Wahrscheinlichkeit nicht geschehen.
Erst seit den frühen 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts beschäftigt sich die psychologische Forschung mit diesem Phänomen. Doch erst 20 Jahre später konnte durch die Arbeit von Amos Tversky und Daniel Kahneman ein entscheidender Sprung in der Untersuchung menschlicher Urteilsfindung gemacht werden. Gingen Forscher wie Paul Meehl (1954), Herbert Simon (1957) oder Ward Edwards (1966) noch davon aus, dass man in seinen Entscheidungen mathematisch statistischen Wahrscheinlichkeitsregeln gehorcht, änderten Kahneman und Tversky diese Ansicht grundlegend. Sie stellten fest, dass Menschen, anstatt eines nicht perfekten Einsatzes von statistischen Überlegungen eher Faustregeln (rules of thumb), also nicht statistische Heuristiken verwenden. Sie tun dies, obwohl sie ein grundsätzliches Verständnis über statistische Zusammenhänge besitzen. In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde verstärkt die Wirkung heuristischer Hinweisreize untersucht, wodurch die Theoriebildung in der Urteilspsychologie nachhaltig beeinflusst wurde. Von Interesse waren die subjektiven Empfindungen des Individuums als cue. Darüber hinaus konnten weitere Merkmale von Objekten als Basis heuristischer Urteilsbildung identifiziert werden.
Ebenso, wie sich die Grundannahmen über die Urteilsfindung zugunsten von Heuristiken veränderte und sich ihre Untersuchung spezialisierte, veränderte sich das damit eng verknüpfte Menschenbild. Wurde ursprünglich vom Menschenbild des kognitiven Geizhalses (cognitive miser) ausgegangen, der um jeden Preis seine Ressourcen schützen will, hat sich dieses Paradigma zugunsten des motivated social thinker aufgelöst. Der kognitive Geizhals ist dadurch bestimmt, dass er Heuristiken starr, automatisch unter Nichtberücksichtigung aktueller Ziele einsetzt. Anstatt zur unbedingten Schonung von kognitiven Kapazitäten auch Fehlurteile in Kauf zu nehmen, geht man heute vielmehr von einer Art Management-Struktur aus, in dem mentale Ressourcen so eingesetzt werden, dass möglichst keine schwerwiegenden Fehlurteile entstehen sollen. Menschen stellen darüber hinaus eine Kosten / Nutzen Berechnung eines Fehlurteils auf anhand derer sie sich entweder auf Heuristiken verlassen oder mehr Zeit, Geld und Energie investieren. Es wird über Verfahren entschieden, wenn wenig Kapazität zur Verfügung steht. Bei zu erwartenden Fehlern aufgrund einer kognitiv falsch angewendeten Heuristik, wird der Entscheidungsvorgang abgebrochen und ein anderer passenderer initiiert.
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Man darf nicht übersehen, dass das Modell des flexible social thinker Anforderungen macht, die nicht vollständig erfüllt werden können. Es wird wissentliche Kontrolle der kognitiven Prozesse vorausgesetzt, über die das Individuum nicht immer verfügt.
Zur Verdeutlichung der Praxisrelevanz der Heuristiken, die in der Sozialpsychologie ohnedies unumstritten den höchsten Stellenwert einnimmt, seien vorab zwei Alltagssituationen exemplarisch aufgezeigt.
Stellen sie sich vor, ihr Freund schwärmt ihnen von seinem letzten Toskana-Urlaub vor. Er preist die Gastfreundlichkeit der Einheimischen, die liebliche Landschaft, das mannigfaltige kulturelle Angebot und nicht zuletzt den köstlichen italienischen Wein. Vor die Aufgabe gestellt, darüber zu befinden, wie wahrscheinlich ihnen ein Aufenthalt in der Toskana gefallen würde, haben sie entweder die Option (a) unter hohem Zeit- und Geldaufwand objektive Beurteilungsparameter einzuholen (Chianti beim Weinhändler kaufen, Probeanrufe in der Toskana machen, um die Freundlichkeit der Italiener einzuschätzen, viele Reiseführer über die Toskana aus der Bibliothek ausleihen und lesen) oder (b) schneller durch Vergleich der eigenen Vorlieben mit denen des Freundes (Wenn er mein Freund ist teilen wir prinzipiell die gleichen Interessen) eine Entscheidung herbeizuführen. Auswahlmöglichkeit (b) ist weniger zeitintensiv und günstiger mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit richtig zu liegen und einen erfreulichen Urlaub zu verbringen.
