Universität Duisburg Essen
Standort Essen
Seminar: ,,Qualitative Forschungsmethoden"
Hausarbeit zum Erwerb des Leistungsnachweises ,,Anwendungsfelder der
empirischen Sozialforschung"
SS 2007
Thema:
Die Inhaltsanalyse
Vergleich zweier Ansätze eines
Forschungsinstruments und praktische
Umsetzung
Anika Schürholz
Essen, den 26. Oktober 2007
2
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung... 3
2
,,Die Inhaltsanalyse"... 4
2.1
Definition der ,,Inhaltsanalyse"... 4
2.2
Historie der ,,Inhaltsanalyse"... 6
2.3
Differenzierung der ,,quantitativer vs. qualitativer Inhaltsanalyse" ... 8
2.4
Inhaltsanalytische Techniken ... 10
3
Vorgehensweise bei der Inhaltsanalyse ... 11
3.1
Die Phasen der quantitativen Inhaltsanalyse ... 12
3.2
Die Phasen der qualitativen Inhaltsanalyse... 12
4
Erstellung einer eigenen Untersuchung mit Anwendung der Inhaltsanalyse ... 15
4.1
Durchführung der Untersuchung mit der quantitativen Inhaltsanalyse ... 16
4.1.1
Ergebnis... 17
4.2
Durchführung der Untersuchung mit der qualitativen Inhaltsanalyse ... 19
5
Fazit... 27
6
Anmerkung der Autorin... 28
7
Literaturverzeichnis ... 29
8
Anhang ... 30
3
1 Einleitung
,,Der Gegenstand einer Wissenschaft bestimmt zwangsläufig die Art ihrer
Forschungs-Methoden."
1
In den empirischen Sozialwissenschaften gibt eine Vielzahl an Forschungsmethoden
für die Mannigfaltigkeit an zu untersuchenden Problemstellungen. Es gibt die
unterschiedlichsten Meinungen darüber, welche Form der Methodik, also die
qualitative oder die quantitative, nun geeigneter ist und ,,bessere" Ergebnisse liefert.
Darüber lässt sich wahrlich streiten, denn jede Technik hat Vor- und Nachteil, kann
kritisiert und gelobt werden. Allgemein lässt sich aber sagen, dass für jedes Problem
auch eine Forschungsmethode vorhanden ist und man somit individuell und
lösungsorientiert entscheiden muss, welche der zur Verfügung stehenden
Untersuchungsinstrumente für die persönliche Fragestellung die aussagekräftigsten
Resultate ermittelt.
In der vorliegenden Arbeit sollen einige Interviews im Hinblick auf die Thematik der
Lebenssituation und das Zusammenleben in den französischen Vororten,
Wohnvierteln untersucht werden.
Pierre Bourdieu et al. befragten in narrativen Interviews in Frankreich lebende
Menschen, unterschiedlichster Nationalität und sozialem Status zu den Themen
allgemeine Lebensbedingungen, Arbeit,
Armut, Verzweiflung,
schwierige
Lebensumstände usw. in Frankreich und fassten diese in dem Buch ,,Das Elend der
Welt Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft"
zusammen. Diese Interviews liefern die Grundlage für die zu untersuchende,
aufgestellte Fragestellung.
Bei dieser Datenbasis, ergo den Interviews, bietet sich als Untersuchungs-instrument
,,die Inhaltsanalyse" an, da sie zunächst einen großen Spielraum bei der Erfassung
der Interviews bietet und sich dann immer mehr, methodisch gezielt dem Problem
nähert.
,,Die Stärke der Inhaltsanalyse ist, dass sie streng methodisch kontrolliert das
Material schrittweise analysiert. Sie zerlegt ihr Material in Einheiten, die sie
nacheinander bearbeitet."
2
1
Schäfers, B., 1998, S. 216
4
Diese Arbeit wird sich zum besseren Verständnis zunächst mit ,,der Inhaltsanalyse"
allgemein, ihre Definition, Historie und besonders der Unterscheidung der
quantitativen und qualitativen Form widmen, um dann im zweiten Teil die zuvor
dargestellte Vorgehensweise an den ausgewählten Interviews anzuwenden.
Abschießend wird ein Fazit gezogen über die jeweilige Analysemethode und die
damit gewonnenen Ergebnisse.
2 ,,Die Inhaltsanalyse"
Für die verschiedenartigsten Verfahren der Sozialforschung hat sich die
Bezeichnung ,,Inhaltsanalyse" oder auch ,,content analysis" eingebürgert. Die
Besonderheit der Methode ist die Verwendbarkeit als ein Erhebungs- und
Auswertungsinstrument. Bei der ,,Inhaltsanalyse" handelt es sich um eine
Präzisierung der bekannten ,,Hermeneutik".
