GEOGRAPHISCHE
KURIOSITÄTEN
Manfred Schmidt
Geographische Kuriositäten also Kuriositäten in der Wissenschaft - ist das überhaupt denkbar?
Kein Wissenschaftsgebiet ist frei von Kuriositäten, schon allein deshalb nicht, weil bis heute in allen
Sparten der Wissenschaft immer wieder wissenschaftlich Lächerliches in einzigartiger Qualität
hervorgebracht und ein Unfug nach dem anderen verkündet wurde. Darum sollte für das Verstehen
des Wesens der Wissenschaften diese nicht nur in der festgelegten Norm, sondern auch in den
Abweichungen untersucht werden.
Naturgemäß entziehen sich geographische Kuriositäten der statistischen Erfassung. Sie sind daher
von der zufälligen Kenntnis einer Fachperson innerhalb einer sachkompetenten Institution abhängig,
wodurch ein systematisches Sammeln solcher Merkwürdigkeiten nur partiell möglich ist.
Kuriositäten können Einmaligkeiten sein, sie können aber auch mehrfach vorkommen und trotzdem
eine Besonderheit darstellen. Ja, man könnte sogar von nicht existierenden Kuriositäten berichten,
wie beispielsweise von der Loreley. Kuriositäten können (dem Fachmann) einen frischen Blick auf
allzu vertraut Erscheinendes lenken und geben dabei Anlaß zum Nachdenken.
So überraschend und seltsam eine Kuriosität sein kann, so relativ und nicht selten auch subjektiv ist
sie in ihrer Interpretation. Kuriositäten können dicke Brocken oder nur Lappalien sein. Kuriositäten
können Themen sein, an denen sich Kritik entzündet und sie können sicherlich auch lehrreich sein.
Auch wenn auf den ersten Blick viele der aufgeführten geographischen Merkwürdigkeiten scheinbar
einen wissenschaftlichen Hintergrund vermissen lassen er ist in den meisten Fällen nachzuweisen,
auch wenn die geographische Kuriosität noch so trivial erscheint.
Die nachfolgende Sammlung enthält »kapitale Böcke«, aber auch manche Trivialität. Rekorde wurden
nur dann berücksichtigt, wenn sie von kuriosem Inhalt waren und keinesfalls sollten Punkte wie »Die
letzten Wunder der Erde« oder ähnliches behandelt werden; für beide Themen existiert ausrei-
chend Literatur. Gerne wurden aber historische Merkwürdigkeiten aufgenommen, denn viele geo-
graphische Kuriositäten sind aufgrund ihrer Geschichte ein Stück Vergangenheit und sollten daher
irgendwie liebenswert bleiben.
Kapitel 1
Inselwitze
11 24
Kapitel 2
Topographische Kuriositäten
25 36
Kapitel 3
Äquatorgeschichten
37 40
Kapitel 4
B(M)ergwürdigkeiten
41 54
Kapitel 5
Exterritoriale Gebiete
55 78
Kapitel 6
Kurioses über Seen und Meere
79 86
Kapitel 7
Brückengeschichten
87 96
Kapitel 8
Grenzkuriositäten
97 116
Kapitel 9 Dislokationen
117 120
Kein Vorwort, daher schon lesenswert
7 10
Kapitel 10 Schiffbares
121 128
Kapitel 11 Merkwürdiges aus dem Städtchen
129 146
Kapitel 12 Flußgeschichten
147 162
Kapitel 13 Kurioses über Straßen
163 178
Kapitel 14
Käse Wein aus Holland
179 182
INHALT
Kapitel 16 Optische Täuschungen
187 194
Kapitel 17 Kurioses von Vater Staat
195 204
Kapitel 18 Kuriose Eisenbahngeschichten
205 212
Kapitel 19 Zeitverschiebungen
213 218
Kapitel 20 Kartographische Kuriositäten
219 230
Kapitel 21 Fremdländisch anmutende Bauwerke
231 244
Kapitel 22 Geologische Kuriositäten
245 248
Kapitel 23 Seltsame Naturerscheinungen
249 256
Kapitel 24 Kuriose Ortsnamen
257 264
Kapitel 25 Lustiges vom Friedhof
265 270
Kapitel 26 Das geographische Quiz
271 284
Quellen und Bildverzeichnis
285 296
Kapitel 15 Kirchenkuriosa
183 186
Man kann alt werden wie`ne Kuh und lernt immer noch dazu!
as Charakterisieren der einzelnen Staaten war einst die Aufgabe
der alten Geographen, den Fürsten unter den Träumern. Die
Länderkunde ist aber schon lange nicht mehr allein das Tätigkeitsfeld
der Geographie. Mit ihrer Hilfe können wir heute die Geschichte und
die Beziehungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
besser verstehen. Durch sie begreifen wir das Wechselspiel von Ursache
und Wirkung, von Klima, Umwelteinflüssen und den Gefahren, die
unsere Anwesenheit auf dem Planeten Erde gefährden. Aber nicht nur
die großen Veränderungen werden uns von der Geographie vermittelt.
Auch die alltäglichen sozialen und politischen Probleme werden von
ihr dargelegt.
Geographie ist eine vielteilige Wissenschaft, so dass die Frage nach
ihrer Definition eine verwirrende Vielfalt von Antworten zur Folge
hat. Im Vergleich zu anderen Lehren ist die Erdkunde ein besonders
breit angelegtes Fachgebiet. So wird der »geographische Laie« nach-
folgend nicht selten auf Themengebiete treffen, die auf den ersten
Blick scheinbar gar nicht oder nur am Rande mit der Geographie in
Verbindung zu bringen sind; die Teilwissenschaften der Geographie
sind mannigfaltig. Die Mathematische Geographie, die Physische
Geographie, die Biogeographie, die Anthropogeographie mit ihren
zahlreichen Teilgebieten wie Siedlungs-, Kultur-, Sozial-, Wirtschafts-,
Handels,- Verkehrs- und politische Geographie sind die großen
Untergruppen, von den geographischen Randgebieten, wie beispiels-
weise der Historischen Geographie und der Paläogeographie ganz
abgesehen.
Soweit, so gut, so wissenschaftlich. Aber: Geographische Kuriositäten
also Kuriositäten in der Wissenschaft ist das überhaupt denkbar?
Für das Verstehen des Wesens der Wissenschaften sollten diese nicht
nur in der festgelegten Norm, sondern auch in den Abweichungen
untersucht werden. Kein Wissenschaftsgebiet ist frei von Kuriositäten,
schon allein deshalb nicht, weil bis heute in allen Sparten der Wissen-
schaft immer wieder wissenschaftlich Lächerliches in einzigartiger
Qualität hervorgebracht und ein Unfug nach dem anderen verkündet
wurde. Sogar in der strengsten aller Wissenschaften, der Mathematik,
sind Ungleichheiten bekannt. Nicht umsonst wird hier spöttisch behaup-
tet, es sei allein schon kurios, dass es in der Mathematik überhaupt
Paradoxen gibt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Verfahren existieren,
welche die Wissenschaft beim Entwickeln widersprüchlicher Theorien
benutzt (es bedarf keines Beweises, dass diese Verfahren ebenso
widersprüchlich sind). Ein Wissenschaftsbereich, der meint, frei von
Eigentümlichkeiten zu sein, ist wohl eher eine »Unwissenschaft«.
Naturgemäß entziehen sich geographische Kuriositäten der statistischen
Erfassung. Sie sind daher von der zufälligen Kenntnis einer Fachperson
innerhalb einer sachkompetenten Institution abhängig, wodurch ein
systematisches Sammeln solcher Merkwürdigkeiten nur partiell möglich
ist. Schon beinahe müssig ist demnach die Aussage, dass sich zu den in
diesem Buch beschriebenen Merkwürdigkeiten noch die eine oder
andere hinzugesellen könnte, wenn sie dem Autor bekannt wäre.
Kein Vorwort, daher schon lesenswert
D
D
D
D
D
7
Um es mit Goethe zu sagen: Solch eine Arbeit wird eigentlich niemals
fertig; man muss sie für fertig erklären, wenn man nach Zeit und
Umständen das Möglichste getan hat.
Kuriositäten können Komik und Lächerlichkeit bedeuten und dadurch
eine gewisse Heiterkeit auslösen sie müssen es aber nicht. Sie können
nämlich auch sehr ernste Vorfälle bezeichnen, wenn deren Verlauf eine
außergewöhnliche Wende nimmt. »Kurios klingt die Kunde, doch
erheiternde Wirkung erweist sie nur in der Ferne vor Ort macht sich
Sorge breit«.
Kuriositäten fanden sich in früheren Zeiten nicht selten im Wissen-
schaftsgebiet der Medizin. Es waren bedauernswerte Geschöpfe, denen
die Natur einen oder gleich mehrere genetische Streiche gespielt hatte,
und die dann als unheimliche, furchteinflößende Abscheulichkeiten
gegen Eintrittsgeld in Horrorkabinetten auf Jahrmärkten gezeigt wurden.
Kuriositäten können Einmaligkeiten sein, sie können aber auch mehr-
fach vorkommen und trotzdem eine Besonderheit darstellen. Es kann
sich um Institutionen handeln, wie man sie woanders nicht findet,
Sehenswürdigkeiten, wie sie in Reiseführern nicht nachzulesen sind.
Es können auch verblüffende Erscheinungen mit hintergründiger
Entstehungsgeschichte sein, aber auch äußerlich durch ihre Normalität
getarnte Merkwürdigkeiten, die wegen ihrer Eigenart Lesestoff liefern.
Ja, man könnte sogar von nicht existierenden Kuriositäten berichten,
wie beispielsweise von der Loreley. Kuriositäten können (dem Fach-
mann) einen frischen Blick auf allzu vertraut Erscheinendes lenken und
geben dabei Anlass zum Nachdenken. Merkwürdigkeiten sind
Sachverhalte, an denen man besonders gut lernen kann. Erst über die
Merkwürdigkeit macht man sich das Übliche, Gewöhnliche, Typische
bewusst.
So überraschend und seltsam eine Kuriosität sein kann, so relativ und
nicht selten auch subjektiv ist sie in ihrer Interpretation. Was den Laien
und vielleicht auch den einen Experten verblüfft, wird dem anderen
nur ein müdes Lächeln kosten. In der Altmark ist beispielsweise der
Begriff der sieben »verkehrten Kirchen« wohlbekannt. Diese Sakral-
bauten haben eine Gemeinsamkeit: ihr Turm steht im Osten.
»Verkehrt« heißen diese Ostturmkirchen deshalb, weil bei den altmär-
kischen Dorfkirchen der Turm sonst durchweg im Westen steht. Die
Oststellung des Kirchturms wurde in der Altmark als so ungewöhnlich
und regelwidrig empfunden, dass dies in Beelitz sogar Anlass zu einer
Sagenbildung gab (Verdrehung durch Riesenhand). In Mitteldeutsch-
land, besonders von Halle an südlich, kommen Osttürme auf dem
Lande oft vor und in Thüringen scheinen sie bei weitem zu überwiegen.
In diesem Fall ist also in einer Gegend eine Kuriosität, was andernorts
der Normalfall ist.
In Marburg, in Richtung Schloss, ganz in der Nähe der lutherischen
Kirche, stehen zwei mehrstöckige Fachwerkhäuser mit einer Besonder-
heit: sie besitzen neben dem Eingang im Erdgeschoß einen zweiten
Eingang unter dem Dach, weil das Dachgeschoß auf der gleichen Ebene
des Kirchvorplatzes liegt. Was bei den Hanggehöften im Schwarzwald,
wo man in das Dachgeschoß mit hochbeladenem Heuwagen hereinfährt
ganz normal ist, das wird in Hessen als Kuriosität empfunden.
Ich sah einmal einen Biologen in helles Entzücken geraten, als er eine
bestimmte Blattlausart in der »falschen« Gegend an der »falschen«
8
Pflanze fand, wo sie offenbar sichtlich regelwidrig gut gedieh. Flüsse,
die ins Meer münden, werden flussabwärts, also von der Quelle zur
Mündung kilometriert. Die Donau, der Mississippi, der La Plata und
der Jangtse sind ab Mündung, also flussaufwärts kilometriert. Hier wird
also die »Rückwärtskilometrierung« als völlig normal empfunden,
anderwärts ist sie eine Merkwürdigkeit.
Kuriositäten können dicke Brocken oder nur Lappalien sein. Kuriosi-
täten können Themen sein, an denen sich Kritik entzündet und sie
können sicherlich auch lehrreich sein. Jede widersprüchliche Hypothese
wird wohl von irgendwelchen unerwarteten Wendepunkten der
Wissenschaft in der Problemstellung oder den Lösungswegen berichten.
Hat sich die Thematik daher in manchen Punkten als Fundort der
Gewinnung neuer Erkenntnisse erwiesen und bei der Entwicklung
nützlicher Ideen geholfen, vielleicht sogar zur Steigerung wissenschaft-
lich-geographischer Bemühungen beigetragen es ist nichts dagegen
einzuwenden.
Auch wenn auf den ersten Blick viele der aufgeführten geographischen
Merkwürdigkeiten scheinbar einen wissenschaftlichen Hintergrund
vermissen lassen er ist in den meisten Fällen nachzuweisen, auch wenn
die geographische Kuriosität noch so trivial erscheint. Hierbei sollte der
Leser stets versuchen, die Antworten auf die Frage nach den »geistigen
Backgrounds« selber zu finden. Also lesen sie nicht zu schnell. Das
Verständnis über einen tieferen Sinn ergibt sich nicht selten erst beim
zweiten Hinlesen.
