Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung
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2. Rotwelsch Die deutsche Gaunersprache
2.1. Entwicklungsgeschichte
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2.1.1. Vom Entstehen eines neuen Standes
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2.1.2. Vom 30 jährigen Krieg bis zum Ende des
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napoleonischen Zeitalters
2.1.3. Vom Beginn der Industrialisierung bis heute
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2.2. Rotwelsch-Dialekte
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2.2.1. Masematte
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2.2.2. Henese Fleck
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2.2.3. Hundeshagener Musikantensprache
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3. Rotwelsch als sprachwissenschaftlicher Gegenstand
3.1. Sprachtypologische Einordnung des Rotwelsch
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3.1.1. Die Geheimhaltungsabsicht
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3.1.2. Das Identifikationsmittel
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3.2. Wichtige Forschungsarbeiten
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3.2.1. Kenntnis des Rotwelsch zum Schutz vor Betrügern
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3.2.2. Kriminalistisches Interesse
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3.2.3. Soziohistorisches und linguistisches Interesse
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3.2.4. Schriften von Rotwelschen
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3.3. Literarische Überlieferungen
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4. Die Lexik
4.1. Deutsche Einflüsse
4.2. Jiddische und hebräische Einflüsse
4.3. Zigeunersprachliche Einflüsse 4.4. Einflüsse anderer Sprachen
5. Rotwelsch im Berlinischen
6. Rotwelsch heute – Fazit
7. Anhang
7.1. Literaturverzeichnis
7.2. Abbildungsnachweis
7.3. Listen gaunersprachlicher Begriffe im Berlinischen
7.3.1. Liste I: Rotwelsche Wörter im Berlinisch-Wortschatz
7.3.2 Liste II: Berlinische Wörter im Rotwelsch-Wortschatz
7.3.3. Liste III: Berlinische Wörter, die eine
Verwandtschaft zum Rotwelsch nahe legen
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1. Einleitung
„Legst du mal bitte noch die Flebbn raus!“ – Jeder in meiner Familie weiß dann sofort, dass es sich dabei um die Fahrzeugpapiere handelt. Woher wissen wir das? Immerhin ist eine direkte Ableitung aus dem Wort nicht möglich. Ein Blick in den Duden verrät: Flebbe, die -, -n meist Plur. (Gaunerspr. Ausweispapier) 1 . Wir bedienen uns also eines gaunersprachlichen, rotwelschen Begriffes.
Bei einer tiefergehenden Untersuchung der Etymologie dieses Wortes begibt man sich auf die Spuren von Vaganten 2 , Dieben, Bettlern, Händlern und Hausierern 3 , deren Geschichte sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Von Beginn an bildete das ‚fahrende’ Volk eine Gesellschaft in der Gesellschaft, da dessen Lebensweise nicht den Vorstellungen und Erwartungen der anderen Menschen entsprach. Die von ihm geschaffene Sprache lässt sich – trotz vieler sozialer Veränderungen – bis in die heutige Zeit nachweisen und ist zumindest punktuell auch in der Gemeinsprache wieder zu finden 4 .
Eine Auseinandersetzung mit dem Rotwelschen beinhaltet somit auch die Beschäftigung mit sozialen Unterschieden und den daraus entstehenden Ab- bzw. Ausgrenzungen. Denn erst diese bieten Anlass und Möglichkeit für die Herausbildung einer solchen Sondersprache. Darüber hinaus lassen sie Rückschlüsse auf die Funktionen der Gaunersprache zu: Geheimhaltung und Identifikation.
Einige Beispiele sollen helfen, das heutige Vorkommen der Gaunersprache – in seiner „sesshaften“ Form – als Rotwelsch-Dialekte darzustellen. Des Weiteren soll diese Arbeit einen Überblick über wichtige Forschungsarbeiten liefern und Einblick in literarische Überlieferungen geben.
