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Inhaltsverzeichnis
0. Problemaufriß 4
I Methodisches 5
II Enzyklopädisches 6
III Weltkrieg I: Türkenrummel 8
IV Nachkrieg I:Deutsche Schuld 11
V Nachkrieg II: Gegendiskurse 12
VI der Ermordete ist schuldig 14
VII Kemalismus: Atatürkien als ein Armenien ohne Armenier 17
VIII Nachkrieg III: Flüchtlingsproblem 18
IX Furchtbare Wahrheit 19
X Weltkrieg II: Die türkische Gleichung 21
XI Epilog: Die Resolution des Deutschen Bundestags 2005 als Kontinuitätsbruch 24
Anmerkungen 26
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"Armenia Without Armenians" - Three decades images of Armenians within colo- nial-imperialistic, and totalitarian-fascist, public discourses in Germany, 1913- 1943. Critical reflections on dubious accounts
In this scholarly essay the author, an experienced social scientist, goes the way from the last phase before World War I to the last stage of World War II. After claiming the field, naming the problem, and explaining why he is, in a scholarly manner, working “narratively”, the author presents systematically and comments critically various images of the Armenians as “the jews of the orient” widespread within the German public. This as specific as negative view of the Armenians basically meant (and often still means), above all, a racial stereotype picturing a people in a way escalating “the jews” as defraudulent dealer, and habitual liar, sometimes even with criminal back- ground. Whereas in scholarly texts published in the first German edition of “Encly- clopädie des Islam” before and after World War I a neutral picture of the Armenian as an ethnic group without a state of their own was painted, in German society dur- ing the ´Great War´ 1914/18 under conditions of military dictatorship and effective censorship above all a sort of “deutsch-tuerkische Waffenbruederschaft” (German- Turkish armend brotherhood) was widely proclaimed, stigmatising the Armenians as a minor ethnic group, and, if not denying at all, at least partly justifying what the author names Armenocide as the first ´modern´ genocide within 20 th century ´back in the very Turkey´. In a short period after World War I and especially when an Arme- nian student as the murder of one of the leading Turkish genocidalists representing the Ottoman state since 1913, Talat Pasha, was in Berlin, 1921, acquitted for political reasons, a pro-Armenian social climate could be realized within a small intellectual strata in Germany. In this period lasting from 1919 to 1922/23 a lot of memoirs were published, written by former German leaders who tried to justify their failures as warriors. But after the Lausanne Treaty (July 23, 1923) was accepted by the “Turkish nationalist movement” as represented by the former Young Turk Mustafa Kemal, the “new Turkey” was founded (October 23, 1923) and constitutionalized (April 24, 1924). In a way, Kemal and his followers, in so far tremendous successful political figures and inspirers for Adolf Hilter, realised that dystopian concept as coined out both by Osmanian and Young Turk rulers: “Armenia without Armenians”. Not sur- prisingly that what since the 19 th century was named “the Armenian question” after the Lausanne Treaty and the formation of the Turkish Republic (1923/24) was flapped down to another “refugee problem”. After the German fascists (naming themselves National Socialists) came into power in 1933, Armenians were not, as at first expected, and apprehended, racially defined as ´non-Aryan´, and that was why they were neither stigmatised not prosecuted like the jews. During World War II fas- cist ideologist renewed traditional colonial and imperialistic lines including that anti- Armenian stereotype combining it with ´modern´ scientific ideas, and also conceptu- alising the post-Kemalist Turkey as a sort of double-bulwark against Bolshewism and Islamism, trying to kill two birds with one stone. Given this setting and its un- derlying basic geo-political concept (still justified by relevant figures of the German political elite), the author emphasizes the very meaning of the resolution the German Parliament adopted for one voice (June 15, 2005): for the first time the Armenocide was (indeed not named as genocide, but) accepted as the annihilation of an entire na- tion as undertaken by the Young Turks regime within the Ottoman state under the umbrella of complicity with the German Reich during World War I.
