Inhaltsverzeichnis Seite
Themenfindung 3
Einleitung 4
1. Kindersoldaten 7
1.1 Definitionen 7
1.1.1 Kind 7
1.1.2 Kindersoldat 8
1.2 Weltweiter Überblick 9
1.3 Ursachen 11
1.4 Rekrutierung und Alltag 14
1.5 Zusammenfassung 18
2. Diagnose Trauma 19
2.1 Wiedererleben des traumatischen Ereignisses 20
Vermeidung traumarelevanter Reize und (emotionaler) Rückzug 2 2 21
2.3 Symptome einer Aktivitätssteigerung 22
2.4 Zusammenfassung 24
3. Das Trauma ehemaliger Kindersoldaten 26
3.1 Alternative Traumatheorien 27
3.2 Traumatisierende Lebensbedingungen 29
3.2.1 Mutter-Verlust 29
3.2.2 Drogen 32
3.2.3 Kämpfen und Töten 33
3.2.4 Sexueller Missbrauch und Zwangsheirat 35
3.3 (Re)Traumatisierende Auswirkungen 38
3.3.1 Behinderung 38
3.3.2 Vernachlässigung 39
3.3.3 Scham und Schuld 41
3.3.4 Identitätsverlust 42
3.4 Mit Gewehr 44
3.5 Zusammenfassung 45
4. Rehabilitation 48
4.1 Traditionelle Reinigungszeremonien 48
4.2 Westliche Therapien 51
4.3 Zusammenfassung 52
5. Resümee 54
Gedicht von Monika Wilhelm 57
Abkürzungsverzeichnis 58
Quellenverzeichnis 59
Themenfindung
„Den Wahnsinn kann man nicht aussagen. Kann man ihn stammeln? Wenn das Leben so ist - wenn es jederzeit so sein kann -, verstehst du, dass ich in diesen Abgrund nicht schauen kann? Und doch hin- schauen muss - weil es die Wahrheit ist: dass das Leben so ist.“ (Pfau 1998: 49f.)
Im Laufe meines Studiums der Sozialen Arbeit werde ich mit vielen Themen kon- frontiert, die mich sehr berühren und beschäftigen. Keines hinterlässt jedoch einen so tiefen und nachhaltigen Eindruck wie die Kindersoldaten. Ich glaube, nie etwas Grausameres und Absurderes gehört zu haben, und es fühlt sich wie eine Art Ver- antwortung an, sich weiter mit diesem Thema auseinander zu setzen. Ich beginne mit meinen Recherchen zunächst im Rahmen eines Referats und bin sehr froh, als der Termin endlich gekommen ist. Was ich erfahren habe, verfolgt mich bereits in den Schlaf und ich hoffe, mit dem Halten des Referats das Thema loslassen zu können. Doch daraus wird nichts.
Menschen, die von dieser und anderen Katastrophen betroffen sind, wünschen sich und viele fordern sogar, dass die Welt von ihrem Schicksal erfährt. Die Kinder fra- gen immer wieder, warum die Welt ihnen nicht hilft. Nach meiner Ansicht fragen sie mit vollem Recht, und ich sehe es als meine Pflicht, dem nicht gleichgültig gegen- über zu stehen und im Rahmen meiner Möglichkeiten einen Beitrag zu leisten, um die Rekrutierung von Kindern weltweit zu beenden. Auch wenn es nicht viel ist, so soll diese Diplomarbeit mein Beitrag sein.
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Einleitung
Über Kindersoldaten zu schreiben, ist keine leichte Aufgabe. Noch schwerer er- scheint es mir, über ihr Trauma zu schreiben. Viele schwierige Einzelthemen ranken sich um Kinder mit Waffen in der Hand, und die meisten lösen eher Bestürzung als Verstehen aus.