1 Für die Schreibung dieses Wortes finden sich verschiedene Schreibweisen: Flebbe/-n, Flebbn, Fleppe, Flepn. Duden – Die deutsche Rechtschreibung (2000), S. 380; Girtler, R.: Rotwelsch – Die alte Sprache der Gauner, S. 156 2 Vaganten, von vagari, lat.: wandern, umherschweifen 3 u.a., Wolf unterscheidet insgesamt 9 Sprechergruppen (siehe S. 13 dieser Arbeit), aus: S. Wolf: Rotwelsch, die Sprache sozialer Randgruppen, S. 75 4 „Das deutsche Universalwörterbuch [Duden] listet in seiner […] fünften Auflage aus dem Jahre 2003 77 als gaunersprachlich gekennzeichnete Eintragungen auf.“ aus: Hochhaus, Stephan: Rotwelsch – die deutsche Gaunersprache, Eine künstliche Sprachbarriere (Hauptseminarsarbeit)
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Aufgrund der großen Beweglichkeit der Rotwelsch-Sprecher und der damit begünstigten Interaktion innerhalb dieser heterogenen Gruppe erklärt sich eine lexikalische Besonderheit: der Einfluss verschiedener Sprachen. Auch wenn ein Großteil der Wörter dem Deutschen entstammt, lassen sich unter anderem Einflüsse aus dem Jüdisch-Hebräischen, Zigeunerischen, Lateinischen und Niederländischen nachweisen.
Dass letztlich nicht nur deutsche Mundarten und andere Sprachen prägend auf die Gaunersprache wirkten, sondern auch diese wiederum Gemein- und Alltagssprache beeinflusste, soll am Beispiel des Berlinischen aufgezeigt werden.
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2. Rotwelsch – Die deutsche Gaunersprache
Den Beginn der Betrachtungen soll die Klärung des Rotwelsch-Begriffes als Bezeichnung für die deutsche Gaunersprache haben. Einigkeit besteht hinsichtlich des ersten Auftretens des Wortes in der deutschen Literatur um 1250. Hier steht rotwalsch bereits in einer übertragenen Bedeutung für „Worte geheimen, arglistigen Sinnes“ 5 . Dabei wird der Wortteil –walsch als ‚fremdartig, unverständlich’ interpretiert, Bedeutungen, die im übertragenen Sinn aus ‚romanisch’, besonders ‚italienisch’ 6 , ‚französisch’, hervorgegangen sein sollen 7 .
Dagegen finden sich für rot- zwei verschiedene etymologische Erklärungen: Die erste Variante wird abgeleitet aus dem Wortbestand des Liber Vagatorum (ca. 1510), wonach rotboß (Bettlerherberge, boß – Haus, Herberge), Rottun (Bettler) und Rotten (betteln) den Schluss nahe legen, dass mit dem Wortteil rot- Bettler bezeichnet wurden. Insofern wäre Rotwelsch dann die „(schwer verständliche) Sprache der Bettler“.
Eine andere Ansicht wird zum Beispiel im Grimmschen Wörterbuch (1893) vertreten: Hier steht rōt für ‚rothaarig, falsch’. Die Farbbezeichnung enthält also Nebenbedeutungen im Sinne von ‚schlau, falsch, gerissen’. Mit diesem Ansatz kommt dem Sprachnamen die Bedeutung „betrügerische Rede“ zu.
In der Sprachwissenschaft hat sich die Bezeichnung Rotwelsch für die deutsche Gaunersprache durchgesetzt. Darüber hinaus finden sich aber auch: Argot 8 , Jenisch 9 , Kundensprache 10 und Kochemer loschn 11 sowie verschiedene Namen von Rotwelsch- Dialekten etwa Masematte 12 , Giessener Manisch und Lingelbacher Musikantensprache.
