Die kaiserliche Reichspost
Die institutionelle und personelle
Entwicklung des staatlichen
Unternehmens als Folge des
Einflusses Heinrich von Stephans?
vorgelegt von Benjamin Pommer
Proseminar Sozial- und Wirtschaftsgeschichte:
Geschichte der Beamten und Angestellten vom 18. bis zum 20.
Jahrhundert
Frühjahrtrimester 2007
Magisterstudiengang Geschichtswissenschaft
Studienjahrgang 2006
Drittes Studientrimester
Hamburg, 30.07.2007
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ... 2
1. Einführung ... 3
2. Geschichte des deutschen Postwesens ... 4
2.1. Thurn-und-Taxis-Post ... 4
2.2. Preußische Post... 5
2.3. Vereinheitlichung und Verstaatlichung des Postwesens ... 6
3. Gliederung der kaiserlichen Reichspost ... 8
3.1. Gründungsphase (1870-75) ... 8
3.2. Gliederung unter Stephan (1876-97)... 9
3.3. Gliederung unter Stephans Nachfolgern (bis 1917) ... 11
4. Bereiche des Postwesens ... 13
4.1. Brief- und Paketpost... 13
4.2. Telegraphie ... 15
4.3. Fernsprechwesen ... 17
5. Personalwesen der Reichspost ... 18
5.1. Personalstruktur... 18
5.2. Personalpolitik... 19
5.3. Aufstiegsmöglichkeiten ... 21
5.4. Frauenbeschäftigung ... 22
6. Zusammenfassung ... 23
Anhang ... 25
I. Quellenverzeichnis ... 26
II. Literaturverzeichnis ... 26
Monographien ... 26
Aufsätze aus Sammelbänden ... 26
Aufsätze aus Zeitschriften... 27
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1. Einführung
Der Anfang der neunziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts begonnene Schritt zur
Privatisierung der staatlichen Kommunikationseinrichtungen in Deutschland und die aktuell
beginnende Auflösung des Briefmonopols der Post sind gegenläufige Trends zur
Entwicklung in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die mit der Reichsgründung 1871 vollzogene
Einheit eines deutschen Nationalstaates brachte auch gleichzeitig den Anspruch der
Vereinheitlichung des Kommunikationswesens mit sich, das als eine übergeordnete
Reichsaufgabe verstanden worden war, mit Einschränkung der mit Reservatrechten
ausgestatteten Bundesstaaten Bayern und Württemberg.
In diese Phase der Gründung fällt die Amts- und Wirkungszeit eines Postbeamten, Heinrich
Stephan,
1
der die Entwicklung durch sein persönliches Engagement zu prägen versuchte.
Die Untersuchung der Institution der kaiserlichen Reichspost auf diesen Einfluss als Ursache
für die verlaufene Entwicklung bildet den Kern dieser Untersuchung. Schwerpunkt bei der
Analyse war die Epoche des Kaiserreiches 1871-1918, die aus Gründen der Verständlichkeit
für die Entwicklung und Ausprägung der Institution Reichspost und unter dem Gesichtspunkt
der Einigung des Postwesens um eine in den einzelnen Bereichen umfangreiche
Vorgeschichte erweitert werden musste, hier besonders der Thurn und Taxis und der
preußischen Post. Eine nähere Betrachtung der Post in Bayern und Württemberg erfolgte
aus Gründen der parallelen Entwicklung bis 1902 bzw. 1920 nicht, sondern wurde lediglich
angemerkt. Der Vorgeschichte folgt die nähere Betrachtung der Gliederung der Reichspost
besonders unter Stephan und seinen Nachfolgern, um die Verknüpfung von Einfluss und
Auswirkung der für die Reichspost verantwortlichen Behördenleiter herauszustellen.
Da bei dieser Arbeit nicht nur die Institutionsgeschichte, sondern vor allem auch die
personelle Entwicklung und Struktur im Vordergrund steht, wurde besonders auf die
Bereiche des Postwesens und ihre personellen Tätigkeitsfelder, sowie auf das
Personalwesen der Reichspost allgemein eingegangen. Ziel soll es insgesamt sein, den
Bezug zwischen der Entwicklung der Institution und seines Personals in den sich parallel
entwickelnden Tätigkeitsfeldern herzustellen. Es wurde dabei auf genaue Details, im
postalischen Bereich des Tarifwesens und der genauen Gehaltsentwicklung, zu Gunsten
einer Betrachtung einer möglichen Verknüpfung von politischer Einigung und
gesellschaftlicher Entwicklung verzichtet.
Die verwendete Literatur war zum Teil zeitgenössisch und stützte sich, wie die heutige,
hauptsächlich auf Nachlässe der Amtsinhaber und eine umfassende Anzahl von Akten der
Behörden über Briefverkehr und Erlasse. Als Quellen wurden zwei Gesetzestexte verwendet,
1
Für einen Überblick über die Person Heinrich von Stephans vgl.: Beyrer, Klaus: Kommunikation im
Kaiserreich. Der Generalpostmeister Heinrich von Stephan. Heidelberg 1997.