Wenn man sich beispielsweise einmal die Tatsache vor Augen führt,
dass seit der (Wieder-) Entstehung der Baltischen Staaten in der neues-
ten Zeit durch die Städte Kibartei, Sovietsk und Narva Staatsgrenzen
verlaufen, dann liegt hier eine geographische Kuriosität vor, die eine
Menge wissenschaftliche und politische Gedanken zulässt. Oder wenn
an anderer Stelle dieses Buches die flach erscheinende Aussage gemacht
wird, dass das Orchester des Operettenstaates Monaco mehr Mitglieder
hat als seine Garde, so lässt sich über diese Aussage nur partiell schmun-
zeln. Bei weiterer Betrachtung muss die Frage erlaubt sein, wozu der
Ministaat überhaupt eine Garde benötigt. Selbstverständlich ausschließ-
lich zur Repräsentation. Zu Verteidigungszwecken ist sie genauso
ungeeignet wie eine Parkuhr. Die nächste Frage ist dann zwangsläufig
die nach der generellen Problematik solcher mittelalterlichen Klein-
fossilien, die durch diverse »Servicemaßnahmen« der Nachbarstaaten,
wie beispielsweise Polizei, Zoll, Verwaltung, Außenpolitik, Haushalts-
zuschüsse etc. künstlich am Leben erhalten werden.
Die Wahl des Themas soll hier aber primär den Wunsch äußern, nicht
um jeden Preis in bierernster und hochwissenschaftlicher Weise, sondern
auch in unterhaltender Art Ausnahmesituationen in der Geographie und
in ihren angrenzenden Gebieten zu skizzieren. Es ist nämlich nicht
einzusehen, warum ernsthafte Bücher notwendigerweise knochentrocken
akademisch und darum totlangweilig sein müssen. Wer diesbezüglich
jedoch ein Witzbuch oder spektakuläre Sensationsnummern erwartet,
sollte dieses Buch gleich wieder aus der Hand legen. Wer sich aber einer
Exkursion vom periodisch wiederkehrenden Einerlei weg zu nicht
alltäglichen Gegebenheiten anschließen möchte, fährt mit diesem Werk
richtig, immer vorausgesetzt, sein Interesse gilt wie bereits erwähnt
der »Erdkunde« und ihren Randgebieten.
9
Die nachfolgende Sammlung enthält »kapitale Böcke«, aber auch man-
che Trivialität. Rekorde wurden nur dann berücksichtigt, wenn sie von
kuriosem Inhalt waren und keinesfalls sollten Punkte wie »Die letzten
Wunder der Erde« oder ähnliches behandelt werden; für beide Themen
existiert ausreichend Literatur. Gerne wurden aber historische Merk-
würdigkeiten aufgenommen, denn viele geographische Kuriositäten
sind aufgrund ihrer Geschichte ein Stück Vergangenheit und sollten
daher irgendwie liebenswert bleiben.
Sind Kuriosa das Normale?
Düsseldorf, im Winter 2007 Der Autor
10
Geo
g
ra
phisc
he K
uriositäten
Merkwürdiges über Inseln
I
nseln haben den Geist und die Emotionen der Menschen zu allen
Zeiten bewegt. Wohl kaum eine andere Prägung von Mutter Na-
tur gestaltet das Bild der Erde so mannigfaltig und ereignisreich
wie die Inseln. Ausschlaggebend hierfür ist offenbar die gänzliche
Abgeschlossenheit der Eilande durch das einrahmende Wasser,
wobei es für überzeugte Inselfreunde kaum von Wichtigkeit ist,
ob eine Insel im Meer oder in einem See liegt.
Inselwitze
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
1
Geographische Kuriositäten
Wenn die Bewohner der kleinen Insel Mindemoja an das Festland
gelangen wollen, ist das mit einer einzigen Bootsfahrt nicht getan.
Sie müssen sich gleich zweimal »in die Riemen legen«, um ihr insula-
nes Umfeld endgültig verlassen zu können. Diese seltsame Etappenfahrt
ist damit zu erklären, daß die Insel Mindemoja im gleichnamigen
Mindemoja-See liegt, der wiederum einer der großen Seen auf der
größten Binneninsel der Welt, Manitoulin ist und diese ist letztlich
lokalisiert im Huron-See, Kanada.
Eine Insel in einem
See auf einer Insel
in einem See...
Große sportliche Ereignisse haben nicht selten unbedeutende Orte welt-
bekannt gemacht. Squaw Valley, Cortina d'Ampezzo, Albertville und
andere waren, bevor sie olympische Winterspiele ausrichteten, ländliche
Nobodies. Daß eine bis heute namenlose Sandbank in die Annalen der
Sportgeschichte einging, ist vielleicht nicht jedem bekannt. Und das kam
so: Gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts war in allen Staaten der
U.S.A. und auch in Mexiko der Profiboxsport verboten. So auch der
Titelkampf im Schwergewicht zwischen Ruby Robert Fitzsimmons und
Peter Maher im Jahre 1896. Der scheinbar unwiderstehliche Drang
mancher Menschen zu kämpfen und das gleichermaßen unwiderstehli-
che Bedürfnis anderer, Zeugen eines solchen Kampfes zu sein, zwang
die Boxveranstalter zur Improvisation, weil es trotz des Boxverbotes
eine Menge reicher Leute gab, die sich einen solchen Spaß ein dickes
Bündel Banknoten kosten ließ. Die Promotoren reagierten schnell und
bauten den Boxring auf einer isolierten Sandbank im Rio Grande auf,
vierhundert Meilen von El Paso entfernt. Man muss sich das einmal
vorstellen! Dreihundert Leute unternahmen für die damalige Zeit eine
höchst anstrengende Reise, um auf einer kleinen Sandbank in einem
Fluss einen Kampf zu sehen, der, nebenbei bemerkt, sicherlich einer der
enttäuschendsten Titelkämpfe in der Geschichte des Boxens war, denn
Fitzsimmons schlug den Hünen Maher in fünfundneunzig Sekunden k.o.
Die Karriere
einer Sandbank
Ein verbotenener Weltmeisterschaftskampf im Schwergewichtsboxen
anno 1896 auf einer Sandbank im Rio Grande.
13
Kurioses über Inseln
Der Saimaasee in Finnland hat zwar
eine Größe von 4400 Quadratkilome-
tern was etwa der neunfachen
Fläche des Bodensees entspricht
jedoch ist nur ein Drittel davon
Wasser. Die anderen zwei Drittel
seiner Fläche bestehen aus rund
36000 Inseln.
Insel - reich
Eine der vernichtensten Infektions-
krankheiten ist der Milzbrand (gr.
Anthrax = »Kohle«, auch »fressendes
Geschwür»), der durch den Bacillus
anthracis verursacht wird. Der Erreger
besitzt die Fähigkeit, in sumpfigen Böden jahrelang zu überleben und
gegen Kälte, Wärme, Trockenheit und selbst gegen Desinfektionsmittel
äußerst widerstandsfähig zu sein. Weidetiere wie Schafe und Rinder,
die auf verseuchten Böden grasen, sind durch Milzbrand besonders
gefährdet. Der Milzbrand ist also eine Tierkrankheit, die jedoch auf
den Menschen übertragbar ist und oft tödlich endet.
Weil die Krankheit sehr ansteckend und giftig ist und wegen ihrer
schnellen Verbreitung, wurde der Milzbranderreger im zweiten Welt-
krieg von den Engländern bezüglich seiner Verwendung als biologi
sches Kampfmittel getestet. Um geheime Versuche mit Milzbrand-
sporen durchführen zu können, befahl 1941 die britische Regierung
die Räumung der Insel Gruinard, die etwa fünf Kilometer vor der
schottischen Küste liegt.
Sporen sind besonders widerstandsfähige Dauerformen der allein zur
Sporenbildung befähigten Bazillen. Schafe wurden mit Milzbrand-
erregern infiziert, ihr Tod exakt belegt. Damit keine Epidemie auftreten
konnte, vernichteten die Wissenschaftler im Anschluss daran die infektiö-
sen Tierleichen. Trotzdem brach 1943, in dem Jahr, in dem die
Versuche beendet wurden, auf dem schottischen Festland eine Milz-
brandepidemie aus. Wahrscheinlich wurden die Sporen durch Wind
und Wasser von der Insel zur Küste befördert.
Insel des Todes
Das Betreten der
»Milzbrandinsel«
Gruinard war 45
Jahre lang strengs
tens verboten.
Inseln ohne Ende -
der Saimannsee
in Finnland
14
Geographische Kuriositäten
Unverzüglich und ohne Aufsehen kamen die Wissenschaftler nach
Gruinard zurück um die Heide in Brand zu setzen, mit dem Ziel, die
Milzbranderreger definitiv zu vernichten. Untersuchungen ergaben je-
doch, dass sich die langlebigen Sporen inzwischen im Boden befanden
und dort prächtig weitergediehn. Hierauf erklärte die britische Regie-
rung das Eiland, welches inzwischen von den Einheimischen die
»Milzbrandinsel« genannt wurde, zum Sperrgebiet. In Abständen lande-
ten die Wissenschaftler auf Gruinard, um Bodenanalysen anzufertigen.
Noch in den 70er Jahren fand man zahlreiche Erreger, so dass die
Entseuchungsmaßnamen weitergeführt wurden. 1987 wurden Tiere auf
die Insel zurückgebracht. Da sie nicht erkrankten, wurde das Gebiet ein
Jahr später 45 Jahre nach dem verhängnisvollen Experiment zur
Besiedlung freigegeben.
Auf der Orkney-Insel North Ronaldsay gibt es eine einzigartige
Schafrasse, die sich nur von Seetang ernährt.
Hmmm, lecker...
Paradox
Fünfzehn bis zwanzig Vereine in einer Liga versprechen meist viele
interessante sportliche Vergleiche. Manchmal kann es aber auch etwas
weniger sein. Etwa 45 Kilometer südwestlich von Land's End, Cornwall,
im Atlantik am Eingang zum Ärmelkanal, liegen, von einer Golfstrom-
drift umspült, die Scilly-Inseln. Hier bestreiten zwei Clubs (in Zahlen: 2),
nämlich die Woolpack Wanderers und die Garrison Gunners, in der
wohl kleinsten Liga der Welt sowohl eine Meisterschaft in zwanzig (20 !)
Begegnungen, als auch noch zwei verschiedene Pokalwettbewerbe.
Irgendwie sind die Briten manchmal...
Man(n) kennt sich
Weil's gerade zuvor so schön medizinisch war: wer meint, mit den
Langerhansschen Inseln endlich ein noch unbeflecktes Ferienziel gefun-
den zu haben, ist sowohl geographisch als auch medizinisch nicht ganz
auf der Höhe es handelt sich hierbei um Zellarten in der Bauchspei-
cheldrüse.
Professor Brinkmann
klärt auf
Mikronesien, das »Kleininselgebiet«, Melanesien das »Schwarzinsel
gebiet«, Polynesien, das »Vielinselgbiet« eine beliebig erscheinende
geographische Gliederung? Es existieren nämlich nicht die jeweiligen
Pendanten »Großinselgebiet« (Megalonesien), »Weißinselgebiet«
(Leukonesien) und »Weniginselgebiet« (0ligonesien). Von der Anzahl
der Inseln ausgehend könnte Mikronesien ebenso gut als Polynesien
bezeichnet werden und bei den Melanesiern ist mit einem Viertel
aller bekannten Sprachen dieser Erde und einer Fülle von Kultur-
provinzen eine überraschende Mannigfaltigkeit vorzufinden. Wenn also
die Begriffsbildung jeweils von unterschiedlichen Eigenarten ausge-
gangen ist, so verbirgt sich dahinter dennoch eine Aufteilung, die unter
bestimmten Beschränkungen den kulturellen und anthropologischen
Charakteristika der jeweils dort lebenden Menschen gleichkommt.
15
Kurioses über Inseln
Die einstige Donauinsel Ada Kaleh (deutsch Inselburg, auch Neu-
Orsova genannt), heute im Stausee versunken, war von den
Österreichern als Festung ausgebaut worden, musste 1739 an die
Türkei abgetreten werden. Der Berliner Kongress 1878, welcher den
russisch-türkischen Krieg 1877/78 beendete und die politischen
Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel neu regelte, nahm der Türkei
zwar die Herrschaft über Ada Kaleh wies sie aber merkwürdigerweise
niemandem zu. Dieser eigenartige Zustand wirkte sich so aus, dass die
Flussinsel de facto zunächst weiterhin türkisch blieb. Folglich herrschten
dort noch lange die Türken, obwohl die Ufer beiderseits schon längst
rumänisch, respektive bulgarisch waren. Seit dem Ende des ersten
Weltkrieges ist die Insel Bestandteil Rumäniens.
Die türkische Bevölkerung war geblieben, damit auch der türkische
Charakter der Siedlung mit den Ruinen verfallener Festungswerke, den
Basaren, kleinen Kaffeehäusern, malerischen Gässchen und einer
Moschee, die kurioserweise im ehemaligen österreichischen Verwal-
tungsgebäude eingerichtet war. Beim Bau des Djerdap-Kraftwerkes
wurde Ada Kaleh überflutet, womit ein reizvolles türkisch-orientales
Relikt mitten in Europa der modernen Zivilisation weichen musste.
Die vergessene Insel
Die 24 000 Einwohner der Shetland Inseln sind auf ihrem kleinen Eiland
stark in der Minderzahl gegen die 30 000 Tölpel, 140 000 Lummen,
250 000 Papageientaucher, 300 000 Eissturmvögel und mindestens
330 000 Schafe.
Die Besatzung des Schiffes, welche an der Vorbereitung der Seekarten
für die britische Kriegsmarine arbeitete, tat dies wohl auch am Weih-
nachtstag allerdings mit einer großen Portion Heimweh. So erhielten
zwei kleine Inseln vor der Küste des heutigen Namibias ihren Namen:
Plumpudding Island und Roastbeef Island.
In Unterzahl
Sehnsucht nach der
englischen Küche
16
Geographische Kuriositäten
Auf der karibischen Insel St. Martin grenzen die Niederlande und
Frankreich aneinander. Vor über drei Jahrhunderten teilten die
Niederländer und die Franzosen die Insel untereinander auf, die gerade
von den Spaniern evakuiert worden war. Die Geschichte dieser
ausnahmsweise unblutigen Teilung wird so erzählt: Fast zur gleichen
Zeit landeten die Franzosen und die Niederländer auf der Insel,
nachdem die Spanier festgestellt hatten, dass die Insel für sie ganz und
gar uninteressant war. Nun standen sich die Truppen der beiden
Nationen gegenüber. Naheliegend war jetzt die obligatorische Prügelei.
