Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1 Einleitung 3
2 Vorüberlegungen und Begriffsklärungen 5
2.1 Hartmanns Aufwertung des Erzählens 5
2.2 Die Begriffe der âventiure und des maere 7
3 Kommunikation und Schweigen im Iwein 10
3.1 Kalogrenants Erzählung in der Erzählung 10
3.2 Iweins âventiuren und die verbale Interaktion 12
3.2.1 Kalogrenant Iwein und das Brunnenreich 12
3.2.2 Iweins Krise und das Schweigen 15
3.2.3 Der Weg aus der Krise und die Reintegration in die Kommunikations
gemeinschaft 16
4 Schluss 19
5 Literaturverzeichnis 20
5.1 Primärliteratur 20
5.2 Sekundärquellen 20
2
1 Einleitung
Ichn wolde dô niht sîn gewesen,
Dieser Ausschnitt aus dem Prolog des „Iwein“ von Hartmann von Aue, diese – wie HAUG meint – „verblüffende Wende der Laudatio temporis acti“ 2 stand bereits im Zentrum zahlrei- cher Untersuchungen zu Hartmanns Artusroman. 3 Für die vorliegende Betrachtung dient dieses Prolog-Zitat insofern als Ausgangspunkt, als dass es den besonderen Stellenwert des Erzählens und Kommunizierens für das gesellschaftliche Miteinander anspricht. Im Folgen- den soll es darum gehen, welche Rolle das Kommunizieren, das Hartmann im Prolog quasi auf einer Metaebene bereits thematisiert, im Werk selbst spielt. Im Zentrum wird die Frage stehen, welche Bedeutung das verbale Interagieren für die Artusgemeinschaft einerseits und für die Entwicklung der gesamten Handlung andererseits hat.
In einem ersten Schritt wird dabei etwas genauer auf den Beginn des Artusromans einge- gangen, da es sich bei diesem, insbesondere dem Prolog, – um erneut mit HAUG zu spre- chen – nicht um eine „beiläufige Einleitung [… handelt, sondern dort bereits] mit programma- tischen Implikationen“ 4 zu rechnen ist. Als Grundlage für das dritte Kapitel werden sodann die mit dem Bereich des Erzählens verbundenen, sehr facettenreichen Begriffe des ‚maere’ und der ‚âventiure’ von Interesse sein. Schließlich wird, basierend auf diesen Ergebnissen, der Text selbst im Vordergrund stehen: Einige zentrale Stellen, insbesondere die Kalogre- nant-Erzählung und Iweins zweiter ‚âventiure’-Weg, werden auf ihre Relation zum Bereich der verbalen Interaktion hin untersucht.
Als ein Ausgangspunkt für diese Arbeit dient WANDHOFFS Aufsatz „‚Âventiure’ als Nachricht für Augen und Ohren“ 5 , in dem die Bedeutung der Kommunikation im Zusammenhang mit
1
Alle Zitate und deren Übersetzungen stammen aus: HARTMANN VON AUE (a): Iwein. Text und Übersetzung, hg. 4 2001 (de Gruyter Texte). Die Übersetzung dieser Passage lautet fol-
von Georg Benecke [u.a.], Berlin [u.a.] gendermaßen: „Ich hätte damals nicht leben mögen, / so daß ich heute nicht existierte, / da uns mit der Erzäh- lung von ihnen / wahres Vergnügen bereitet wird.“
2
HAUG, Walter (a): Programmatische Fiktionalität. Hartmanns von Aue 'Iwein'-Prolog, in: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. Eine Einführung, hg. von Walter Haug, Darmstadt 21992, S.118-130, hier S.125.
3
Eine Auswahl von Aufsätzen, die sich mit dem „Iwein“-Prolog beschäftigen, findet sich in den Fußnoten zu Kapitel 2.1.
4
HAUG, Walter (b): ‚Der aventiure meine’, in: Strukturen als Schlüssel zur Welt. Kleine Schriften zur Erzähllitera- tur des Mittelalters, hg. von Walter Haug, Tübingen 1989, S.447-463, hier S.448.
5
WANDHOFF, Haiko: ‚Âventiure’ als Nachricht für Augen und Ohren. Zu Hartmanns von Aue ‚Erec' und ‚Iwein', Zeitschrift für deutsche Philologie 113 (1994), H.1, S.1-22.
3
Iweins Initialâventiure untersucht wird. Ebenso ist HENNIGS Dissertation „‚maere' und ‚werc'. Zur Funktion von erzählerischem Handeln im ‚Iwein' Hartmanns von Aue“ 6 , in der es beson- ders um den Prolog und um sogenannte Sprechhandlungen im „Iwein“ geht, von Interesse. Die vorliegende Arbeit wird sich jedoch nicht nur auf den Prolog und Iweins erste ‚âventiure’ beschränken, sondern einige weitere Textstellen und die dortige Funktion des Kommunizie- rens untersuchen. Zu diesem Zweck erwies sich auch RUBERGS Habilitationsschrift „Beredtes Schweigen in lehrhafter und erzählender deutscher Literatur des Mittelalters“ 7 als hilfreich, die sich mit dem genauen Gegenteil, nämlich der Funktion des Schweigens am Artushof, auseinandersetzt. Ob HENNIG Recht hat, wenn sie behauptet, dass „[s]prachliche Interaktio- nen […] im ganzen „Iwein“ der Motor für das Geschehen [sind]“ 8 , ob der Kommunikation also wirklich eine solch zentrale Rolle zukommt, soll am Ende begründet entschieden werden.
