Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Aufbau 3
2. Einführung zu den Verben ser und estar 4
2.1 Herkunft der Verben ser und estar Blick auf semantischen Wandel 4
2.1.1 STARE 4
2.1.2 SEDERE 5
2.2 Heutiger Status der Verben ser und estar 6
3. Einfacher Ansatz zur Verwendung von ser und estar 8
3.1 Verwendung von ser 8
3.2 Verwendung von estar 9
3.3 Unproblematische Verwendung bei Adjektiven und Partizipien je nach Bedeutung 10
3.4 Problematische Verwendung bei vivo und muerto 12
4. Zwischenbilanz 13
5. Weiterführende nuancierte Alternativ-Konzepte und Anwendbarkeit 14
5.1 Extrinsität vs Intrinsität nach Vaño-Cerdá kommentiert von Falk 14
5.2 Vergleich an anderen Objekten (Objektivität) vs Vergleich am Objekt selbst
(Subjektivität) nach Falk (1987) Delbecque (1997) 17
5.3 Erklärungsmodelle bei Fällen wie vivo muerto unzureichend 20
6. Diskussion der vorgestellten Konzepte mit Auslegung von Catalani (2004) und Porroche
Ballesteros (1988) 20
6.1 Catalanis Vorschlag: Ansiedlung Nicht-Ansiedlung 20
6.2 Porroche Ballesteros Auslegung: norma individual norma general 23
6.3 Zusammenfassung der erfolgreichen Erklärungskonzepte 25
7. Zusammenfassung der genannten Oppositionen 25
7.1 Stichwörter zur Verwendung von ser 25
7.2 Stichwörter zur Verwendung von estar 25
7.3 Resümee der Konzepte: die Perspektive und ein gemeinsamer Nenner 26
8. Ausblick: Nachhaltigkeit der Modellentwicklung auch ohne Allgemeingültigkeit 26
9. Literaturverzeichnis 27
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1. Einleitung und Aufbau
Für einen deutschen Spanischlerner ergibt sich allein schon aus der Tatsache heraus, dass in seiner Muttersprache nur ein Verb für ‚sein’ existiert, die Schwierigkeit der korrekten Verwendung von ser und estar. Obwohl dieses Thema in der Linguistik bereits viel diskutiert wurde, ergibt sich weiterhin beim Spanischlerner der Wunsch nach einem allgemeingültigen Konzept, das alle Verwendungsmöglichkeiten von ser und estar abdeckt, um Zweifelsfälle auszuschließen.
Deshalb sollen gängige Unterscheidungskonzepte in der vorliegenden Arbeit vorgestellt und diskutiert werden, um im Sinne der Spanischlernenden einen gemeinsamen Nenner aller genannten Konzepte erschließen zu können.
In der vorliegenden Hauptseminararbeit wird zunächst kurz auf die etymologische und semantische Herkunft der heutigen Verben ser und estar eingegangen, da auf diese Weise ein erster Einblick in diesen Themenbereich gewährt werden kann, und verständlich wird, woher die Komplexität dieses Themas rührt. Im Anschluss daran wird ein Blick auf die heutigen (Haupt-) Funktionen der genannten Verben geworfen.
Um den Einstieg in die nachfolgenden Konzepte der Unterscheidungskriterien zur Verwendung von ser oder estar zu erleichtern, wird ein einfacher Unterscheidungsansatz laut einiger Grammatik-Lehrwerke mit diversen Beispielen genannt, der sodann die in der Zwischenbilanz genannte Notwendigkeit der Erweiterung dieses einfachen Kriterienrahmens erkennen lässt.
Mittels weiterführender Konzepte wird anschließend versucht, die Vielschichtigkeit der Anwendungsprobleme von ser und estar differenzierter betrachten und erläutern zu können. Danach sollen mithilfe der Auslegungen zweier Autoren die vorgestellten Konzepte knapp diskutiert werden.
Im Fazit findet man schließlich die Antwort auf die Frage nach der Allgemeingültigkeit eines Konzeptes.
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2. Einführung zu den Verben ser und estar
2.1 Herkunft der Verben ser und estar, Blick auf semantischen Wandel
Etymologisch gesehen gehen aus den klassisch-lateinischen Positionsverben SEDERE und
STARE die heutigen kastilischen Verben ser und estar hervor, was heute als erwiesen gilt
(Birte Stengaard 1991:93). Unter Positionsverben versteht man Verben, die die Position des Subjekts näher beschreiben, wie z.B. ‚sitzen’ oder ‚stehen’.
