

1. EINFÜHRUNG 3
2. DIE BEISPIELMÄRCHEN 4
2.1 „GAADEN“ 4
2.2. „REISEKAMMERATEN“ 8
3. EINBLICK IN DIE MÄRCHENFORSCHUNG 10
3.1 VLADIMIR PROPP „MORPHOLOGIE DES MÄRCHENS“ 13
3.2 ALGIRDAS GREIMAS „SÉMANTIQUE STRUCTURALE“ 14
3.3 BENGT HOLBEK „ INTERPRETATION OF FAIRY TALES“ 14
4. INTERPRETIERENDER VERGLEICH 17
4.1 HANDLUNGSSTRUKTUR 17
4.2 HANDELNDE FIGUREN 18
4.2.1 DER HELD (SUBJEKT) 18
4.2.2 DER HELFER (ADJUTANT) 20
4.2.3 GEGNER (OPPONENTEN) 21
4.2.4 DER KÖNIG (SENDER) 22
4.2.5 DIE PRINZESSIN (OBJEKT) 22
4.3 UNIVERSUM 23
4.3.1 ZU HAUSE (ZIVILISATION) 24
4.3.2 DRAUßEN (NATUR) 24
4.3.3 NEUES ZU HAUSE (ZIVILISATION) 27
5. SCHLUSSWORT 29
6. QUELLEN 31
2
1. Einführung
Im Zuge meines Studiums der Volksmärchen stieß ich auf die Tatsache, dass Hans Christian Andersen seine „Karriere“ quasi mit dem Nacherzählen eben jener begann. Für mich war das ein Novum, da ich immer davon ausging, er hätte die Handlung seiner Märchen von Anfang an selbst erdacht.
Mein nächster Schritt war also, ein ursprüngliches Volksmärchen zu finden, dass Andersen merklich verändert hat. Denn während NEUHAUS konstatiert, dass Andersen die Traditionen, die er bereits vorfand, variierte, „ohne ihnen (...) etwas substanziell Neues hinzuzufügen“ [Neuhaus. Märchen, S.195] 1 , ging ich sehr wohl davon aus, dass er gravierendere Einschnitte vornahm, als die bloße Variation. Die Wahl fiel schließlich auf „Gaaden“ aus der Sammlung „Æventyr fra Jylland“ von Evald Tang Kristensen und „Reisekammeraten“ aus Andersens „Eventyr, fortalde for Børn“. Es wäre nicht verwunderlich, wenn es unter den Volksmärchen noch weitere Ver-sionen von Gaaden geben würde. So habe ich unter anderem eine Übersetzung aus der Sammlung Kristensens namens „Der Reisekamerad“ [Bødker. Dänische Volksmärchen (1994)] gefunden, die dem Märchen von Andersen sehr ähnlich ist. Meine Wahl traf jedoch bewusst Gaaden, da es meiner Meinung nach am besten den rauen ungeschliffenen Charakter eines Volksmärchens wiedergibt und so die anfangs erwähnten Einschnitte besser verdeutlicht.
Nach der ersten Rezeption von Gaaden und Reisekammeraten ist mir aufge-fallen, dass beide Märchen ein religiöses Grundmotiv verwenden, das bereits vor unserer Zeitrechnung bekannt war. Die Geschichte des dankbaren Toten, der dem Helden wie ein Schatten folgt und ihm zur Seite steht, findet man zum Beispiel auch im Buch Tobit des Alten Testaments [Dal. Kommentar (Bd.VII), S.34], das bereits um 200 vor Christus verfasst wurde.
Als Tobit den Tod erwartet, ermahnt er seinen Sohn Tobias, Gott in den Menschen zu dienen und vor allem großzügig zu helfen, wo er kann: „Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast Du wenig, dann
1 Die Quellenangaben sind im laufenden Text eingebunden, gekennzeichnet durch eine eckige Klammer. Taucht die Quelle ein erstes Mal auf, ist sie mit [Autor. Titel, Seite] angegeben, alle weiteren Male nur noch mit dem Anfangsbuchstaben des Autoren und der Seitenzahl. Ein ausführliches Quellenverzeichnis befindet sich auf Seite ...
