Regulative Politik ist eine Grundlogik politisch-administrativer Gebilde, egal wie man die Steuerungsmöglichkeiten historisch betrachtet. Die Art und Weise, in der sich regulative Politik historisch vollzieht und vollzogen hat, weist jedoch unterschiedliche Muster auf. Als sich regulative Politik noch weitestgehend im Nationalstaat verorten ließ, lässt sich eine Entwicklung angefangen vom Nachtwächterstaat, über den aktiven Staat hin zum aktivierenden und präzeptorialen Staat nachvollziehen. Ein „modernes“ Instrument politischer Steuerung wäre beispielsweise die Kontextsteuerung mittels Anreizen. Bezogen auf die Zielsetzung stehen heute vermehrt Themen wie ökologische Nachhaltigkeit, der Schutz vor unkalkulierbaren Risiken wie etwa biologischen oder nuklearen Katastrophen, wirtschaftliche Teilhabe oder auch gesundheitsrelevante Technikfolgenabschätzung im Mittelpunkt regulativer Politik. Entlang dieser Schlagwörter wird jedoch deutlich, dass für eine effektive Bearbeitung dieser Themen nicht nur die Mittel regulativer Politik angepasst, sondern auch internationale Institutionen als Akteure mit einbezogen werden müssen, die sich aus der Realität einer ökologisch, ökonomisch und gesellschaftlich stark verwobenen Welt herausgebildet haben und als solche wiederum Rückwirkungen auf den Nationalstaat haben. Ein Beispiel für ein solches System ist die Welthandelsorganisation (WTO), die neben der Weltbank und dem IWF die wohl bedeutendste Institution globaler Regelsetzung im handelspolitischen Bereich ist. Zunächst als Instrument negativer Integration erdacht, war und ist eine der Hauptaufgaben der WTO die Marktschaffung, die jedoch später durch Elemente der Marktkontrolle, sprich durch positive Integration, ergänzt wurde, wie zu zeigen sein wird. Gemäß der Zielsetzung der WTO soll verdeutlicht werden, welche Regulationsmuster die WTO besitzt. Darüber hinaus soll am Beispiel eines neuen Regulationsansatzes – in diesem Fall anhand des „Agreement on the Application of Sanitary and Phytosanitary Measures“ - aufgezeigt werden, welche Ideen dieser Entwicklung zugrunde liegen, welche Mittel zur Durchsetzung ihrer Regulationsansätze die WTO besitzt und welche Folgen sich daraus für einzelne politische Aspekte – beispielsweise den Verbraucherschutz – ergeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Eine thematische Einführung
2. Die ursprünglichen Regulationsansätze der WTO
3. Die neueren Regulationsansätze der WTO – das Beispiel SPS
3.1. The Agreement on the Application of Sanitary and Phytosanitary Measures
4. Die Streitschlichtung in der WTO
5. Regulative Politik am Beispiel des Hormonstreits USA vs. EU
6. Die neuen Regulationsmuster der WTO – eine Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der regulativen Politik innerhalb der Welthandelsorganisation (WTO), wobei der Fokus insbesondere auf dem Wandel von rein negativer Integration hin zu neuen Ansätzen positiver Integration liegt. Anhand des SPS-Abkommens und des Hormonstreits wird analysiert, wie die WTO durch prozessbezogene Regelungen und den Rückgriff auf wissenschaftliche Standards Einfluss auf nationale Politikbereiche wie den Verbraucherschutz nimmt und welche Herausforderungen dies für die demokratische Legitimation und die Akteure mit sich bringt.
- Entwicklung regulativer Politik im Welthandel
- Negative versus positive Integration
- Bedeutung des SPS-Abkommens für den Verbraucherschutz
- Rolle wissenschaftlicher Standards und Expertise
- Streitbeilegung und Judicialisation in der WTO
- Legitimationsdefizite und politische Konfliktlinien
Auszug aus dem Buch
3.1. The Agreement on the Application of Sanitary and Phytosanitary Measures
Die WTO ist bemüht, im Rahmen des SPS „einen multilateralen Rahmen von Regeln und Disziplinen für die Entwicklung, Annahme und Durchsetzung von gesundheitspolizeilichen bzw. pflanzenschutzrechtlichen Maßnahmen zu schaffen, um deren nachteilige Auswirkungen auf den Handel zu minimieren.“ (VOLAND 2007, S.161). Des weiteren verfolgt die WTO damit das Ziel, die Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen in allen Mitgliedsstaaten zu verbessern. Grundsätzlich lassen sich dabei drei Dimensionen herausarbeiten: Als erste Dimension könnte der handelspolitische Aspekt des SPS genannt werden. Hier geht es im Wesentlichen darum, dass Fragen der Lebensmittelsicherheit nicht als protektionistische Maßnahme, beispielsweise zum Schutz der eigenen Landwirtschaft, missbraucht werden.14
Ein zweiter Aspekt ist der Bereich der Prozessregulation, d.h. der Bereich des SPS, der Vorschriften für die Herstellung von Produkten macht. Ein dritter Aspekt ist dann der Bereich der Bereitstellung von relevantem Wissen, auf das sich letzen Endes einzelne Maßnahmen des SPS stützen. Dieser dritte Punkt beinhaltet darüber hinaus auch Fragen der Kompetenzaufteilung bezüglich der wissenschaftlichen Expertise, die letztlich maßgebend für die Regelsetzung des SPS ist: „[the key areas of interest] are the agreement’s use of scientific evidence as the primary basis for its rulings; [...]“ (SCOTT 2007, S. 2) Idealtypisch konstruiert, kann man den ersten Aspekt nun unter dem Gesichtspunkt der Marktschaffung, also der negativen Integration betrachten. Der Punkt zwei ist dagegen relevant, wenn man die positiv integrierende, prozessbezogene Regulation des SPS betrachtet, während das Prinzip der Wissenschaftlichkeit für beide Bereiche von Bedeutung ist und gleichzeitig ein Charakteristikum darstellt, das das SPS von anderen Politikfeldern der WTO unterscheidet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Eine thematische Einführung: Das Kapitel führt in die Grundlogik regulativer Politik ein und beleuchtet den Wandel politisch-administrativer Steuerung vom Nationalstaat hin zu globalen Akteuren wie der WTO.