Auch wenn es sich bei Kindersoldaten um ein altes Phänomen handelt, entstehen erst Anfang der 1970er Jahre Veröffentlichungen zum Thema. Ihr Vorreiter ist Ludwig Schätz im Jahre 1972 mit seiner Publikation „Schüler Soldaten. Die Geschichte der Luftwaffenhelfer im Zweiten Weltkrieg.“ Die Zahl der Veröffentlichungen häuft sich in den neunziger Jahren. Spätestens seit der viel beachteten Studie Graca Machels von 1996 (aktualisiert im Jahre 2000) ist es nicht mehr möglich, das Thema auf sich beruhen zu lassen. In den letzten Jahren steigt das Interesse am Leben und Sterben bewaffneter Kinder in verschiedenen Ländern der Welt. Verschiedenste Hilfsorgani- sationen engagieren sich bei der Rehabilitation von Kindersoldaten, und es bleibt zu hoffen, dass die Prävention in den Mittelpunkt des Interesses und Handelns rückt.
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Einblick in die Gefühlswelt eines ehemaligen Kinder- soldaten zu geben. Dass dies ein schwieriges, vielleicht unmögliches Unterfangen ist, ist mir bewusst. Es liegt mir fern, eine psychologische Abhandlung zu schreiben, auch wenn der Blick nach innen gehen soll. Mein Anliegen und Bemühen bestehen darin, Verständnis dafür zu schaffen, wie unmenschlich, nachhaltig und unumkehr- bar die Folgen der Rekrutierung von Kindern als Soldaten für jeden Einzelnen von ihnen und seine Umwelt sind. Gelingt es, auch nur einen geringen Teil dessen auszu- leuchten, wird dadurch vielleicht ein weiterer kleiner Teil dazu beigetragen, eine größere Öffentlichkeit für die Thematik zu sensibilisieren.
Bei der Literatur über Kindersoldaten fällt ein sich häufig wiederholendes Muster auf: Die Aufhänger und Schwerpunkte sind unterschiedlich, doch die Inhalte oft ähn- lich. Es wird geschildert, wie viele Kindersoldaten es wo gibt, wer sie sind, woher sie kommen, wie sie rekrutiert werden, und wie ihr Leben als Kindersoldat aussieht. Dabei wird zumeist ihre Opferrolle in den Vordergrund gestellt. Ein weiterer Fokus liegt auf dem Leben nach dem Krieg, was allerdings überhaupt nur dann zur Darstel- lung kommt, wenn sie Teil eines Reintegrationsprogramms werden. Irgendwo dazwi-
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schen steht dann meist, sie seien schwer traumatisiert und einige Symptome werden aufgezählt. Teilweise wird von einer traumatisierten Gesellschaft gesprochen.
Bei all diesen Quellen drängt sich mir immer wieder die Frage auf, was es konkret für das Leben, Denken und Fühlen eines Menschen bedeutet, traumatisiert zu sein. Was heißt es speziell für ein Kind und noch spezieller für ein Kind, das im Krieg gekämpft hat? Wie geht es ihm? Wie kann es sein Leben meistern, wie seine Erleb- nisse begreifen und verarbeiten? Was geht in seinem Kopf vor, und wie ist sein Um- gang mit sich und anderen Menschen von seiner Vergangenheit geprägt? Wie und wie weit und wie lang wirkt es sich aus? Rachel Brett bezeichnet die Unfähigkeit der Menschen, die Auswirkungen des Einsatzes von Kindersoldaten ernst zu nehmen, als ein grundlegendes Problem, welches die Beendigung der Rekrutierung von Kindern hemmt (vgl. Hax Schoppenhorst 2000: 118). Hier soll diese Arbeit ansetzen, indem sie die weit reichenden und nachhaltigen Konsequenzen allein durch das ausgelöste Trauma aufzeigt. Es gilt also, das Trauma der ehemaligen Kindersoldaten, von dem ständig die Rede ist, zu beleuchten und mit Inhalt zu füllen und damit dem „inflatio- nären Umgang mit dem Wort“ (Rauchfuss 2002: 1) entgegen zu wirken.
