Einleitung
Das Thema des Mære Der Kluge Knecht des Stickers ist das Gelingen durch ein einmaliges
Versagen eines ansonsten zuverlässigen Knechts, den Herrn des Knechts darauf aufmerksam
zu machen, dass dessen Ehefrau ein Verhältnis mit dem Pfarrer hat, ohne dass der Knecht
seine Rolle als Untergebener verletzen und den Bauern bloßstellen muss. 1
In dieser Arbeit werde ich zunächst kurz auf die Textgattung des Klugen Knechts eingehen
und anschließend die Wiederherstellung von ordo durch gevüegiu kündekeit charakterisieren.
Ein schwankhaftes Mære
Achnitz' beschreibt ein Mære als »eine in Reimpaarversen abgefasste, fiktive, weltliche, mit
menschlichem Personal arbeitende Erzählung mittleren Umfangs.« 2 Die didaktisch-
exemplarische Funktion der Mæren soll die Identifikation des Rezipienten mit einer der
Figuren und den damit verbundenen Erkenntnisgewinn bewirken. 3 Die Mæren des Strickers
werden »dominiert vom komischen, schwank-haften Typus; Kern der Figurenkonstellation ist
meist die Ehe.« 4 Nach dem Reallexikon basiert ein Schwank
»auf dem Konflikt weniger, zumeist nur zweier (menschlicher) Figuren mit jeweils möglichen Verbündeten, deren Auseinandersetzung motiviert ist durch die Besetzung mit Angehörigen unterschiedlicher [...] geschlechtlicher oder sozialer (im Mittelalter meist ständischer) Zugehörigkeit; es ergeben sich [...] kombinatorische Möglichkeiten und eine Zuspitzung auf [...] rechtliche Normen gesellschaftlich definierter Gruppierungen (Adel, Bauern, [...], Ehe etc.). Die Auseinandersetzung ist nach typischen Verlaufsformen geregelt; dominant ist der Versuch der einen Figur, die andere in ihren Rechten durch Lüge, Betrug, Täuschung zu schädigen, worauf eine Gegenaktion der geschädigten Figur erfolgen kann. Die erzählerische Perspektive und die Verteilung von Wissen steuern die Sympathieverteilung des Rezipienten zugunsten der siegreichen Figur.« 5
Aus diesem Grund bezeichne ich den Klugen Knecht als ein schwankhaftes Mære 6 .
1 vgl. Achnitz, Wolfgang: Ein mære als Bîspel. Strickers Verserzählung >Der kluge Knecht<. In: Germanistische Mediävistik. Hg. von Volker Honemann und Tomas Tomasek. Münster 1999. S. 177.
2 ebd. S. 185.
3 vgl. ebd. S. 189, 190.
4 Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen
Literaturgeschichte. Hg. von Harald Fricke u.a. 3., neubearbeitete Auflage. Berlin/New York 2000. Band II. Stichwort: Mære. S. 518.
5 ebd. Band III. Stichwort: Schwank. S. 408
6 ebd. Band III. Stichwort: Schwank. S. 408
2
Die Binnenerzählung des Knechts hingegen ist der Gattung des bîspels oder der des Exempels zuzuordnen, wobei man hier eher von einem Funktionstyp 7 als von einer Gattung sprechen kann. Ein Exempel ist eine zumeist wiederum schwankhafte Beispielerzählung, charakterisiert durch die »Grundkonstellation des Vergleichs« 8 , die der Knecht kunstvoll zu nutzen weiß.
ordo - Die göttliche Ordnung
Die Ordnung eines mittelalterlichen Bauernguts sah vor, dass der Herr des Gehöfts in jeglicher Hinsicht an oberster Stelle stand. Der Herr hatte das Sagen und seine Ehefrau und sein Gesinde waren ihm untertan.