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„Bei uns in Deutschland hat man sich daran gewöhnt, in den periodisch wiederkeh- renden Armeniermassakres nur die natürliche Reaktion auf das Aussaugesystem der armenischen Geschäftsleute zu sehen. Man nannte die Armenier die Juden des Ori- ents und vergaß darüber, daß es in Anatolien auch einen starken armenischen Bau- ernstamm gibt, der alle guten Eigenschaften einer gesunden Landbevölkerung be- sitzt, und dessen ganzes Unrecht darin besteht, daß er seine Religion, seine Sprache und seinen Besitz zähe gegen die ihn umgebenden Fremdvölker verteidigt. Der Mangel an organisatorischem Talent, die Unfähigkeit zu einer wirklich durchgrei- fenden Reformarbeit im modernen Sinne ist bei den Türken in den letzten Monaten so klar zu Tage getreten, daß das Verhältnis zwischen Türken und Armeniern da- durch beeinflußt werden muß.“
Problemaufriß
Dieser Bericht des damaligen deutschen Botschafters im Osmanischen Staat, Hans Freiherr v. Wangenheim (1872-1915) datiert Pera [Konstantinopel], 24. Februar 1913. Er wurde nach Berlin an den Kanzler des Deutschen Reiches geschickt. Der bekannte deutsche Armenozidforscher Dr. Wolfgang Gust fand ihn im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland unterm Aktenzeichen DE/PA- AA/R14078 und publizierte ihn erstmals 2003 auf seiner Netzseite http://www.armenocide.de[1]. Hier findet sich, offen angesprochen, ein zuletzt vom
Schweizer Orientforscher Hans-Lukas Kieser kritisch kommentiertes Fremdbild als negatives Stereotyp[2] über den bzw. „die Armenier“ als „verbreiteter Antiarmenis- mus“[3]. Dieses negative Armenierbild ist zumindest subdominant in Deutschland bis heute wirksam. Der Berufsdiplomat v. Wangenheim, seit 1912 im Osmanischen Botschafter des Deutschen Reichs, hat es, höchst behutsam, in seinem Telegramm 1913 kommentiert. Das Zerrbild von Armeniern als zwielichtige Händler und „Juden
des Orients“
war damals so weit verbreitet, daß man es Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auch bei Wirtschaftswissenschaftlern der historischen politischen
Linken, etwa Karl Kautsky und Werner Sombart, fand.
Das zitierte antiarmenisch-destruktive Cliché wurde zunächst maßgeblich geprägt vom Budapester Orientkundler Hermann Vambéry (1832-1913, i.e. Armin Bamber- ger), später vom Leipziger Lebensraum-Geographen Friedrich Ratzel (1844-1904) und schließlich von Hans F.K. Günther (1891-1968). In seinen Büchern „Wanderungen und Erlebnisse in Persien“ (1867) und „Sittenbilder aus dem Morgenlande“ (1877) stellte Vambéry „das in seiner geographischen Zerstreuung nur den Juden und Zigeunern nachstehende armenische Volk“ als andere übervorteilende „schlaue und gewinn- süchtige Armenier“ und „Wucherer“ dar[4]. Dieses Zerrbild übernahm Ratzel in seinen Büchern „Politische Geographie oder die Geographie der Staaten, des Ver- kehrs und des Krieges“ (1897) und „Völkerkunde“ (1901), in denen er „Juden, Arme- niern, Zigeunern“ nichtseßhafe Eigenschaften zuschrieb und glaubte, diese „nomadi- schen Minoritäten“ könnten nicht, wie „verwurzelte Völker“, ein „festes Verhältnis zur eigenen Scholle“ entwickeln. Der nationalsozialistische „Rassegünther“[5] schließlich stellte in seiner „Rassenkunde des deutschen Volkes“ (1922; 14. Auflage 1933) Armenier als Prototyp einer „degenerierten Rasse“ vor. Dieses auch von Adolf
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Hitler (1889-1945) zur Begründung des später Holocaust oder Shoah genannten Völ- kermords an den europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs 1941-1945 vertretene antiarmenische Stereotyp von (ehemals stolzen) abgesunkenen Persern, „die jetzt als Armenier ein klägliches Dasein führten“, wurde den beiden Nazigrößen Hermann Göring und Joachim v. Ribbentrop während ihrer Vernehmungen im Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher (als Dokument GB-283) am 21.3. und 2.4.1946 vorgehalten.