4
um zum einen die Problematik der nicht eindeutigen Festlegung der Institution Reichspost in
der Verfassung zu betrachten und zum anderen Grundlagen für Handlungen bzw. Reformen
zu belegen. Den derzeitigen Entwicklungsstand der Forschung gab Jan-Otmar Hesse vor,
der sich in seiner Dissertation mit einer ähnlichen Betrachtung der institutionellen
Entwicklung im Vergleich zur personalpolitischen Auswirkung im Kaiserreich beschäftigte,
jedoch den Schwerpunkt mehr auf eine unternehmensgeschichtliche Analyse setzte.
2. Geschichte des deutschen Postwesens
2.1. Thurn-und-Taxis-Post
Die Situation für das Postwesen der Thurn und Taxis erfuhr erst nach dem Wiener Kongress
von 1815 eine Erneuerung zu Gunsten der Entschädigung des Verlustes ihres Thronlehens
von 1806, die mit der Absicht des Fürsten Metternich
2
einherging, die Posteinheit und
Kontrolle im neu gegründeten Deutschen Bund zu sichern, obwohl die deutschen Staaten
nach ihrer territorialen Vergrößerung die Postrechte für sich beanspruchten.
3
. Damit erhielt
die Familie die Postrechte als Lehen, sofern dies im Sinne des Landesoberhauptes, meist
des der Klein- und Mittelstaaten, lag. Ab 1810 verlegte die Familie ihren Sitz der fürstlichen
Generalpostdirektion von Regensburg nach Frankfurt, der im Palais des Fürstenhauses
gleichzeitig auch der Sitz des Bundestages bis zu der Übernahme durch Preußen war.
4
Behringer
5
spricht von einer starken Annäherung an und Abhängigkeit von Habsburg, die
aber auch auf gegenseitiger Unterstützung beruhte. Das Verhältnis zu Preußen erfuhr durch
angebliche Abneigung des Fürstenhauses und das Herausgeben einer Bundestreuen
Zeitung eine sich steigernde Abkühlung. Der Erfolg Preußens im Deutschen Krieg gegen
Österreich 1866 ermöglichte die Annexion der Nord- und Mitteldeutschen Staaten nach der
Auflösung des Deutschen Bundes. Die dadurch resultierende Besetzung des Sitzes der
Familie Thurn und Taxis in Frankfurt führte zur Übernahme der fürstlichen Postverwaltung
durch die preußische Verwaltung und zur Auflösung des Postrechts.
6
Der Schlussstrich unter die Postgeschichte der sich nun auf den Bereich der Wirtschaft
konzentrierende Familie Thurn und Taxis wurde durch die Unterzeichnung eines
Abtretungsvertrag vom 28. Januar 1867 gezogen. Dieser gewährte der Familie eine
Entschädigung von drei Millionen Talern, die Freiheit von Porto-Gebühren und die
2
Behringer, Wolfgang: Thurn und Taxis. Die Geschichte ihrer Post und ihrer Unternehmen. München
1990, S. 86.
3
Ebenda, S. 82.
4
Ebenda, S. 88.
5
Ebenda, S. 91.
6
Probst, Erwin: Thurn und Taxis. Das Zeitalter der Lehenpost im 19. Jahrhundert, in: Lotz, Wolfgang
(Hrsg.): Deutsche Postgeschichte. Essays und Bilder. Berlin 1989, S. 142.
5
Übernahme der etwa 3000
7
im Dienste stehenden Beamten in preußische Dienste.
8
Nach
Erwin Probst sprach der preußische Bevollmächtigte bei den Verhandlungen, Heinrich
Stephan, später von einem ,,Postalischen Königgrätz" in Anspielung auf den Ort des Sieges
gegen Österreich 1866.
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Zur Zeit der Abtretung ihrer Postrechte versorgte die Reichspost der
Thurn und Taxis das viertgrößte Postgebiet in den Grenzen des Deutschen Bundes.
10
Auf
die Bedeutung und den Erfolg der Thurn und Taxis Post spielte nach Behringer
11
auch
Goethe an, indem er vor allem auf die Schnelligkeit und die niedrige Tarifhöhe hinwies.
2.2. Preußische Post
Bereits durch den erwähnten Reichdeputationshauptschluss 1803 und die spätere Auflösung
des Reiches wurden die deutschen Staaten Baden, Bayern, Preußen und Württemberg in
Fläche und Herrschaftsform durch Initiative Napoleons aufgewertet. Der Verlust des
Vorrechts der Thurn und Taxis ermöglichte den einzelnen Staaten, in ihren Machtbereichen
eigene Posteinrichtungen zu etablieren
12
. Ergänzend dazu wurde zwischen dem
Preußischen Generalpostamt und dem fürstlichen Postgeneralat 1803 eine Konvention
unterzeichnet, die die Übernahmebestimmungen von Reichspostbeamten in die Dienste des
Landesherrn und die Zahlungen an sich im Einflussgebiet befindende Pensionsberechtigte
festlegte.