Die Laune (oder die schlappmachende Hitze) der Tropen ließ sie aber
nicht zu den Waffen greifen. Ihre Anführer beschlossen, die Aufteilung
anders vorzunehmen. Die Franzosen stellten sich an einem Ende der
Insel auf, die Niederländer am anderen. Vorwärts, Marsch. Wo sie
aufeinandertreffen, sollte die Grenze sein. Hierbei waren die Franzosen
erstaunlicherweise wohl einen Zacken schneller, so daß heute die Insel
zu drei Fünftel französisches Territorium darstellt.
Einzigartig und höchst eigenartig ist auf der kleinen Insel das Gefühl des
rasanten Wechsels vom blitzsauberen Ort des holländischen Glocken-
spiels zum Charme und Geist eines französischen Marktfleckens fährt
man in kürzester Zeit von der niederländischen »Hauptstadt«
Phlilipsburg zur französischen »Metropole« Marigot.
Obwohl die Grenze nur symbolischen Charakter hat, es
weder Wachen noch Schranken gibt und so unangenehme
Belästigungen wie Zoll und Steuern nicht bekannt sind,
besitzen die beiden Inselhälften nicht die gleiche Strom-
spannung und die Telefonleitungen auf der 93
Quadratkilometer kleinen Insel hängen nicht zusammen,
wodurch die Verbindungen von einem zum anderen Teil
der Insel, die an der Grenze nur wenige Meter betragen
kann, erst über Paris und Amsterdam (!) gehen muss, wie
übrigens auch jede Entscheidung der einen Seite, die
eventuell auch die andere betreffen könnte...
Ein Inselrennen wie oben beschrieben, war auf dem kleinen
Eiland Ile Verte mangels Rennbahn nicht möglich, trotzdem gehört
das Miniinselchen heute noch zur Hälfte zu der Inselgruppe
St. Pierre & Miquelon und damit zu Frankreich; die andere Hälfte
gehört Kanada. Die Teilung resultiert aus dem jahrzehntelangen,
erbitterten und blutigen Kampf (eine andere Insel heißt auch Massacre)
der Franzosen mit den Engländern um diese Inseln.
Inselrennen
Minispaltung
Auf der mikronesischen Insel Yap benutzen die Einwohner Steinringe
als Geld. Hierbei handelt es sich aber nicht um münzgroße Steinchen,
sondern um aus dem Fels geschlagene Blöcke aus Aragonit mit einem
Durchmesser von 3 m und mehr, die bis zu 15 Tonnen wiegen. Das
Steingeld besitzt ein rundes Loch in der Mitte, durch das für den
Transport ein Stock gesteckt wird, wodurch es eine gewisse Ähnlich-
keit mit einem Mühlrad besitzt. Einen Sparstrumpf lässt sich schlecht
damit anlegen und so stehen die etwa noch 6000 Talerchen vor den
Häusern und am Straßenrand. Yap bezeichnet sich deshalb auch als
»Insel des Steingeldes«.
Dickes Portemonnaie
17
Kurioses über Inseln
Die Insel Wangerooge ist genau genommen gar keine Ostfriesische
Insel. Sie gehört zum Wangerland, dem sie auch ihren Namen
verdankt. Das Wangerland ist Teil des Landkreises Friesland, der wie-
derum zum alten Großherzogtum Oldenburg gehört und das hat mit
Ostfriesland nichts zu tun. Dennoch haben die Wangerooger nichts
dagegen, zu den Ostfriesischen Inseln gezählt zu werden, denn sie ha-
ben schon eigenartigere Sachen erlebt. Das kleine Eiland wechselte
nämlich, allerdings ungewollt, in relativ kurzer Zeit fast schneller seine
Landesherren, als die Gezeiten es um die sandige Schöne tun. Nach
dem Tode der friesischen Regentin Maria von Jever, die von 1500 bis
1575 gelebt hat, fiel Wangerooge zunächst an Oldenburg und danach
an die Grafen von Anhalt-Zerbst. So geriet die Insel 1793 mit der Kai-
serin Katharina von Russland unter den Zarenadler. Im Jahre 1807
kam Wangerooge an Holland, wurde 1810 von Frankreich annektiert
und wurde 1813 nochmals russisch. Doch schon fünf Jahre später war
die Insel wieder Teil des Großherzogtums Oldenburg. Heute gehört
Wangerooge, wie erwähnt, zum Landkreis Friesland und damit, wie
alle Ostfriesischen Inseln, zum Bundesland Niedersachsen.
Wechselhaft
Macht ausgebeulte Taschen: Steingeld auf der Südseeinsel Yap.
75 Kilometer nordwestlich von der Insel Grimsey liegt einsam im
Atlantik der 35 Meter lange und 33 Meter breite Felsen Kolbeinsey.
Er ist der nördlichste Teil Islands. Der Zahn der Zeit, sprich Eis und
Erosion machen das Gestein stetig brüchiger, und sein Untergang wäre
wohl eine sichere Sache, wenn er nicht eine so wichtige Funktion
hätte. Der Felsbrocken ist nämlich einer der Punkte, von dem die
Fischereigrenzen Islands gezogen wer-
den. Und genau diese Ansprüche auf
Fischgründe lassen den auch Mevenklint
genannten Felsblock nicht kommentar-
los ins Meer absacken, weil er ständig
mit Betoninjektionen vor dem Versin-
ken bewahrt wird.
Die Speis-Spritze
18
Geographische Kuriositäten
Ähnlich wie oben verhält es sich mit der zu Japan gehörenden Perece-
Vela-Insel, auch als Douglas Reef bekannt. Dieses Atoll bildet den süd-
lichsten Punkt des japanischen Hoheitsgebietes. Das 5 x 1,7 km große
Riff ist naturgemäß ungewohnt und bildet lediglich Platz für eine meteo-
rologische Beobachtungsstation. Und trotzdem ist dieses Inselchen ein
ganz schön teures Pflaster. Da bei Flut nur noch wenige Quadratkilome-
ter im Inneren des Riffgürtels über die Wasseroberfläche ragten, hat die
japanische Regierung mit Flutbrechern einen Schutzgürtel angelegt. Mit
dem Verlust des Eilandchens hätte Japan nämlich 40 000 qkm (!) seiner
Hoheitsgewässer mit reichen Fischgründen und Kobaltvorkommen
verloren. Das Unternehmen kostete immerhin schlappe 200 Millionen
Dollar. Nach internationalem Recht wäre das Atoll über kurz oder lang
internationales Gewässer geworden, wenn der letzte Riffsockel in weni-
gen Jahren ins Meer gestürzt wäre.
Teures Inselchen
Atlantis der Neuzeit
Wenn gegen den von Menschen verursachte Anstieg der Erdatmos-
phäre weiterhin nichts unternommen wird, ist der Untergang vieler
Inseln durch den Anstieg der Meeresspiegel eine sichere Sache. Sechs
Inseln der südasiatischen Republik Malediven sind schon von der
Landkarte verschwunden und spätestens in hundert Jahren wird diese
und andere Inselstaaten im Meer versunken sein.
Seit zweihundert Jahren ist der Rhein gezeichnet, gestochen, gemalt,
fotografiert, beschrieben und in allen Tonlagen begeistert besungen
worden. Im Rhein zu leben, können aber nur wenige von sich behaup-
ten. Dort, wo der Rhein sich im Neuwieder Becken, etwa zwei Kilome-
ter unterhalb der Moselmündung bei Koblenz, in einer Biegung nach
Westen wendet, liegt im Strom die Insel Niederwerth.
Mit der unbewohnten Insel Graswerth, die sich nördlich anschließt,
bildet sie die politische Ortsgemeinde Niederwerth. Die Binneninsel
ist die einzige selbständige Inselgemeinde in der Bundesrepublik. Von
dem benachbarten Vallendar auf dem Festland ist Niederwerth gut
180 Meter getrennt und durch eine Brücke verbunden. Etwa 1300
Menschen leben heute auf dem etwa 3,6 Kilometer langen und
221 Hektar großen Eiland, das 1275 erstmals urkundlich erwähnt
Leben im Rhein
19
Die Perece-Vela-Insel bildet den südlichsten
Punkt des japanischen Hoheitsgebietes
Kurioses über Inseln
wurde. Haupterwerbszweig war früher der landwirtschaftliche Anbau
von Hopfen, Erbsen, Grüngemüse, Nuß- Kirsch- und Pflaumenbäumen
und Weinreben. Heute noch gilt Niederwerth als der Obst- und
Gemüsegarten von Koblenz, der von etwa 10 Vollerwerbs- und
60 Nebenerwerbslandwirten bearbeitet wird. Besonders begehrt:
Spargel aus Niederwerth. Die meisten Einwohner pendeln heute zur
Arbeit in die Nachbarschaft nach Vallendar, Koblenz, Neuwied und
ins Kannenbäckerland.
Zwei Männer wollten von New York nach Europa über den Atlantik
segeln und hatten eine Karte, auf der die Insel Sable Island* nicht ein-
gezeichnet war. Als sie nachts der Alarm des Tiefenmessers weckte,
glaubten sie ihrer Karte und gingen von einer Fehlfunktion aus. Kurz
darauf warfen gewaltige Wellen das Boot auf einen nebligen Sand-
strand. Ihre totale Verwirrung und Orientierungslosigkeit war perfekt,
als in der Stille aus dem Nebel ein Auto mit texanischem Nummern-
schild auftauchte, sie beinahe umfuhr, ein Mexikaner ausstieg und dies
alles, obwohl ihre Karte keine Insel in dieser Region zeigte. Der Mexi-
kaner führte übrigens wissenschaftliche Untersuchungen für eine
texanische Firma durch.
* Sable Island ist eine kanadische Insel im Atlantik. Sie liegt 200 km vor dem Fest-
land, 300 km süd-östlich von Halifax, gehört zur Provinz Neuschottland und ist einer
der abgelegensten Orte Kanadas.
Das glaubt uns keiner!
41 Kilometer vor der Nordküste Islands liegt die 5,3 Quadratkilometer
große Insel Grimsey. Hier, auf der nördlichsten Ansiedlung Islands,
verläuft der Polarkreis direkt durch das Schlafzimmer des dortigen Bezirks-
rates.
Kreißsaal
20
Geographische Kuriositäten
Nicht die günstigen Steuern und Zölle machen die Eigenart der Kanal-
inseln aus. Es sind vielmehr neben den klimatischen, die mannigfaltigen
anachronistischen Merkwürdigkeiten, die wohl einzigartig auf der Welt
sind. Die Inseln liegen im Einflussgebiet der Warmwasserheizung Golf-
strom, dessen klimatische Wirksamkeit hier ein sehr mildes Klima und
dadurch eine Vegetation zulassen, die in ähnlichen Breiten des europäi-
schen Festlandes im Freiland nicht zu finden ist. Die südlichste der
Kanalinseln, Jersey, liegt beispielsweise fast auf demselben Breitengrad
wie Heilbronn. Palmen und andere subtropische Pflanzen stehen in
Parks und Gärten, und an besonders geschützten Stellen wachsen sogar
Apfelsinen und Zitronen.
Politisch gesehen sind die Inseln britisch, wie ja auch lange Zeit das
normannische Festland britisch war, geographisch gehören sie aber zu
Frankreich. Nicht umsonst sagt man von den Bewohnern der Kanalin-
seln: sie reden Englisch, beten Französisch und fluchen Normannisch.
Hieraus ergibt sich die auffallende Mittelstellung zwischen den beiden
Staaten. Die Sprache ist mit französischen Ausdrücken durchsetzt, die
Küche ist weitgehend französisch und das ganze Leben hat, zumindest
im Sommer etwas südlich Beschwingtes. Bummelt man durch die
größeren Orte mit ihren bis in den späten Abend geöffneten Läden,
kommt man sich fast vor wie in Italien oder Südfrankreich.
In hohem Maße kurios ist neben den klimatischen Eigentümlichkeiten
ein spektakuläres Relikt aus der frühen normannischen Rechtsordnung
der Kanalinseln, der »Clameur de Haro«. Hierbei handelt es sich um
eine noch heute gültige (!) einstweilige Verfügung, die, wird sie streng
interpretiert, ausschließlich bei Grundstücksstreitigkeiten verwendbar ist.
Kern dieses Rechtsmittels ist der Ausruf »Haro! Haro! Haro! à l'aide,
mon Prince, on me fait tort!« »Haro« wird für die Anrede »Ha, Rollo«
gehalten, mit der die Untertanen den Herzog der Normandie persön-
lich um Hilfe bitten konnten. In Jersey und Guernsey muß dieser Bitte
noch das Vaterunser auf französisch hinzugefügt werden. Die bean
standete Aktion ist dann sofort zu beenden, bis ein Gerichsturteil herbei-
geführt ist.
Wie ein äußerst anachronistisch wirkendes Feudalsystem erscheint dem
Besucher das Regime auf der Kanalinsel Sark, das den Eindruck erweckt,
Sark sei die letzte absolute Monarchie in Europa. Das von 600 Einwoh-
nern bewohnte, 5,2 Quadratkilometer große Mini-Eiland wird nämlich
noch von einem Lehnsmann, der hier Seigneur genannt wird, »regiert«.