Methodisches
Mein wissenschaftlicher Aufsatz übers Armenierbild in deutschen Texten aus drei Jahrzehnten ist in mehrfacher Hinsicht ein ´mittlerer´ Beitrag – wenn auch nicht im fachsoziologischen Sinn Robert King Mertons („middle ranged theory“). Ich versu- che erstens und durchaus ´narrativ´, eine mittlere Kontinuitätslinie, auch des „Ver- lusts der humanen Orientierung“ (Ralph Giordano) in Deutschland 1913-1943, nach- zuzeichnen, beginne also zeitlich kurz v o r dem Destruktionsereignis im Osmani- schen Staat während des Ersten Weltkriegs, das im armenischen Selbstverständnis „Medz Aghed“ (die große Katastrophe) heißt und in der (sozial-) wissenschaftlichen Forschung Völkermord, Genozid oder Armenozid (früher „Armeniermord“) genannt wird. Ich beende diese chronologisch-linear angelegte mittlere ´tour d´ horizon´ mit totalitären – neokolonialistischen, faschistischen, nationalsozialistischen - Armenier- bildern.
Was die erinnernd vorgestellten Texte betrifft, so bleibe ich zweitens sowohl unter- halb der ´großen´ Erzählebene etwa von Franz Werfels zuerst 1933 erschienenem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ [6] als auch oberhalb nur fachspezialisti- scher Darstellungen und Hinweise, etwa der deutschen Orientologie. Als Methode wende ich, drittens, eine mittlere Erzählform an, die dadurch und deshalb wissen- schaftlichen Ansprüchen genügt, weil sie durch Offenlegen der Quellen intersubjek- tiv überprüfbar ist, gleichwohl aber einen doppelten Verzicht aufweist: nämlich so- wohl auf alle Quantifizierungen als auch auf alle Vergleiche mit Armenierbildern in anderen, dem Deutschen Reich historisch vergleichbaren, europäischen Gesellschaf- ten des genannten Zeitraums der drei Jahrzehnte.
Was ich als Material in Textform analysiere, auch kritisch kommentiere, nenne ich, viertens, bewußt Diskurs im Sinne des allgemeinen deutschen Sprachgebrauchs, demzufolge es beim „Diskurs“ vor allem um „Rede, Gespräch, auch Abhandlung“ (Meyers Lexikon 1925) ging und auch heute noch um „Erörterung, Unterhaltung“ (E- tymologisches Wörterbuch 1995) gehen soll[7]. Insofern rückbeziehe ich mich aus- drücklich nicht - und nicht nur, um der berechtigten Kritik am „Diskurs als Ideolo- gie“ (Peter V. Zima) zu entgehen - auf das, was im gegenwärtigen westeuropäisch- intellektuellen Feld in Anlehnung an (vermeintliche) Meisterdenker wie Michel Fou- cault, Teun A. van Dijk oder Jürgen Habermas als „Diskursanalyse“[8] gilt bzw. so genannt und in Deutschland vor allem von Siegfried Jäger[9] und Rainer Diaz-Bone vertreten wird[10] – zumal ich vor zwanzig Jahren und im Anschluß an Beiträge von Walter Jens, Johannes Volmert und Peter V. Zima[11] selbst politikhistorisch-
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textsoziologisch gearbeitet habe[12] und schon von daher eine im Selbstverständnis noch so „Kritische Diskursanalyse“, die sich sowohl elaborierter geisteswissen- schaftlich-philologischer als auch entwickelter empirisch-textsoziologischer Arbeits- formen und Methoden verweigert, weniger als wenig abgewinnen kann. Und selbst wenn ich wüßte, was eine ´postkoloniale Diskursanalyse foucaultscher Prägung´ (Malte Fuhrmann) wäre – wäre dies/e von mir zu aller letzt zu erwarten...