6
HENNIG, Beate: ‚maere' und ‚werc’. Zur Funktion von erzählerischem Handeln im ‚Iwein' Hartmanns von Aue, Göppingen 1981 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 321).
7
RUBERG, Uwe: Beredtes Schweigen in lehrhafter und erzählender deutscher Literatur des Mittelalters, Mün- chen 1978 (Münstersche Mittelalter-Schriften 32).
8
HENNIG, S.80.
4
2 Vorüberlegungen und Begriffsklärungen
2.1 Hartmanns Aufwertung des Erzählens
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, nimmt der vielfach analysierte Beginn des „Iwein“ 9 in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein. Für die vorliegende Arbeit sind vor allem folgende Aspekte des Romaneingangs interessant: Zum einen formuliert Hartmann an dieser Stelle deutlich, dass für ihn das Erzählen nicht nur einen hohen Stellenwert hat, sondern dass „der poetischen Gestaltung […] sogar der Vorzug […] vor den Taten selbst“ 10 einzuräumen sei. HENNING, die für diesen Sachverhalt zentralen Begriffe aus dem Prolog zitierend, fasst diese komplexe Verbindung von Geschehnissen einerseits und dem Berichten von diesen Ge- schehnissen andererseits folgendermaßen zusammen: „Die ‚werc’ können nur durch das ‚maere’, durch das Erzählen von ihnen, erlebt werden; und das ‚maere’ wird selbst zum ‚werc’ dadurch, dass es dieses Erleben bewirkt.“ 11 Zum anderen, und das soll im Folgenden im Mittelpunkt stehen, zeichnet sich der „Iwein“-Prolog zusammen mit der sich daran an- schließenden Kalogrenant-Erzählung dadurch aus, dass das Thema der Kommunikation auf zweierlei Ebenen – nämlich der Ebene der realen Leser bzw. Zuhörer Hartmanns sowie der Ebene des fiktiven Publikums im Roman selbst – angeschnitten wird. 12 Auf diese Weise er- gibt sich eine reizvolle Verschränkung zwischen der historischen Kommunikationssituation Hartmanns 13 und der fiktiven Welt des Artushofs.
Sicherlich zu Recht wird die höfische Gesellschaft meist als eine von „Erzähl- und Redefreu- de“ 14 geprägte Gemeinschaft beschrieben. Wie jede Gruppe, in der kommuniziert wird, stellt auch sie eine „begrenzte Kommunikationsgemeinschaft […mit] engem Verständigungsrah-
9
Eine detaillierte Analyse des Aufbaus des „Iwein“-Prologs und seiner Funktion findet sich beispielsweise bei HENNIG, S.52-77. Mit der Funktion von Prologen im Allgemeinen beschäftigt sich z. B. BRINKMANN, der den Prolog als „Eröffnung eines Gesprächs“ bezeichnet, BRINKMANN, Hennig: Der Prolog im Mittelalter als literari- sche Erscheinung. Bau und Aussage, Wirkendes Wort 14 (1964) H.1, S.1-21, hier S.6.
10 MERTENS, Volker (a): Der deutsche Artusroman. Stuttgart 1998 (RUB 17609), S.80. Ähnliche Äußerungen sind auch in folgenden Betrachtungen enthalten: HAUG (a), S.124; HARTMANN VON AUE (b): Iwein, aus dem Mittel- hochdeutschen übertragen, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Max Wehrli, Zürich 1988. (Manesse-Bibliothek der Weltliteratur), S.534; MERTENS, Volker (b): Imitatio Arthuri. Zum Prolog von Hart- manns ‚Iwein’, Zeitschrift für deutsches Altertum 106 (1977), S.350-385, hier S.357; HENNIG, S.75 bzw. S.80; 2 1993 (Ar-
CORMEAU, Christoph/STÖRMER, Wilhelm: Hartmann von Aue. Epoche, Werk, Wirkung, München beitsbücher zur Literaturgeschichte), S.202.
11 HENNIG, S.250.
12 HENNIG meint außerdem, dass bereits der Beginn des Romans „auf den kommunikativen Charakter dieses Textes hin[weist].“ HENNIG, S.53.
13 Eine ausführlichere Darstellung der historischen Literatur- und Kommunikationssituation findet sich beispiels- weise bei BUMKE, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, Bd.II, München 2 1986 (dtv 4442), S.595-784, besonders S.700-734.
