Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Aufstieg und Fall von LTCM 2
2.1 Gründung 2
2.2 Exkurs: Hedge Fonds 2
2.2.1 Begriffsabgrenzung 2
2.2.2 Eigenschaften 3
2.2.3 Klassifikation 4
2.3 Strategie 4
2.4 Krise 5
3. Ursachen der Krise das Shleifer-Modell als Erklärungsansatz 6
3.1 Vorüberlegungen 7
3.2 Modellbeschreibung 8
3.2.1 Beziehung zwischen Noise-Tradern und Arbitrageuren 8
3.2.2 Industrieorganisation/ Beziehung zwischen Arbitrageuren und Investoren 10
3.2.3 Optimierungskalkül des Arbitrageurs 12
3.3 Modellanalyse 13
3.4 Zusammenfassung 15
4. Implikationen der Krise 16
4.1 Rolle der Zentralbank 16
4.2 Erhöhung der Transparenz 17
5. Schlussbemerkung 18
6. Bibliographie 20
7. Appendix I
7.1 Anhang Kapitel (2 3) I
7.2 Anhang Kapitel (3 2 2) I
7.3 Anhang Kapitel (3 3) II
2
1. Einleitung
Die klassischste aller ökonomischen Modellannahmen ist wohl die des effizienten Marktes. Falsche Informationen, irrationale Entscheidungen, einflussreiche Akteure, all das gibt es dort nicht. Mit der Realität hat das allerdings weniger zu tun. Selbst das weltweite Finanzsystem mit seinen unzähligen Partizipanten ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Der beste Beweis dafür sind die Finanzkrisen. Sie sind der Ausdruck des Zusammenspiels zu vieler Unzulänglichkeiten, die es immer schon gab und wahrscheinlich immer geben wird, seien sie nun menschlicher, technischer oder institutioneller Natur. Die tatsächlichen Auslöser einer solchen Krise können dabei völlig unterschiedlich sein. Makroökonomische Missstände, politische Probleme oder einzelne Marktteilnehmer können den Anstoß geben, der das System der internationalen Finanzmärkte zum Kippen bringt. Die Traditionsbank Barings war ein solcher Fall, oder auch die Metallgesellschaft.
Zu dieser Gruppe zählt ebenfalls LTCM. Beispielhaft und spektakulär zugleich war der Niedergang jenes Hedge Fonds, der an Größe, Ansehen, Komplexität und Risiko alles vorher Dagewesene in den Schatten gestellt hatte.
Wie konnte es passieren, dass dieser Fonds, betrieben von den brillantesten Vertretern der Wall Street, innerhalb kürzester Zeit zu kollabieren drohte, und wie kam es, dass die Schieflage eines einzigen Fonds das gesamte Weltfinanzsystem erzittern ließ?
Antworten auf diese und weitere Fragen soll die vorliegende Arbeit mit dem Thema „Die LTCM-Krise – Ursachen und Folgen“ geben. Dazu wird in Abschnitt 2 die Geschichte des Hedge Fonds von der Gründung bis zum Beinahe-Zusammenbruch sowie dessen verfolgte Strategie beschrieben. Abgerundet wird dieser Teil durch einen allgemeinen Exkurs über das Investmentvehikel Hedge Fonds bestehend aus Begriffsabgrenzung, Klassifikation und der Darlegung spezifischer Eigenschaften. In Abschnitt 3 folgt dann die Auseinandersetzung mit den Ursachen der Krise. Als Erklärungsansatz wird dort das verhaltenswissenschaftlich orientierte Modell ineffizienten Arbitrage-Handels von Andrei Shleifer angeführt. An eine detaillierte Beschreibung des Modells schließt sich die modellbasierte Analyse einer krisenartigen Marktsituation an. Abschnitt 3 behandelt zum Abschluss der Arbeit die Implikationen der LTCM-Krise insbesondere im Hinblick auf staatliche Eingriffe sowie regulatorische Maßnahmen.
3
2. Aufstieg und Fall von LTCM
2.1 Die Gründung
Im Februar 1994 gründete John Meriwether die Investmentgesellschaft „Long Term Capital Management L.P.“ 1 (LTCM). Hauptsitz dieser Gesellschaft war nicht etwa der Financial District von New York City, sondern Delaware/Conneticut. Zweck des Unternehmens war der Betrieb des ebenfalls als Limited Partnership organisierten Hedge Fonds „Long Term Capital Portfolio L.P.“, dessen Hauptsitz aus steuerlichen und regulatorischen Gründen auf die Cayman Islands gelegt wurde (President´s Working Group on Financial Markets, 1999). Meriwether war an der Wall Street kein unbeschriebenes Blatt. Vor der Gründung von LTCM war er Leiter der Anleihe-Arbitrage Gruppe von Salomon Brothers gewesen und hatte in dieser Position aufgrund seiner großen Erfolge während der 1980er Jahre hohes Ansehen genossen. Nach dem Anleihe-Skandal 2 von 1991 hatte er das Investmenthaus jedoch verlassen (Jorion, 2000).