Fünftens schließlich ist auch mir als einem der wenigen noch lebenden, sozialwissen- schaftlich geschulten, engagiert publizierenden Intellektuellen der 1968er Generation in Deutschland, der auch die Möglichkeitskategorie einvernimmt[13], durchaus be- wußt, daß es auch vor dem hier interessierenden Zeitraum, der im vergangenen
´kurzen´ Jahrhundert am Vorabend des ersten „Großen Krieges“ beginnt, in Deutsch- land schon seit Jahrzehnten die
Clichévorstellung vom „Armenier“ als „Juden des O- rients“
gab – ein Negativstereotyp, das auch ein bis heute weitverbreiteter deutscher Massenunterhalter befestigen half[14], der in seiner 1897 veröffentlichten Erzählung „Der
Kys-Kaptschiji“
das antiarmenische Stereotyp so vortrug:
„Ein Jude überlistet zehn Christen; ein Yankee betrügt fünfzig Juden; ein Armenier aber ist hundert Yankees über; so sagt man, und ich habe gefunden, dass dies zwar übertrieben ausgedrückt ist, aber doch auf Wahrheit beruht. Man bereise den Orient mit offenen Augen, so wird man mir recht geben. Wo irgendeine Heimtücke, eine Verräterei geplant wird, da ist sicher die Habichtsnase eines Armeniers im Spiele. Wenn selbst der gewissenlose Grieche sich weigert, eine Schurkerei auszuführen, so findet sich ohne Zweifel ein Armenier, welcher bereit ist, den Sündenlohn zu verdie- nen.”[15]
Beim vom habgierig-kriminellen Hintergrund abgezogenen und insofern ´zivilisierten´ Bild des „schlauen“ Armeniers mit teilanerkennend-subtextuellem Unterton könnte es sich um ein universalkulturelles Muster handeln: im prominent- politischen Feld beispielsweise entsprach diesem Cliché der ehemalige sowjetische Spitzenpolitiker armenischer Herkunft, Anastas Mikojan (1895-1978), zuletzt 1964/65 Vorsitzender der Präsidiums des Obersten Sowjets, und im sportiv-intellektuellen Tigran Petrosjan (1929-1984), Schachweltmeister 1963-1969. Das Stereotyp vom „schlauen“ Armenier ist auch erzählkulturell im levantinischen Märchen „Der Türke, der Italiener und der Armenier“ aufgespeichert[16].
Enzyklopädisches
Die Enzyklopädie des Islam ist als Vorhaben und Werk der internationalen „Gelehr- tenrepublik“ (Arno Schmidt) ein mehrsprachiges Nachschlagerwerk[17]. Der erste Band dieser umfassenden, von Martin T. Houtsma und anderen edierten, wissen- schaftlichen Islamkunde erschien bereits v o r dem Ersten Weltkrieg in zwei renom- mierten Wissenschaftsverlagen. Die alphabetisch angelegten einzelnen Beiträge wurden von als „namhaft“ geltenden Islamwissenschaftlern erarbeitet. Sie sollten in Form eines Standardwerks zu relevanten Fragen des Islam, seiner Entwicklung, Ge- schichte, Religion, Kultur und Politik den gegenwärtigen Forschungsstand darstel-
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len. Die erste Auflage erschien in den Jahren 1913-1934 mit vier Bänden. (und Ergän- zungsband) dreisprachig deutsch, französisch und englisch[18]. Die Enzyklopädie erschien in zweiter Auflage mit elf Bänden und zwei Supplements (1960-2005) zwei- sprachig französisch und englisch. Eine dritte Auflage soll in Vorbereitung sein und nur noch englisch als Encyplopaedia of Islam publiziert werden.
Sieht man ab von auch wichtigen, aber recht knappem Einträgen wie etwa dem zum „Heiligen Krieg“ unterm in anderthalb Spalten abgehandelten Stichwort „Djihad“ mit der Grundaussage: „Krieg ´auf dem Wege Gottes´, die Ausbreitung des Islam mit Waffengewalt, ist eine religiöse Pflicht für die muslimische Gemeinde im gan- zen“[19], dann sind vor allem, auch im Kontinuitätssinn, zwei längere, Wissenschaft- lichkeit beanspruchende Beiträge von Interesse: Einmal der etwa 29 Spalten umfas- sende Eintrag zu „Armenien“ im ersten Band (1913) und zum anderen der von der Länge her mit 30 Spalten compatible Text zur „Geschichte [der Türken]“ im vierten Band (1934).
