Probleme der bilingualen Erziehung von Immigrantenkindern
und die Situation in der Bundesrepublik Deutschland
von Evelyn Naudorf
Inhalt:
1. Einleitung
2. Was ist Bilingualismus und bilinguale Erziehung?
Ein Definitionsversuch
3. Theoretische Konzepte
als Lösungsansätze für Unterrichtserfolge
3.1 Der Begriff des Semilingualismus - bis heute umstritten
3.2 Schlechteres Abschneiden der Immigrantenkinder - warum?
3.2.1 BICS/CALP
3.2.2 Die "Threshold Theory"
4. Beschreibung der besonderen Situation
zweisprachiger Immigrantenkinder
4.1 Definitionen
4.2 Kultur und Sprache
4.3 Spezielle Probleme von Immigranten
5. Immigranten in der Bundesrepublik
5.1 Geschichtliche Entwicklung
5.2 Statistiken und Studien
6. Die Darstellung des Schulsystems in Deutschland
in Hinblick auf den Erhalt der Zweisprachigkeit von Immigrantenkindern
6.1 Zuständigkeiten im deutschen Schulsystem
6.2 Rechtliche Grundlagen für Migrantenkinder
6.3 Maßnahmen und Programme
6.3.1 Das Beispiel Bayern
6.3.2 Das Krefelder Modell
7. Fazit
8. Bibliographie
1. Einleitung
"PISA-Nachbeben - die Kultusminister planen radikale Schulreformen" (Spiegel online, 23.05.2002)
"Nach dem PISA-Alarm; Sechs, setzen!" (Spiegel online, 04.03.2002)
"PISA-Fiasko: Das Land der Dichter und Denker - abgehängt!" (Spiegel online, 14.12.2001)
So oder so ähnlich lesen sich bundesdeutsche Schlagzeilen seit Wochen und Monaten - auch heute noch, mehr als ein halbes Jahr nach Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studie , die in Deutschland derartig kontroverse, bildungspolitische Diskussionen ausgelöst hat. Platz 21 der Bundesrepublik im internationalen Vergleich erschütterte das Vertrauen in die Bildungspolitik und die Suche nach einem Schuldigen ließ nicht lange auf sich warten: Nach Bekanntgabe der Ergebnisse wurden unter anderem von Politikern die hohen Prozentsätze an Migrantenkindern in den Klassen für das schlechte Abschneiden der bundesdeutschen Schüler und Schülerinnen verantwortlich gemacht.
In Rahmen und im Umfeld dieser Studie werden nun Probleme diskutiert, die in ihrer Dringlichkeit bereits seit den ersten Migrationswellen in den sechziger Jahren bestehen. Durch das Anwerben von Gastarbeitern, der darauf folgenden Entscheidung dieser Menschen in Deutschland zu bleiben und durch den damit verbundenen Familiennachzug ergaben sich Schwierigkeiten, die auch heute noch nicht annähernd gelöst sind. Im Mittelpunkt dieser Diskussionen steht vor allem und immer wieder die Sprachproblematik: Erreicht man Integration durch den Erwerb von Deutschkenntnissen? Ist Integration generell (und damit häufig verbunden der Verlust der Muttersprache und der eigenen kulturellen Identität) das oberste Ziel? Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich mich mit den Problemen von Migrantenkindern beschäftigen. Dabei soll im ersten Teil der Arbeit die spezielle Situation von diesen Kindern sowie der linguistische Aspekt in Form von Theorieansätzen im Vordergrund stehen. Im zweiten Teil möchte ich das Schulsystem in der Bundesrepublik unter dem Aspekt betrachten, welche Möglichkeiten für Migrantenkinder bestehen - insbesondere im Hinblick auf den Erhalt ihrer Muttersprache. Zum Abschluss möchte ich eine Bewertung vornehmen, ob und inwiefern der Erhalt der Zweisprachigkeit im Schulsystem der Bundesrepublik eine Rolle spielt.