14 RUBERG, S.223. Auch BÄTZ sieht das so und sagt, Erzählen sei ein „[wichtiger] Bestandteil de[r] gesellschaftli- chen Unterhaltung am Hofe“, BÄTZ, Oliver: Konfliktführung im ‚Iwein’ des Hartmann von Aue, Aachen 2003
5
men“ 15 dar. Üblich für jede Kommunikationsgemeinschaft sei es – so KAISER –, dass in ihr verbale Interaktion „in besonderer ‚Wir-Intensität’ erfahren“ werde, und dass sie einen be- stimmten „sozialen Resonanzrahmen“ 16 habe, in welchem sich erst der Sinn einer Erzählung entfalten könne. So entspricht beispielsweise der Artusroman genau den Werten der höfi- schen Gesellschaft, kann so als Identifikationsmedium dienen und trägt damit zur Selbstbes- tätigung und Identitätsbildung der Kommunikationsgemeinschaft bei. Interessant ist in die- sem Zusammenhang auch Hartmanns Selbstbetitelung als „rîter, der gelêret was“ (>Iwein<, V.21), mit welcher er sich eindeutig als Teil dieses begrenzten Kommunikationsrahmens, also als „ritterlicher Erzähler in einer ritterlichen Gesellschaft“ 17 , bezeichnet und sich dadurch als Erzähler legitimiert.
Auch bei der fiktiven Artusgesellschaft handelt es sich um eine ganz eigene Kommunikati- onsgemeinschaft mit spezifischen Bedingungen. Wie ähnlich diese denen des realen Publi- kums sind, wird durch folgenden Kunstgriff Hartmanns deutlich: Stehen sich am Anfang des Romans die realen Leser bzw. Zuhörer und die Artusgemeinschaft noch gegenüber, so „ver- schmelzen die beiden Hörergemeinschaften [im Rahmen der Kalogrenant-Erzählung] mitein- ander“. 18 Dies zeigt sich beispielsweise in Kalogrenants Exkurs über das adäquate Hörerver- halten (V.244-256), der sich primär natürlich an seine unmittelbaren Zuhörer, genauso je- doch – quasi indem der Autor seine Figur als Sprachrohr verwendet – an Hartmanns Publi- kum richtet. 19 Zentral ist für beide Kommunikationsgemeinschaften, dass – einerseits durch Hartmann bzw. den fiktiven Erzähler, andererseits jedoch im Form von Erzählungen in der Erzählung selbst – Geschichten erzählt werden, die vor allem ein Ziel haben: der betreffen- den Gemeinschaft Sinn zu stiften. 20 Auf diese Weise greifen – wie FISCHER meint – während des Erzählens und besonders des Vortrags von Artuserzählungen beim höfischen Fest „die poetische Welt und die Wirklichkeit ineinander und durchdringen sich.” 21 Genauso wie Kom-
(Berichte aus der Literaturwissenschaft), S.81. BUMKE spricht ebenfalls vom besonders „geselligen Charakter des höfischen Erzählens“, BUMKE, S.706f.
15 HENNIG, S.40 bzw. 48.
16 KAISER, Gert: Textauslegung und gesellschaftliche Selbstdeutung. Die Artusromane Hartmanns von Aue, 2 1978 (Schwerpunkte Germanistik), S.33 bzw. S.41. Auch HENNIG greift diesen Aspekt auf, indem
Wiesbaden sie sagt, dass „[die] gemeinsame Kommunikationssituation von Publikum und Autor […] die Basis für die Ori- entierung des Rezipienten“ sei. Vgl. HENNIG, S.40.
17 HENNIG, S.73.
18 KAISER, S.18 Eine ebenfalls interessante Entwicklung vollzieht sich mit dem Erzähler: Scheint anfangs der Dichter selbst zu sprechen, wird dieser nach und nach von einem fiktiven Erzähler zurückgedrängt, der nun selbst die Geschichte übernimmt, ordnet und gestaltet. Diese Spaltung wird vor allem in einer Szene deutlich: Der Erzähler kürzt die Beschreibung des Kampfes zwischen Iwein und Askalon, weil es dafür keine Zeugen gibt (HENNIG bezeichnet dieses Verfahren als „diplomatic ignorance“, HENNIG, S.110), wobei außer Frage steht, dass der Dichter (also Erfinder dieser Geschehnisse) über jene Geschehnisse informiert ist. 19 HENNIG, S.79.
20 „Sinnvermittlung wird also […] über den Mitvollzug des erzählten Wegs des Helden geleistet.“, MERTENS (a), S.80.
21 FISCHER, Hubertus: Ehre, Hof und Abenteuer in Hartmanns ‚Iwein’. Vorarbeiten zu einer historischen Poetik des höfischen Epos, München 1983, S.187.
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Regina Männle, 2006, "als diu âventiure giht" - Die Kommunikation als zentrales Element und Handlungsauslöser im Artusroman, Munich, GRIN Publishing GmbH
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