Gegen eine geringe jährliche Zahlung an die britische Krone hat der
Besitzer der Insel noch heute fast unbegrenzte Rechte: le treizième, die
Haupteinnahmequelle, beschert dem Seigneur den dreizehnten Teil des
Kaufpreises bei Immobiliengeschäften, die von den Inselbewohnern auch
nur mit Bewilligung des Lehnsherren getätigt werden dürfen; poulage
(ein lebendes Huhn pro Haus und Jahr) wird ebenso in Geld beglichen
wie der zehnte der jährlichen Ernte, dime, ursprünglich jede zehnte
Korngarbe. Außerdem besitzt der Seigneur noch Mahlrechte sowie
Steuerrechte auf Lämmer und Wolle. Darüber hinaus verfügt er über die
Hoheitsrechte der Dreimeilenzone um Sark, er darf als einziger Bewoh-
ner der Insel Tauben und Hündinnen halten, und wenn einer der
Insulaner ohne Erben das Zeitliche segnet, fällt dessen Landbesitz an
den Lehnsträger zurück.
Merkwürdiges aus
dem Kanal
21
Kurioses über Inseln
Guadeloupe ist ein Überseedepartement Frankreichs, bestehend aus
einer Gruppe von neun Inseln als Teil der Kleinen Antillen. Die beiden
Hauptinseln sind Basse-Terre und Grande Terre, die nur durch den
Rivière salée voneinander getrennt sind. Dieser »salzige Fluss« ist ein
schöner geographischer Euphemismus, denn er ist de facto nur ein
schmaler Mangrovenkanal. Trotzdem sind diese geographischen Fakten
noch nicht unbedingt ein Knaller. Komisch wird die Sache erst, wenn
man die Namen der beiden Hauptinseln mit ihren topographischen
Gegebenheiten vergleicht. Die im Osten der Insel gelegene Grande-
Terre ist flach und kleiner als die sich im Westen erstreckende
Basse-Terre, die immerhin mit dem 1.467 Meter hohen La Soufrière
den höchsten Berg der Kleinen Antillen besitzt. Warum dieser Wider-
spruch? Nun, die Inseln wurden nicht nach ihrem Relief, sondern nach
ihrer Position benannt, die ihr Windmuster bestimmt. Basse-Terre soll
hier also unter dem Wind und Grande Terre über dem Wind bedeuten.
Manchmal bedarf es eben erst der Geographieforschung, um Franzö-
sisch zu lernen.
Die »verrückte«
Vulkaninsel
Übrigens steht hier auch das wohl kleinste Gefängnis der Welt; es
kann immerhin zwei Häftlinge aufnehmen.
Vor der dänischen Insel Bornholm liegen die beiden Eilande Erthol-
mene, was übersetzt Erbseninseln bedeutet. Die beiden Winzlinge
Christianso und Frederikso können mit einigen verwaltungstechnischen
Kuriositäten aufwarten. So werden sie nicht von Bornholm aus verwal-
tet. Es gibt auch keinen Bürgermeister, wohl aber einen Inselkomman-
danten, der wie in alten Zeiten respektvoll Gouverneur genannt wird.
Sein Chef ist der Verteidigungsminister in Kopenhagen, aus dessen
Schatulle auch das Geld für das gesamte öffentliche Leben auf diesen
merkwürdigen Inseln kommt. Seit 300 Jahren unterstehen alle Isulaner
der Marine in der fernen Hauptstadt. Die topographische Lage als öst-
lichster Punkt Dänemarks und die sich daraus ergebende stategisch-
militärische Situation ist die Ursache dieser verwaltungstechnischen
Rarität. Noch nach dem zweiten Weltkrieg, in der Zeit des Kalten
Krieges waren die Inseln militärisch von größter Wichtigkeit. Von hier
aus wurden die Lauscher gen Russland aufgesperrt, sprich: hier befand
sich ein Abhörzentrum, zur Kontrolle des Ostens. Nach der Öffnung
der Ostgrenzen wurde der Zustand, warum auch immer, bis heute
beibehalten.
Ahoi!
22
Geographische Kuriositäten
Im Bidassoa-Fluß, einem Grenzfluß zwischen Spanien und Frankreich
liegt eine niedrige Schwemmlandinsel mit dem Namen Ile de la
Conférence. Das Eiland, das auch Ile de Faisans genannt wird, ist mit
230 Quadratmeter Fläche nicht größer als ein Einfamilienhaus und ist
das kleinste Territorium auf der Welt, welches über einen besonderen
Status verfügt.
Seit dem fünfzehnten Jahrhundert haben auf der Insel, die wohl besser
als Sandbank bezeichnet wird, mehrere Friedenskonferenzen zwischen
Spanien und Frankreich stattgefunden Verträge auf Inseln und Brücken
waren früher gängige Praxis. Die wohl wichtigste Konferenz endete im
1659 im Pyrenäenvertrag, der die gegenwärtige Grenze zwischen Spanien
und Frankreich festlegt. Um dieses Ereignis zwei Jahrhunderte später zu
gedenken, bestätigte ein Staatsvertrag die gemeinsame Herrschaft der
beiden Staaten über das Mini-Eiland. Damit ging ein 230 Quadratmeter
großer Sandhaufen in die diplomatische Geschichte und in das interna-
tionale Recht ein. Das Polizeirecht gilt alternativ für die Dauer von sechs
Monaten für beide Staaten. Ebenso ist die Insel über einen Zeitraum
von sechs Monaten Bestandteil des französischen Zollbereichs und wird
dann für die anderen sechs Monate von spanischen Zoll abgelöst. Das
geltende Strafrecht wird nach der jeweiligen Staatsangehörigkeit des
Straftäters angewandt. Bei Ausländern gilt die Gesetzmäßigkeit des zum
Zeitpunkt der Straftat ausübenden Staates. Abschließend stellt sich dazu
nur eine Frage: Wer begeht auf einem unbewohnten, unbebauten, etwa
tennisplatzgroßen Haufen Geröll eine Straftat?
Ein Haufen Sand
mit Sonderstatus
Die Fasaninsel ist das
kleinste Kondominium der
Welt: Es gehört sechs
Monate zu Frankreich
und sechs Monaten
nach Spanien
23
Geographische Kuriositäten
B
ei der Beschreibung der Bodenformen, der Gewässer,
Siedlungen und Verkehrswege sowie anderen Gegebenheiten
der Erdoberfläche werden so manche Vorgänge wirksam,
die zu topographischen Merkwürdigkeiten führen.
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
Geo
g
ra
phisc
he K
uriositäten
Topographische Kuriositäten
Wie ist die Lage?
2
Geographische Kuriositäten
Eines der topographisch sonderbarsten Länder der Erde ist der Insel-
staat Kiribati im Pazifischen Ozean. Sein Staatsgebiet erstreckt sich
1800 Kilometer in nord-südlicher Richtung und 3800 Kilometer in
westöst-licher Richtung. Die 33 größeren, meist nur einige Meter hohen
Inseln sind über eine Fläche von ungefähr fünf Millionen Quadrat-
kilometern verstreut. Die gesamte
Landfläche beträgt nur 886
Quadratkilometer. Daraus ergibt
sich ein Verhältnis von Landfläche
zu Wasserfläche von ca. 1:5600.
Das wiederum bedeutet, Kiribatis
Wasserfläche ist etwa halb so groß
wie Europa, seine darin lokalisierte
Landfläche hat aber lediglich die
Größe Berlins. Kein anderes Land
besitzt ein derart unausgeglichenes
Verhältnis zwischen Land und
Wasserfläche wie Kiribati.
Nicht ganz so diskrepant wie Kiribati, aber ebenfalls eines der eigen-
artigsten Staatengebilde, ist die zu den kleinsten Ländern der Welt
zählende Südseeinselgruppe Tuvalu. Acht winzig kleine Inseln mit der
Gesamtbodenfläche von 24,6 Quadratkilometer, also etwas größer als
die nordfriesische Insel Amrum und über 500000 mal kleiner als Kana-
da, liegen in großen Abständen verstreut als »Inselkette« über eine
Länge von knapp 580 Kilometer in der Wasserwüste des Pazifik.
Übrigens, auch das ein Kuriosum: Tuvalu bedeutet »Acht Inseln« es
sind aber neun.
Würde man das Gebiet von Französisch-Polynesien auf eine europäische
Landkarte übertragen mit Tahiti an der Stelle von Paris, dann würden
die Gambier-Inseln in
Rumänien, die Marquesas
bei Stockholm und die
Austral - Inseln in Sizilien
liegen. Das alles bei einer
Landfläche von nur etwa
4000 Quadratkilometern,
also der Hälfte Korsikas.
Die Wasserstaaten
Noch einmal Südsee
(Sizilien)
(Paris)
(Rumänien)
Französisch-Polynesien
Pazifischer Ozean
Pazifischer Ozean
(Stockholm)
27
Topographische Kuriositäten
Der Staat Äquatorialguinea, als Nachfolgestaat von Spanisch-Guinea,
kann als Beispiel für zahlreiche andere Fälle gelten, in denen in Afrika
und anderswo die topographische Landkarte durch das Eingreifen des
europäischen Kolonialismus entscheidend geprägt worden ist. Das Land
setzt sich aus dem festländischen Mbini (früher: Rio Muni), das mit
26017 Quadratkilometern über 90% der gesamten Staatsareals ausmacht
und von 70% der Gesamtbevölkerung bewohnt wird, der Insel Bioko
(früher: Fernando Póo,
2034 Quadratkilometer)
und aus der Insel Pagalu
(früher: Annobón, 17 Qua-
dratkilometer) zusammen.
Bioko liegt vor der kame-
runischen Küste, 150 Kilo-
meter von Mbini entfernt -
hier befindet sich eigenar-
tigerweise auch die Haupt-
stadt und Pagalu ist eine
Insel im offenen Ozean,
400 Kilometer vor der Kü-
ste von Gabun. Die bei-
den Inseln sind wiederum 600 Kilometer voneinander entfernt. Damit
es topographisch noch eigenartiger wird, liegt zwischen den beiden
Inseln ein anderer Doppelinselstaat: Sao Tomé und Principe. Die drei
Staatsteile von Äquatorialguinea und die zwei dazwischenliegenden
Inseln von Sao Tomé und Pricipe haben, wie oben bereits angespro-
chen, keinen anderen als nur einen kolonialgeschichtlichen Zusammen-
hang. Das erklärt die Mischung aus kontinentalen sowie maritimen
Elementen bei Äquatorialguinea.
Kolonialhistorische Ursachen begründen auch die topographische
Gestalt von Malaysia, als Nachfolgestaat von früheren britischen Besit-
zungen auf der malaiischen Halbinsel und in Nord-Borneo. Der 1963
gegründete Staat
gliedert sich in ein
West- und ein Ost-
Malaysia. Beide
Teile sind durch
das Südchinesische
Meer 900 (!) Kilo-
meter voneinander
entfernt.
Weil es gerade so schön war, noch einmal eine Rechnung: Die Gesamt-
zahl der Inselwelt Ozeaniens beläuft sich auf über 3000 Eilande, auf
denen ungefähr fünf Millionen Menschen leben, die aber, wenn man
Papua-Neuguinea als größte Landmasse weglässt, nur 89000 Quadrat-
kilometer Land mit zwei Millionen Einwohnern umfassen, was etwa
der Fläche Österreichs und der Einwohnerzahl Budapests entspricht.
Kleinigkeiten
Kolonialverschnitt
Äquatorialguinea
St. Tome & Prinzipe
Malaysia
Südchinesisches Meer
28
Geographische Kuriositäten
Verblüffend ist die Tatsache, daß die Erde weit weniger dicht besiedelt
ist, als allgemein angenommen wird. Auf Armeslänge zum Nachbarn
verteilt, fänden alle Bewohner der Erde auf der Baleareninsel Mallorca
Platz allerdings nur auf Stehplätzen.
Das deutsche Kleinstaatensystem erreichte nach Beendigung des Dreißig-
jährigen Krieges seinen unrühmlichen Höhepunkt. Hierdurch hatte das
Reich den Charakter eines Staates so gut wie verloren. Es war zu einem
irregulären und fast einem Monstrum ähnelnden Gebilde degradiert,
zu einer »Kartographischen Sülze« rudimentiert.
Wer zur damaligen Zeit, sogar noch bis 1920, gut zu Fuß war, konnte
über den bekannten Rennstieg in Thüringen an einem Tag neun(!)
Länder durchwandern, unter ihnen sogar Preußen
und Bayern. Die Auflösung des alten Deutschen
Reiches brachte eine politische »Flurbereinigung«,
an deren Ende der moderne Flächenstaat stand;
mit topographischen Siebenmeilenstiefeln läßt sich
heute nicht mehr wandern. Jedoch lassen sich auch
noch vereinzelt allerdings motorisiert ähnliche
»Rekorde« aufstellen:
Der Limburger Zipfel (um Maastricht, Pfeile im
Bild rechts), eingezwängt zwischen Belgien und
Deutschland, ist an seiner engsten Stelle nur ca.
fünf Kilometer breit. Wer an der niederländisch-
deutschen Grenze in dem deutschen Örtchen
Isenbruch startet und sich direkt zur niederländi-
schen Gemeinde Susteren begibt um von dort
sofort weiter ins belgische Städtchen Maaseik zu
fahren, hat am Ende für diese »Dreiländerfahrt«
mit Ortsgeschwindigkeit höchstens sieben Minuten
benötigt.
Könnten wir die Erde auf die Größe einer Billardkugel verkleinern,
dann wären wir nicht in der Lage, die höchsten Berge und die tiefsten
Gräben zu ertasten. Die Erde ist nämlich im Verhältnis zu ihren
Gebirgszügen und Meerestiefen derart groß, daß sie sich noch glatter
als eine Billardkugel anfühlen würde.
Könnte man die ganze Erde an der Oberfläche einebnen und zu einem
glatten Ball machen, so würde das
Wasser die ganze
Erdkugel in einer Höhe von 2500
Meter bedecken.
Der Prototyp der langgestreckten
Staatsflächen,
dessen Längsachse mehr als das dop-
pelte der mittle-
ren Querachse mißt, ist Chile, das
21 mal länger
ist als breit;
Nix los
Siebenmeilenstiefel
Tastbefund
Niederlande
Nordsee
Abgedeckt
Lang und schlank
Argentinien
Pazifischer
Ozean
würden Landkarten von
Chile in
einem Stück gedruckt, so wären sie
bei nur 30 cm
Breite vier Meter lang.
