TECHNISCHE UNIVERSITÄT DRESDEN
Philosophische Fakultät / Institut für Politikwissenschaft
Seminar: Machiavellis politische Schriften
Machiavelli
Politischer Denker und Philosoph des Krieges
von
Martin Johannes Gräßler
LA GY Geschichte / Gemeinschaftskunde
5. Fachsemester, 4. März 2008
Verzeichnis der Inhalte
1 Einführung... 3
2 Das Bild des Krieges... 4
3 Die vollkommene Streitmacht ... 7
3.1
Die Heere der Söldner... 7
3.2
Von Bürgern in Waffen ... 8
3.3
Das Ende der Reiterei ... 10
3.4
Die neuen Soldaten ... 11
3.5
Die Feuerwaffen... 13
4 Das Primat des Politischen ... 14
5 Wirkung und Ausblick... 16
6 Literaturverzeichnis... 18
1
Einführung
Nach mehr als fünf Jahrhunderten benötigt jede neue Arbeit, die über das Leben und Werk von
Niccolò Machiavelli verfasst wird, eine besondere Legitimation. Aber trotzdem gibt es immer
noch Teilbereiche, denen bis heute durch die Forschung nur geringe oder oberflächliche
Beachtung entgegengebracht wurde.
1
Die Deutungen des florentinischen Denkers im Bereich des Militär- und Kriegswesen gehören
mit Sicherheit dazu, obwohl diesem Gebiet von Machiavelli in vielen Schriften ein erheblicher
Stellenwert beigemessen wird. Nicht umsonst ist Arte della Guerra (Die Kunst des Krieges)
das einzige Werk, welches bereits zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde und ihm in Italien
Bekanntheit verschaffte.
2
Auch wenn einzelne Schlussfolgerungen seiner Schriften durch die
Zeit und die technische Entwicklung überholt worden sind, möchte die vorliegende Arbeit
dennoch aufzeigen, dass seine Ansätze zu seinen Lebzeiten eine Berechtigung besaßen und
weit darüber hinaus Berücksichtigung fanden.
Im ersten Teil der Arbeit wird erläutert wie Machiavelli das Phänomen Krieg wahrgenommen
hat und welche Bedeutung er diesem Zustand im Staatengefüge seiner Zeit beigemessen hat.
Da er in seinen Schriften die Ursachen von Krieg nicht unvermittelt benennt, kann dies nur
durch eine Interpretation im Zusammenhang mit seinen anderen Schriften erfolgen. Im
Weiteren wird sein Verständnis einer militärorganisatorischen, taktischen und strategischen
Reform des Heeres dargelegt und damit sein persönliches Bild einer bestmöglichen Streitmacht
aufgezeigt. Die politischen Auswirkungen einer derartigen Neugestaltung des Militärs werden
ebenfalls an dieser Stelle unter Bezugnahme der Discorsi und des Principe dargelegt. Die
zeitgenössische und aktuelle Kritik seiner Vorstellungen bilden neben einem Ausblick auf die
Wirkung von Machiavellis Vorstellungen vom Kriegswesen den Abschluss der Arbeit.
Wenn es gelungen ist zu zeigen, dass eine enge Verbindung von Militär und Politik in der
Denkweise Machiavellis besteht, wobei stets das Politische den Vorrang besitzt, hat die
vorliegende Abhandlung ihr Ziel erreicht.
1
Berger Waldenegg, Christoph, Georg, 2000: Krieg und Expansion bei Machiavelli. Überlegungen zu
einem vernachlässigten Kapitel seiner "politischen Theorie", in: Historische Zeitschrift 271, Heft 1, S. 1.
2
Buck, August, 1986: Machiavellis Dialog über die Kriegskunst, in: Worstbrock, Franz Josef (Hrsg.):
Krieg und Frieden im Horizont des Renaissancehumanismus. Weinheim, S. 11. Das Buch wurde 1521
veröffentlicht. Machiavelli starb 1527 und erst fünf Jahre später wurde il Principé veröffentlicht.
2
Das Bild des Krieges
Die Militärphilosophen des Mittelalters, die das Phänomen Krieg mit einer höheren und
göttlichen Ethik versehen wollten,
3
versuchten Aggression als Kampf gegen Häresie,
Heidentum, für Kreuz und die katholische Kirche zu rechtfertigen. Der Ausdruck des ,,Heiligen
Krieges" geführt von christlichen Ritterorden, die die Ideale von Mönch und Krieger vereinen
sollten,
4
waren sichtbare Zeichen dieser Überzeugung. Viele Konflikte um Macht, Land und
Einfluss wurden unter dem Vorwand der Religion geführt.
Machiavelli beschritt mit seinen Schriften einen anderen Weg und beschreibt den Krieg in
seinen Ursachen und Zielen ohne eine höhere moralische Rechtfertigung zu suchen. Das
Militärwesen nimmt auch deshalb einen bedeutenden Stellenwert ein, weil für ihn der Krieg
eine Grundtatsache in den Beziehungen zwischen Staaten darstellt.
5
Anders als die
mittelalterlichen Autoren unterscheidet er dabei nicht zwischen einem ,,gerechten" und einem
,,ungerechten" Krieg, sondern stellt nur die Frage ob die Notwendigkeit (necessità) eine
Gewaltanwendung rechtfertigt.