Die 16-köpfige Mannschaft um Meriwether sorgte wegen der Zusammenkunft vieler Persönlichkeiten der Finanz-Branche während der Gründung für viel Aufsehen. Neben John Meriwether gehörten einige der besten Bondhändler, die schon bei Salomon Brothers unter ihm gearbeitet hatten, zum Team genauso wie David Mullins, ehemaliger Vizepräsident der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (FED), sowie Robert Merton und Myron Scholes, die 1997 für ihre Erkenntnisse im Bereich Derivate mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden (Lewis, 1999). Vor diesem Hintergrund ist insbesondere die hohe Reputation verständlich, die LTCM von Anfang an innerhalb der Bankenwelt genoss und ein maßgeblicher Bestandteil der Handelsstrategie von LTCM war, in gewisser Weise aber auch Mitschuld an der Krise hatte.
2.2 Exkurs: Hedge Fonds
2.2.1 Begriffsabgrenzung
Obgleich der Begriff Hedge Fonds nicht klar abgegrenzt werden kann, versteht man unter einem Hedge Fonds in der Regel einen nicht-öffentlichen Investment-Pool, der in den USA normalerweise als Limited Partnership organisiert ist. Ziel dieser Rechtsform ist die Begrenzung der Investoren auf vermögensstarke Privatpersonen und Institutionen. Da die
1 Die Rechtsform „Limited Partnership“ ist eine Personengesellschaft, die am ehesten einer deutschen Kommanditgesellschaft, bestehend aus General Partner (vergleichbar: Komplementär) und Limited Partners (vergleichbar: Kommanditisten) entspricht. Die Kommanditisten haften grundsätzlich nur in Höhe ihrer Kommanditeinlage (IC-Group, http://www.ic-group.de/de/glossar.php [15.9.2002]).
2 Eine detaillierte Darstellung des Bond Skandals von Salomon Brothers ist bei Jorion (2000) zu finden.
4
Anlage in einen Hedge Fonds nicht allgemein zugänglich ist, fallen diese auch nicht unter die bei anderen Investmentgesellschaften üblichen Regulierungsvorschriften der amerikanischen Börsenaufsicht „Securities and Exchange Comission“ (SEC), die ein hohes Maß an Transparenz fordern (Edwards, 1999; Jorion, 2000). Mehr als die Hälfte aller amerikanischen Hedge Fonds sind als Off-Shore Fonds organisiert. Wegen Steuervorteilen für Nicht-US-Investoren besitzen sie neben ihrem Stammsitz in den USA Zweitniederlassungen in Steueroasen wie den British Virgin Islands, Luxemburg oder, wie im Fall von LTCM, auf den Cayman Islands (Edwards, 1999).
2.2.2 Eigenschaften
Es gibt wohl kaum einen Begriff in der Finanzwelt, der irreführender wäre, als der des Hedge 3
Fonds, denn zur generellen Strategie eine solchen Fonds gehört es eben gerade nicht, die Anlegergelder möglichst risikoarm zu verwalten, sondern im Gegenteil, stark spekulativ zu agieren. Dies geschieht zum einen durch die Wahl einer riskanten Anlagestrategie und zum andern durch den Einsatz von Kreditinstrumenten im weitesten Sinne, wie z.B. Repurchase Agreements 4 (Repos), Short-Positionen und Derivate. Diese sollen eine starke Hebelwirkung
(Leverage) erzielen und so schon kleinste Gewinnmöglichkeiten zu einer lukrativen Anlage werden lassen. Der Hebel kann sowohl als ökonomisches Risiko relativ zum eingesetzten Kapital, als auch aus bilanzieller Sicht als Fremdkapitalquote aufgefasst werden. LTCM wies zum 1. Januar 1998 bei einer Bilanzsumme von über 125 Mrd. $ ein Eigenkapital von gerade einmal 4,8 Mrd. $ auf und damit einen beachtlichen Hebel von mehr als 25:1, der selbst für einen Hedge Fonds weit über das branchenübliche Verhältnis (meist nicht mehr als 2:1) hinausging. Ebenso die Bilanzsumme des LTCM-Fonds, die mit 125 Mrd. $ viermal so hoch war wie die des nächst kleineren Hedge Fonds (President´s Working Group on Financial Markets, 1999).
3 hedge (engl.): Sicherung, Schutz
4 Ein Repurchase Agreement ist eine Rückkaufvereinbarung. Im Zuge von Repo-Geschäften werden Wertpapiere verkauft. Zugleich wird der Rückkauf zu einem fixierten Termin und zu einem ex ante definierten Preis vereinbart. Im Prinzip ist ein Repo-Geschäft daher ein mit Effekten gesicherter Kredit (Bestmann, 1998).
5
2.2.3 Klassifikation
Mehrere Arten der Klassifikation von Hedge Fonds sind möglich. Der Internationale Währungsfonds (IMF) unterteilt Hedge Fonds jedoch ihrer Anlagestrategie nach grob in drei Klassen: Sogenannte Makro Fonds setzen demnach über entsprechende Derivate auf den Verlauf makroökonomischer Variablen wie z.B. der Inflationsrate oder dem realen Wechselkurs. Global Fonds dagegen investieren weltweit direkt oder indirekt in einzelne Unternehmen. Relative Value Fonds schließlich nutzen das relative Preisverhältnis eng verwandter Wertpapiere aus (IMF, 1999).