Gambia hat ähnliche Maße, bei ihm
stehen Länge
und Breite im Verhältnis 20:1.
29
Topographische Kuriositäten
Norwegen ist in seiner Nord-Süd-Richtung 2000 Kilometer lang. In
seiner Ost-West-Richtung an seiner engsten Stelle in der Provinz Nord-
land aber nur vier Kilometer breit.
Der höchste Punkt der Schweiz ist die Dufourspitze, 4634 Meter hoch.
Der tiefste Punkt des Binnenlandes liegt nur gerade 68 Kilometer davon
entfernt, es ist der Seeboden des Lago Maggiore, 79 Meter unter dem
Meeresspiegel.
Der größte Teil aller Kanadier lebt auf der Höhe von Italien. Toronto
liegt zum Beispiel südlicher als Mailand und sogar das frostige Montreal
ist südlicher als alle deutschen Städte lokalisiert. Etwa 20 Millionen der
27 Millionen Kanadier wohnen südlicher als der Bodensee. Das Kanada
trotzdem häufig mit »kalt« in Verbindung gebracht wird, liegt darin
begründet, daß es dort trotz aller südlichen Breitengrade im Winter
wesentlich kälter werden kann als in unseren Regionen. Auch reicht
dort ein großer Teil des Landesgebietes weit in nördliche Regionen, wo
allerdings nur wenige Menschen leben. Nebenbei bemerkt: der Name
Kanada stammt etymologisch von dem irokesischen Wort »kanata« ab,
was soviel wie »Dorf« heißt. Somit wird das zweitgrößte Land der Erde
heute noch »Dorf« genannt.
Auch in der Geographie fasziniert die Zahl 7: Die Sieben Hügel
Roms, die sieben Weltmeere, die sieben Kirchen in der Altmark, der
siebte Himmel, das Siebengebirge, die Region Siebenbürgen, um nur
einige zu nennen - auch die bolivianische Stadt Sucre liegt auf sieben
Hügeln...
Das Meer hält die Niederlande nicht nur ständig unter der Bedrohung
einer Überschwemmung, es dringt auch in seinen Buchten tief in das
Festland ein. Die Gesamtlänge der Küstenlinie des Landes erreicht
1075 Kilometer, das überschreitet die Länge des niederländischen
Territoriums auf einer Geraden vom südwestlichsten Punkt bis zum
nordöstlichsten um mehr als das dreifache und seine Breite um das
achtfache.
Die heutigen Schwankungen der Erdkruste im Gebiet der Ostsee
stehen in ihrer Größe durchaus nicht denen der Vergangenheit nach,
obwohl sie selbstverständlich innerhalb der kurzen Zeit eines Menschen-
lebens wenig spürbar sind. Die unterirdischen Kräfte wirken in den
verschiedenen Teilen des Meeres unterschiedlich. Die nördlicher Küste
steigt an, die südliche und südwestliche dagegen sinken ab. So nimmt
das Territorium Finnlands in jedem Jahrzehnt um mehrere Quadratkilo-
meter zu, die Flächen Dänemarks, Ostdeutschlands und Polens dagegen
nehmen ständig ab. Das Festland im Gebiet von Kopenhagen senkt sich
mit einer Geschwindigkeit von einem Millimeter pro Jahr, im Norden
des Botnischen Meerbusens hebt sich die Küste um 10 Milimeter im
Jahr. Aufgrund der selben Tatsache nimmt Island jedes Jahr ein bischen
zu, äh... wird Island jedes Jahr ein bischen breiter.
Schmale Taille
Höhen und Tiefen
Kanadische Riviera
Sieben mal, sieben mal...
Einschnitte
Auch Länder
nehmen ab und
zu ab und zu
30
Geographische Kuriositäten
Los Angeles, Kalifornien, liegt bekanntlicherweise direkt an der Westkü-
ste der U.S.A. Nicht bekannt ist vielleicht die Tatsache, daß der Reisen-
de, der sich von hieraus nach Reno im Bundesstaat Nevada bewegen
möchte, aufgrund der Topographie Kaliforniens weiter nach Westen
und nicht nach Osten fahren muss.
Wer vom Atlantischen in den Pazifischen Ozean fahren möchte, um
beispielsweise von der Ostküste der USA an die Westküste derselben
zu gelangen, schippert durch den Panama-Kanal. Durch denselben geht
die Fahrt jedoch nicht, wie oftmals
angenommen, von Ost nach West,
sondern von West nach Ost. Wie das?
Nun, vom Atlantik führt die künstliche
Wasserstraße erst einmal von Nord
nach Süd, dann jedoch nach Südost,
wodurch der Eintritt in den Pazifik
östlich von Austritt aus dem Atlantik
erfolgt. Ursache ist eine Krümmung der
Landenge vom Mittelamerika, wodurch
Schiffe, die von Osten nach Westen
wollen, einen Teil der Strecke ostwärts
fahren müssen.
Die beiden Weltmeere können durch eine bloße Kopfbewegung durchs
Fenster betrachtet werden. Geht nicht? Auf Kap Horn steht eine kleine
hölzerne Kapelle (das ist an und für sich schon eine kleine Überra-
schung). Das spärliche Licht fällt durch zwei ebenso kleine Fenster, eines
auf jeder Seite.
Vor dem einen
Fenster liegt der
Pazifik, vor dem
anderen der At-
lantik. Nirgendwo
sonst liegen die
Küsten der beiden
Ozeane so nah
beieinander, das
beide quasi nur
durch ein Kopf-
schütteln zu sehen
sind. Dreht man
den Kopf jetzt
einmal komplett
um (am ratsamsten inclusive Körper), kann man durch die geöffnete Tür
die Stelle sehen, wo 24 000 Kilometer Küste in einen Haufen
grasbewachsener Felsen auslaufen.
Der Irazú, mit 3.432 Metern höchster Vulkan von Costa Rica, wartet
mit einer besonderen topographischen Kuriosität auf. An klaren Tagen
während der Trockenzeit (Januar bis März) kann man vom Kraterrand
aus beide Weltmeere sehen:
Das kann doch gar
nicht sein, oder?
Atlantischer Ozean
Pazifischer Ozean
Durchblick
Da guckste, wa?
31
Topographische Kuriositäten
Die türkis schimmernde Karibikküste des Atlantiks auf der einen und
den Golf von
Nicoya (Pazifik)
auf der anderen
Seite.
H e r v o r g e r u f e n
durch die oben er-
wähnte Krüm-
mung der Land-
brücke zwischen
Nord- und Süd-
amerika ergibt sich
das Phänomen,
die Sonne über
dem Pazifischen
Ozean aufgehen
und im Atlanti-
schen Ozean untergehen zu sehen.
Apropos Sehen: Entgegen allen anders lautenden Hypothesen:
Kein Bauwerk kann vom Mond aus erblickt werden. Auch nicht, wie
oftmals behauptet, die Chinesische Mauer. Nicht einmal von erdnahen
Umlaufbahnen aus. Sie ist zwar sehr lang, aber nur etwa 12m breit
sonst müßte ja auch jede Autobahn zu sehen sein.
Wer trotzdem behauptet, er könne die Mauer vom Erdtrabanten
sehen, der müsste zwangsläufig auch in der Lage sein, eine Atadose
aus 400 Kilometer Entfernung zu erkennen.
Alaska ist der nördlichste, westlichste und östlichste Bundesstaat der
USA. Wie geht das denn? Nun, mit dem »östlichsten Staat« ist das
einwenig Definitionssache: Die Aleuten dehnen sich bis über die
Datumsgrenze am 180. Breitengrad aus und werden daher oft vor
allem von Alaskanern klar als »östlich« gewertet. Allerdings schlägt
die Datumsgrenze einen »politischen Bogen« um die Aleuten, was
das Argument wieder hinfällig macht.
Da heißt ein kleiner Felsen Little Diomede Island. Er ist der nordwest-
lichste Punkt der U.S.A. und liegt direkt südlich des Polarkreises auf
einer Breite von 65,40°. Getrennt von dem russischen Besitz Big
Diomede Island ist er durch einen schmalen, reißenden Kanal. Vor ein
paar tausend Jahren, vor dem Ende der Eiszeit, war Diomede Teil einer
Landbrücke, über die die ersten menschlichen Bewohner Amerikas
kamen. Auch heute noch kann man unter bestimmten Voraussetzungen
hier in der Gegend spazierengehen: Das russische Festland ist nur
48 Kilometer entfernt und das amerikanische noch weniger. Asien und
Amerika liegen hier so nah beieinander wie Duisburg und Dortmund,
und im Winter, wenn das Meer zufriert, kann man von einem Kontinent
zum anderen wandern.
Da guckste, wa?
Pazifischer Ozean
Atlantischer
Ozean
Vulkan Irazú
Nicaragua
Panama
Überall ist Alaska
Noch mal Alaska:
Erdteilhopping
32
Geographische Kuriositäten
Winter, wenn das Meer zufriert, kann man von einem Kontinent zum
anderen wandern.
St. Mary's College liegt in St Mary's City, in St. Mary's County,
in Maryland.
Die kanadische Stadt Hamilton, Ontario, ist dem Äquator näher als
dem Nordpol und die kanadische Stadt Halifax am Atlantik ist näher
bei Großbritannien als bei der kanadischen Stadt Vancouver am Pazifik.
Die Stadt Mount Isa in Queensland, Australien, hat mit 41000 km² die
größte Ausdehnung aller Städte weltweit. Die Stadt mit der größten
Silbermine der Welt ist demnach flächenmäßig so groß wie die Nieder-
lande, besitzt jedoch im Gegensatz zu den fast 15 Mio. Niederländern
nur 24000 Einwohner.
Auch nicht von Pappe ist die Flächenausdehnung der nordschwedischen
Stadt Kiruna. Die »Erzstadt« zählt zwar nur rund 30000 Einwohner,
weist aber dem gegenüber ein »Stadtgebiet« von 20000 km² auf, was
ungefähr der Größe von Hessen entspricht. Etwa 90 km vom Zentrum
entfernt, aber noch innerhalb der Gemeindegrenze von Kiruna(!),
erhebt sich der höchste Berg Schwedens, der Kebnekaise.
Etwas mickriger dagegen ist die Flächengröße von Arnis, der kleinsten
Stadt Deutschlands: 0,45 km².
Bis in das Jahr 1959 betrug die Größe des Seifenopernstaates Monaco
1,49 km². Aufschüttungen an der Küste führten in diesem Jahr zu einer
fast unglaublichen Größenausdehung. Die Landfläche des Zocker-
territoriums wurde hierdurch nämlich auf sage und schreibe 1,89 km²
erweitert.
Die einzige Stadt, die auf zwei Erdteilen liegt ist Istanbul; sie besteht
aus einem asiatischen und einem europäischen Teil.
Die Landgemeinde Baiersbronn im Murgtal ist mit 190 km² die größte
der Bundesrepublik das ganze Fürstentum Lichtenstein fände bequem
Platz.
Nicht jedes Land mit geringer Bevölkerung ist auch flächenmäßig klein.
Grönland ist beispielsweise mit nur 45 000 Einwohnern größer als
Italien, Spanien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland, mit
zusammen 300 Millionen Bewohnern.
Little Diomede Island (links)
und Big Diomede Islanad in
der Bering See
Oh' Maria!
Die Nation, die
über einen Erdteil
reicht.
Großflächig
Kleinflächig
Expansionsknall
Doppelsitz
Großgemeinde
Riesig
33
Topographische Kuriositäten
Zu den topographisch-territorialen Anomalien gehören Exklaven und
Enklaven, Korridore und Gebietszipfel. Zu den letzteren sind zu zählen
der Limburger Zipfel, Der Zipfel von Triest, der Pansch-Zipfel, der
»Panhandle« von Alaska und der wohl kurioseste: der Caprivi-Zipfel.
Der Caprivi-Zipfel stößt als schmaler Landstreifen im nördlichen Nami-
bia in 460 km (!) Länge und 30 100 km Breite bis zum Sambesi vor.
Dieses höchst eigenartige Gebilde ist
beim Abschluß des Grenzvertrages
zwischen Deutschland und Portugal
am 30.12.1886 entstanden und sollte
Deutschland einen Anteil am Sam-
besi und gleichzeitig die Gelegenheit
geben, dem weiteren, nach Norden
ausgerichteten Druck des britischen
Südafrika zu blockieren.
Apropos: Der Caprivi-Hauptort heißt
Katima Mulilo
(in unterschiedlichen
Schreibweisen). Übersetzt bedeutet
dies »Mach Feuer an«. Erklärung:
Während der frühen Kolonialzeit hat
hier der verantwortliche Kartograph,
der etwas in seine Karte eintragen
wollte, seinen einheimischen Füher, der gleichzeitig Chef der Träger
war, gefragt, wie den der Ort hier heissen würde. Dieser gab aber
gerade einem der Träger noch den Befehl »Mach Feuer an«, was so
Eingang in alle Karten von dort bis heute gefunden hat.
Nicht das Kap der guten Hoffnung ist der südlichste Punkt Afrikas,
sondern das Nadelkap oder Cap Agulhas. Es liegt nämlich noch
65 Kilometer südlicher als das Kap der guten Hoffnung.
Der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes ist Nordkinn. Das
vielbesuchte Nordkap selbst ist nur ein imposantes felsiges Vorgebirge
der Nachbarinsel Mageröya.
Die Stadt Mexiko (City) liegt im Bundesstaat Mexiko im Land Mexiko.
Anormale Zipfel
Namibia
Atlantik
Ganz weit unten
Ganz weit oben
Mexiko,
Mexiko,
Mexiko
In Belgien liegt das berühmte Waterloo 100 km südlichöstlich von
Brügge. In Deutschland liegt Waterloo 33 km westlich von Brügge.
Hä?? Okay, die Aussage im ersten Satz ist klar. Aber...
