INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 2
2. Die Erzählung Bela - Ein Drama im Roman 2
2.1 Erzählperspektive und Gattungszuordnung 3
2.2 Komposition in Bezug auf die Charakterisierung Peþorins 5
2.3 Komposition der Geschichte Maksim Maksimyþs 6
3. Peþorin - Zwischen Held und Antiheld 9
4. Bela - Romantische Schönheit der Wildnis 11
5. Zusammenfassung 12
Literaturverzeichnis 13
Anhang 14
1
1. Einleitung
„In einem jeden Buche ist das Vorwort die erste und dennoch gleichzeitig die letzte Sache; es dient entweder zur Erklärung der Absichten des Werkes oder zu seiner Rechtfertigung“ (ML 3). Mit diesen Worten eröffnet Michael Jureviþ Lermontov seinen Roman Ein Held unserer Zeit, welcher Gegenstand der folgenden Untersuchungen ist. 1 Das von dem Autor im Jahre
1838 begonnene und Anfang 1840 fertig gestellte Manuskript erschien bereits im Mai 1840 erstmalig in Buchform und gilt als das bedeutendste Werk des stark unter dem Einfluss folgen ihre Erkenntnisse jedoch nicht weiter. Ein Anliegen der vorliegenden Arbeit soll es nun sein diese Besonderheiten der ersten Erzählung zu ergründen. Eine Gattungszuordnung lässt sich schwerlich anstellen, doch erwies es sich in vielerlei Hinsicht aufschlussreich Bela unter dra-mentheoretischen Gesichtspunkten zu untersuchen.
Dabei soll zunächst auf den kompositorischen Aufbau der Erzählung sowie auf deren Stellung und Bedeutung innerhalb des Romans näher eingegangen werden, um dann eine genaue Analyse derselben anzustellen. Infolge dessen ergibt sich die Beleuchtung des Protagonisten Peþorin, bei dem sich die Frage nach seiner Bedeutung als Held, oder gar als Antiheld, der Geschichte eröffnet. Abschließend soll geklärt werden, in welchem Sinne das Mädchen Bela eine Verkörperung bestimmter Leitbilder der Romantik darstellt.
2. Die Erzählung Bela - Ein Drama im Roman
Die Erzählung Bela, die dem Vorwort des Autors folgt, erschien bereits 1839, also noch während des Schaffungsprozesses des Gesamtwerks, in der Zeitschrift Oteþestvennye Zapiski (Killmann 2005:3). 2 Daher ergibt sich die Vermutung, dass es sich hierbei um eine der ersten
von Lermontov komponierten Einzelerzählungen handelt, die schließlich in Ein Held unserer Zeit zu einem Roman zusammengefügt wurden. Diese fünf im Russischen als povesti zu bezeichnenden Geschichten unterliegen gemeinsam genau einem Problem: der Gattungszuordnung. So werden sie im Folgenden als Erzählung genannt, entsprechen jedoch meist nicht vollkommen den Merkmalen eben dieser, sondern weisen Charakteristika verschiedener Gat- 1 Lermontovwurde am 15.10.1814 in Moskau geboren und starb am 27.07.1841 in Pjatigorsk infolge eines Duells. Der ehemalige Offizier, der zweimal in den Kaukasus strafversetzt wurde und dort bereits während seiner Kindheit einige Kuren verbrachte, gilt neben Aleksandr Sergeeviþ Puškin (1799-1837) als der bedeutendste Vertreter der russischen Romantik in der Literatur.
2 Die 1818 gegründete und zwischenzeitlich verbotene Zeitschrift Oteþestvennye Zapiski wurde zu dieser Zeit vom Lyriker Nikolaj Alekseeviþ Nekrasov (1821-1877) publiziert. Er war ab 1846 auch Herausgeber des Sovremenik.
2
tungen auf. Ebenso verhält es sich mit dem Gesamtwerk an sich, das durch Lermontov keine genaue Zuordnung erfuhr (Killmann 2005:5). Auch aus diesem Grund heraus erscheint eine dramentheoretische Analyse als gerechtfertigt und lohnenswert. Im Grunde fügte der Autor fünf selbstständige Erzählungen zusammen, die allein durch den Protagonisten Peþorin, der entweder aktiv oder passiv in jeder einzelnen povest’ erscheint, inhaltlich miteinander ver-bunden sind.