Ein anderes Beispiel verdeutlicht weiter: Ihr letzter Behördengang hat sie von der umfassenden Kompetenz und vom Fachwissen ihres Sachbearbeiters überzeugt. Wie wahrscheinlich ist es, dass alle Staatsdiener fähige und motivierte Spezialisten sind? Diese Situation macht klar, dass es manchmal gar nicht möglich ist, ein objektives Urteil zu fällen und somit der Einsatz einer Heuristik zwangsläufige Folge wird.
3. Die Repräsentativitätsheuristik
Viele Fragen auf die Wahrscheinlichkeit von bestimmtem Verhalten oder bestimmten Ergebnissen versuchen wir mit Hilfe der Repräsentativitätsheuristik zu beantworten. Repräsentativität beschreibt den individuell geschätzten Grad an Übereinstimmung zwischen einer Stichprobe und der Grundgesamtheit bzw. einem Element und seiner Kategorie. Menschen haben genaue Vorstellungen darüber, welche Kombinationen von Eigenschaften immer zusammen auftreten. Es gibt prototypische Vorstellungen über verschiedene Berufs-
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und Bevölkerungsgruppen als Kombination verschiedener Eigenschaften. So hat man allgemeine Vorstellungen davon, welche Merkmalsausprägungen für Ärzte, Lehrer, Schauspieler und viele andere stellvertretend sind. Die Repräsentativitätsheuristik kommt vor allem dann effektiv zum Einsatz, wenn eine Situation hoch diagnostisch ist.
Wenn eine große Ähnlichkeit zwischen Element und Kategorie nicht gegeben ist, kann dies schnell zu inkorrekten Wahrscheinlichkeitseinschätzungen führen. Das kann z.B. sehr häufig beim vielschichtigen Prozess der sozialen Kategorisierung der Fall sein. Vielfach wird in Urteilen die Tatsache außer Acht gelassen, dass außer der Repräsentativität auch andere Faktoren von vitaler Bedeutung sind.
Vor allem das Nichtbeachten sog. Basisraten ist für Fehlurteile verantwortlich. Ist die Vorkommenshäufigkeit eines Merkmals in einer bestimmten Population (z.B. einer bestimmten Berufsgruppe) gleich null, kann ein Individuum in Erscheinung und Auftreten noch so sehr prototypisch sein.
Die herausragende Rolle der Repräsentativität gegenüber der Basisrate verdeutlicht ein klassisches Experiment von Kahneman und Tversky (1973). Versuchspersonen (Vpn) wurden stereotype Kurzbeschreibungen von Juristen oder Ingenieuren vorgelegt. Sie erhielte u.a. dieses Beispiel:
„Jack ist 45 Jahre alt. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Er ist im allgemeinen konservativ, sorgfältig und ehrgeizig. Er interessiert sich nicht für Politik und soziale Fragen und verwendet den größten Teil seiner Freizeit auf eines seiner vielen Hobbys, wie z.B. Tischlern, Segeln und mathematische Denksportaufgaben.“ Anhand dieser Beschreibungen, die als Ergebnisse psychologischer Interviews deklariert waren und einer zusätzlich gegebenen Basisrate sollten die Vpn angeben, ob es sich bei der beschriebenen Person um einen Anwalt oder einen Ingenieur handelt. Die Basisraten waren derart gesetzt, dass unter einer Bedingung 30% Anwälte und 70% Ingenieure waren, unter der anderen 70% Anwälte und 30% Ingenieure. Ergebnis: gesetzte Ausgangswahrscheinlichkeiten wurden größtenteils außer Acht gelassen. Urteile über die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Berufsgruppe variierten vornehmlich im Ausmaß, in dem die Beschreibung den Stereotypen entsprach.
Von Interesse ist jedoch auch ein weiterer Befund dieser Untersuchung. Ohne das Vorhandensein von Beschreibungen benutzten Vpn sehr wohl Basisraten zur Entscheidungsfindung; d.h. sie haben ein rudimentäres statistisches Verständnis.
Arbeit zitieren:
Henrik Peperkorn, 2002, Urteilsheuristiken, München, GRIN Verlag GmbH
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