Humboldt Universität zu Berlin
Nordeuropa-Institut
Debatten über Ehe, Sexualität und
Weiblichkeit
Der Moderne Durchbruch in Skandinavien und sein
Widerhall in Amalie Skrams Constance Ring
1. Mai 2008
vorgelgt von
Patricia Patkovszky
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
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1.1 Aktuelle Forschungsdebatten und Methodik . . . . . . . . . . . . . . .
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2 Eine radikale Kritik an der bürgerlichen Ehe: Amalie Skrams Con-
stance Ring
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2.1 Die bürgerliche Ehe als Institution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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2.2 Geld, Sexualität und Prostitution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
2.3 Frauen und Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
3 Schlussbetrachtung
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Literaturverzeichnis
23
2
1 Einleitung
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich in Skandinavien die
Grundlagen für die heutige Frauenemanzipation. Wegbegleitend zum europaweit ein-
setzenden Aufschwung mit Industrialisierung und Technisierung der einzelnen Gesell-
schaften, änderte sich auch das traditionelle Bild von Frau und Familie. Die einstigen
Groÿfamilien entwickelten sich zu bürgerlichen Kernfamilien, und dadurch wurde die
bis dato traditionelle Frauenarbeit in Heim und Hof vielfach überüssig. (Engelstad,
1992, 19/20) Dies bedeutete aber auch eine existenzielle Krise für viele Frauen, da
sie nun nach neuen Betätigungsfeldern und Lebensaufgaben suchen mussten, oder wie
Pil Dahlerup diese Sinnsuche treend beschrieb: Hvad vil det egentlig sige at være
kvinde? Hvad skal samfundet egentlig med kvinder? (Dahlerup, 1975, 37).
In diesem Zeitraum des gesellschaftlichen Umbruchs kam auch eine neue literarische
Epoche zum Tragen, die bereit war, die kulturellen, sozialen und politischen Verän-
derungen aufzunehmen und umzusetzen: der Moderne Durchbruch. Jens Peter Jacob-
sen, Henrik Ibsen und Georg Brandes waren Vorreiter und Vordenker dieser Epoche.
Kritischer Realismus und Naturalismus setzten sich als Hauptrichtungen der bürger-
lichen Literatur durch (Sokoll, 1989a, 66), Friedrich Nietzsches radikale Ideen fanden
groÿen Anklang, und Brandes Forderung nach einer 'aktuellen Problemdebatte' und
'aristokratischem Radikalismus' ermöglichte eine Orientierung der Schriftsteller auf
Probleme der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft [...und das Eintreten] für eine
menschenwürdige Gesellschaft (Sokoll, 1989a, 67).
Ein weiterer Programmpunkt der Epoche des Modernen Durchbruchs und eine der in-
tensivst geführten Debatten der Zeit war die sogenannte 'Frauenfrage', und die Selbst-
befreiung und Selbstverwirklichung [von Frauen] aus bedrückenden Lebensumständen
und Klassenschranken, die nicht ihren Vorstellungen von der Würde des Menschen
entsprachen (Sokoll, 1989b, 15). Georg Brandes hatte 1869 John Stuart Mills um-
strittenes Werk On the Subjection of Women übersetzt und sich in einem glühenden
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1 Einleitung
Vorwort für die Rechte der Frau eingesetzt. Die Reaktionen waren äuÿerst gespalten,
und spiegelten sowohl Zuspruch als auch kritische Ablehnung wider. Daraus entstanden
Diskussionen über die gesellschaftlich sanktionierte Doppelmoral [...] und die Forde-
rung nach vor- und auÿerehelicher sexueller Enthaltsamkeit auch für das männliche
Geschlecht (Heitmann, 2006, 203), welche sich schlieÿlich 1883 mit dem Schauspiel
En Hanske des Dramatikers Bjørnstjerne Bjørnson endgültig zu einer 'Sittlichkeitsde-
batte' in der skandinavischen Öentlichkeit entwickeln sollte.
Die Befreiung der Frau von allen Zwängen, explizit auch die Freisetzung ihrer sexuellen
Wünsche, war die Forderung aus dem radikalen Lager um Georg Brandes. Die Ehe
sollte aufgelöst werden, um eine Unterdrückung des sexuellen Verlangens bei Männern
und Frauen zu beenden. War dies erst einmal geschehen, so die Annahme, dann würde
die Frau dem Manne gleichgestellt sein, und eine gleichberechtigte Liebesbeziehung
wäre möglich. Dies würde auch das Ende von Prostitution und der Unterdrückung
von Frauen bedeuten. (Engelstad und Øverland, 1981, 16f)
Solche Forderungen fanden jedoch bei den Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung
und den Anhängern von Bjørnsons handskemoralen wenig Anklang; ihre Forderungen
richteten sich eher danach, den Mann, ebenso wie die Frau, zur Keuschheit vor und
Treue während der Ehe zu bewegen. Auÿerdem empfanden sie die Forderung nach
freier Liebe nicht als das Hauptproblem der unterdrückten Frau, in ihrer Radikalität
zu einseitig, und wie Irene Engelstad und Janneken Øverland bemerken: Kvinnene
opplevde faktisk at de ville bli mer utnyttet seksuelt dersom det seksuelle marked
skulle bli uten noen sosiale restriksjoner. De manglet bl.a. den økonomiske likhet med
menn for å kunne realisere et slikt krav i frihet (Engelstad und Øverland, 1981, 17).