Der Name des deutschen Waterloos geht tatsächlich auf die historische
Schlacht bei Waterloo in Belgien zurück.
Das doppelte Lottchen
Wie ja alle Leser wissen, fand diese Schlacht 1815 statt, in der der
preußische General Blücher gemeinsam mit dem englischen Feldherrn
Wellington Napoleon besiegte. An der Seite Blüchers kämpfte ein
gewisser Graf von Voß, der zur Herrschaft Stavenow gehörte. Das hier
zu besprechende (spätere) Waterloo gehörte zu dieser Herrschaft.
In den Jahren 1816 und 1817 wurde durch Gesetz im Lande Preußen
den damaligen Leibeigenen bzw. Bauern die Möglichkeit eingeräumt,
34
Geographische Kuriositäten
sich von den Frontdiensten Ihrer Herrschaften freizukaufen.
Damit verbunden war jedoch für die Bauern, dass sie ein Drittel ihrer
Land- und Forstwirtschaftlichen Flächen an die Herrschaften abzutreten
hatten. So erhielt der Graf als Ablösung der feudalen Lasten Länderei-
en, die er jetzt bewirtschaften wollte. Für seinen neuen Besitz brauchte
er nun einen Namen. So beantragte er beim preußischen König den
Ortsnamen ,,Waterloo", womit der King aber absolut nicht einverstanden
war; er hielt offenbar sehr wenig angetan von ausländischen Namen für
brandenburgische Dörfer. Das wiederum verstimmte den Grafen und er
ließ dem König mitteilen, das Vorwerk dann »Wasserloch« zu nennen.
Dieser Name gefiel Friedrich Wilhelm III. natürlich noch weniger und
stimmte dem Ortsnamen »Waterloo« zu.
Und wie kommt Brügge dahin? Gemeint ist hier das »Prignitz-Brügge« ;
entstanden durch Zuwanderer aus Flamen, die im Rahmen der deut-
schen Ostexpansion neben ihrer Sprache, ihren Sitten und Bräuche auch
ihre Ortsnamen mitbrachten.
Bei der Gelegenheit: Weltweit 26 Kommunen tragen den Namen des
belgischen Schlachtortes. So existiert beispielsweise ein Waterloo in
England, in Rußland, in den USA, in Kanada, in Australien.
Eigentlich nicht ganz nachzuvollziehen, ist der Name Waterloo doch
»Der Inbegriff des Verlorenhabens«.
35
Topographische Kuriositäten
Geographische Kuriositäten
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
Geo
g
ra
phisc
he K
uriositäten
Äquator-und Polgeschichten
tailliert
er Äquator ist der größte Breitenkreis des Erdellipsoids,
dessen Ebene auf der Erdachse senkrecht steht und von den
Erdpolen einen Winkelabstand von 90 ° hat, teilt die Erde in
die Nord- und Südhälfte. Er wird von den Meridianen
senkrecht geschnitten und in Längengrade geteilt. Seine Länge
beträgt rund 40 075 km.
Unter Pol versteht man den Durchstoßpunkt der
Rotationsachse eines sich drehenden Körpers durch die
Oberfläche. Bei Himmelskörpern (wie der Erde) werden
Nordpol und Südpol unterschieden.
Soweit die wissenschaftlichen Erklärungen. Interessant sind
aber auch nachfolgende Äquator -und Pol- Geschichten.
3
D
Geographische Kuriositäten
Die Zentrifugalkraft ist am Äquator aufgrund der Erddrehung am
meisten ausgeprägt. Hierdurch werden wir sozusagen nach außen
»geschleudert«. An den Polen hingegen sind die Fliehkräfte fast Null.
Demnach könnte ein Mensch mit einem Gewicht von 100 Kilo-
gramm, der vom Nordpol an den Äquator fliegt, sich an demselben
ein Pfündchen leichter fühlen. Um weitere Pfunde zu verlieren,
müße er allerdings einmal um den Aquator joggen.
Die Drehgeschwindigkeit am Äquator erreicht beinahe 1600 Stunden-
kilometer, die Oberflächengeschwindigkeit an den Polen liegt dage-
gen fast bei Null. Hopst nun eine Mensch am Äquator in die Höhe,
so bewegt er sich mit der Erddrehung. Bis zum Zeitpunkt seiner
»Landung« hat er sich gemeinsam mit der Erde einige hundert Meter
nach Osten bewegt.
Wer zu bestimmtem Tagen am Äquator steht und sich die Sonne
auf's Haupt scheinen läßt, der wird trotz intensivem Rundumblick
einen vertrauten Weggefährten vermissen seinen Schatten.
Ist es am Äquator am wärmsten und an den Polen am kältesten?
Die höchsten Lufttemperaturen im Schatten wurden bisher mit
56,7 Grad Celsius im kalifornischen Death Valley und mit 58 Grad
Celsius in der libyschen Stadt Azizia gemessen. Die zwei Orte liegen
mehrere tausend Kilometer vom Äquator entfernt. Im Hochgebirge
Kolumbiens wurde einmal eine Jahresneuschneesumme von 32 m
gemessen. An der russischen Antarktisstation Vostok wurden mit
- 88 Grad Celsius die bisher tiefsten Temperaturen registriert. Die
Station liegt über tausend Kilometer nördlich des Südpols. Auf der
nördlichen Hemisphäre gab es mit - 71 Grad Celsius die tiefste
Temperatur in dem ostsibirischen Örtchen Oimakon, das über
300 Kilometer südlich des Polarkreises und rund 3000 Kilometer
vom Nordpol entfernt liegt.
Da die Erde keine Kugel, sondern ein Elipsoid darstellt, ist sie an
den Polen ein wenig abgeplattet und am Äquator etwas gewölbt.
Darum ist am Äquator der Meeresspiegel 21 Kilometer weiter vom
Mittelpunkt der Erde entfernt, als am Nordpol.
Der Punkt der Erdoberfläche, der am weitesten vom Erdmittelpunkt
entfernt liegt, ist nicht, wie häufig angenommen, der Gipfel des
Mount Everest. Da die Erde, wie oben schon erwähnt, streng
geometrisch gesehen keine Kugel, sondern ein Rotationselipsoid ist,
besitzt der Äquator den größten bzw. längsten Erddurchmesser. Der
höchste Berg von Equador, der Chimborasso, befindet sich ganz in
der Nähe des Äquators. Daher ist sein Gipfel am weitesten vom
Erdmittelpunkt entfernt, obwohl er »nur« 6267 m über dem Meeres-
spiegel liegt.
Sie fliegen mit dem Jet Kurs Nord Richtung Pol. Hat er ihn erreicht,
gehts automatisch Kurs Süd weiter, ohne das der Kapitän auch nur
einen Finger rührt.
39
Geographische Kuriositäten
E
igentlich sind sie ja eher lästig, wenn sie so dreist im Weg
liegen, andererseits geben sie eine traumhafte Kulisse ab: Berge
sind ein besonderes Stück Natur. Wie kaum eine andere
Landschaftsform sind sie zu Trägern moralischer und symboli-
scher Werte gemacht worden. Die Geschichten um Erhöhungen
von Bergen machen dies in seltener Deutlichkeit bewusst. Wie
bitte, Erhöhung von Bergen? Jetzt mal ganz langsam es ist
doch wohl unbestritten, dass ein Berg in den seltensten Fällen
seinen Platz wechselt. Richtig! Nun, dann ist die Aussage wohl
ebenso korrekt, dass ein Berg nicht wächst. Auch richtig - oder
nicht ganz richtig - zumindest dann nicht richtig, wenn ein Zeit-
genosse plötzlich und unergründlich mit der Höhe eines Berges
nicht mehr leben kann.
Geo
g
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phisc
he K
uriositäten
Merkwürdiges über Berge
Der Berg brennt!
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
4
Geographische Kuriositäten
Der höchste Punkt der Ardennen, auch gleichzeitig der höchste Punkt
Belgiens, ist Machwerk.
Ihre höchste Erhebung erreichen die Ardennen ganz an ihrem östlichen
Rande. Im Hohen Venn, zwischen Eupen und Malmedy steigt die Botrange
(Höhe von Bodringen) 694 Meter auf. Als dieses Gebiet nach dem Versailler
Vertrag an Belgien kam, hatte man im Königreich den etwas eigenartigen
Wunsch und Ergeiz, der höchste Punkt Belgiens möge doch wenigstens
700 Meter betragen. So machte sich 1923 der belgische Hochkommissar für
die Ostkantone, Baron Baltia aus Malmedy daran, auf der Höhe von Botrange
einen 6 Meter hohen Hügel aufzuschütten. Mit diesem vornehm »Treppen-
hügel« genannten Erdaufwurf mogelte der General-Leutnant die Oberfläche
der Bodenplatte von Botrange von 694 Meter auf genau 700 Meter.
Es existieren neue Karten, auf der die wohl mehr symbolische Höhe von
700 Meter de facto eingetragen ist.
Das veranlasste den vertrautesten Nachbarn der Belgier, ebenfalls zur Schüppe
zu greifen. Zwar erst viel später, aber scheinbar nicht zu spät, »machten« die
Niederländer in den siebziger Jahren ihre höchste Erhebung, den Vaalserberg,
ebenfalls durch Aufschüttung auf 323 Meter »glatt«.
Der Treppenhügel, mit dem der höchste Berg Belgiens auf 700 m »glatt gemacht« wurde.
Die groteske Komik und Absurdität des unsinnigen Vorhabens, einen Berg
zu erhöhen ist also keine einmalige Idee aus den »verrückten« zwanziger
Jahren. Vor allem in Kreisen von Fremdenverkehrsmanagern sind keine Ideen
zu stumpf- und blödsinnig, um Berge gerade noch auf 3.000 Meter oder 4.000
Meter »zu machen«. So hat man zum Beispiel dem Dachstein, der mit 2995
Meter alles ist, nur kein 3000er, ein fünf Meter hohes Kreuz aufgesetzt.
Das es aber anscheinend doch noch einige alpenländische Zeitgenossen gibt,
die einen solchen Schritt über die letzte existierende Grenze zu einer unbe-
rührten Natur nicht mitmachen, erzählt die folgende, kuriose Geschichte aus
Berg zu niedrig?
Kein Problem -
aufschütten!
43
Kurioses über Berge
den Schweizer Alpen, die über den schwachsinnigen Versuch berichtet,
einen Berg mit dem Namen Fletschhorn zu erhöhen:
An und für sich wollte der Gemeindepräsident seinem Berg nur die
verlorene Ehre zurückgeben. Er störte sich schon seit Jahren daran,
dass das Fletschhorn, Hausberg der Walliser Gemeinde Saas Grund,
entsprechend neuerer Landkarten lediglich 3993 Meter Höhe erreicht.
Hatten die Landvermesser dem Berg doch vor einigen Jahrzehnten
noch stolze 4001 Meter über Meer bescheinigt? Erosion, genaue
Mess-methoden und abschmelzende Eiskuppen ließen die Bergspitze
im Laufe der Zeit unterhalb der Viertausendergrenze schrumpfen. So
entwickelte sich im Kopf des Gemeindepräsidenten mit der Zeit der
Gedanke, den Gesichtsverlust seines Lieblings ungeschehen zu machen.
Er schlug dem Gemeinderat allen Ernstes vor, das auf dem Berggipfel
zuhauf herumliegende Felsgestein über einige Zeit hinweg peu à peu
aufeinander zulegen, bis die Bergspitze die in den alten Karten
eingetragene Höhe wieder erlangt hat.
Die Dorfpolitiker waren schnell von dem einfältigen Vorhaben ihres
Präsidenten überzeugt, und an der Rückendeckung aus der Bevölkerung
bestand kein Mangel. »Die Gemeinde Saas Grund ist der Auffassung,
dass die ursprüngliche Höhe wieder hergestellt werden muss», heißt es
tatsächlich im Begleitbrief zu dem Baugesuch, welches im Februar 1988
bei der Baukommission des Kanton Wallis vorgelegt wurde.
In Windeseile ging die Nachricht von diesem absurden Projekt dank
Presseagenturen, Rundfunk- und Fernsehen um den halben Globus.
Zahllose Blätter, von der »Chicago Times« bis zur Moskauer »Iswestija«
kredenzten ihren Lesern die Nachricht von der Erhöhung eines Schwei-
zer Berges.
Den wenigen Befürwortern dieses unsinnigen Vorhabens folgten umge-
hend auch die Einsprüche, und der Großteil der Briefschreiber aus
aller Welt wandte sich mit großer Bestürzung an den Gemeindepräsi-
denten. Doch der ließ sich nicht irritieren. Unerschütterlich verteidigte
er sein Vorhaben, bemühte sich alle Proteste zu widerlegen, hob die
umweltschonende Ausführung hervor und verwies man mag's nicht
glauben auf die »Pflicht einer Verwaltung, auch für die Berge zu
sorgen«.
Vergeblich. Am 22. Oktober 1990 lehnten einige sachliche Köpfe im
Baudepartement des Kantons Wallis den Antrag auf Erhöhung des
Fleschhorns ab.
Dem Gemeindepräsidenten ging die verlorene Ehre seines Berges
jedoch nicht mehr aus dem Kopf. Nach Beendigung seiner Amtszeit,
sagt er, werde er von Zeit zu Zeit auf den Gipfel klettern und persön-
lich Stein um Stein aufeinander stapeln, wodurch der Berg dann seine
wahre Größe wieder erhält...
Die Erhöhung eines Berges durch mühevolles aufeinander legen von
Felsgestein war einigen österreichischen Alpenbewohnern entschieden
zu anstrengend. Ein bis dahin namenloser Spitz unter vielen im
Venedigergebiet wurde 1988 schlicht und einfach von nichts sagenden
2997 Metern zu einem Bergriesen von 3000 Metern »hochgemessen«,
um dann zu Ehren eines verdienten Gletscherforschers auf eben diesen
Namen getauft zu werden.