2. Die ursprünglichen Regulationsansätze der WTO: Es werden die klassischen Prinzipien der WTO wie Marktschaffung und negative Integration sowie zentrale Konzepte wie die Meistbegünstigung und Inländerbehandlung erläutert.
3. Die neueren Regulationsansätze der WTO – das Beispiel SPS: Dieses Kapitel thematisiert den Übergang zu positiv integrativen, prozessbezogenen Regelungen, die stärker in nationale Entscheidungsprozesse eingreifen.
3.1. The Agreement on the Application of Sanitary and Phytosanitary Measures: Hier werden die drei Dimensionen des SPS-Abkommens – handelspolitisch, prozessregulierend und wissensbasiert – detailliert analysiert.
4. Die Streitschlichtung in der WTO: Es wird die Funktionsweise des Dispute Settlement Body (DSB) und des Appellate Body als Mechanismus zur Durchsetzung von WTO-Recht und zur Stabilisierung des Systems beschrieben.
5. Regulative Politik am Beispiel des Hormonstreits USA vs. EU: Anhand dieses paradigmatischen Falles wird der Konflikt zwischen wissenschaftlich fundierter Normsetzung und politisch-gesellschaftlichen Vorstellungen beim Verbraucherschutz verdeutlicht.
6. Die neuen Regulationsmuster der WTO – eine Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die Bedeutung der Verrechtlichung („Judicialisation“) und die Problematik der positiven Integration sowie deren Auswirkungen auf die Akteure zusammen.
Schlüsselwörter
WTO, Regulative Politik, SPS-Abkommen, Positive Integration, Negative Integration, Welthandel, Verbraucherschutz, Risikobewertung, Wissenschaftlichkeit, Dispute Settlement Body, Hormonstreit, Judicialisation, Codex Alimentarius, Handelspolitik, Globalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der regulativen Politik der Welthandelsorganisation (WTO) und untersucht, wie sich die Organisation von einer reinen Marktschaffungsinstitution zu einem Akteur entwickelt hat, der durch positive Integration und prozessbezogene Standards tief in nationale Politikfelder eingreift.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen das SPS-Abkommen, die Rolle wissenschaftlicher Expertise im Welthandel, das Streitbeilegungssystem der WTO (DSB) sowie die Auswirkungen globaler Handelsregeln auf staatliche Regulierungen und den Verbraucherschutz.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit analysiert, welche Regulationsmuster die WTO besitzt, welche Ideen der Entwicklung von neuen Ansätzen (wie dem SPS-Abkommen) zugrunde liegen und welche Folgen diese für einzelne politische Aspekte wie den Verbraucherschutz haben.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Untersuchung basiert auf einer politikwissenschaftlichen Analyse von WTO-Abkommen und dokumentierten Streitfällen, unter Einbeziehung von Theorien der Integration sowie politikökonomischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einordnung der WTO-Regulationen, eine spezifische Betrachtung des SPS-Abkommens als Beispiel für positive Integration, die Analyse des Streitbeilegungsverfahrens und eine detaillierte Fallstudie zum Hormonstreit zwischen der EU und den USA.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie WTO, Regulative Politik, SPS-Abkommen, positive Integration, Verbraucherschutz, Risikobewertung, Wissenschaftlichkeit und Judicialisation geprägt.
Warum ist der Hormonstreit zwischen der USA und der EU für diese Arbeit so bedeutend?
Der Hormonstreit dient als exemplarisches Fallbeispiel, um zu verdeutlichen, wie sich der Konflikt zwischen formal-legaler Regelbindung auf Grundlage wissenschaftlicher Beweise und informell-gesellschaftlichen Forderungen (z. B. Vorsorgeprinzip) in der Praxis äußert.
Was versteht die Arbeit unter dem Begriff "Judicialisation" im Kontext der WTO?
Unter „Judicialisation“ wird die Verrechtlichung der WTO-Streitbeilegung durch den Dispute Settlement Body (DSB) verstanden, die den Akteuren eine bindende gerichtliche Instanz bietet und dadurch die Stabilität des globalen Welthandelssystems fördern soll.
Welche Rolle spielt das Prinzip der Wissenschaftlichkeit im SPS-Abkommen?
Das Prinzip der Wissenschaftlichkeit ist ein zentrales Unterscheidungsmerkmal des SPS-Abkommens; es fordert, dass gesundheitspolitische Maßnahmen zur Handelsbeschränkung auf objektiven wissenschaftlichen Nachweisen und Risikobewertungen basieren müssen.
- Arbeit zitieren
- Andreas Herz (Autor:in), 2007, Die regulative Politk der WTO, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92288