Im Klugen Knecht ist diese Ordnung bereits zu Beginn der Geschichte aus den Fugen geraten, man erfährt als Rezipient von dem ehebrecherischen Verhältnis der Frau zum Pfarrer, aber auch, dass der Knecht ein heimlicher Mitwisser dieses Verhältnisses ist. Damit ist der Herr des Hauses weder die erste Wahl seiner Frau - ganz im Gegenteil, denn jede Nacht jagt sie den Bauern schon vor dem Sonnenaufgang aus dem Bett:
si sprach: 'wil du die vart sparn,
35 unz uns diu naht gerûmet,
noch ist er der überlegene Meister, denn sein Knecht weiß mehr als er. Doch ist die Weltordnung für den ahnungslosen Herrn noch intakt, denn er weiß (noch) nichts von den Dingen, die um ihn herum geschehen.
Der Stricker hat jedoch nicht den Ehebruch zum Thema der Geschichte gemacht, »sondern die Sorge des Knechts, bei seinem Herrn in Ungnade zu fallen, wenn er ihm dessen Ahnungslosigkeit ohne handfeste Beweise offenbart«. 9
7 vgl. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band I. Stichwort: Exempel. S. 534
8 Achnitz, S. 187
9 Achnitz, S. 192
3
er halz den meister umbe daz:
10 er vorhte, er würde im gehaz,
Das Dienstverhältnis zwischen Herr und Knecht steht also im Mittelpunkt und der Ehebruch dient hier nur als handlungsauslösendes Moment. 10 Der Knecht wird zum Protagonisten, doch muss er sich aus dieser Rolle schnellstmöglich befreien, um den ordo wiederherzustellen. Das dies nicht einfach ist, verdeutlicht folgendes Zitat:
Betrachtet man nochmals die Definition eines Schwanks, wird schnell deutlich wie die Rollen verteilt sind. Auf der einen Seite die Ehefrau mit dem Pfarrer als ihren Verbündeten, die ihrem Ehemann Schaden zufügt, indem sie den Ehebruch begeht und auf der anderen Seite den Ehemann, der den Knecht als Verbündeten hat. Das Problem bei dieser Konstellation ist jedoch, dass der Ehemann sich gar nicht darüber bewusst ist, dass er die Position der geschädigten Figur innehat und zur Gegenaktion schreiten muss.
Nun muss der Knecht in Aktion treten und dem Meister seine Situation offen legen, ohne jedoch in Ungnade zu fallen oder die ständische Überlegenheit seines Meisters zu untergraben. »Der Knecht beschließt an Stelle des Meisters und für den Meister zu handeln, Ehefrau und Pfarrer in flagranti zu ertappen und dem Ehemann auf gevüege 12 Weise die Liebschaft zu entdecken.« 13 Der Knecht muss nun mit gevüege kündikeit handeln, mit 'situationsspezifisch angewandter Klugheit' 14 .
10 vgl. Achnitz, S. 192.
11 Ragotzky, Hedda: Die >Klugheit der Praxis< und ihr Nutzen. Zum Verhältnis von erzählter Geschichte und lehrhafter Fazitbildung in Mären des Strickers. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Hg. von Karin Donhauser u.a. Band 123. Tübingen 2001. S. 63.
12 gevüege steht hier für sich 'angemessen, schicklich' aber auch 'geschickt, kunstfertig' verhaltend
13 vgl. Strasser, Ingrid: Übernahme von Literatur. Zwei Fallbeispiele: Hartmanns >Erec< und >Der kluge Knecht< des Strickers. In: Kultureller Austausch und Literaturgeschichte im Mittelalter. Kolloquium im Deutschen Historischen Institut Paris 16. - 18. 3. 1995. Hg. Ingrid Kasten u.a. Sigmaringen 1998. S. 195.
14 Achnitz, S. 198.
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Quote paper:
Sarah Müller, 2004, Die Wiederherstellung von ordo (Ordnung) durch "gevüegiu kündekeit" im "Klugen Knecht" des Strickers, Munich, GRIN Publishing GmbH
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