Entsprechend damaliger Methodik, die von Geographie mit Bodenbeschaffenheit und klimatischen Bedingungen ausging, wird das wissenschaftliche Wissen über das Armenien genannte „Land in Vorderasien“ auch in dieser Enzyplopädie monogra- phisch breit und mit anschließender ausgiebiger Literaturdiskussion in den Ab- schnitten: „Geographische Umrisse“, „Geschichte“, „Einteilung, Verwaltung, Statisti- sches, Handel und Verkehr, Naturprodukte und Industrie“ präsentiert[20]. Dabei wird im ausführlichsten Abschnitt („Geschichte“) deutlich, daß die großarmenischen Königreiche historisch sind, und, so später ausdrücklich zu Land und Leuten, daß „seit den russisch-persischen und russisch-türkischen Kriegen [des 19. Jahrhunderts] die Türkei, Rußland und Persien sich den Besitz des armenische Territorials teilen“ (462). Aktuell wird über diesen Hinweis auf fehlende Staatlichkeit Armeniens als Kern der seit dem Berliner Kongreß 1878 mit den dort in Art. 61 festgeschriebenen Reformen im Osmanischen Staat „armenische Frage“ genannten Nationsbildungs- prozesse hinaus auf die disperse Lage der Zerstreuung von Armeniern (462) einer- seits und die Auswanderung von Armeniern aus dem Osmanischen Staat anderer- seits („teils infolge der letzten Massen-Hinschlachtungen“) verweisen, so daß „die Zahl der Armenier auf türkischem Boden, teils durch Auswanderung, immer mehr abnimmt.“ (463). Aus der historischen Darstellung lassen sich drei entscheidende Be- sonderheiten armenischer Geschichte erkennen: erstens die fehlende „führende Rolle Armeniens in Vorderasien“ infolge „innerer Zerrissenheit“, weil „sich im Lande, be- günstigt durch die geographische Beschaffenheit, eine beispiellose Feudalwirtschaft entwickelte.“ (453) Zweitens die historisch frühe, „im Jahre 387 beschlossene Tei- lung“ des armenischen Staates, dessen „größerer, östlicher Teil (etwa vier Fünftel) an Persien“ und „das kleinere, westliche Stück an Rom“ kam (454). Drittens die Folgen der „Todesstunde des oströmischen Großreiches“ gegen Ende des 11. und zu Beginn des 12. Jahrhunderts: „Der Osten Kleinasiens, Armenien und Kappadokien, gerade jene Landschaften, welche die eigentliche Kraft der kaiserlichen Herrschaft repräsen- tierten, waren für immer an das Türkentum verloren.“ (457)
Der alphabetischen Ordnung folgend erschien der Paralleleintrag zu Türkei und Türken erst gut zwanzig Jahre später[21]. Im Mittelpunkt des (in sich gelegentlich widersprüchlichen) Teilbeitrags zur „Geschichte der Türken“ (1033-1049) stand das „Osmanische Reich“ als „der größte und dauerhafteste Staat, der in islamischer Zeit
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von einem Volke türkischer Zunge gegründet wurde“ und „größte Staatenbildung in den letzten Jahrhunderten der islamischen Geschichte“ (1033), welche jedoch als Türkei „den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit nicht mitmachte“ und insofern „den Riß zwischen der osmanischen und der west-europäischen Kultur unüber- brückbar“ werden ließ (1033). Die Entwicklung seit der osmanischen Staatsgründung 1299 wird in sechs „Perioden“ vorgestellt. Die hier vor allem interessierende „fünfte Periode“ von 1839 bis 1922 sei durch „kulturelle und administrative Wiederbelebung des Staates unter dem Eindruck westeuropäischer Ideen“ im allgemeinen bis zur Be- sonderheit des „türkischen Nationalismus [als] mehr