5 Kluge, F.: Rotwelsch, S. 1
6 der Wahle, der Walisch: italienischer Krämer, fremder Händler, vgl.: Wolf, S.A.: Wörterbuch des Rotwelschen, S. 9 7 nach: Lühr, R.: Zum Sprachnamen Rotwelsch, S. 16 8 „Argot: Bez. für verschiedene spezielle Varietäten sozialer Randgruppen, Sondersprachen, im Dt. als Rotwelsch, im Engl. als Cant bekannt.“ aus: Glück, H.: Metzlers Lexikon Sprache, S. 59 9 Das Wort enthält die zigeunerische Wurzel „dsian“, was so viel wie „wissen“ bedeutet. Jenisch ist also die „kluge Sprache“. Nachweisbar ist diese Bezeichnung seit 1714. vgl.: Wolf, S.A.: Wörterbuch des Rotwelschen, S. 10 10 Kunden bezeichnet „stromernde Handwerksburschen, Walzbrüder“; Vgl.: Wolf, S.A.: Wörterbuch des Rotwelschen, S. 10 11 Diese Bezeichnung leitet sich aus dem Jiddischen ab: chochem >klug<, lošn >Sprache<; Aus: Glück, H.: Metzlers Lexikon Sprache, S. 587 12 Masematte ist ein in Münster beheimateter Dialekt. Das Wort bedeutet in der ursprünglichen Form „Verhandlung, Geschäft“, erhielt in der Gaunersprache jedoch eine neue Bedeutung: „Diebstahl“.
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2.1. Entwicklungsgeschichte
2.1.1. Vom Entstehen eines neuen Standes
Schon in der heidnischen germanischen Gesellschaft gab es Unfreiheit, die jedoch „als deren wesentlichste Eigentümlichkeit […] gerade die Fürsorge für die leiblichen Bedürfnisse und für das Auskommen des Knechtes und seiner Familie“ 13 aufwies. Somit garantierte sie den Schutz des Einzelnen vor Heimat- und Besitzlosigkeit. Diese Situation änderte sich im Laufe des Mittelalters mit dem Wandel der „gesellschaftlichen Organisationsstrukturen, [der] Modelle des Wirtschaftens und [der] Regierungsformen“ 14 erheblich.
Zwar stellte Karl d. Große die „minus potentes“ oder „pauperes“ 15 noch unter seinen persönlichen Schutz „gegen die vielen kleinen Patrone, die die Rechte der Armen mit Füßen traten“ 16 , allerdings konnte dieser Rechtsschutz der Ausbeuterwirklichkeit wenig entgegensetzen. Auch wenn „im gesellschaftlichen Bewusstsein der Menschen des Mittelalters die Sesshaftigkeit, die Verwurzelung an einem Ort und in einer Gemeinschaft positiv bewertet“ 17 wurde und „das Gefühl der Ordnung und der sozialen Sicherheit sich auf Bande des Blutes und der Nachbarschaft stützt“ 18 , füllten sich die Straßen mit immer mehr Menschen: Rittern, Handwerksgesellen, Scholaren, Mönchen und Pilgern, Zigeunern 19 , aber auch denen, „die in Acht und Bann gerieten, sei es, dass sie durch Beschluss der Gemeinschaft, durch gesetzliches Gebot oder gerichtliches Urteil das Recht einbüßten, sich in einem bestimmten Territorium aufzuhalten“ 20 . Eine große Gruppe bildeten auch die leibeigenen Bauern, die verarmt ihre Schollen verlassen hatten, ihr Heil als Landstreicher suchten und zu Hunderttausenden 21 in die
13 Avé-Lallement: Das deutsche Gaunertum, S. 35
14 Geremek, B.: Der Außenseiter, S. 374 15 die Schwachen oder Armen, vgl.: Boehncke, H./Johannsmeier, R.: Das Buch der Vaganten, S. 9 16 Boehncke, H./Johannsmeier, R.: Das Buch der Vaganten, S. 9 17 Geremek, B.: Der Außenseiter, S. 375 18 ebd.