2.1.1 STARE
Als drei Hauptbedeutungen des klassisch-lateinischen Verbs STARE sind laut Pountain (1982:143) ‚stehen’ bei einem belebten Subjekt, ‚situiert sein’ als Positionsangabe bei einem unbelebtem Subjekt und ‚bleiben’ zu finden. Betrachtet man nun die semantische Entwicklung, fällt sowohl eine semantische Schwächung als auch eine Erweiterung auf lexikalischer Ebene auf. Dies lässt sich folgendermaßen erläutern:
Im Sinne von ‚stehen’ ist das ursprünglich klassisch-lateinische Verb STARE in den heutigen iberoromanischen Sprachen nur in Verbindung mit einer verstärkenden Paraphrase zu finden. Im Kastilischen beispielsweise verwendet man estar de pie, um ‚stehen’ im Sinne der Positionsangabe auszudrücken, ebenso im Italienischen stare in piedi und im Rumänischen a sta în picioare. Hier lässt sich in der Entwicklung ganz klar eine semantische Schwächung erkennen, da die Verben estar bzw. stare sowie a sta als Nachkommen vom lateinischen
STARE nicht ohne Verstärkung stehen können, um als ‚stehen’ verstanden zu werden. Das
Verb estar wird also hinsichtlich des Gehalts der Positionsangabe beschnitten, da es heute – wenn allein stehend – nicht mehr als ‚stehen’ erkannt wird.
Auf der anderen Seite sind aber Erweiterungen auf lexikalischer Ebene zu erkennen. Die Idee ‚stehen’ scheint unvereinbar zu sein mit der Idee ‚sitzen’. Es lässt sich aber in einigen romanischen Sprachen, wie z.B. im Kastilischen mit estar sentado oder im Italienischen mit stare seduto sowie auch im Rumänischen mit dem bloßen a sta beweisen, dass die ursprüngliche Idee vom ‚stehen’ nun auch erweitert bzw. vereint wird mit der Idee von ‚sitzen’. So können die genannten Verben in den romanischen Sprachen auch mit Partizipien oder Adverbien kombiniert werden, die ebenso unvereinbar mit ‚stehen’ zu sein scheinen. Es ist dabei noch anzumerken, dass das Verb STARE weder im klassischen Latein noch im Vulgärlatein so häufig gebraucht wurde wie seine Nachkommen in den heutigen romanischen
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Sprachen. Diese Tatsache kann vorab schon einen Einblick in die Begründung der Schwierigkeit der Verwendung von estar geben.
Desweiteren ist eine Erweiterung bezüglich der bisherigen Funktionen des Verbs STARE im Kastilischen und in anderen romanischen Sprachen zu erkennen. So steht estar in Verbalperiphrasen wie z.B. in der Verlaufsform estar cantando oder im unmittelbaren Futur estar para cantar.
So sehen wir im heutigen Kastilischen, dass estar die Hauptfunktion eines kopulativen Verbs trägt, aber auch noch in der – wenn auch reduzierten – Funktion eines Vollverbs auftritt, wie z.B. in estar en im Sinne von ‚bestehen aus’.
Außerdem lässt sich laut Stengaard (1991:57) eine gewisse Annäherung zwischen STARE und
ESSE erkennen. Sie nennt dafür ein simples Beispiel:
domo non possum stare sei kompatibel mit domo non possum esse, im Sinne von ‚ich kann nicht im Haus bleiben/sein’. Jedoch erwähnt sie, dass, sobald das Sem der Position gefragt ist, dieser Austausch nicht mehr funktionieren kann: stat non sedet für ‚er steht, er sitzt nicht’ sei folglich inkompatibel mit *est non sedet für ‚er ist, er sitzt nicht’ (Stengaard: ibd.). Der volle semantische, ursprüngliche Gehalt des kastilischen Verbs estar wurde also geschwächt, auf der anderen Seite hat es aber eine Erweiterung und eine Annäherung an die Bedeutung des klassisch-lateinischen *ESSERE erfahren: insofern als die Lokalangabe durchaus auch metaphorisch gemeint sein kann, wie z.B. eine moralische Position estar en un lugar oder ein moralischer Zustand estar en un estado. Estar als kastilisches Verb mit attributiver Funktion bricht Stengaard (1991:235) zufolge sozusagen mit dem alten Begriff der Position, und wird mehr und mehr in Kombination mit allen Subjekten, ob belebt oder unbelebt, verwendet.
2.1.2 SEDERE
Nun stellt sich die Frage, was mit dem klassisch-lateinischen SEDERE geschehen ist, da dieses Verb doch die Bedeutung ‚sitzen’ trug und wir aber soeben erfahren haben, dass estar auch mit der Idee ‚sitzen’ verknüpft werden kann.
Laut Stengaard (1991:243) existierte der Nachkomme seer noch bis ins 8.Jahrhundert, um eine feste oder die gewöhnliche Position des Subjekts auszudrücken. Schon damals wurde es verwendet, um den Wohnsitz darzulegen. Es handelte sich hierbei also um eine dauerhafte Position und um die Inaktivität des Subjekts.
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Auf paradigmatischer Ebene ist anzunehmen, dass eine Synonymie zwischen ESSE und
SEDERE bestand, wobei SEDERE als resistenter anzusehen war und weiterhin als Verb zur
Lokalangabe, d.h. zur Positionsangabe des Subjekts verwendet wurde – auch zu sehen in den Glosas Emilianenses. Tatsächlich bedeutet dies, dass SEDERE verwendet werden konnte, wenn einfach nur ‚sein’ gemeint war. Einige Formen von SEDERE konnten also – semantisch und morphologisch gesehen – ins Paradigma von ESSE treten.