indirektes Ergebnis der abend- ländischen Ideen“ (1034) bestimmt: „Der Krieg 1914-1918 ermöglichte es der Türkei, dies neue Ideal in einer unerwarteten Weise zu verwirklichen“ – erwähnt werden später ein Mal „während des Krieges Armenier-Massaker“, die „sicher ursprünglich nicht im Programm [der „jungtürkischen Machthaber“] standen“ (1046). Insgesamt erscheint der Niedergang des Osmanischen Reichs auch als Ergebnis des Einflusses „fremder Mächte auch auf viele Dinge der inneren Verwaltung“ und als Prozeß der „Zerstückelung der europäischen Türkei.“ (1044) Die knappe Darstellung zum „tür- kischen National-Staat seit 1922“ illustriert die Kernthese von der „modernen Tür- kei“ als „Staat mit einem kleineren Territorium als das Osmanische Reich [...] mit ei- nem gut Teil alter Traditionen des ehemaligen Osmanischen Reiches.“ (1034) Als we- sentliche Daten genannt werden Einberufung der Großen Türkischen Nationalver- sammlung nach Ankara durch Mustafa Kemal (23.4.1920), den (späteren) Staats- gründer und (noch späteren) Vater aller Türken („Atatürk“), Rückgewinnung der ägäischen Küstenstadt Smyrma [heute Ismír] (9.9.1923), der das Sèvres-Abkommen von 1920 revidierende Vertrag von Lausanne (23.7.1923) und die Verfassung der am 29.10.1923 ausgerufenen türkischen Republik (20.4.1924) mit der neuen Hauptstadt Ankara, der „Medina der neuen Türkei“ (1047). Westlich-laizistische Maßnahmen des frühen Kemalismus wie „Huterlaß“, Verbot des Derwisch-Ordens 1925 und die „bemerkenswerte Reform“ der „offiziellen Einführung des lateinischen Alphabetes und die Beseitigung der arabischen Buchstaben“ 1928 schließlich werden als Maß- nahmen, „das türkische Volk auf eine höhere Kulturstufe zu heben“, gewertet (1047).
„Türkenrummel“
Wenn ein zeitgenössischer Beobachter wie der deutsche pazifistische Publizist und Politiker Hellmuth v. Gerlach (1866-1935), Autor der 1926 publizierten Broschüre ü- ber „Die große Zeit der Lüge“, rückblickend zur Wirksamkeit der Militärzensur während des Ersten Weltkriegs feststellte, daß die „Masse des deutschen Volkes nie erfahren hat, was sonst die ganze Welt wußte: Dass die schlimmsten Menschen- schlächter unsere Bundesgenossen in der Türkei gewesen sind“[22], so ist diese Fest- stellung doppelt richtig. Und auch wenn ich bisher die Zensurpraxis 1914/18 selbst nicht monographisch aufarbeiten, sondern nur auf ihren Beginn bereits v o r Kriegsbeginn am 3.6.1914 durch das „Gesetz gegen den Verrat militärischer Geheim- nisse“ und dann am 31.7.1914 durch die reichskanzlerische Verordnung zu "Veröf- fentlichungen über Truppen- und Schiffsbewegungen und Verteidigungsmittel“ so- wie auf ihre Begründung, „auf der ganze Linie von Indien und Zentralasien bis Ä- gypten und Marroko den ´heiligen Krieg´ zu entflammen“[23], aufs amtliche Zen-
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surhandbuch[24] und auf die beiden speziell das Schicksal der osmanischen Arme- niern bezogenen Zensuranweisungen vom 7.10.1923 und 23.12.1915[25] zusammen- fassend verweisen konnte[26], so scheint mir doch die Wertung, daß die „Zensurpra- xis relativ locker gehandhabt wurde“[27], auch angesichts der inzwischen teilaufge- arbeiteten Kenntnisse um Dr. Johannes Lepsius´ „Kraftakt zivilen Ungehorsams“[28] für Druck und Verbreitung seines „Bericht[s] über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei“ in Deutschland