Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S 1
2 . die Erzählung S 2
2.1 der Inhalt S 2
2.2 Beschreibung des Textes S 2
3. Charakterisierung des Mädchens S 5
3.1 die Borderlineerkrankung S 5
3.1.1 Stimmungsschwankungen S 5
3.1.2 Utopische Zielsetzungen S 6
3.1.3 gestörtes Selbstbild S 8
3.1.4 Intensive Kontakte S 8
3.1.5 Masochismus / Selbstzerstörung S 9
3.1.6 Ursachen S 10
3.1.5.1 Grundangst S 10
3.2 Entfremdung S 11
3.2.1 das Fremde S 11
3.2.2 Selbstmord als Erlösung S 12
4. Fazit S 14
Fußnoten S 15
1. Einleitung
Ich befasse mich mit der Erzählung „ Ein Pfund Orangen“ von Marieluise Fleißer. In dem Seminar „ Marieluise Fleißer - Leben und Schreiben im Spagat“ wurde die Verbindung zwischen ihrer Biographie und ihren Werken thematisiert. Erstaunlich war meiner Meinung nach, dass in der abschließenden Sitzung von den Kommilitonen keinerlei Verständnis für das Verhalten der Frauen aus den Werken aufgebracht wurde.
Die Erzählung geht zurück auf Erfahrungen, die Marieluise Fleißer in München gemacht hat. In dem Aufsatz „die ersten Schritte“ aus dem Jahr 1950 beschreibt sie die Umstände unter denen sie in dieser Zeit lebte:
Die ersten erzählenden Versuche schrieb ich 1923 und 1924, unmittelbar nach der
Inflation. Ich hatte wirtschaftlich den Boden unter den Füßen verloren, hungerte ziemlich
unvernünftig, um meine sich kaum erst bildende Position ganz am Rande der Münchener
Kunstwelt nicht aufgeben zu müssen und kämpfte mit seelischen Niederbrüchen. 1
Diese Aussage soll als Bindeglied zwischen dem Leben Marieluise Fleißers und der Erzählung genügen, da es das Ziel dieser Arbeit ist, die Erzählung zu interpretieren und aufzuweisen, dass die in ihr dargestellten Verhaltenanomalien kein Relikt aus den zwanziger Jahren sind, sondern das sie auch heute noch Aktualität besitzen und unter dem Terminus Borderline zusammengefasst werden können.
Zunächst gebe ich den Inhalt der Erzählung in zusammenfassender Form wieder. Es folgt eine Beschreibung des Textes, die sich mit dem wichtigsten gestalterischen Mittel, dem sich Marieluise Fleißer bedient, der Sprache, befasst. Hier lege ich mein Augenmerk weniger auf Stilmittel, als auf die Gründe, aus welchen sie diesen Stil verwendet hat. Daran schließt die Charakterisierung des Mädchens, die einer Interpretation gleichkommt und in zwei Schritten vollzogen wird. Zunächst widme ich mich der psychischen Störung, dem Borderlinesyndrom, an dem das Mädchen meiner Meinung nach leidet. Zur Unterstützung dieser Diagnose werden die fünf charakteristischsten Symptome dieser Erkrankung in bezug auf das Mädchen abgehandelt. Es folgt eine Ursachenbestimmung, welche die Gründe für die Erkrankung erklären soll. Das Borderlinesyndrom wird verstärkt von der Grundangst des Mädchens, der Angst vor dem verrinnen der Zeit, was im nächsten Punkt beschrieben wird.
Die zweite Störung Ihres Lebens ist die erlebte Entfremdung, die dazu führt, dass sie glaubt, ihr Leben selbst nicht gestalten zu können und Selbstmord begeht.
1
Die Sekundärliteratur zu Fleißer besitzt zumeist biographischen Charakter, der mir bei meinen Ausführungen nicht hilft. Zur Analyse der Sprache erwies sich vor allem das Buch“ Materialien zum Leben und Schreiben der Marieluise Fleißer“ von Günther Rühle als hilfreich.
2. Die Erzählung
`Die Erzählung „Ein Pfund Orangen“ schrieb Marieluise Fleißer 1926 in Ingolstadt. Erstmals in „Das Tagebuch 7/1926“ veröffentlicht, wurde sie später die Titelgeschichte im Sammelband „Ein Pfund Orangen“, der 1929 beim Gustav Kiepenheuer Verlag Berlin erschien.` 2
2.1 der Inhalt
Es geht um die Beziehung zwischen einem jungen Mädchen und ihrem älteren Freund, die sie in den Selbstmord treibt.
