Dieser Aufsatz charakterisiert das Königspaar Erec und Enite und dessen Schwierigkeiten, seine Minne mit der Ehe als öffentlich-höfische Verpflichtung in Einklang zu bringen.
Die Ehe war hauptsächlich eine politische Angelegenheit. Eine Ehe war keine Heirat aus Liebe, sondern eine möglichst lukrative Zweckverbindung, die als »Absicherung oder Erweiterung des eigenen Herrschaftsbereichs, zur Befestigung politischer Bündnisse, zur Versöhnung alter Feindschaften oder zur Einheirat in Familien von höherem Rang diente« 1 . Die Herkunft des Wortes „Ehe“, zurückzuführen auf das westgermanische Wort *aiwæ, das „Sitte, Recht“ bedeutet 2 , unterstreicht den offiziellen Charakter des damaligen Verständnisses von Ehe.
Anfangs erscheint auch die Beziehung von Erec und Enite eine solche Zweckverbindung zu sein: »Erec braucht eine Frau für den Sperberkampf als Mittel zum Sieg über den Schänder seiner Ehre (499 ff.)... Als Gegenleistung bietet er an, Enite im Falle eines Sieges zu heiraten.« 3 Diese Annahme wird jedoch rasch widerlegt: Nach dem siegreichen Kampf löst Erec sein Versprechen ein und nimmt Enite mit an den Artushof. Auf dem Weg dorthin sind die beiden zum ersten Mal allein, das heißt sie sind nicht der Öffentlichkeit und deren Anforderungen ausgesetzt. Diesen Umstand nutzt Hartmann von Aue sofort, um die beiden sich durch Blicke näherkommen zu lassen. Hartmann schreibt von minne (Liebe), triuwe (Aufrichtigkeit) und stæte (Beständigkeit) 4 (1490 ff.), Eigenschaften, die insbesondere in Bezug auf Enite, durch den gesamten Roman hinweg erhalten bleiben.
Die Hochzeit findet am Artushof statt. Erec fällt es schwer, die Zeit bis zu diesem Tag abzuwarten, um endlich mit Enite das Bett teilen zu können. Hartmann beschreibt Erecs Verlangen jedoch nicht auf seine Person bezogen, sondern auf sein Herz: »daz Êreckes gemüete vil herzenlîche nâch ir ranc.« (1845 f.). Dieses Verlangen wird am Hofe nicht geduldet, deshalb muss es heimlich geschehen, heimlich im Herzen Erecs. Die Minne, ursprünglich für „Verlangen“ (altirisch: mían), „Genuss, Vergnügen“ (altindisch: máyan) und sogar „Beischlaf“ (avestisch: maiiah-) 5 , wird hier als „Frau
1 Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im Mittelalter. München 5 1990. S.534-535 2 Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin 24 2002. Stichwort Ehe.
3 Ursula Schulze: âmîs unde man. Die zentrale Problematik in Hartmanns Erec. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. 105. 1983. S. 20.
4 Bumke: Höfische Kultur. S. 524.
5 Kluge: Etymologisches Wörterbuchder deutschen Sprache. Stichwort Minne.
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Minne“ (1858) personifiziert. Diese Personifizierung verdeutlicht, dass das körperliche Verlangen zu sehr in den Vordergrund gestellt wird.
Nach Erecs Hochzeit (2195) - Enite wird hier passiv dargestellt, die von Erec zur Frau genommen wird – (1905) darf das Verlangen nach der körperlichen Liebe ausgelebt werden. Enite tritt hinsichtlich der Hochzeit und den Aufgaben am Hofe in den Hintergrund. Betrachtet man die „Liebe“ als Abstraktum des Adjektivs „lieb“, so wird deutlich, dass dem aus dem Germanischen stammenden *leuba- durchaus eine passive Konnotation zugesprochen wird 6 . Erec, sich in das damals herrschende Schema des Patriarchats einfügend, muss also den aktiv-offiziellen Part der Ehe übernehmen, wie es von ihm verlangt wird. Er geht seinen Ritterpflichten nach und erlangt in Turnieren großen Ruhm und Ehre. Er ist ein Ritter, der sich am Artushof vorbildlich zu benehmen weiß. Erec und Enite bleiben noch einige Zeit am Artushof, so dass sich die beiden den Gesetzen des Hofes unterstellen und sich bezüglich auf ihr körperliches Verlangen zurückhalten.