Dabei kommt auch diese Arbeit nicht aus, ohne dem angesprochenen Muster zu fol- gen. Das liegt zum einen daran, dass die Umstände und Ursachen des Traumas zu seinem Verständnis wichtig sind, und zum anderen handelt es sich nicht um eine empirische Studie. Die Arbeit basiert auf der Auswertung unterschiedlicher, z.T. biographischer Quellen, entbehrt jedoch jeder persönlichen Erfahrung mit ehemali- gen Kindersoldaten. Da ich keine Studentin der Psychologie bin und keine psycholo- gisch-wissenschaftliche Arbeit verfassen will und kann, können die umfangreichen spezifischen Studien auf dem Gebiet von politisch verursachten Traumatisierungen nur teilweise Eingang finden. 1 Ich werde im Sinne der Sozialen Arbeit vorgehen und zunächst einen allgemeinen Überblick über das Thema Kindersoldaten geben. Da- nach befasse ich mich mit dem Trauma, seinen wesentlichen Symptomen und deren Bedeutung, um meinem Ziel, einen traumatisierten Kindersoldaten zu verstehen, den Weg zu ebnen. Als Nächstes werde ich diese beiden Schwerpunkte zusammenführen und so erörtern, dass ein Bild über das Trauma ehemaliger Kindersoldaten entstehen
1 Dennoch sei darauf hingewiesen, dass viele interessante Veröffentlichungen speziell zu diesem
Thema auf folgender Homepage zu finden sind: www.aktivgegenabschiebung.de/traumatext.html
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kann. Hierbei ist es von großer Bedeutung das Trauma-Konzept kritisch zu betrach- ten und ein besonderes Augenmerk auf die Ursachen des Traumas ehemaliger Kin- dersoldaten zu legen, um seinem wahren Charakter möglichst nahe zu kommen. Die gewonnenen Erkenntnisse erlauben einen Ausblick auf Therapieformen und eine Einschätzung ihrer Wirksamkeit. Bei alledem ist es unerlässlich, die verschiedenen Kulturen und Traditionen, ihre Rolle und Wirkung, im Hinterkopf zu behalten.
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Kindersoldaten 2
1.
Dieses Kapitel soll einen Einblick in das Thema Kindersoldaten geben. Grundsätz- lich nehme ich dabei keine lokale Einschränkung vor, doch bringt die Quellenlage es mit sich, dass der Schwerpunkt auf den Ländern Schwarzafrikas liegt.
1.1 Definitionen Zunächst möchte ich einige Klarheiten beseitigen, um sie sogleich wieder herzustel- len. Das Thema meiner Arbeit und seine einzelnen Aspekte sind sehr komplex und nicht verallgemeinernd zu behandeln, aber auch nicht definitiv bestimmbar. Ein Fak- tor von immenser Bedeutung scheint mir die Rolle der Kultur 3 und ihrer jeweiligen Gesellschaft zu sein. Ich kann bspw. nicht davon ausgehen, dass meine Auffassung und Bewertung der Existenz von Kindersoldaten im Allgemeinen mit der eines Afri- kaners übereinstimmt. Aus afrikanischer Sicht gilt ein Mensch ab 15 Jahren nicht mehr als Kind. (vgl. Heckl 1999: 7) Daher ist es wichtig, auf der Grundlage theoreti- scher Überlegungen folgende Begriffe zu definieren.