im Sommer 1916[29], wenig kenntnisbezogen. Denn abgesehen von den (hier in Anmerkung 19 verzeichneten) illegalen Ausgaben der SPARKATUSBRIEFE und der im Ausland gedruckten Liebknecht-Broschüre gab es im Deutschen Reich während des Ersten Weltkriegs außer verschiedenen, aber un- terhalb der Publikationsebene verbliebenden, Hinweisen Ernst Sommers, Armin T. Wegners und anderer gegen den Völkermord „hinten in der Türkei“ Engagierter i n Deutschland selbst außer Lepsius´ Buch („Streng vertraulich ! Als Manuskript ge- druckt !“) soweit ich weiß nur noch Dr. Martin Niepages ebenso konspirativ und il- legal produzierte und verbreitete Broschüre „Eindrücke eines deutschen Oberlehrers aus der Türkei“ unter dem Titel „Ein Wort an die berufenen Vertreter des deutschen Volkes“[30]. Das bedeutet: Der „Diskurs“ in Deutschland wurde von Früh- jahr/Sommer 1915 bis zum Zusammenbruch des militärdiktatorischen Herrschafts- system Ende 1918, also drei und halb Jahre lang, von jener Flut meist hurtig zusam- mengeschriebener Jubelbroschüren im Zeichen der seit November 1914 durch Kriegseintritt der Türkei, in der am 14.11.1914 der ´Heilige Krieg´ proklamiert wur- de, an der Seite der Mittelmächte gebildeten deutsch-türkischen „Waffenbrüder- schaft“ beherrscht. Dieser „Türkenrummel“ (v. Gerlach) um Dr. Ernst Jäckhs „auf- steigenden Halbmond“[31] ging zeitweilig so weit, daß manch einer dieser neudeut- scher Kolonialmachtstrategen, wie Dr. Paul Rohrbach[32] und der ebenfalls in Jäckhs Schriftenreihe „Der Deutsche Krieg“ publizierende Dr. Carl Anton Schäfer[33], schon in Broschürenform von der so djihadistisch beförderten wie militärstrategisch er- wünschten türkischen Eroberung Ägyptens oder vom Großdeutschland von der Nordsee bis zum Persischen Golf träumen wollten...
Es war in der Tat jener (ironisch „Türken-Jäckh“ genannte) deutsch-imperiale „Welt- politiker“ Ernst Jäckh, der, selbstbesoffen von deutsch-türkischer „Waffenbrüder- schaft“, mit dem politischen Feuer spielte und 1915 die vom jungtürkischen Haupt- ideologen Ziya [Sia] Gök Alp[34] begrüßte Broschüre „Türkismus und Pantürkis- mus“ von Tekin Alp als zweiten Band seiner „Deutschen Orientbücherei“ veröffent- lichte[35]. Hier findet sich die von Gök Alp[36] unterstützte Forderung und auch von Mustafa Kemal (später „Atatürk“) als Gründer der Türkischen Republik 1923 poli- tisch-praktisch umgesetzte Forderung nach „Wiedererwachen und Rückkehr zum Turanismus“ als Ausdruck großtürkische Ideologie eines expansiven türkischen Na- tionalismus entsprechend der politischen Position des jungtürkischen „Einheit und Fortschritt“-Kommittees, das seit seiner Versammlung in Saloniki am 28.2.1912 von der „Notwendigkeit des Panislamismus“ ausging[37], was ausweislich später veröf- fentlichter Akten die deutsche Reichsregierung (auch zu nutzen) wußte[38]. Nur fol- gerichtig also, daß dieser Text, wie noch alle die deutsch-türkische „Waffenbrüder- schaft“ bekräftigenden Bücher, Broschüren und Artikel, nicht nur die Zensur passier- te, sondern auch und bis heute auf, auch kritisches, Interesse stößt[39].
Weil die Dutzende Broschüren zur „deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft“ der
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Dr. Richard Albrecht, 2008, Armenien ohne Armenier, München, GRIN Verlag GmbH
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