Das Mädchen ist allein, unselbstständig und lebt in Armut, besitzt jedoch die Hoffnung, einen Mann zu treffen, der sie aus dieser Situation befreit, sie versorgt und heiratet. Es vergeht viel Zeit, bis sie den Mann trifft, zu dem sie sich hingezogen fühlt. Sie geht eine Beziehung mit ihm ein, stellt jedoch fest, das er sie nicht retten will. Ihre Umstände verschlechtern sich sogar: sie lebt am Rande des Existenzminimums und bricht die wenigen sozialen Kontakte, die sie bis zu diesem Zeitpunkt besessen hat, ab. Trotzdem wächst die Liebe zu ihrem Freund von Tag zu Tag. Das Mädchen opfert ihr Wochengeld, um seidene Strümpfe zu kaufen und so dem Freund zu gefallen. Sie besucht ihn, um ihm die neuen Strümpfe zu zeigen, entdeckt aber, dass der Freund sie mit einem hübschen, reichen Mädchen betrügt. Für sie bricht eine Welt zusammen. Sie besitzt jetzt weder einen Freund, noch Geld. Die Hoffnung, die sie in ihr Leben hatte, scheint ausgelöscht. Sie glaubt nicht daran, dass sich an ihrem Leben noch mal etwas ändern wird und nachdem sie von ihrem letzten Geld ein Pfund Orangen gekauft hat, stürzt sie sich aus dem Fenster.
2.2 Beschreibung des Textes
Der Text kann grob in zwei Teile gegliedert werden. Der erste Teil beschreibt das Leben des Mädchens ohne einen Partner, der zweite Teil das Leben mit einem Freund. Gleichzeitig ist dies auch die Teilung in zwei unterschiedliche Zeitgerüste. Die Erzählzeit umfasst neun Seiten. Die erzählte Zeit ist in beiden Teilen zeitraffend. Im ersten Abschnitt werden die Informationen über ihr Leben jedoch weitaus geraffter dargestellt als im
2
zweiten Abschnitt. Im ersten Teil wird ihre körperliche Entwicklung anhand des Kleides, aus dem sie herauswächst beschrieben. Sie trifft Freundinnen aus ihrer Schulzeit zum Kaffee, macht Herrenbekanntschaften. Die Erzählzeit beträgt hierbei zwei Seiten. Erfahrungen, die sie mit ihrem Freund macht, zum Beispiel das Kaufen der Seidenstrümpfe, das sich Schönmachen für ihn wird nahezu zeitdeckend beschrieben. Die Erzählzeit umfasst hier sieben Seiten.
Die Geschehensdarbietung erfolgt aus der Perspektive des Mädchens, aber in der Sie -Form. In diesem Fall kann man von der personalen Erzählperspektive im engeren Sinne sprechen. Die Perspektive und der Horizont des Erzählers sind somit zum größten Teil auf den Erfahrungsbericht dieser Perspektivfigur eingeschränkt. Fleißer schildert dadurch keine bestimmten Figuren, sondern stellt einen Menschentypus dar. Die Personenrede wechselt zwischen indirekter und erlebter Rede.
Auktoriale Erzählmomente in denen der Erzähler das Geschehen kommentiert, treten aber ebenfalls auf, wie zum Beispiel der Satz „Und dies tatsächliche Kind hatte sich was antun wollen.“ 3 Die Gefühle zu seinem Leben, zur Partnerschaft, die dem Mädchen in der Erzählung zugeschrieben werden, wird es zwar haben, jedoch nicht den Intellekt, die Selbstkenntnis und Reflexion diese zu benennen, dazu benötigt es einen Erzähler. ´Obwohl die Fleißer am Sprachkleid überall die Spuren der Ingolstädter Mauern hat` 4 , die sie streifte, ist es keine dialektische Sprache, in der sie schreibt. ´Es handelt sich hierbei um eine Kunstsprache, die aber eine bayrische Satzstellung aufweist´ 5 . ´Sie versucht die Stufen einer sozialen Redeleiter zu erklimmen, indem sie der volkstümlichen Sprache Ingolstadts das feine Hochdeutsch der gehobenen Klasse aufsetzt`. 6 Damit entlarvt sie den „linguistischen Fetischismus“ 7 der herrschenden Klassen.
Dieser Sprachstil nennt sich Reflexive Naivität. „Sie stellt dar [...] indem die Menschen, die sie auftreten lässt, sich selbst darstellen - aber sie lesen dabei von den Lippen der Fleißer ab, was vorzubringen ist“ 8 . ´Die Personen verstehen die Sprache, die sie sprechen, selbst nicht, bewegen sich in ihr unsicher, man erkennt, ´dass ihre Sprache nur geliehen ist` 9 und etwas übernommen wurde, was für sie selbst nicht nachzuvollziehen ist: „Ich musste so tun, sie ist eine reiche Erbin, die ihre Eigenheiten hat“. 10 „Sie sind nicht imstande sich durch eine eigene Sprache zu definieren und eigene Vorstellungen zu artikulieren“. 11 Die stilisierte Naivität macht diese Erzählung zum warnenden Anti-Märchen. Das Mädchen, „ein namenloses Dornröschen“ 12 „lebte allzu ernsthaft in sich hinein“ 13 und wartet auf den Prinzen, der sie wachküsst. Der Prinz entpuppt sich jedoch als
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Helen Lorentz, 2006, "Ein Pfund Orangen" von Marieluise Fleißer - eine Textbeschreibung und Analyse des Mädchens, Munich, GRIN Publishing GmbH
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