1.1.1 Kind
Grob gesagt beschreibt der Begriff ‚Kind’ ein geistiges und körperliches Entwick- lungsstadium, das hierzulande offiziell mit dem 18. Geburtstag als abgeschlossen gilt, (wobei die geistige Entwicklung davon ausgenommen ist). (vgl. Kegelreiter 2003: 11) In verschiedenen Kulturen existieren andere Auffassungen über den Kindheitsbegriff. Auch wenn der Trend zur Abgrenzung mit 18 Jahren geht, so gel- ten z.B. in islamischen Staaten Jungen zwischen dem 13. und 16. Lebensjahr als voll- jährig, und in Afghanistan spricht man von erwachsenen Männern mit dem Eintreten ihres Bartwuchses. (vgl. Schumacher 2005: 6) Im Gegensatz dazu macht in den In- dustrienationen eine abgeschlossene Ausbildung einen Menschen zum Erwachsenen. „Die meisten Menschen wechseln heutzutage zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr in den Status eines vollgültig Erwachsenen über. Dabei hängt der genaue Zeitpunkt vor allem von der Länge der Ausbildung ab.“ (Helms 2007: 21)
2 Ich verwende den Begriff ‚Kindersoldaten’ (wenn nicht anders angegeben) gleichermaßen für Mäd- chen und Jungen und wertfrei. Lokal wird er zumeist vermieden, weil er als Schimpfwort gilt. (vgl. Druba 2000: 5) Verwendete Synonyme sind z.B. ‚Schülersoldaten’, ‚Kleine Bienen’‚boy guards’, u.v.a..
3 im Sinne von Gesetzen, Normen und tradierten Regeln, Glaubensvorstellungen und Moralverständ- nis, Sitten und Gebräuchen, usw., so wie deren Weitergabe von Generation zu Generation
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In vielen, vorwiegend afrikanischen Ländern existieren keine Geburtenregister 4 , womit die Frage nach der Volljährigkeit hinfällig und die Notwendigkeit alternativer Beurteilung von Erwachsensein offensichtlich wird. Einfluss nimmt auch die Tatsa- che, dass über 50 Prozent der Bevölkerung in Schwarzafrika jünger als 18 Jahre alt ist (vgl. Steudtner 1999: 2) und allgemein für Entwicklungsländer gilt, dass sogar 40 bis 50 Prozent unter 16 Jahren alt sind (vgl.: Hax-Schoppenhorst 2000: 50). Somit gewinnt der frühere Eintritt in das Erwachsenenalter eine rein praktische Dimension. Jenseits dieser unterschiedlichen Herangehensweisen meint das Ende der Kindheit übergreifend das Erreichen der Selbständigkeit, Übernehmen von Verantwortung und damit den Eintritt in das Erwachsenensein.
Bezüglich des Kindheitsbegriffes bediene ich mich der Definition der Konvention über die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen (UN-KRK) vom 20. Januar 1989, deren Artikel 1 besagt: „Im Sinne dieses Übereinkommens ist ein Kind jeder Mensch, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat.“
1.1.2 Kindersoldat
Auch wenn es folglich logisch erscheint, dass ein Kindersoldat jeder kämpfende Mensch unter 18 Jahren in einem bewaffneten Konflikt ist, ist die Gesetzeslage dif- fus. Die Rekrutierung von Kindersoldaten wird zwar vom Internationalen Strafge- richtshof in Den Haag als Kriegsverbrechen verfolgt, gilt aber nur dann als solches, wenn unter 15-Jährige rekrutiert werden. Um also zu klären, wann ein Kindersoldat als solcher anzusehen ist, soll die Rechtslage kurz erläutert werden.