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Erst die Festsetzung der Staatsgebiete nach dem Wiener Kongress ermöglichte
den längerfristig geplanten Aufbau eines Postsystems in Preußen, das bis 1867 allein durch
Anwachs des Gebietes, der Bevölkerung und der Postinfrastruktur verändert wurde.
14
Herbert Leclerc
15
stellte fest, das Aufgabenspektrum der königlich preußischen Post sei auf
Postsendungs- und Personenbeförderung, sowie auf den ab etwa 1822 einsetzenden
Zeitungsvertrieb begrenzt gewesen. Inhaltlich wurden feste Strecken mit entsprechenden
Tarifen eingerichtet, die nach Gewicht, Länge der Strecke und eventuellen
Postgebietsüberschreitungen errechnet wurden.
16
Der Transport erfolgte bei Personen und
schwereren Sendungen mit dem bespannten Postwagen oder bei einfachen Sendungen mit
der Reitpost auf bereits erwähnten festen Strecken.
17
7
Moser, Marc: 100 Jahre Weltpostverein. Teil 1, in: Archiv für deutsche Postgeschichte 1 (1974), S.
22.
8
Behringer, Thurn und Taxis, S. 96.
9
Probst, Thurn und Taxis, S. 142.
10
Behringer, Thurn und Taxis, S. 96.
11
Ebenda, S. 78.
12
Ebenda, S. 81.
13
Dallmeier, Martin: Poststreit im Alten Reich. Konflikte zwischen Preußen und der Reichspost, in:
Lotz, Wolfgang (Hrsg.): Deutsche Postgeschichte. Essays und Bilder. Berlin 1989, S. 101.
14
Leclerc, Herbert: Post- und Personenbeförderung in Preußen zur Zeit des Deutschen Bundes, in:
Lotz, Wolfgang (Hrsg.): Deutsche Postgeschichte. Essays und Bilder. Berlin 1989, S. 172.
15
Ebenda.
16
Der Eisenbahntransport in Konkurrenz zur Post und die Übernahme der Fernstrecken ab etwa 1860
sollen an dieser Stelle erwähnt, jedoch nicht weiter vertieft werden. Hier muss auf andere Arbeiten
über die Rolle der Eisenbahn im Deutschen Bund und ab1871 im Deutschen Reich verwiesen werden.
17
Leclerc, Post- und Personenbeförderung, S. 174.
6
Das Personal der Reitposten oder Postwagen, die so genannten Postillone, war damit kein
Briefträger zu Pferd oder Kutsche, sondern beförderte die Sendungen nur von Posten zu
Posten. Für die Verteilung von Sendungen waren die Briefträger auf dem Land und in der
Stadt zuständig,
18
die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts teilweise noch von privaten
Unternehmen
19
beschäftigt wurden. Die Beförderung von Personen und anderen Sendungen
mit dem Postwagen erfolgte langsamer als die der Postreiter, bot jedoch eine etwas höhere
Sicherheit der Zustellung als bei einem einzelnen Reiter. Wegen der vergleichsweise hohen
Kosten
20
war die Reise mit der preußischen Post einer wohlhabenden Klientel vorbehalten.
Unteren Beamten der Post war es im Gegensatz dazu möglich, Freifahrten bei Versetzungen
zu erhalten, bei denen sie jedoch den regulären Fahrgästen bei Ausbuchung den Vorrang
geben mussten.
21
Die Posthalter in Preußen waren mit dem Transport beauftragte
Unternehmer oder Landwirte, die zugleich in ihrer Region den staatlichen Postmeister
verkörperten.
22
Ihre Mitarbeiter waren die bereits erwähnten Postillone, die ab dem 17.
Lebensjahr als königlich Beamtete in den Dienst der Post treten konnten, wohl aber schon
vorher dem Posthalter gedient hatten.
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Das Gehalt war für diesen Beruf vermutlich aber
nicht ausreichend, so dass sich der Postillon nicht selten ein Zubrot durch Trinkgeld oder
einen zweiten Beruf verdienen musste.
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Grundsätzlich war der Posthalter für die Überprüfung seiner selbst oder seiner Unterstellten
zuständig, die aber häufig zusätzlich von der preußischen Gendarmerie stichprobenartig auf
den Strecken ergänzt bzw. überprüft wurden, was bei Verstößen zu Geldstrafen oder
Entlassung führen konnte.
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Durch den Umstand, dass bis 1850 neben den bereits
erwähnten Posthoheiten der größten deutschen Staaten auch noch zehn kleinere vorhanden
waren,
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bestand bereits seit dem Wiener Kongress von 1815 die Absicht, das Postwesen im
Gebiet des Deutschen Bundes zu vereinheitlichen.
2.3. Vereinheitlichung und Verstaatlichung des Postwesens
Auf dem Wiener Kongress wurde der Familie Thurn und Taxis grundsätzlich per Beschluss
die Wiederherstellung ihrer vor den Napoleonischen Kriegen verwalteten Postgebiete
zugestanden.
27
Die vermutliche Absicht des Fürsten Metternichs lag in der Einheit der
18
Ebenda, S. 184.
19
Schade, