Gliederung und Inhaltsverzeichnis:
1 Einleitung Seite 3
2 Kulturhistorischer Kontext
2.1 Die Situation in Italien nach dem Wiener Kongress Seite 4
2.2 Der Roman als bürgerliches Epos Seite 5
3 Manzonis Geschichtsauffassung und seine Autorenintention Seite 7
4 Der Roman I Promessi Sposi
4.1 Die Entstehung sprachwissenschaftlich gesehen Seite 10
4.2 Technik und Struktur Seite 12
4.3 Die Vorsehung Providentia Seite 14
4.4 Personen und Darstellung der historischen Wirklichkeit Seite 15
5 Schlussbetrachtung Seite 20
6 Bibliographie Seite 21
1 Einleitung
Alessandro Manzonis I Promessi Sposi, im Deutschen hauptsächlich veröffentlicht als Die Verlobten, ist nicht nur einer der bekanntesten und berühmtesten italienischen Romane, sondern auch einer der bedeutendsten.
Er ist dabei nicht nur aus literaturwissenschaftlicher Hinsicht interessant, sondern bietet als historischer Roman zugleich kulturhistorische Informationen und ist im Rahmen von Manzonis Wirken in der Questione della lingua zudem das Zeugnis seiner sprachtheoretischen Ansichten.
Vorliegende Arbeit, die in Folge der Vorbereitung zu einer Staatsexamensprüfung entstand, versucht genau diese Mehrdimensionalität zu untersuchen und zu unterstreichen, wobei im ersten Teil ein kulturhistorischer Überblick zur politischen Situation in Italien nach dem Wiener Kongress gegeben und die Gattung des Romans an sich beleuchtet werden, da der nun langsam an Bedeutung gewinnende Roman mehr und mehr Einfluss auch auf den politischen Einigungsprozess, risorgimento, nehmen wird. Dabei spielt insbesondere der Historische Roman ein wichtige Rolle, weswegen im Anschluss auf die Autorenintention und die Geschichtsauffassung Manzonis eingegangen werden soll und die Geschichte des historischen Romans von Sir Walter Scott bis Manzoni kurz dargestellt wird. Im zweiten Teil steht nun der Roman an sich im Mittelpunkt, seine wohl einzigartige über zwei Jahrzehnte andauernde Entstehungsgeschichte, die Hauptpersonen sowie wichtige literarische Techniken und die Darstellung der historischen Wirklichkeit, womit der Bogen zum kulturhistorischen Kontext wieder geschlossen wird.
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2 Kulturhistorischer Kontext
2.1 Die Situation in Italien nach dem Wiener Kongress
Das Italien nach 1815 ist von zwei Begriffen besonders geprägt: Restauration und Risorgimento. Die Veränderungen, die in anderen europäischen Staaten stattfanden, kamen in Italien nur mit großer Verzögerung an. So hatte beispielsweise die industrielle Revolution in Italien so noch nicht stattgefunden, Italien blieb ein Agrarland, der Einstieg Italiens in den europäischen Kapitalismus erfolgte nur zaghaft. Ebenso gingen die sozialen Veränderungen nur allmählich voran, Italien wurde nur sehr langsam zu einem bürgerlichen Land, immerhin aber gingen die Privilegien des Adels zurück, es verbreitete sich nach und nach ein Einheitsbewusstsein und es entwickelte sich eine Kluft zwischen dem Volk und den Intellektuellen, die die europäische Entwicklung verstärkt an und wahr nahmen.
Ebenso gab es einen Bruch in der Zunft der Schriftsteller, die nun vermehrt aus bürgerlicher Abstammung kamen und oftmals gezwungen waren, parallel zur Tätigkeit als Schreiber, einen nichtliterarischen Beruf auszuüben, sei es beispielsweise Übersetzer, Lehrer, Verleger oder Journalist. Alessandro Manzoni hingegen war adliger Abstammung, ein Graf, und Enkel des Aufklärers Beccaria, zudem Großgrundbesitzer der seine Güter persönlich verwaltete. Auch hatte Manzoni eine klassische Bildung genossen.
Durch die zunehmende Anzahl an Literaten und das wachsende Interesse des sich herausbildenden Bürgertums an der Literatur, entstand eine neue Leserschaft, eine Literaturindustrie, ja eine Kulturindustrie. Literatur wurde mit den Jahren zu einem Instrument staatsbürgerlicher und politischer Einflussnahme und wollte sich an das ganze Volk wenden. Auch Manzoni machte deutlich, dass er für die breite Mittelschicht schreiben will, eine Schicht zwischen Gebildeten und Ungebildeten. Ein Problem dabei war jedoch die Sprache, denn auch die Literatur musste sich öffnen, zur Sprache der Ober- und Unterschicht hin, zu jener neu entstehenden Leserschaft, aber es gab in Italien ja keine einheitliche gesprochene Sprache und auch über die zu verwendende Literatursprache gab es unterschiedliche Auffassungen. Klar war dabei nur der enge Zusammenhang zwischen einheitlicher Sprache und dem Weg zur nationalen Einheit, was aber zuerst erreicht werden musste, darüber stritten Intellektuelle und Literaten: Soll das Volk über Sprache und Stil richten, oder ist eine Einheit der Sprache Voraussetzung für die Einheit des Volkes?
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Bedeutend für die intellektuellen Debatten im sich verändernden Italien war die 1818 in Mailand entstandene Zeitschrift Il Concilliatore. Sprachwissenschaftlich gesehen, gab es vereinfacht dargestellt primär zwei unterschiedliche Standpunkte. Die Klassizisten um Monti und Perticari plädierten für das geschriebene Florentinische, die Puristen wollten die Idealsprache der Tre Corone (Dante, Boccaccio, Petrarka) wiederbeleben. Manzoni stand quasi dazwischen, wollte er doch das Fiorentino Colto, also das gesprochene Italienisch der Florentiner Oberschicht, zur Sprache erheben. Er setzte sich also nicht wie Perticari für das Fiorentino Letterario, sondern als Einziger für das Fiorentino Parlato ein.
Vorbild für ihn war Paris und die dortige Stellung des Französischen. 1805, kurz nach der Trennung seiner Eltern, hielt sich Manzoni mit einer Mutter in Paris auf, wo auch seine Freundschaft mit Claude Fauriel entstand. Er kam hier zur Erkenntnis, das Italienische sei eine tote Sprache: „Lo stato dell’Italia divisa in frammenti ha posta tanta distanza tra la lingua parlata e quella scritta che può dirsi dunque lingua morta.“ 1 In seiner Bewunderung für das Französische, die ja auch in seinen Oden an Napoleon (unter anderem Il 5 maggio) deutlich wird, wollte er, dass das Italienische genauso universal sei, „vivo e agevole per tutti per qualsiasi bisogno dell’espressione comune.“ 2
2.2 Der Roman als bürgerliches Epos
Einhergehend mit denen im vorangestellten Kapitel bereits skizzierten Veränderungen im italienischen Gesellschaftssystem und den neuen Anforderungen an die Literatur, gab es auch eine Umwälzung des literarischen Gattungssystems. Immer mehr trat der Roman als Genre in den Vordergrund. Die erzählende Dichtung lief der Poesie, dem Epos und der Tragödie buchstäblich den Rang ab. Der Roman galt nunmehr als Verbreiter und Vermittler von Kultur für die Mehrheit des Volkes. Ein neues Konsumverhalten der breiten Masse unterstützte diese Entwicklung. Als Hauptuntergattung diente dabei der historische Roman.
Aber warum erweckten gerade Romane mit historischem Sujet das Interesse der neuen Leserschaft? Die Französische Revolution und die Revolutionskriege waren ebenso wie Napoleons Feldzüge Ereignisse, die von der Masse getragen wurden und in die ganze Völker verwickelt waren. Napoleon hatte mit seinen Massenheeren Geschichte zum 1 Zitiert nach Migliorini, B. (1987), S. 548.
2 Vgl. Vitale, M. (1992), S. 214.
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Erlebnis aller gemacht. Die Menschen machten zahlreiche neue Erfahrungen, lernten und entdeckten die Bedeutung und den Stellenwert von Geschichte und waren deshalb sehr empfänglich. Zudem lebten nationale Gefühle wieder auf, das entstehende Bürgertum wandte sich zur Erforschung und Erzählung der eigenen Vergangenheit hin, zur Suche nach den eigenen Wesenzügen. Der historische Roman diente so als ideales Modell, als Medium politischer Identitätsstiftung, eben insbesondere für die neue Leserschaft.
Was macht nun genau einen historischen Roman aus? Der Dichter will hier keine historischen Fakten feststellen, kontrollieren oder mit anderen in Zusammenhang setzen, sondern benötigt lediglich eine möglichst authentische Darstellung historischer Persönlichkeiten und Begebenheiten für seine Erzählung. Die Distanz zur Geschichtsschreibung entsteht durch den Verzicht auf Wissenschaftlichkeit. Kulturliterarisch gesehen, diente nach Hinz der historische Roman quasi der historischen Legitimierung des Dritten Standes, der durch die Französische Revolution soeben die Herrschaft ergriffen hatte und nun im historischen Roman Rechtfertigung darüber ablegt, dass es zurecht revolutionär an die Macht gekommen ist und eigentlich ja schon immer das der Geschichte zugrunde liegende Substrat gewesen zu sein. 3 Die Romantik prädestinierte
den historischen Roman insbesondere durch das romantische Bedürfnis nach Schilderung abenteuerlicher Erlebnisse, die nun nicht mehr in einer fiktiven Welt, sondern in historischer Ferne gesucht wurden.
Die Geschichte des historischen Romans begann 1814 durch Sir Walter Scotts Waverley. Es erfolgte eine intensive Rezeption in ganz Europa. 4 Scott, der etwa dreißig historische
Romane schrieb, galt somit als großes Vorbild hinsichtlich ästhetischer Eigenheit und Erzählmodell. Er schrieb über Leben und Schicksale aus England zur Zeit der Auseinandersetzungen zwischen angelsächsischer Bevölkerung und normannischer Eroberung und schuf so ein auf genauen Studien beruhendes kulturhistorisches Bild an historisch nebensächlichen oder gar erfundenen Ereignissen. Schon Scott nutzte die Geschichte stets als Spiegel der Gegenwart, für öffentliche Angelegenheiten, Gedanken und Bräuche. Hauptfiguren bei Scott sind in der Regel „mittelmäßige“ oder „mittlere“ Helden, da sie zu keinem herausragenden Heldentum befähigt sind und sozial gesehen der Mittelklasse angehören. Der Protagonist ist ein durchschnittlicher Gentleman, ein niemals 3 Vgl. Hinz, M. (1993), S. 73.
4 Erste Vorläufer des historischen Romans gab es jedoch schon im 17./18. Jahrhundert, sogar die Bearbeitung antiker Geschichten und Mythen im Mittelalter kann als Vorläufer angesehen werden.
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Robert Mintchev, 2006, Allesandro Manzonis "I Promessi Sposi" aus literatur-, kultur- und sprachwissenschaftlicher Sicht, Munich, GRIN Publishing GmbH
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