In den Genfer Konventionen (auch ‚Kriegsrecht'), so wie in der KRK, wird festge- legt, dass Kinder unter 15 Jahren nicht an Kriegshandlungen teilnehmen dürfen. Hierbei handelt es sich, um mit Rachel Brett zu sprechen um ein „Versagen der Rechtssprechung“ (in Hax-Schoppenhorst 2000: 118). Zwar hebt das Zusatzproto- koll der KRK aus dem Jahre 2002 das freiwillige Beitrittsalter von 15 auf 16 Jahre und das Mindestalter für die Einberufung und direkte Kampfbeteiligung von 15 auf
4 Unicef geht aktuell davon aus, dass in den Entwicklungsländern jährlich etwa 55 Prozent der Gebur-
ten nicht registriert werden. Das entspräche einer Anzahl von um die 48 Millionen. (vgl. Unicef 2006:
3)
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18 Jahre an, aber die Durchsetzung der ‚straight 18’ 5 gelingt nicht. Blockiert wird sie
von Deutschland, Großbritannien und den USA. Das Zusatzprotokoll wurde bisher lediglich von 35 Staaten ratifiziert. (vgl. Schumacher 2005: 7) Es bleibt ein Paradoxon: Freiwillige sind offiziell ab 16 Jahren zugelassen, jedoch darf eine Zwangsrekrutierung erst ab 18 erfolgen. So ergibt sich ein Schlupfloch durch den unklaren Begriff der Freiwilligkeit und damit die Notwendigkeit der Durchsetzung der ‚straight 18’. Allerdings ist fraglich, ob eine Gesetzesänderung durchschlagenden Erfolg hätte, denn kämpfende Einheiten entziehen sich oft jeder Kontrolle. Dennoch handelt es sich um eine unerlässliche Voraussetzung, Armeen und bewaffnete Gruppen rechtlich an der Rekrutierung von Kindern zu hindern, um sie bei Verstoß zur Verantwortung ziehen zu können. 6
Trotz dieser Wirrungen wird als Kindersoldat jeder Mensch unter 18 Jahren definiert, der unabhängig von seiner Funktion Teil einer wie auch immer gearteten bewaffne- ten Gruppe ist. Hierbei handelt es sich um die gängige Definition - herausgegeben vom Dokumentationszentrum für Kindersoldaten. Sie orientiert sich an den 1997 in Afrika verabschiedeten ‚Cape-Town Principles’.
1.2 Weltweiter Überblick Olara Otunu, der Sonderbeauftragte der UN für Kinder im Krieg, schätzt, dass zwi- schen 1999 und 2000 zwei Millionen Kinder durch Kriege und bewaffnete Konflikte getötet und sechs Millionen weitere zu Invaliden wurden. Etwa zehn Millionen Kin- der gelten als traumatisiert. (vgl. auch Schumacher 2005: 8)
Laut Unicef-Jahresbericht von 2006 sind 250.00 bis 300.000 Kindersoldaten welt- weit aktiv. Rund ein Drittel von ihnen sind Mädchen. (vgl. Unicef 2006: 3) Etwa 120.000 kämpfen allein in Afrika. Zusätzlich werden Hunderttausende in Streitkräf- ten ohne aktuelle Kampfhandlungen vermutet. (vgl. Ludwig 2003: 7) Es muss davon ausgegangen werden, dass diese Zahlenangabe weit unter der Realität liegt, da es 5 „Straight 18“ bedeutet die Forderung der ‘Coalition to Stop the use of child soldiers’ (Zusammen- schluss verschiedener Hilfsorganisationen im Kampf gegen den Einsatz von Kindern als Soldaten weltweit), dass kein Mensch vor Vollendung des 18. Lebensjahres in einem wie auch immer gearteten bewaffneten Konflikt weder direkt noch indirekt teilnehmen darf.
6 Informationen über die rechtliche Lage von Kindersoldaten liefern die entsprechenden Gesetzestex- te. Einen ausführlicheren Überblick bietet die Darstellung von Jasmin Ständer. (siehe Ständer 2006: 9-14)
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keine Aufzeichnungen über Anzahl und Alter der jungen Soldaten gibt, und die Ge- samtzahl grundsätzlich nicht ermittelbar ist. Altersangaben sind häufig gefälscht - wenn überhaupt vorhanden. Hinzu kommt, dass die Kinder älter werden. „Innerhalb weniger Jahre ist auch der überlebende Kindersoldat verschwunden, verborgen in einem erwachsenen Soldaten oder einem erwachsenen Kriegsveteranen.“ (Brett&McCallin 2001: 22) Weiterhin befinden sich die meisten von ihnen in Gebie- ten kriegerischer Auseinandersetzungen, die am wenigsten für Zählungen zugänglich sind.