2.3 Die Strategie
Eben diese Relative Value Strategie – auch bekannt unter dem Namen Marktneutrale/Konvergenz Arbitrage (Edwards, 1999) - verfolgte auch LTCM. Das Prinzip besteht dabei nicht nur im Ausnutzen kleiner Preisunterschiede (Spreads), sondern gleichzeitig auch in der weitgehenden Eliminierung des Marktrisikos. Die in dem einen Finanzinstrument eingegangene Long Position 5 wird durch das parallele Eingehen einer Short Position 6 in dem als sehr ähnlich identifizierten anderen Marktinstrument ausgeglichen
(Shirreff, 1999). Die Eliminierung des Marktrisikos besteht nun darin, dass bei dieser Art der Transaktion nicht mehr der absolute Wert der Finanzinstrumente von Bedeutung ist. Der theoretische Gewinn dieser Strategie entsteht allein dadurch, dass die Preisdifferenz durch die Arbitrage des Marktes allmählich verschwindet (Kolman, 1999). Typische Transaktionen des LTCM-Fonds waren zu Beginn u.a. der Kauf italienischer Staatsanleihen (Long-Position) zusammen mit dem gleichzeitigen Verkauf deutscher Bund Futures 7 (Short-Position). Dasselbe Prinzip wendete LTCM auch bei verschieden rentierenden
US-Staatsanleihen an.
Neben dem Bondmarkt tätigte LTCM auch Arbitrage-Geschäfte auf dem Swap 8 Markt für
Zinssätze, wo der Fonds auf den Rückgang der Spreads zwischen Swap-Sätzen und
5 Unter dem Erwerb einer Long Position versteht man den Kauf eines Finanzinstruments in Erwartung steigender Kurse (Bestmann, 1998).
6 Anlagesituation, in der ein Investor Wertpapiere verkauft, die er noch nicht besitzt, mit der Absicht, diese zum Lieferzeitpunkt günstig einzukaufen (Bestmann, 1998).
7 Der Bund Future ist ein Terminkontrakt der Deutschen Terminbörse auf eine fiktive langfristige Schuldverschreibung des Bundes oder der Treuhandanstalt mit achteinhalb- bis zehnjähriger Laufzeit und einem Zinssatz von 6% (Bestmann, 1998).
8 Als Swap-Geschäft bezeichnet man den Tausch von Zahlungsverpflichtungen mit dem Ziel, relative Vorteile zu arbitrieren. Swaps ermöglichen die Ausnutzung von komparativen Vorteilen an den verschiedenen Märkten.
6
Quote paper:
Thorsten Birke, 2002, Die LTCM-Krise 1998: Ursachen und Folgen, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Das Hedgefonds Long-Term Capital Management: Der Fall LTCM
Warum konnte der LTCM-Hedgefon...
Business economics - Banking, Stock Exchanges, Insurance, Accounting
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Rationale Strategien und die Lehren der Pleite von Long-Term Capital M...
Business economics - Investment and Finance
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Ursachen und Folgen der Russischen Finanz- und Währungskrise von 1998
Politics - International Politics - Region: Russia
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Offene und geschlossene Immobilienfonds und ihre internationalen Penda...
Business economics - Investment and Finance
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Parteienfinanzierung in der Bundesrepublik Deutschland
Politics - Political Systems - Germany
Termpaper, 17 Pages
Real Estate Investment Trusts - Charakteristika und Position von REIT...
Business economics - Investment and Finance
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Finanzierung der Parteien in der Bundesrepublik Deutschland (Parteienf...
Politics - Political Systems - Germany
Termpaper, 24 Pages
Rendite und Risiko von deutschen offenen Immobilienfonds und US-amerik...
Business economics - Banking, Stock Exchanges, Insurance, Accounting
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 37 Pages
Key Account Management in Realisation
Business economics - Business Management, Corporate Governance
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Hedge Fonds - Fluch oder Segen des modernen Kapitalismus?
Sociology - Economy and Industry
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Banken-, Währungskrisen und Twin Crisis: Stilisierte Fakten und theore...
Economics - Monetary theory and policy
Scholary Paper (Seminar), 28 Pages
Kundenbindung im Internet. Weblogs und Podcasts als Instrumente zur St...
Communications - Multimedia, Internet, New Technologies
Diploma Thesis, 111 Pages
Business economics - Banking, Stock Exchanges, Insurance, Accounting
Scholary Paper (Seminar), 34 Pages
Wovon hängen Emerging Market Bond-Spreads ab?
Economics - Monetary theory and policy
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Economics - Monetary theory and policy: Die LTCM-Krise 1998: Ursachen und Folgen is now available as a printed book
Thorsten Birke has published the text Die LTCM-Krise 1998: Ursachen und Folgen
Thorsten Birke has uploaded a new text
Kapitalmarkt, Spekulation und Behavioral Finance
Eine interdisziplinäre und ver...
Lars Klöhn
0 comments