44
Geographische Kuriositäten
Dass ein Berg auch auf eigener Initiative hin »wachsen« kann, beweist der
allseits bekannte Schweizer Berg Mönch. Dessen Gipfel ist nämlich gemäß
neuesten Messungen der Bergeshöhen im Berner Oberland acht Meter höher
als bisher geglaubt. Bessere Messmethoden und eine wider erwartende
Zunahme des Gletschereises werden von den Wissenschaftlern hauptsächlich
für den Wachstumsschub verantwortlich gemacht. Der Mönch, dieser
Schlingel, hat sich auf diese Art und Weise dem benachbarten Gipfel der
Jungfrau auf 51 Meter genähert, weil diese ihre Höhe beibehielt. Die neuen
Instrumente erlauben die Berechnung der Höhen über dem Meer bis auf
30 cm genau.
Der Name eines Berges in Marokko besitzt hintereinander acht Vokale:
Ijouaououene.
Im Vergleich zu ihrer Umgebung sind die Anden das höchste Gebirge der
Welt. Auf einer Entfernung von nur 500 Kilometer fällt das Gelände von den
etwa 7000 Meter hohen Gipfeln bis zu fast 8000 Meter Tiefe im Peru-Chile
Graben ab; eine Höhendifferenz von 14000 Metern.
Die höchste Erhebung des Schwarzwaldes und die höchste Erhebung des
Taunus haben denselben Namen: Feldberg.
Das auf Flughäfen sowie in Flugzeugen und auf Schiffen zollfrei eingekauft
werden kann, ist wohl kaum jemanden unbekannt. Das man aber auch
zwischen Alpenglühn und Almabtrieb Zigaretten stangenweise, Schnaps
literweise und Benzin kanisterweise ergattern kann, hat sich vielleicht noch
nicht überall herumgesprochen.
Zwischen dem Stilfserjoch und Bernina liegt in den rätischen Alpen das
25 km lange Hochtal von Livigno. Das gesamte Dorf Livigno hat 3700 Ein-
wohner und erstreckt sich auf einer Länge von acht Kilometern. Der Ortsteil
Trepalle liegt in einem Seitental auf 2200 m Höhe, wodurch Livigno das
höchste ständig bewohnte Dorf der Alpen ist.
Der Name Livigno wurde 1187 erstmals urkundlich erwähnt. Bis 1952 war
der italienische Ort vom Mutterland aus nur in der schneefreien Zeit
erreichbar und somit eine temporäre Exklave. Durch die Abgeschiedenheit
und die daraus resultierende Strukturarmut des Tales, aber auch aufgrund
der Befürchtung Italiens, Livigno könnte sich der Schweiz anschließen, zu
der es geographisch sowieso gehört, genießt das Dorf seit dem 17.07.1910
den Status der Zollfreiheit. Seit 1968 ist die Gemeinde explizit vom
gemeinschaftlichen Zollgebiet der EG ausgeschlossen.
Erst 1952 wurde der Ort aus seiner halbjährlichen Abgeschiedenheit befreit.
Jetzt gelang es nämlich, die schon seit 1913 bestehende Straßenverbindung
zum italienischen Bormio über den Foscagno-Paß mittels moderner Schnee-
pflüge freizuhalten. Außerdem verbindet seit 1968 der Mont-Lachera-Tunnel
das Tal nach Norden hin mit dem unteren Engadin. Somit entfiel die
Konstellation als temporäre Enklave. Entfallen konnte nun eigentlich auch
Mönch bedrängt
Jungfrau!
Zungenbrecher
Freier Fall
Doppelberg
Auf den Bergen ist Freiheit
(
Friedrich v. Schiller, Die Braut von Messina)
Livigno und Samnaun,
die Duty Free Shops
der Alpen
45
Kurioses über Berge
Wer fühlt sich den
da beobachtet?
...gesehen in der Schweiz
...gesehen in der Schweiz
Geographische Kuriositäten
das Stadium der Zollfreiheit, weil jetzt durch den Fremdenverkehr eine
lukrative Einnahmequelle zu sprudeln begann. Nach eigenen Aussagen ist
Livigno heute eine der reichsten Gemeinden Italiens, allein bedingt durch
den Tourismus. Unverständlicherweise hat der Zollstatus aber weiter Bestand,
ebenso wie im schweizerischen Samnaun.
Das Samnaun ist das letzte linke Seitental des Engadins und zugleich auch
Grenztal zu Tirol. Die ersten Siedler, die zwischen 800 1000 n.Chr. auf der
Suche nach neuen Weidegründen ins Samnauntal kamen, stammten aus
dem Unterengadin. Das Samnaun diente als Maiensäß und war später eine
Fraktion der Gemeinde Ramosch. Bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg war
die Talschaft Samnaun vom Mutterland Schweiz aus nur während der
schneefreien Zeit und nur über Saumpfade erreichbar. Da jedoch ein
Ochsenkarrenweg über österreichisches Gebiet zur Straße Landeck-Pfunds-
Schuls führte, kon-zentrierten sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Beziehungen des Tales weitgehend auf das angrenzende österreichische
Tirol. Die Zentralisation des schweizerischen Zollwesens im Jahre 1848
setzte dem Handel mit dem Tirol schlagartig ein Ende. Damit verloren die
Einwohner von Samnaun eine wichtige Einnahmequelle. Diese Besonder-
heiten veranlassten die Gemeindebehörden von Samnaun erstmals 1888,
dann wieder 1892 beim Bundesrat, Samnaun aus dem Schweizer Zollgebiet
herauszunehmen, also den Zollausschluss für die Talschaft zu beantragen.
Das Begehren wurde damit begründet, daß infolge der schlechten Verbin-
dungen der Warenbezug aus der Schweiz zu teuer käme und die Ausgaben
für ein Zollamt in Compatsch die zu erwartenden Zollerträge überwiegen
würden. 1892 entsprach der Bundesrat diesem Begehren und Samnaun
wurde zollfreies Gebiet.
Jedoch wurden mit zunehmendem Wachstum des Tales die Nachteile der
schlechten Verkehrswege immer spürbarer; auch war die ausschließliche
Verbindung zu Tirol politisch nicht unbedenklich. Der Kanton Graubünden
reichte deshalb 1903 und 1904 an den Bundesrat das Gesuch ein, den Bau
einer Straße von Martinsbruck nach Vinadi und Samnaun zu subventionieren,
mit dem im Jahre 1907 begonnen wurde und die 1912 dem Verkehr über-
geben werden konnte. Nach der Fertigstellung verlor Samnaun den Status
einer Verkehrsexklave und der Hauptgrund, der 1892 den Bundesrat bewogen
hatte, Samnaun aus dem Zollgebiet auszuschließen, war ebenfalls hinfällig
geworden, da nun eine direkte Verbindung zum Mutterland Schweiz bestand
und somit eine gesetzliche Voraussetzung für eine Weiterführung des Zoll-
ausschlusses damit nicht mehr gegeben war.
Seither wurde logischerweise von verschiedener Seite eine Heimführung
Samnauns in das schweizerische Zollgebiet angestrebt. Alle diese Vorstöße
wurden aber vom Bundesrat u. a. mit folgender Begründung abgelehnt:
»Unser Land hat keinen Grund, die Stellung Samnauns zu schwächen und
dadurch die Interessen eines ausländischen Fremdenortes an unserer Grenze
zu begünstigen«. Mit dem ausländischen Fremdenort ist die ehemalige
italienische Verkehrsexklave Livigno gemeint. Objektiv kann man aber
festhalten, dass die gesetzlichen Grundlagen über den Zollausschlussstatus
von Samnaun überholt sind, ja völlig fehlen, so dass Samnaun die Vorausset-
zungen als zollfreies Gebiet nicht mehr erfüllt.
Man stelle sich das einmal vor: Da fährt ein Tankwagen mühsam und
beladen, in langer Fahrt die schmalen und steilen Serpentinen nach Samnaun
47
Kurioses über Berge
hoch. Hinter ihm mit geduldigem Abstand und mit der Geschwindig-
keit einer Endmoräne mehrere PKW. Endlich in Samnaun angekom-
men füllt der Tankzug mehrere Tanks der zahlreichen Benzinstationen.
Darauf haben die Schnäppchenjäger nur gewartet. Gierig werden der
Autotank und diverse Ersatzkanister bis Oberkante Unterlippe aufge-
füllt, Zigaretten und Schnaps gebunkert und wenn sie Glück (oder
Pech) haben, fahren alle hinter demselben Tankwagen die Strecke ins
österreichische Tirol wieder hinunter! Lustig, oder?
Durch die Auswirkungen des EG-Binnenmarktes hat Samnaun, das
wie Livig-no ebenfalls verkehrsgeographisch die Voraussetzung zum
zollfreien Gebiet nicht mehr erfüllt, seinen Zollausschlussstatus zwar
noch nicht verloren, jedoch wird die Schweiz durch die Öffnung des
EG-Binnenmarktes auf Dauer einen Beitritt in die EG nicht umgehen
können, wenn sie den wirtschaftlichen An-schluss in Europa nicht
verlieren will. Spätestens dann wird der zollfreie Status Samnauns und
Livignos wohl endgültig wegfallen.
In der Hügeln des 1000-Einwohner-Dorfes Murrurundi in Neu Süd
Wales, Australien, ist nichts los? Von wegen, hier brennt sogar der
Berg. Ursache für den Burning Mountain sind Kohleflöze, die schon
seit Jahrhunderten vor sich hinglimmen.
In der Gegend des Sustenpasses besitzt der Schweizer Staatsbürger meh-
rere Felsen und Gletscher. Es ist der einzig bekannte Fall, wo sich Berge
und Firnregionen in Privatbesitz befinden.
In der Westschweiz kommt recht häufig das Wort Sex vor, allerdings ist
dort ein großer Fels gemeint: Sex du Liapey.
So angestrengt die japanischen und amerikanischen Touristen auf den
Schiffen ihre Hälse auch ausfahren, es ist nichts, aber auch gar nichts
Besonderes zu sehen. Nur ein schlichter Schieferklotz, von dem es hier
hunderte gibt. Auch noch nicht einmal der höchste und trotzdem:
Deutschlands Fetisch-Fels ist die Loreley. Dabei gibt es rundum soviel
zu sehen. Zwischen Mainz und Köln grüßen von hohem Fels rechts
und links im munteren Wechsel 60 Burgen herab, mehr als in einem
anderen Tal der Welt. Aber hier, am wohl berühmtesten Punkt
Deutschlands, der im Ausland als Synonym für Germany steht, ist
selbst mit dem stärksten (japanischen) Feldstecher nichts auszumachen.
Schon gar keine blonde Maid, die oben auf der Paradeklippe sitzend
und ihr güldenens Haar kämmend, dabei ein derart gewaltiges
Liedchen trällert, dass die Schiffer vor lauter Entzücken das Steuerrad
Der Berg
brennt!
Die roten und weißen Erden
an brennendem Berg
Mein Berg
Der Sex-Hügel
Der große Bluff
48
Geographische Kuriositäten
über die Reling schmeißen und völlig berauscht am Riff zerbröseln. Aber so,
oder zumindest so ähnlich, soll es sich hier der Sage nach abgespielt haben.
Und der Touristen-Boom auf die gefährliche Sirene hat sich bis heute weltweit
gehalten. Der Felsen ist mit Abstand die größte künstliche Touristenfalle in
Deutschland. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten...
Griechenlands höchster Berg ist mit 2917 m der Olymp. Deutschland besitzt
auch einen Olymp, den »Deutschen Olymp«
an der Unterelbe allerdings erreicht er nicht
ganz die Höhe seines hellenischen Namensvet-
ters: 53 m.
Übrigens: Wer sogar in den besten Kartenwer-
ken den »Großen Rollhügel« nicht finden
kann, schmeiße das teure Topographische
Meisterwerk nicht gleich in den Müll, denn bei
dem gesuchten Miniberg handelt es sich nicht
um eine sanfte Erhebung im Gelände, sondern
um einen medizinischen Terminus, nämlich
um eine Muskelansatzstelle am Oberschenkel-
knochen.
1949 wurde der höchste Gipfel des Glacier Divide in Kalifornien anlässlich
des 200. Geburtstags von Johann Wolfgang von Goethe
(Mount) Goethe
getauft.
Des Dichters Berg
Deutscher Olymp mit Aussichtsturm
Der gewaltige
49
Geographische Kuriositäten
Felsformationen
Wenn die Natur einmal Abstand nehmen will von ihrem täglichen Job wie die
»Produktion« von Stürmen und Orkanen, Dürren und Überschwemmungen,
Blitz und Donner, Kälte und Hitze ...und ...und ..und, dann lässt sie sich von
der Muse küssen und formt künstlerische Naturdenkmale aus Stein.
Schlafende Frau, Insel Kosrae, Mikronesien
»La Poule« (»Das Huhn») auf Hienghène, Neukaledonien
51
Kurioses über Berge
»Nofretete«, Insel Taiwan
Elefantenfelsen bei Castelsardo auf Sardinien
Elefantenfelsen in Namibia
52
Geographische Kuriositäten
Old Man of the Mountain, White Mountains, New
Hampshire, USA. Im Mai 2003 gefiel der Natur Ihr
Kunstwerk nicht mehr und sie riss es eigenhändig
wieder ab.
Las playas roque de la Bonanza, Kanareninsel El Hierro
53
Kurioses über Berge
Fern der Heimat
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
KAPITEL
Geo
g
ra
phisc
he K
uriositäten
Exterritoriale Gebiete
ie territoriale Obergewalt ist bei allen souveränen Staaten
Grundvoraussetzung und unverzichtbares Element ihrer
Existenz. Eine fundamentale Schmälerung der Gebietshoheit
ergibt sich durch das Einlegen fremder Gebietsteile, der
exterritorialen Gebiete, in das Territorium eines Ho-
heitsgebietes. Hierbei ist es von geringer Relevanz, ob zwischen
den betroffenen Staaten eine Zollgrenze besteht oder nicht.