3
Einer quantifizierten Analyse unterzogen
werden vorwiegend Rundfunk-, Werbe- und Fernsehsendungen in Hinblick auf ihre
Wirkung auf Einzelne und Gruppen, sowie Zeitungen, Zeitschriften und Büchern und
die Urheberschaft von Texten. Der Unterschied zur herkömmlichen Hermeneutik
besteht in dem systematischen Vorgehen ,,der Inhaltsanalyse", wie in dem folgenden
Kapitel gezeigt wird.
2.1 Definition der ,,Inhaltsanalyse"
Über eine allgemeine Definition zur Inhaltsanalyse wird in der Literatur immer wieder
diskutiert und aufgestellte Definitionen kritisiert, da es zwischen den beiden
Disziplinen ,,Quantitativ" und ,,Qualitativ" große Unterschiede gibt. Die wohl am
meisten verbreitete und auf beide Formen zutreffende Definition lautet:
,,Die Inhaltsanalyse befasst sich mit der systematischen Erhebung und
Auswertung von Texten, Bildern und Filmen. Gelegentlich wird alternativ von
Text-, Dokumenten- oder Bedeutungsanalyse gesprochen (...)."
4
2
Mayring, P., 1988, S. 86
3
Def. Hermeneutik: ,,griech hermeneúein = aussagen, auslegen, erklären; Die Hermeneutik wird
ursprünglich als "Kunst der Interpretation" angesehen. Es geht um das Verstehen von
Kommunikationsprozessen über die mit diesen verbundenen Sinnzusammenhängen, das auf einem
Vorverständnis aufbaut."
vgl.
http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/infopub/semiothes/lexicon/default/ dr9.html
4
Diekmann, A., 2002, S. 481
5
Anders formuliert, erfasst die Inhaltsanalyse den jeweils zu analysierenden
Gegenstand, beziehungsweise der Inhalt wird wahrgenommen und zwar nach
angebaren und messbaren Regeln. Diese ,,Regelgeleitetheit" ist dahingehend von
großer Bedeutung, um so den interpretativen Deutungscharakter, besonders bei der
qualitativen Inhaltsanalyse, den wissenschaftlichen Ansprüchen anzupassen.
,,Wer die gleichen, explizit aufgeführten Regeln bezüglich Stichprobe und
Materialauswertung anwendet, sollte im Idealfall auch die gleichen Resultate
erzielen."
5
Anschließend werden die Ergebnisse quantifiziert, so dass danach folgend eine
statistische Überprüfung der vorausgegangenen Hypothese durchgeführt werden
kann. Darin besteht das systematische Vorgehen der Inhaltsanalyse, im Gegensatz
zur Hermeneutik, die ,,frei" interpretiert.
Soziale Prozesse, die durch Sprache abbildet werden, sollen und können so durch
das Verfahren der Inhaltsanalyse aufgezeigt werden.
,,In dem, was Menschen sprechen und schreiben, drücken sich ihre Absichten,
Einstellungen, Situationsdeutung, ihr Wissen und ihre stillschweigenden
Annahmen über die Umwelt aus. Diese Absichten, Einstellungen usw. sind
dabei mitbestimmt durch das soziokulturelle System, dem die Sprecher und
Schreiber angehören und spiegeln deshalb nicht nur Persönlichkeitsmerkmale
der Autoren, sondern auch Merkmale der sie umgebenden Gesellschaft wider
institutionalisierte Werte, Normen, sozial vermittelte Situationsdefinitionen
usw..
6
"
Nach Philipp Mayring (Begründer der qualitativen Inhaltsanalyse) werden aber nicht
nur die unmittelbar offensichtlichen Inhalte, sondern auch formale Aspekte, wie zum
Beispiel Vokabular, Satzbau und Wortwiederholungen im Fall von sprachlicher
Kommunikation analysiert, so dass alle Aspekte von Kommunikation als Inhalt der
Inhaltsanalyse
verstanden
werden
müssen.
Dabei
sind
formale
Kommunikationsaspekte gleichermaßen bedeutsam und haben einen nicht zu
5
Diekmann, A., 2002, S. 482
6
Lamnek, S., 1995, S. 172
6
unterschätzenden Einfluss auf die vermittelten Inhalte. Zudem muss angenommen
werden, dass Menschen mit der Art und Weise ihres Kommunikationsgebrauches
auch ihre Einstellungen, Ansichten und Deutungen von ihrer persönlich
wahrgenommenen Wirklichkeit mitteilen. So dass man abgeleitet vom
Kommunikationsmodell die Leitfrage formulieren kann:
,,Wer sagt was zu wem, wie, warum und mit welchem Effekt?"
7
Nach der Berücksichtigung dieser verschiedenen Inhaltsaspekte des zu
untersuchenden Materials können also mittels einer Analyse von Texten,
sprachlichen Aufzeichnungen und so weiter, Rückschlüsse gefolgert werden auf die
,,individuellen und gesellschaftlichen, nicht-sprachlichen Phänomene".
8
,,Ziel der Inhaltsanalyse ist (...) die Analyse von Material, das auf irgendeine
Weise menschliches Verhalten oder soziales Handeln repräsentiert."
9
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Inhaltsanalyse primär die
Kommunikation in jeglicher Form analysieren will. Dazu geht sie systematisch vor,
beziehungsweise regelgeleitet und theoriegeleitet, um so das Ziel, Rückschlüsse auf
bestimmte Aspekte der Kommunikation ziehen zu können, zu erreichen. Die
Vorgehensweise dabei wird später noch genauer erläutert.
2.2 Historie der ,,Inhaltsanalyse"
Geschichtlich ist die Inhaltsanalyse, oder content analysis, zu Beginn des 20.
Jahrhunderts in den 20er Jahren einzuordnen, wo sie zunächst als ,,quantitative
Inhaltsanalyse in den Kommunikationswissenschaften entstand."
10
Durch die rasante
Entwicklung der Massenmedien, wie Zeitung, Film, Hörfunk und Fernsehen, wurde
schnell nach inhaltsanalytischen Verfahren verlangten, denn es kam zunehmend die
Frage auf nach der allgemeinen Wirkung von Texten, zum Beispiel in der politischen
Propaganda.
7
Friedrichs, J., 1980, S. 319
8
Lamnek, S., 1995, S. 172
9
Lamnek, S., 1995, S. 176
10
Gläser, J., Laudel, G., 2004, S. 191
7
So empfahl beispielsweise der Soziologe Max Weber ,,den Inhalt von Zeitungen mit
,,Schere und Kompaß" zu durchforsten, um quantitativ fassbare Veränderungen der
publizierten Inhalte im geschichtlichen Ablauf ermitteln zu können."
11
Zunächst wurden lediglich die Häufigkeitsverteilungen von bestimmten Motiven im
Material, wie aus Zeitschriften- und Zeitungstexten, das Auszählen, Bewerten und In-
Beziehung setzen von Textelementen durchgeführt. Diese Methode wurde jedoch
stark kritisiert, da sie das Problem der verschiedenen Bedeutung von einzelnen
Textbausteinen völlig außer Acht ließ.
In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte dann Philipp Mayring eine
Erweiterung der bisherigen Inhaltsanalyse, namentlich die qualitative Inhaltsanalyse.
Dabei stehen die Typisierung und die Konfiguration von Informationen im Text im
Vordergrund.
12
Eine genaue Abgrenzung der beiden Disziplinen wird im folgenden Kapitel
dargestellt.
Zu den Vorteilen der Inhaltsanalyse zählt, dass weder Sender/ Produzent noch
Empfänger/ Leser durch eine Inhaltsanalyse direkt betroffen sind, im Gegensatz zu
den Methoden ,,Befragung" oder ,,Beobachtung", bei denen sich die untersuchten
Personen bewusst sind, dass sie der Gegenstand der Untersuchung sind und daher
entsprechende Reaktivitätseffekte zu erwarten sind. Außerdem zeichnet sich die
Methode der Inhaltsanalyse durch ihre Vielfältigkeit bei der Analyse des verfügbaren
Materials aus.
,,So werden z.B. in der Literaturwissenschaft Inhaltsanalysen u.a. zur
Feststellung umstrittener Autorenschaften genutzt, zur Analyse der
Verständlichkeit von Texten; in der psychologischen Forschung beruhen eine
Reihe von Wortschatzprüfungen auf inhaltsanalytischen Vorgehensweisen (...).
Die Hauptanwendungsbereiche liegen jedoch in der Erforschung politischer
Kommunikation, in der Analyse von Massenmedien, aber auch im engeren
soziologischen Bereich, z.B. in der Analyse des Wandels von Einstellungen,
Lebensstilen usw. (...)."
13
11
Lamnek, S., 1995, S. 172
12
vgl. Gläser, J., Laudel, G., 2004, S. 192
13
Schnell, R., Hill, P. B., Esser, E., 1995, S.372ff
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