6
Wann ein Krieg als gerechtfertigt bezeichnet werden kann,
definiert er in keiner seiner Schriften präzise. Er begnügte sich damit, dass jeder Krieg, der aus
Sicht des Staates notwendig war, zugleich eine Rechtfertigung besitzt.
7
Im dem Kapitel der Discorsi, welches sich mit den Ursachen des Krieges zwischen zwei
Mächten beschäftigt, erhält man nur die Antwort, dass entweder Zufall oder der Wunsch eines
Staates Ausgangspunkt des Krieges ist.
8
Die wirklichen Motive lassen sich hier, wie auch in
den anderen Werken, nur indirekt benennen und bedürfen einiger Erklärungen.
Machiavelli würde nach heutiger Einordnung am ehesten als Vertreter der ,,Realistischen
Schule" der Internationalen Beziehungen gelten können, obwohl seine Ansichten weitaus
extremer sind.
9
Das bedeutet, dass er in seinem Verständnis der Beziehungen zwischen Staaten
davon ausgeht, dass diese geprägt sind von einer grundsätzlichen Anarchie des
3
Anglo, Sydney, 2005: Machiavelli. The first century. Studies in enthusiasm, hostility, and irrelevance.
Oxford. S. 532f.
4
Gilbert, Felix, 1986: Machiavelli. The Renaissance of the Art of War, in: Paret, Peter (Hrsg.): Makers
of modern strategy. From Machiavelli to the nuclear age. Princeton, S. 12f.
5
Berger Waldenegg, 2000 S. 12.
6
Berger Waldenegg, 2000, S. 12.
7
Berger Waldenegg, 2000, S. 52f.
8
Disc. 2.9., S. 203-205.
9
Forde, Steven, 1992: Varieties of Realism. Thucydides and Machiavelli, in: The Journal of Politics
54, Heft 2, 1992, S. 373.
Staatensystems.
10
Die Sicherheit des einzelnen Staates kann, weil ,,[...] die Menschen nur aus
Not etwas Gutes tun"
11
weder durch Verträge noch durch Abkommen garantiert werden.
Folglich ist das erste Motiv eines Staates die Erhaltung der eigenen Sicherheit und auf der
Ebene des Individuums schlicht das eigene Überleben. Das zweite Motiv ist der natürliche, bei
allen Menschen unterschiedlich ausgeprägte Machtwille (ambizione), der das Verlangen nach
Eroberung und Ausweitung der eigenen Einflussnahme ausdrückt.
12
Der Zusammenhang dieser beiden Bedürfnisse, Sicherheit und Machtausweitung, stellt die
eigentliche Ursache des Krieges dar. Dieses Phänomen sollte später von den Realisten als
Sicherheitsdilemma bezeichnet werden. Alle Staaten streben nach Ruhm, Herrschaft und
Wohlstand und müssen zugleich alle anderen Staaten fürchten, die ihnen zumindest ebenbürtig
sind. Das eigene Überleben scheint nur durch die Vernichtung des anderen Staates oder
wenigstens dessen größtmögliche Schwächung möglich zu sein.
13
Damit ist jeder Staat ein
potentieller Angreifer und zugleich ein mögliches Opfer für andere Nationen.
14
Er muss, um
nicht selbst Opfer einer Expansion zu werden, folglich selbst expandieren.
15
Im Gegenteil es ist
klüger den Zeitpunkt eines Angriffs selbst zu bestimmen, als auf einen erstarkenden Feind zu
warten. Zugespitzt gesprochen, eroberten die Römer nach seiner Argumentation die damals
bekannte Welt aus Gründen der Selbstverteidigung.
16
Eine Unterscheidung zwischen
Republiken und Fürstentümern findet hierbei nicht statt, da die Gesellschaft wie auch das
Individuum die gleichen Ängste und Wünsche haben.
17
Die Republik strebt in seinen
Vorstellungen, abweichend zu der Vorstellung Kants vom ewigen Frieden zwischen den
Demokratien, nach Eroberung fremder Territorien durch größtmögliche Autonomie des eigenen
Staates.
18
Nach seiner Betrachtungsweise entfällt folglich die Ursache für einen Krieg erst in dem
Moment, wenn kein anderer Staat mehr eine Gefahr darstellt. Mit dieser gedanklichen
Konstruktion rechtfertigt er praktisch jeden Angriffskrieg und jegliche gewaltsame Expansion.
Nicht Frieden und Stabilität im Zeichen einer Balance of Power, sondern ein ständiger Kampf
10
Fischer,Markus, 1995: Machiavelli's theory of foreign politics, in: Security Studies 5, Heft 2, 1995,
S. 269.
11
Disc. 1.3., S. 26.
12
Berger Waldenegg, 2000, S. 10.
13
Fischer, 1995, S. 354f.
14
Fischer, 1995, S. 276.
15
Berger Waldenegg, 2000, S. 23.
16
Forde , 1992, S. 377.
17
Fischer, 1995, S. 257.
18
Wolf, Rainer, 1997: Machiavelli und der Mythos des Príncipe, in: Der Staat. Zeitschrift Für Staatslehre,
Öffentliches Recht und Verfassungsgeschichte 36, Heft 4, 1997, S. 606.
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