Nach und nach verlor das Verb hinsichtlich der Positionsangabe seine Bedeutung ‚sitzen’, und obwohl der altkastilische Nachkomme seer einige Zeit lang als Kopula fortbestand, entwickelte sich im Kastilischen das neue Positionsverb sentar, das in seiner reflexiven Form am Ende des 16.Jahrhunderts laut Pountain (1982:151) die Bedeutung ‚sitzen’ übernommen hat. So kann nachvollzogen werden, dass das kastilische Verb ser die Bedeutung ‚sitzen’ nicht mehr trägt, da ein eigenes Verb dafür existiert, und das Verb heute meist in der Bedeutung ‚sein’ auftritt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass SEDERE den vollen semantischen Gehalt von ‚sitzen’ abgab und sukzessive in das Paradigma von ESSE trat. Die Entwicklung des Verbs sentar übernimmt im Kastilischen als Reflexivum die Bedeutung ‚sitzen’, und der Nachkomme ser gibt heute die Position nur bei einer dauerhaften und fixen Lokalisierung an.
Es lässt sich nun also feststellen, dass sich beide Verben – sowohl ser als auch estar – im Laufe der Zeit von der bloßen Idee der Positionsangabe lösten, und dass durch die damalige Annäherung und Erweiterung in das Paradigma von *ESSERE bzw. ESSE der Weg hin zur heutigen Hauptbedeutung ‚sein’ geebnet war.
2.2 Heutiger Status der Verben ser und estar
Im heutigen Kastilischen können die Verben ser und estar sowohl als Vollverben auftreten, z.B. estar im Sinne von ‚sich befinden’, bei einer Ortsangabe und bei der Darstellung des gesundheitlichen Zustands. Wie bereits erwähnt, kann die Lokalangabe durchaus auch metaphorisch verstanden sein, wie zum Beispiel der Gesundheitszustand eines belebten Subjekts; die tatsächliche Ortsangabe kann sich auch auf ein unbelebtes Subjekt, auf die bloße Präsenz beziehen, wobei diese nicht mit dem Gehalt der Dauerhaftigkeit behaftet sein darf.
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Ser hingegen tritt als Vollverb in der Bedeutung ‚existieren’ und ‚stattfinden’ auf. Hiermit wird die o.g. Erläuterung der Entwicklung des Verbs ersichtlich, betrachtet man die intrinsischen Charakteristika von ‚existieren’ und ‚stattfinden’. Es wird Bezug genommen auf eine fixe oder feste, also dauerhafte Lokalangabe (‚stattfinden’) bzw. auf die Dauerhaftigkeit eines Wesens, egal ob belebt oder unbelebt (‚existieren’).
Außerdem treten die beiden kastilischen Verben auch als Hilfsverben auf. Ser wird genutzt, um das Vorgangspassiv auszudrücken, z.B. La casa es vendida, was bedeutet, dass das Haus gerade verkauft wird, wobei die handelnde Person nicht bekannt oder nicht relevant ist, sondern nur der Vorgang per se.
Estar ist im Zustandspassiv, in diversen Verbalperiphrasen und in der Verlaufsform vorzufinden. In La casa está vendida oder aber in Estoy viendo la película wird das Ergebnis einer Handlung dargestellt, d.h. der augenblickliche Zustand steht im Vordergrund. Und schließlich tragen die genannten Verben eine kopulative Funktion; die Funktion, die in der vorliegenden Arbeit hauptsächlich betrachtet wird und die die meisten Schwierigkeiten in der Verwendung mit sich bringt. Da im folgenden näher darauf eingegangen wird, soll an dieser Stelle nur eine kurze Darstellung erfolgen: ser wird hauptsächlich bei der klassifizierenden, identifizierenden oder dauerhaften Zuschreibung verwendet und kann in direkter Kombination mit einem Substantiv stehen, z.B. Soy camarero, wohingegen estar bei vorübergehenden und nicht-dauerhaften Zuschreibungen steht und im normativen Spanisch gewöhnlich nicht unmittelbar zusammen mit einem Substantiv stehen darf (*Estoy camarero), wohl aber in Estoy de camarero en la Costa Calma.
Um diesen Punkt zu beschließen, soll noch einmal ein kurzer Perspektivenwechsel hinsichtlich der Evolution der beiden Verben gegeben werden. Durch die Koexistenz von
STARE und SEDERE, die beide bereits in den Glosas Emilianenses manches Mal statt ESSE
verwendet wurden, ergeben sich einige der heutigen Unklarheiten und Zweifelsfälle. Pountain (1982:155) zitiert aus dem El Conde Lucanor sowohl era en muy grant peligro als auch die Variante aquel peligro en que estava, womit nun auch die Koexistenz der beiden Verben im Altkastilischen erfasst wird.
Sprachgeschichtlich gesehen ist es nun leicht nachzuvollziehen, woher die heutigen Verwendungsschwierigkeiten rühren. Existierten einst genannte Verben in einem verträglichen Nebeneinander, so möchte man heute eine klare Abgrenzung bei der Verwendung finden.
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Arbeit zitieren:
Christine Tschoepe, 2007, SER und ESTAR, München, GRIN Verlag GmbH
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