Eine fortgefallene Zollgrenze beeinflusst in keinster Weise die
Souveränität eines Staates, es sei denn, der Wegfall der Grenze
führt zu einer Verschmelzung zwischen denen durch
exterritoriale Gebiete behafteten Länder. Die mit Abstand am
häufigsten vorkommenden Gebiete mit exterritorialem Charak-
ter sind die Exklaven und Enklaven.
5
D
Geographische Kuriositäten
A1 und A2 sind Exklaven von A, A2 ist Enklave in C
Der Terminus Enklave hat seinen Ursprung im vulgärlateinischen und
bedeutet etwa soviel wie »festgenageltes Gebiet« bzw. im französischen
»Einschluss«; die gegensätzliche Definition gilt für den Begriff Exklave.
In der Geschichte Europas wurde der Ausdruck Enklave im Vertrag
von Madrid 1526 erstmalig benutzt.
Eine Enklave ist ein Gebiet eines Staates, das von eignem fremden
Staatsgebiet, einschließlich dessen eventuell vorhandenen Territorial-
gewässer, völlig umschlossen wird und deshalb der Zugang zu der
Enklave nur bei Benutzung des jeweiligen fremden Landgebietes,
Territorialgewässers oder Luftraumes möglich ist. Eine Enklave ist also
ein Gebietseinschluß. Geht man vom stengen Wortsinne aus, so kann
ein von mehreren Staatsgebieten umschlossener Gebietsteil wohl als
Exklave, nicht aber als Enklave bezeichnet werden.
Eine Exklave ist ein räumlich getrenntes Gebiet eines Staates, das vom
eigenen Staat aus nicht zugänglich ist; es kann von einem aber auch
von zwei oder mehreren fremden Staatsgebieten umgeben sein. Eine
Exklave ist im Gegensatz zur Enklave ein Gebietsausschluß.
Man spricht aber nicht nur auf internationaler Ebene von Exklaven und
Enklaven, sondern auch auf Landes- und Gemeindeebene werden die
beiden Begriffe in entsprechendem Sinne verwendet (»innerstaatliche«
Ex- bzw. Enklaven). So liegen z. B. in vielen Schweizer Kantonen
Gebietssplitter andere Kantone. Ein weiteres Beispiel wäre die Stadt
Bremerhaven, die zusammen mit Bremen den kleinsten deutschen
Stadtstaat bildet. Bremen und Bremerhaven werden durch niedersäch-
sisches Territorium voneinander getrennt. Somit ist Bremerhaven eine
Exklave des Bundeslandes Bremen und eine Enklave im Bundesland
Niedersachsen. In nahezu allen europäischen Ländern existieren derar-
tige Ex- bzw. Enklaven. So legte sich beispielsweise das walisische
Städtchen Flint als Enklave im englischen Cheshire ein. Auch Stadt-
Enklaven sind bekannt: die US-Amerikanische Villenstadt Beverly Hills
beispielsweise, obwohl selbständig, ist völlig vom Gebiet der Stadt Los
Angeles umgeben; es existieren sogar Stadtteil-Exklaven.
Nicht jede Exklave ist automatisch eine Enklave, wie das folgende
Schema zeigt:
A
B
C
A 2
A 1
In vielen Fällen sind aber Exklaven zugleich auch Enklaven. Diese
wechselseitige Sicht ist aber dann nicht richtig, wenn wie im Schema
gezeigt ein ganzer Staat Enklave eines anderen Staates ist. Diese Situa-
tion würde in Europa z. B. auf die Vatikanstadt und auf die Republik
San Marino zutreffen, weil beide Staaten auf italienischem
57
Exklaven
und
Enklaven
Exterritoriale Gebiete
Territorium liegen und dadurch Enklavenstaaten innerhalb Italiens sind.
Ein weiteres Beispiel ist in Afrika das Königreich Lesotho, das ein
Enklavenstaat innerhalb der Republik Südafrika ist.
In den häufigsten Fällen handelt es sich bei Exklaven und Enklaven
um Gebietssplitter oder zumindest um kleine Gebiete; eine Exklave
bzw. Enklave kann aber auch ein großes Territorium sein (Alaska).
Die Bezeichnung Exklave und Enklave ist weder von der Entfernung
derselben zum Kernstaat abhängig, noch von Grenzcharakteristiken
oder Physiognomien.
Im Unterschied zum mittelalterlichen Europa verfügt heute die große
Mehrzahl der Staaten über ein zusammenhängendes Staatsgebiet.
Gebietsteile eines Landes, welche von fremden Territorien umschlossen
werden, finden sich nur noch in vereinzelten Fällen. In erster Linie
sind Exklaven und Enklaven Folge von historischen territorialen
Relikten. Sie sind auf alte Herrschafts- und Eigentumsrechte zurückzu-
führen deren Wurzeln in der feudalen Machtstruktur zu finden sind.
So bestand Preußen und Deutschland nach dem Wiener Kongreß 1815
anstelle des alten Reiches aus einem Bund von deutschen Staaten der
sich aus 35 Fürstentümern und vier Städten zusammensetzte. Die
Fürsten wollten eine sinkende Welt aufrecht erhalten, in der sie in
gottbegnadeter Herrlichkeit ungehindert über gefügige «Untertanen«
schalten und walten konnten. Sie betrachteten ihren Landbesitz als
persönliches Eigentum und erwarben oder veräußerten ihn ad libitum,
ohne dass seine Bewohner darum gefragt wurden.
Fast jedes historische Ereignis zog damals eine Gebietsumverteilung
mit sich. Das geschah inform von Erwerbungen zum bestehenden Herr-
schaftsgebiet, Zuweisungen oder Tausch gegen andere Hoheitsrechte
aus Bündnissen, Kauf, Zerwürfnissen, etc. Ein Ergebnis also von Erfol-
gen, Mißerfolgen und Zufällen in der langen Geschichte des Aufbaus
eines eigenen Staatsgebietes. Die landesherrliche Willkür und deren
dynastische Wechselspiele führten zu extremen Entwicklungen von
Exklaven und Enklaven, deren Nachwirkungen noch heute in der
Gliederung deutscher Verwaltungsbezirke sichtbar sind. So bestand
z. B. das Fürstentum Schaumburg-Lippe (Residenzstadt Bückeburg) bis
1918 als Enklave inmitten des Königreich Preußen und war noch bis
1976, ungeachtet seiner kleinen Gebietsfläche (340 Quadratkilometer),
ein eigener Landkreis. Bis 1972 besaß der Landkreis Braunschweig die
Exklave Thedinghausen, die 130 Kilometer (!) von Braunschweig ent-
fernt, südlich von Bremen lag. Erst zu diesem Zeitpunkt wurden durch
das »Verdener Gesetz« die Gemeinden des Amtsbezirkes Theding-
hausen zusammen mit einigen Gemeinden der Grafschaft Hoja dem
Landkreis Verden eingegliedert.
Die Zahl der Ex- bzw. Enklaven hat sich also in den letzten Jahrhun-
derten stark reduziert; andererseits sind aufgrund des Zusammenbruches
der Sowjet-Union auch wieder neue Exklaven entstanden. So lässt sich
aus heutiger Sicht nicht vorhersagen, wie lange der Rest dieser geogra-
phischen und völkerrechtlichen Abnormitäten noch Bestand hat. Die
Lage der europäischen Ex- bzw. Enklaven scheint so gereift zu sein,
dass ihre Auflösung nur durch zwangsweise durchgeführte Gebiets-
veränderungen oder bei einer Staatenvereinigung im Rahmen einer
progredienten europäischen Verständigung denkbar ist. Die vier
klassischen europäischen Exklaven sollen nun vorgestellt werden:
Exklaven und Enklaven
sind anachronistisch-
geographische
Kleinfossilien.
58
Geographische Kuriositäten
Wenn es um Grenzkuriositäten geht, müssen wir Deutsche selbstver-
ständlich mit von der Partie sein, das sind wir unserer Geschichte
schuldig. Und so darf die Bundesrepublik denn auch eine »echte«
Exklave ihr eigen nennen: Büsingen am Hochrhein.
Östlich von Schaffhausen, unweit der Stelle, wo der Rhein seinen
wohbekannten 20 Meter tiefen Fall tut, liegt inmitten schweizerischen
Territoriums ein Stückchen Land, welches zur Bundesrepublik gehört,
und zwar zu Baden-Württemberg. Die Gemeindefläche umfasst 7,62
Quadratkilometer und wird von den schweizerischen Kantonen
Thurgau, Zürich und Schaffhausen begrenzt. Wer dieses ländliche
Gebiet mit dem Dorf Büsingen darin besuchen möchte muß durch die
Schweiz. Der Weg ist allerdings nicht weit, denn von Rumpfdeutschland
ist die Exklave nur 700 bis 1500 Meter entfernt. Die Entfernung bis zum
nächsten deutschen Ort beträgt 5,6 Kilometer. Büsingen gehört zum
deutschen Landkreis Konstanz.
Die Geschichte der Exklave Büsingen ist ein vortreffliches Beispiel euro-
päischer Territorialgeschäfte vergangener Jahrhunderte. Wie anderwärts,
so auch in dieser Gegend kauften und verkauften größenwahnsinnige
Könige, Fürsten, Herzöge, Grafen und Landvögte und belehnten und
vertauschten und verpfändeten Ländereien mit wachsender Begeisterung
und konstanter Boshaftigkeit so lange hin und her, bis letztlich im Jahre
1770 das Büsinger Ländchen vom Mutterland abgeschnitten, in der
Gegend lag.
Die Ortschaft Büsingen ist eine der zahlreichen Siedlungen der Gegend,
die etwa um 500 n. Chr. durch alemannische Gründungsinitiative
entstanden ist. Die auf dem Kirchberg gelegene, oberhalb des Ortes
Büsingen sich befindliche »Michaeliskirche« zählt zu den ältesten Kult-
stätten im Hegau und am Hochrhein. Erstmals urkundlich erwähnt wird
Büsingen im Jahre 1090 mit der Ortsbezeichnung »Bosinga«. In jener
Urkunde bestätigt Graf Burkhard von
Nellenburg die Schenkung von umfang-
reichen Gütern in Büsingen an das von
seinem Vater gegründete Kloster Aller-
heiligen in Schaffhausen. Seit dem Jahre
1361 besaßen die Herren von Klingen-
berg die Vogteirechte in Büsingen, die
sie 1463 an den damaligen Bürgermeister
von Schaffhausen verkauften. 1535
belehnte König Ferdinand I. zwei
Adelige der Schaffhauser Familie »Im
Thurn« mit der Vogtei Büsingen. Die
niedere Gerichtsbarkeit in Büsingen
verblieb bei dieser Schaffhauser Familie
bis zum Jahre 1859. Schaffhausen erwarb
1651 von Österreich als Pfandlehen die
hohe Gerichtsbarkeit über einige Dörfer
im Reiat einschließlich Büsingens. Die
schließliche Einverleibung in den Kan-
ton Schaffhausen wurde durch den Im--
Thurn-Streit 1693-1699 verhindert, dessen Ende war, daß Schaffhausen
die hohe Gerichtsbarkeit über alle 1651 pfandweise überlassenen Dörfer
Die deutsche
Exklave Büsingen
Eine ganz banale deutsche Ortseingangs-
tafel. Diese hier steht aber nicht in
Deutschland, sondern in der Schweiz
Die Büsinger Post -
mit deutscher und
Schweizer Postleitzahl
Büsingen
Kreis Konstanz
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Exterritoriale Gebiete
wieder verlor. Als Schaffhausen 1770 die verlorenen Gebiete zurück-
kaufte, blieb Büsingen von diesem Kauf ausgeschlossen. Durch den
Preßburger Frieden 1805 kam Büsingen mit der Landgrafschaft Nellen-
burg an Württemberg und 1810 im Austausch an Baden. Als Österreich
im Jahre 1870 seine landgräflichen Rechte über das Nachbardorf Dörf-
lingen an Zürich verkaufte, wurde Büsingen von allen Seiten von
schweizerischem Gebiet umschlossen. Aus dieser Situation heraus ent-
stand die deutsche Exklave Büsingen, die zugleich auch die Definition
der Enklave erfüllt.
Diese Lage hatte in der Folge ihre Auswirkungen besonders auf dem
Gebiet des Zolles und aller damit zusammenhängenden Bereiche.
Nach der Bildung des Deutsches Zollvereines im Jahre 1834 wurde
Büsingen durch eine Großherzogliche Verordnung von diesem Zoll-
verband ausgeschlossen. Büsingen wurde deutsches Zollausschlussgebiet.
Als erster Staatsvertrag über Büsingen wurde zwischen dem Deutschen
Reich und der Schweiz am 21.9.1895 eine Übereinkunft getroffen, um
der Gemeinde gewisse Erleichterungen im grenznachbarlichen Verkehr
zu gewähren und die Handhabung der Strafrechtspflege zu sichern.
Von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung der Gemein-
de wurde die Aufhebung der schweizerischen Zollkontrolle um Büsin-
gen am 31.12.1946. Nach mehrjährigen Verhandlungen konnte am
23.11.1964 ein Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und
der Schweizerischen Eidgenossenschaft über die Einbeziehung der
Gemeinde Büsingen am Hochrhein in das schweizerische Zollgebiet
abgeschlossen werden. Dieser zweite schweizerisch-deutsche Vertrag
über Büsingen ist seit dem 4.10.1967 in Kraft und bildet die Grundlage
für das wirtschaftliche Leben in der Gemeinde. Er ist trotz der Winzig-
keit des Areals ein außerordentlich kompliziertes Gebilde, denn natür-
lich mussten Probleme wie beispielsweise Tierseuchenbekämpfung,
Leichentransport, Waffenscheinrecht, Auslieferung von Kriminellen,
Lehrstellenanerkennung, Gerichtsvollzieherzuständigkeit etc.vertraglich
genau festgelegt werden.
Die deutsche Exklave
Büsingen am Hochrhein
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