Viele weibliche Autorinnen grien diese Debatten der Sittlichkeitsfehde in ihren Wer-
ken auf und trugen somit zu einer kritischen Bewusstmachung der Geschlechterpolitik
bei. Zu diesen Autorinnen zählte auch Amalie Skram, die in ihren Eheromanen aber
nicht nur die mangelnden Rechte der Frauen in den Vordergrund stellte, sondern auch
deren Wunsch nach erfüllter Erotik und Sexualität, sowie nach einem selbstbestimmten
Leben.
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1 Einleitung
1.1 Aktuelle Forschungsdebatten und Methodik
Amalie Skram gilt bis heute als eine der wichtigsten weiblichen Schriftstellerinnen des
Modernen Durchbruchs.
Viele ihrer Eheromane wurden dabei schon zu Lebzeiten unter biographischen Ge-
sichtspunkten untersucht, da sich ihr Leben, ihre beiden unglücklichen Ehen, und ihre
Scheidung als Parallelen scheinbar geradezu anboten. Schon in ihrer ersten, 1910 er-
schienenen Biographie, Antonie Tibergs Amalie Skram som kunstner og menneske,
wird so über eine mögliche Bi- oder Homosexualität spekuliert, die Ursache für ihre
Sicht auf die bürgerliche Ehe gewesen sein sollte (Tiberg, 1910, 84) - eine Lesart, die
sich bis heute durch diverse Sekundärliteratur hindurchzieht
1
. Dabei ist die Kenntnis
von Skrams Biographie nicht zwingend nötig, um ihre literarischen Motive zu untersu-
chen, und eine solche Herangehensweise erscheint mir auch zu oberächlich. Viel eher
bietet es sich an, ihre Werke im Kontext der Zeit betrachten, war doch die Institution
Ehe eines der meist diskutierten Themen der Sittlichkeitsdebatte.
Eine interessante Neuinterpretation des Werks erschien 1992 mit Jan van Luxembourgs
Rhetoric and Pleasure. Reading in Realist Literature, indem er sich u.a. auch mit Con-
stance Ring auseinandersetzt. Sein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Reprä-
sentation der Hausangestellten im Roman, der Distinktion zwischen den verschiedenen
Klassen und ihrer Verbindung zur Sexualität. Seiner Meinung nach besteht eine groÿe
Diskrepanz zwischen der Beschreibung der bürgerlichen Frauen im Roman, die eher als
kalt und frigide dargestellt werden, während die Hausangestellten sexuell freizügiger
gezeichnet werden. (vgl. Luxembourg, 1992)
Ein anderer interessanter Ansatz ist die 1998 veröentlichte psychologische Deutung
Jørgen Dines Johansens: Krænkelser - en psykoanalytisk læsning af 'Constance Ring',
in der er Constances Ehen und sexuelle Verhältnisse unter psychologischen Gesichts-
punkten untersucht, und sich besonders mit Freuds Narzissmustheorie beschäftigt.
Johansen schlussfolgert, dass Constance als Produkt ihrer Zeit zwangsmäÿig handelt,
d.h. ihr Leben also tragisch verlaufen musste. Ihre Identität ist in ihrer Jugendzeit ver-
ankert und stecken geblieben, was eine Charakterreife erschwert; gleichzeitig verfügt
sie über stark narzisstisch geprägte Züge, die ein emotionales Ungleichgewicht und
1
Siehe bspw. Krane, Borghild. Amalie Skram og kvinnens problem. Oslo: Gyldendal, 1951.
Bjerkelund, Ragni. Amalie Skram: dansk borger, norsk forfatter. Oslo: Aschehoug, 1988.
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1 Einleitung
Vakuum erzeugen, das dann unweigerlich zum Selbstmord führte. (Johansen, 1998,
35)
Diese beiden Sichtweisen liegen dieser Arbeite zugrunde. Die Frage, die sich jedoch
stellt, und die in dieser Arbeit behandelt werden soll, ist, inwiefern Constance Ring ein
Beitrag zur Sittlichkeitsdebatte in Skandiniavien ist, und wie diese im Werk behandelt
wird. Wie werden wichtige Diskussionsthemen wie die weibliche Sexualität, die Ehe
als bürgerliche Institution und Frauen und Arbeit thematisiert, und wie spiegeln sich
in ihnen die damaligen gesellschaftlich geführten Debatten wider?
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