Aus folgenden sechsunddreißig Ländern liegen Berichte über die Rekrutierung von Kindern vor:
Äthiopien - Afghanistan - Algerien - Angola - Burundi - Demokratische Republik Kongo - Eritrea - Guatemala - Guinea-Bissau - Indien - Indonesien - Iran - Irak - Israel/Palästina - Jugoslawien/Kosovo
- Kambodscha - Kolumbien - Kongo-Brazzaville - Libanon - Liberia - Mexiko - Myanmar - Nepal - Papua Neu Guinea - Peru - Philippinen - Russland/Tschetschenien - Ruanda - Sierra Leone - Solomon Inseln - Sri Lanka - Sudan - Tadschikistan - Türkei/Kurdistan - Uganda. (vgl. Brett: 35)
Nach 2001 endeten die Kriege in Afghanistan, Angola und Sierra Leone, und es bra- chen neue Konflikte in der Elfenbeinküste und Liberia aus. In Zahlen bedeutet das die Demobilisierung von 40.000 Kindersoldaten einerseits und die Rekrutierung von
30.000 neuen andererseits, wobei eine exakte Ermittlung auch hier nicht möglich ist.
(vgl. Weltbericht Kindersoldaten 2004: 6)
Zwischen 2001 und 2004 fanden in folgenden Ländern bewaffnete Auseinanderset- zungen unter Beteiligung von Kindersoldaten statt:
Afghanistan - Angola - Burundi - Demokratische Republik Kongo - Elfenbeinküste - Guinea - Indien - Irak - Israel und die besetzten Gebiete - Indonesien - Kolumbien - Liberia - Myanmar - Nepal - Phi- lippinen - Russische Föderation - Ruanda - Sri Lanka - Somalia - Sudan - Uganda. (vgl. Weltreport Kindersoldaten 2004: 4)
Zu den Regierungen, die Kinder in bewaffneten Konflikten einsetzen, zählen laut Weltbericht auch die USA, da Freiwillige ab 17 Jahren beitreten und direkt an Kampfhandlungen beteiligt werden, wie aktuelle Berichte aus dem Irak belegen.
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Weiterhin werden beispielhaft Kolumbien, Somalia, Sudan und Simbabwe als Regie- rungen aufgeführt, die paramilitärische Gruppen und Milizen unterstützen, die Kin- der als Soldaten rekrutieren. (vgl. ebd.)
1.3 Ursachen Lässt sich ein Siebzehnjähriger, der sich freiwillig bei der Bundesarmee meldet, ohne zunächst der konkreten Gefahr eines Kampfeinsatzes ausgeliefert zu sein, mit einem zwangsrekrutierten Kind, das zum Töten gezwungen wird, gleichsetzen? Auch wenn per Definition beide Kindersoldaten sind, machen die Herkunft und ihre Umstände den Unterschied. Ich konzentriere mich bei meiner Darstellung auf die kämpfenden Kindersoldaten aus den Entwicklungsländern.