19 Avé-Lallement zeigt auf, dass sich die ersten Spuren von Zigeunern in Deutschland erst um 1417 (Nordsee) finden. Vgl.: Avé-Lallement: Das deutsche Gaunertum, S. 27 20 ebd., S. 376 21 Um der riesigen Bettlerheere Herr zu werden, wurde ihnen der Zugang zur Stadt verwehrt. Es entstehen Vorstädte, das Milieu – ursprünglich Orte, an denen Exkremente gesammelt wurden. Auf dem Kohlenberg – seit dem 14. Jh. Teil der Stadt Basel – sollen bis zu 40.000 Bettler neben Kloakenreinigern, Totengräbern und Henkern gelebt haben. Bettlerordnungen wie die der Stadt Augsburg von 1461 untersagten das Betreten der Stadt. Nur Kranken, Verdächtigen und Pilgern war das Betteln für wenige
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aufblühenden Städte 22 kamen. Zum fahrenden Volk gesellten sich auch viele Juden, die Handel trieben oder sich gegen die Einschränkungen und Diskriminierungen in der christlichen Gesellschaft auflehnten und diesen das Leben als Gauner vorzogen.
Von den „guten Bürgern“ als Bedrohung wahrgenommen, die wie eine Pest ihre sauberen Städte überflutet, nutzten die Bettler und Vaganten eine Nische, die auch durch die Verbreitung der christlichen Lehre unterstützt wurde – die Mildtätigkeit. „Das Bewusstsein dafür, dass im Almosen die Möglichkeit enthalten ist, die Sünden zu büßen, die man begehen musste, um Reichtum zu erwerben, die man begeht, wenn man Reichtum genießt, verkleidet sich in die zwanghafte Pflicht, einem Bettler geben zu müssen. […] Im gesellschaftlichen Sinne ist Armut aussätzig. Im Sinne der persönlichen Vermittlung zwischen Sünder und Gott ist sie heilig.“ 23
Doch musste sich der Almosenerbittende als würdig, als tatsächlich bedürftig erweisen. Die Bettler, aber auch Gauner, beginnen sich zu Banden zu organisieren und in den Techniken des Bettelns und Stehlens zu unterrichten. Im Liber Vagatorum werden 28 Nahrungen – Arten des Almosenerwerbs – unterschieden. Diese Typen tragen rotwelsche Bezeichnungen, daneben finden sich in dieser ersten Phase der Sprachentwicklung hauptsächlich Wörter aus den Bereichen Nahrungsmittel, Geld, Unterkunft, Berufsbezeichnungen und Glückspiel. So taucht das Wort fleb hier erstmals mit der Bedeutung ‚Spielkarte’ auf.
2.1.2. Vom 30-jährigen Krieg bis zum Ende des napoleonischen Zeitalters
Die Kriege, die beginnend mit dem Prager Fenstersturz 1618, vor allem auf deutschem Boden wüteten, um die Machtverhältnisse in Europa neu zu ordnen, markieren den Anfangspunkt für den zweiten Abschnitt der Rotwelsch-Entwicklung. Die Verwüstungen hatten nicht nur eine verheerende Auswirkung auf die Bevölkerungszahl (nur 50% überlebten), sondern auch auf die Volkswirtschaft 24 .
Tage erlaubt. vgl.: Boehncke, H./Johannsmeier, R.: Das Buch der Vaganten, S. 15 und 53; : Girtler, R.: Rotwelsch – Die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden, S. 69 22 Der prozentuale Anteil der Gesamtbevölkerung, der in den Städten lebt, stieg im Zeitraum von 1100 bis 1340 von 3% auf 10%. vgl.: Bertelsmann Lexikothek – Panorama der Weltgeschichte, Bd. 2, S. 192 23 Boehncke, H./Johannsmeier, R.: Das Buch der Vaganten, S. 16 24 vgl.: Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 4, S. 100
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Franka Birkholz, 2004, Rotwelsch - Die geheime Sprache sozialer Außenseiter, Munich, GRIN Publishing GmbH
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