2. Was ist Bilingualismus und bilinguale Erziehung? Ein Definitionsversuch.
In allen Werken, die sich mit dem Thema Bilingualismus beschäftigen, steht zu Beginn das Problem einer Definition dieses "multi-faceted phenomenon" . Involviert in die Forschungsrichtung sind neben Soziologen, Psychologen und Linguisten auch Anthropologen und Erziehungswissenschaftler, die alle verschiedene Methoden, Kriterien und Annahmen in ihre Forschung mit einfließen lassen (Hoffmann, S. 17). Von den sich daraus ergebenden Faktoren lassen sich verschiedene gegensätzliche Definitionspaare ableiten, die helfen, dieses weite Feld etwas einzugrenzen. Davon werde ich im Folgenden einzelne Faktoren näher erläutern, die mir für die Betrachtung des Bilingualismus von Migrantenkindern hilfreich erscheinen. Zuerst einmal ist das Alter entscheidend, in dem eine zweite Sprache erlernt wird. Dabei unterschiedet Hoffmann die Begriffe "early" oder "child bilingualism" von "late" oder "adult bilingualism", wobei die Altersgrenze im ersten Fall mehr oder weniger willkürlich im Alter von drei Jahren festgelegt wurde (Haugen in Hoffmann, S. 18) und im zweiten Fall in der Pubertät. Für Migrantenkinder ist die Altersgrenze entscheidend - nicht nur für die sprachliche, sondern auch für die persönliche Entwicklung. Die Fragen, wann die Heimat verlassen wurde und ob eventuell dort bereits schulische Unterweisung in der Muttersprache erfolgt ist, spielen eine erhebliche Rolle bei der Persönlichkeitsbildung und der Entscheidung, welche Schulform oder Programme am besten für den Erhalt der Zweisprachigkeit sind.
Was Hoffmann als "one of the most challenging aspects to address" (S. 21) bezeichnet, ist die Frage nach der "proficiency", der Kenntnis in beiden Sprachen oder wie gut ein Sprecher "seine" Sprachen beherrscht. Dabei reichen die Ansätze von einem extrem perfektionistischen Ausgangspunkt, in dem Bilinguale beide Sprachen "with approximately the same degree of perfection as unilingual speakers of those languages" (Christophersen in Hoffmann, S. 21) beherrschen müssen, um als zweisprachig zu gelten, bis hin zu einem äußerst minimalistischen Ansatz, bei dem Personen bereits als bilingual definiert werden, die in der Lage sind "meaningful utterances in the other language" (Haugen in Hoffmann, S. 22) zu produzieren. Bei der Betrachtung dieser beiden Ansätze stößt man auf eine Reihe von Schwierigkeiten. Einerseits stellt sich die Frage wie ein "unilingual speaker" seine Sprache beherrscht oder, anders formuliert, was muttersprachliche Kompetenz bedeutet? Andererseits scheint der minimalistische Ansatz viel zu weit gegriffen zu sein. Der Begriff des "balanced bilingual" (Hoffmann, S. 22) scheint in der Mitte dieser beiden Konzepte zu liegen. Damit wird eine zweisprachige Person bezeichnet, die beide Sprachen in etwa zum gleichen Maße beherrscht, ohne jedoch den Anspruch zu erheben, dass seine oder ihre Kompetenz mit der eines Muttersprachlers vergleichbar sein muss. Diese Einschätzung ist zugleich auch ein Idealbild, da in der Realität zumeist die Situation anzutreffen ist, dass eine der beiden Sprachen die dominantere ist. Der Begriff des "balanced bilingual" ist bei der Betrachtung von Immigrantenkindern und ihrer Situation von Bedeutung, da ihm häufig die Klassifizierung des Semilingualismus gegenüber gestellt wird. Darauf möchte ich jedoch zu einem späteren Zeitpunkt näher eingehen (siehe Punkt 3).
Abschließen möchte ich diesen Versuch einer Definition mit dem Ansatz von Sknutnabb-Kangas , die die besondere Gruppe der Immigranten vor Augen hatte, als sie ihre Beschreibung von Zweisprachigkeit aufstellte:
[...]
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Evelyn Naudorf, 2002, Probleme der bilingualen Erziehung von Immigrantenkindern und die Situation in der Bundesrepublik Deutschland, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Stephanie
Der Ausschnitt ist relativ undifferenziert.
geht es hierbei ausschließlich um immigrantenkinder? wenn ja, hätte dies klargestellt werden sollen! ich empfinde die ausschnitte, die ich kostenlos einsehen konnte als affront: bin selbst bilingual englisch/deutsch (britische mutter, deutscher vater, immer in deutschland gelebt) aufgewachsen und empfinde die einleitung als sehr indifferenziert und auf mich nicht zutreffend. es ist ein so schwieriges thema und selbst für mich und meinen bruder nicht gleich zu beantworten - wie kann man da überhaupt anstreben, eine "pauschale" aussage zu treffen? dieses thema wird meiner meinung nach in deutschland immer noch - 2 jahre nach pisa - nicht richtig erkannt (man muss hier einfach differenzieren und das ist letztendlich personal- und damit kostenintensiv: fragen sie mal die international schools in deutschland www.agis-schools.org). wir müssen hier wohl noch einen langen weg gehen, bevor wir das erreichen, was andere schon seit jahrzehnten praktizieren!
on Tuesday, January 25, 2005-
Paul
RE: Der Ausschnitt ist relativ undifferenziert.
Im Titel steht doch eindeutig, dass sich die Arbeit auf Immigrantenkinder bezieht... erst lesen, dann meckern.
on Thursday, January 27, 2005-