Erec möchte jedoch nicht ewig am Artushof bleiben, sondern mit Enite nach Karnant zu seinen Eltern ziehen. In Karnant, dem eigenen Grund und Boden, übergibt ihm sein Vater die Herrschaft. In den eigenen Gemächern erfüllt Erec die Anforderungen der Öffentlichkeit nicht mehr. Er vernachlässigt seine ritterlichen Pflichten und verliert seine Vorbildlichkeit, indem er sich den sinnlichen Genüssen und der Bequemlichkeit hingibt.
Erec ist zu jung, um sich darüber im Klaren zu sein, was es bedeutet ein ver- heirateter und verliebter König zu sein. Ein Ritter war entweder verheiratet und damit in einer Zweckgemeinschaft, die die Liebe außen vor ließ, oder er war verliebt und diente einer Dame, jedoch im Rahmen seiner Ritterdienste. Da in den seltensten Fällen Ehen aus Liebe geschlossen wurden, stellte sich das Problem der angeblichen Unver- einbarkeit von Ehe und Liebe einfach nicht.
Anders ist es nun bei Erec und Enite. Sie sind verheiratet und verliebt. Eine Ehe zu führen erforderte einen großen Teil der Zeit und Aufmerksamkeit des Ritters, ebenso aber die Minne zu einer Dame. Dadurch wurde es praktisch unmöglich, sowohl eine Ehe als auch eine Minne zu haben. Gerade an diesem Punkt scheitert Erec, da er ver- sucht diese Unvereinbarkeit zu ignorieren.
6 Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Stichwort lieb.
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Doch unvereinbar sind diese beiden keineswegs. Es gilt das rechte Maß zu finden und zu wissen, inwieweit man dem einen gerecht werden kann, ohne das andere zu vernachlässigen. Erec kennt dieses Maß noch nicht. Er muss sich einem Lernprozess unterziehen, der ihm den rechten Weg weist. Dieser Lernprozess wird bildlich als Aventiurenweg dargestellt, mit dem Resultat, dass Erec und Enite am Ende um ihre Schwierigkeiten wissen und das rechte Maß kennen und halten können.
An der verligen-Szene wird deutlich, dass sich das Verhältnis von Erec und Enite zunächst nur auf das Körperliche bezieht. Sie begegnen sich nur auf der körperlichen Ebene, denn wäre das Paar fähig miteinander zu kommunizieren, wäre es nicht zu dem Eklat des verligens gekommen.
Erec und Enite verhalten sich der Weltordnung entsprechend. Erec ist trotz der starken Fixierung auf Enite derjenige, der Befehle gibt – beispielsweise den Befehl, dass seine Männer für die Turniere bestens auszurüsten seien (2956 ff.). Indem er die offizielle Rolle übernimmt, steht Erec für den Part der Ehe. Enite hingegen übernimmt den weiblich-passiven Teil und damit den nicht-öffentlichen Part der Liebe/Minne. Dieser Part macht sie auch sensibler, jedenfalls ist sie diejenige, der die Klage des Volkes zu Ohren kommt (3000 ff.). Erst als Enite aus der Weltordnung heraustritt und selbst aktiv wird, kann sich das Schicksal der beiden zum Positiven wenden. Anfangs macht sie sich zwar nur Gedanken, denn immerhin bewegt sie sich damit in einem ihr bisher unbekannten Terrain. Schließlich fasst sie sich doch ein Herz und erzählt dem vermeintlich schlafenden Erec von der Klage des Volkes.
Damit wählt Enite einen ihr eigentlich nicht zustehenden Weg. Erst durch diesen Ansatz von individuellem Handeln und der damit verbundenen Erschütterung der Weltordnung werden Erec schlagartig die Augen geöffnet (3050 ff.). Auch Hartmann beschreibt diese Erkenntnis sehr abrupt, es bahnt sich keine langsame Erkenntnis an, sondern ein Satz genügt, um die gegenwärtige Situation zu verändern: »der ist genouc getân.« (3052).
Hätte sich Erec offiziell zu dem verligen bekannt, müsste er sich, sich der Gesell- schaft unterordnend, allein auf den Aventiurenweg machen, um das verligen aus der Welt zu schaffen und damit seine Ehre wiederherzustellen. Erec und Enite waren bisher ein unkonventionelles Paar, deshalb begleitet Enite Erec auf diesem Weg. Wie schon zuvor die Gesellschaft bei Erecs körperlichem Verlangen nach Enite außen vor gelassen wurde, so spielt sie auch beim Aufbruch keine Rolle und die beiden reiten unter dem Vorwand eines kurzen Vergnügungsrittes fort. Das Paar entzieht sich bewusst der Ge-
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Sarah Müller, 2004, Charakterisierung der Beziehung von Erec und Enite im Spannungsfeld von Liebe (minne) und Ehe, Munich, GRIN Publishing GmbH
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