„Erstens stammen die Kinder aus den armen oder anderweitig benachteiligten Teilen der Gesellschaft. Zweitens stammen sie aus den aktuellen Konfliktzonen und drit- tens, über allem und überlappend zu den anderen Kategorien, kommen sie aus ge- störten oder nicht existenten Familienverhältnissen.“ (Brett&McCallin 2001: 63) Es besteht also ein klarer Zusammenhang zwischen Sozialisation 7 und der Rekrutierung eines Kindes zum Soldaten. Folgende Ausführungen belegen dies: Wird ein Kind aus einer gut situierten Familie rekrutiert, ist seine Chance auf baldige Entlassung sehr groß. Den Eltern bleibt die Möglichkeit, es frei zu kaufen und gegebenenfalls außer Landes zu bringen. „Es war gängige Praxis, der Armee Geld dafür zu bezahlen, dass sie ein Kind (...) nicht einzog; ebenso üblich war die Bezahlung einer armen Familie dafür, dass sie Ersatz stellte.“ (ebd.: 66) Es ist demnach kein Zufall, dass Rekrutie- rungsmaßnahmen sich beinah ausschließlich gegen die ärmeren und benachteiligten Gesellschaftsschichten richten. Die meisten Kindersoldaten kommen aus bäuerli- chen Familien, die auf dem Land leben. Kommen sie aus den Städten, sind es oft Kinder allein erziehender Mütter oder Straßenkinder. Armut “ist vielleicht der offen- sichtlichste gemeinsame Aspekt bei Kindersoldaten“ (TDH 2004: 9). Es mangelt den Kindern am nötigsten und ihre Beteiligung an einer bewaffneten Gruppierung gleicht einer „Notaufnahme“ (Wilke-Launer 1998: 4) „Am leichtesten findet man
7 „Die Inhalte, die der Mensch in seiner Entwicklung lernt, stammen aus der Gesellschaft, in der er lebt. Daher lernt der Einzelne die Inhalte, die in seiner Gesellschaft wichtig sind. Zu diesen Inhalten gehören unter anderem soziale Rollen und Normen. Durch das Erlernen von Rollen und Normen wird das Individuum Mitglied der Gesellschaft. Diesen Vorgang nennt man Sozialisation.“ (Oerter 1978: 83 in Helms 2007: 13)
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dort etwas zu essen, wo das Militär ist - die Soldaten haben die besten Chancen, sich Nahrung zu beschaffen.“ (Kapuscinski 2001: 149) Da jedoch nicht alle armen Kin- der Kindersoldaten werden, kann Armut nicht der einzige Grund sein. Manche Kin- der werden in das Leben eines Kämpfers hineingeboren, weil bspw. der Vater oder Bruder bereits am Krieg teilgenommen haben, und verinnerlichen die Ideologie der älteren Generation. (vgl. Wilke-Launer 1998: 4/ TDH 2004: 15) Wieder andere werden von ihren Familien bei den kämpfenden Einheiten abgegeben, z.B. weil der Vater, „der nach dem Tod seiner ersten Frau wieder geheiratet hatte, die Verantwor- tung für die Erziehung seiner Söhne nicht mehr tragen wollte.“ (Brett&McCallin 2001: 73) Manchmal wissen die Eltern auch nicht, wie sie ihre Familie ernähren sollen. Mehari beschreibt in ihrer Autobiographie, ähnliche Gründe, aus denen sie von ihrem Vater zu den Rebellen gebracht wurde.
Auch ethnische Minderheiten, die in den Krisengebieten oder Flüchtlingslagern le- ben und unter sozialer Ausgrenzung zu leiden haben, sind betroffen. Ihre Familien- verhältnisse sind zerrüttet, und viele von ihnen leben als Waisen auf der Straße. Sie leiden unter fehlenden Perspektiven und verfügen über keinerlei Mittel, sich der (Zwangs)Rekrutierung zu widersetzen. (vgl. Kegelreiter 2003: 12ff.) In vielen Konfliktzonen gibt es eine hohe Anzahl an Kinderhaushalten. Sie leben seit Jahren im Krieg, haben ihre Eltern durch ihn verloren und nehmen den Konflikt und die Beteiligung daran als normale Lebenswelt an. Gewalt gehört zu ihrem Alltag, und es erscheint ihnen natürlich, ebenfalls Soldat zu werden. (vgl. Brett&McCallin 2001: 68ff.) Je länger ein Krieg oder bewaffneter Konflikt anhält, desto schneller wird er normal für die jungen Leute und bringt vor allem die Notwendigkeit vom Schutz der eigenen Person und Familie mit sich - wenn nötig mit Waffengewalt. Nicht zuletzt, „weil in einem Krieg Zivilisten misshandelt werden“ (Germain aus
DRC in TDH 2004: 7). An Waffen mangelt es nicht, so dass es den Jugendlichen oft
ein Leichtes ist, Gewalt als legitim anzusehen.