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zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun. (...) Wer aus Barmherzigkeit hilft, der bringt dem Höchsten eine Gabe dar, die ihm gefällt.“ [Wikipedia. Buch Tobit] Der große Engel Raphael begleitet Tobias dabei in Menschengestalt während der Reise nach Medien 2 . Ob das religiöse Grundmotiv automatisch die Lobpreisung des christlichen Glaubens im Märchen impliziert, werde ich allerdings erst im Schlusswort beantworten. Im Vordergrund meiner Analyse steht vorerst der syntagmatische und paradigmatische Vergleich beider Märchen. Um eine gemeinsame Arbeitsgrundlage zu schaffen, füge ich im folgenden Kapitel eine übersetzte Kurzfassung beider Märchen ein. Für das bessere Verständnis der Analyse ist es jedoch empfehlenswert, die Originaltexte, die sich als Kopie im Anhang befinden, zu lesen.
2. Die Beispielmärchen
2.1 „Gaaden“
Das Märchen „Gaaden“ (dt.: „Das Rätsel“) befindet sich in der 5. Ausgabe der Sammlung „Æventyr fra Jylland“ von Evald Tang Kristensen. Kristensen (1843-1929) stammt aus einem westjütländischen Bauerngeschlecht.
Im Juli 1867 begann er, alte Märchen zu sammeln und aufzuschreiben, indem er in den Abendstunden von Haus zu Haus wanderte und den Männern und Frauen dort zuhörte [Bridea. Dansk Biografisk Lexikon, S.502]. So gibt er im Vorwort der 5. Ausgabe Æventyr als Quelle für „Gaaden“ Kristine Marie Væver aus Filsø und Povl Revskov aus Tvis an. [Kristensen. Æventyr fra Jylland, S.VI] Bis zu seinem Tod veröffentlichte Kristensen 26 große Bände „Folkeminder“, eini-ge kleinere lokalhistorische Schriften und zahllose Beiträge in Kalenderblättern. [B.502] Da die Aufzeichnung, bzw. Veröffentlichung von Gaaden aus dem Jahre 1881 stammt, werden viele Worte aus dem Altdänischen benutzt, was die Übersetzung er-schwerte. Um trotzdem adäquate deutsche Entsprechungen zu finden, habe ich das „Neue vollständige Wörterbuch der
2 Landschaft im nordwestlichen Iran
4
dänisch-norwegischen und deutschen Sprache“ von Dr. Svenn Henrik
Helms aus dem Jahre 1895 genutzt.
H Das Rätsel I
3 Anm. von Kristensen: Stumlingsdreng - en større halvvoxen Knøs
5
2.2. „Reisekammeraten“
„Reisekammeraten“ erschien zum ersten Mal 1835 in Andersens „Eventyr, fortal-de for Børn“. Eine frühere Version des Märchens veröffentlichte Andersen bereits 1830 mit dem Titel „Dødningen“ in der Sammlung „Digte“, welches er als Nacherzählung aus
Kindheitserinnerungen betitelt. [D.VII 33] Beide Versionen unterscheiden sich natürlich in Erzählweise und -stil; diese Untersuchung war jedoch nicht meine Aufgabe.
Den Text habe ich aus der kritischen Ausgabe „H. C. Andersens Eventyr“ (Bd.I) von Erik Dal entnommen. Für die Übersetzung und das bessere Verständnis des Textes habe ich die deutsche Übersetzung des Märchens aus dem Band „H. Chr. Andersen - Sämtliche Märchen und Geschichten“, herausgegeben von Leopold Magon, zu Rate gezogen. H Der Reisekamerad I
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Stefanie Binder, 2007, Märchenanalyse - Vergleich zwischen dem dänischen Volksmärchen "Gaaden" aus der Sammlung E.T. Kristensen und dem Kunstmärchen "Reisekammeraten" von H.C. Andersen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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