2.1 Erzählperspektive und Gattungszuordnung
Killmann beschreibt Bela in diesem Zusammenhang zunächst als einen „Bericht (rasskaz) über Peþorin aus dem Munde einer anderen handelnden Person (Maksim Maksimyþ)“ (Killmann 2005:4), geht dann jedoch näher auf eine Verbindung von Reiseskizzen und Rahmenerzählung ein (Killmann 2005:6). Bei genauerer Betrachtung eröffnen sich insgesamt drei Erzählebenen, die jeweils durch die Erzählperspektive bestimmt werden. Aus der Verwendung mehrer Erzähler wiederum ergibt sich das Problem der Gattungszuordnung. So könnte man den jungen Offizier, der durch den Kaukasus reist durchaus als „Haupterzähler“ bezeichnen, denn er übermittelt das Gesehene und Gehörte an den Leser. Vorrangig schildert er die ihn umgebende Landschaft als auch die Begegnung mit Maksim Maksimyþ. In Bezug auf diese für Reisetagebücher typischen Elemente ist eine Beschreibung in diesem Sinne, allerdings nur in Bezug auf den erzählenden Offizier, möglich. Dafür spricht auch der Untertitel, der der Erzählung Bela bei der Veröffentlichung in den Oteþestvennye Zapiski hinzugefügt war: Iz zapisok oficera o Kavkaze [Aus den Aufzeichnungen eines Offiziers über den Kaukasus]. Andrew Barratt und A.D.P. Briggs weisen jedoch auf den zu bedenkenden Um-stand hin, dass Reisenotizen zu dieser Zeit bereits eher ein veraltetes Genre darstellten und Lermontov wohl eine Parodie darauf konzipierte (Barratt 1989:23) 3 . Dafür sprechen bereits
die ersten Sätze der Anfangserzählung in denen der Offizier darauf aufmerksam macht, dass er bereits einige Aufzeichnungen über Georgien anfertigte, aber „der größte Teil dieser Papiere […] zum Glück für den Leser verlorengegangen“ ist (ML 6). Zu Beginn der Erzählung Maksim Maksimyþ wiederholt sich diese Ausdrucksweise in ähnlicher, wenngleich drastischerer Form:
3 Im Gegensatz zu Killmann differenzieren sich Andrew Barratt und A.D.P. Briggs von einer Beschreibung als Reisenotiz, fassen Übereinstimmungen mit diesem Genre gar als Parodie desselben auf: „’Travel memoir’ seems to be the most likely generic description, but this term relates only to the framework of the tale. Such is the ironic dismissivness of the traveller-narrator, who begins by telling us he has lost half his notes, that the manner of narration amounts nearly, if not quite, to parody.” (Barratt 1989:10).
3
Ich will Sie mit der Beschreibung der Berge verschonen, mit Ausrufen, die nichts ausdrücken,
mit Bildern, die nichts bedeuten, zumal für jene, die noch niemals dort gewesen sind, und insbe-
sondere mit statistischen Anmerkungen, die zweifellos keiner jemals lesen wird. (ML 56).
Durch einen Fußnotenkommentar auf Seite 21 tritt in Bela der Autor selbst als Erzähler in Erscheinung, indem er den Leser direkt anspricht. Durch die Äußerung, dass er Kazbiþs Lied in Verse setzte, obwohl es „mir selbstverständlich in Prosa wiedergegeben wurde“ erzeugt Lermontov die Glaubhaftigkeit der in der Erzählung geschilderten Ereignisse (ML 21). Als beachtenswert erweist sich die vom Offizier wiedergegebene, aber von Maksim Maksimyþ erzählte Geschichte von Bela. Sie stellt eine eigenständige Erzählung im Reisebericht des eigentlichen Erzählers dar, weshalb der alte Stabskapitän Maksim Maksimyþ eine Doppelrolle vertritt. Einerseits ist er selbst Erzähler, andererseits handelnde Person in der von ihm geschilderten Geschichte als auch innerhalb der Rahmenerzählung (Barratt 1989:17). Es lassen sich in Bela folglich ein Autor (Lermontov), ein Erzähler der zum Leser spricht (Offizier), als auch ein Erzähler der zum „Haupterzähler“ spricht (Maksim Maksimyþ) ausmachen. Doch welche Funktion kommt dieser verschachtelten Erzählperspektive zu? Ganz offensichtlich wird der Leser durch die komplizierte Erzählstruktur zur Konzentration angehalten, denn er muss unbedingt aufmerksam sein, um die jeweiligen Geschehnisse dem entsprechenden Erzähler zuzuordnen. Durch die häufigen Unterbrechungen der Geschichte des Maksim Maksimyþ in Form von Landschaftsbeschreibungen oder Zwischenfragen des Offiziers, die den Erzählfluss der aktiven Handlung innerhalb der Belageschichte stören, steigert sich die Spannung des Lesers. Ganz unwillkürlich tritt das Bedürfnis desselben auf, das Ende dieser Geschichte zu erfahren, wodurch er folglich zur weiteren Lektüre angehalten wird. Zusätzlich verstärkt diese Anordnung die Vertrauenswürdigkeit beider Erzähler. Der Leser fühlt sich in die Lage des namenlosen Offiziers versetzt, der die Geschichte des Stabskapitäns durch unzählige Zwischenfragen unterbricht, die auch beim Leser auftreten können: „Und lebte er lange bei Ihnen?“ (ML 14), „Wie wird denn dortzulande eine Hochzeit gefeiert?“ (ML 15), „Was war denn was sie sang, können Sie sich nicht daran erinnern?“ (ML 16). Folglich identifiziert sich der Leser mit dem „Haupterzähler“, nimmt ihn ernst und empfindet Sympathie für ihn; eine wichtige Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Schließlich fungiert der junge Offizier ganz klar als Medium zwischen Maksim Maksimyþ und dem Rezipienten. Er „übersetzt“ gewissermaßen die raue und simple Erzählweise des im realen Leben stehenden Maksim Maksimyþ in eine ansprechende literarisch-ästhetische Form (Barratt 1989:12).
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Quote paper:
Janine Schöne, 2008, "Ein Held unserer Zeit" als Antiheld?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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