Viele Kindersoldaten sind vor ihrer Rekrutierung aus verschiedenen Gründen von ihrer Familie getrennt. Oft sind sie aus einer für sie unerträglichen häuslichen Situa- tion davon gelaufen, weil sie misshandelt, missbraucht und ausgebeutet wurden. Dies betrifft besonders oft die Mädchen. (vgl. Interview mit Rachel Brett in TDH 2004: 27) Sie fliehen vor Gewalt, die in vielen Haushalten Afrikas selbstverständlich ist. (vgl. Mehari 2004: 278) Traditionell gelten Kinder und Ehefrauen in Afrika als Be-
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sitz des Mannes und sind somit seiner (nicht selten alkoholisierten) Willkür ausgelie- fert. 8 Sie leiden unter verschiedenen Formen von Misshandlungen, der Gefahr von Entführungen und Vergewaltigungen und Hunger. (vgl. Heckl 1999: 4) Daher wol- len viele Kinder der Kontrolle ihrer Eltern entkommen und landen auf der Straße, wo sie leichte Beute für die Rekrutierungen diverser bewaffneter Einheiten sind. „Tatsa- che ist, dass ich nicht für ein Ideal zur Guerilla ging, nicht weil ich ihre Ziele unter- stützte. Das interessierte mich nicht. Ich ging wegen der Aggressivität zu Hause.“ (Paez 2001: 11) Für die geflohenen Mädchen ist das Soldatenleben oft die einzige Alternative zur Prostitution. (vgl. Kourouma 2002: 90-93)
Der Übergang von freiwilliger zu erzwungener Rekrutierung ist oft fließend. Viele dieser getrennten Kinder sind auf der Suche nach emotionaler Bindung und einer Vaterfigur. Konsequenz ist, dass sie schnell in Abhängigkeit und ungleiche Verhält- nisse geraten. Die Familie ist für junge Menschen von großer Bedeutung und „nie- mand ist so verletzlich wie von ihren Familien getrennte Kinder, (und der Schluss liegt nahe), dass Kinder aus dieser Gruppe und andere Kinder, deren Familienzu- sammenhalt instabil oder zerstört ist, in stärkerem Maße als ihre Altersgenossen Ge- fahr laufen, Kindersoldaten zu werden.“ (Brett&McCallin 2001: 72) 9 Sie sind will- kommene Beute für Rekrutierungsaktionen, und es ist unwahrscheinlich, dass je- mand nach ihnen sucht.
Der Mangel an (Aus-)Bildung ist ein weiterer Risikofaktor, weil die Jugendlichen keine Aufgaben und Perspektiven haben. Sie reagieren demotiviert, und glauben, „Bildung heißt nicht, dass man Arbeit bekommt, was soll’s also? (...) Du hast einen Doktortitel und fährst Taxi.“ (Albert aus dem Kongo in TDH 2004: 14) Keine Schu- le und Zugang zu Arbeitsmöglichkeiten zu haben, bedeutet gleichfalls eine verlorene Chance, Werte und Einstellungen zu finden und zu festigen, so wie Verständnis und
8 Dieser Zusammenhang wird auch durch die Geschichten von Jeniffer und Opio in der Dokumentati- on „Lost Children“ (2005) bestätigt. Auch in anderen autobiographischen Schilderungen tauchen immer wieder ähnliche Berichte auf (z.B. bei Senait Mehari und China Keitetsi).
9 „Der Familie kommt im Hinblick auf den Aufbau wichtiger Dimensionen der kindlichen Persönlich- keit eine Schüsselrolle zu, während sie im Jugendalter überwiegend eine zentrale Hintergrundfunktion für die sozialemotionale Stabilisierung und die zukunftswichtigen Bildungs- und Berufsentscheidun- gen einnimmt. Dabei spielen (sub)kulturelle Werte und Normen und ihre Vermittlung, die Persönlich- keitsstrukturen der Eltern und Kinder, sowie die Übertragung von Familienwerten und -zielen auf die Kinder eine wesentliche Rolle.“ (Helms 2007: 14)
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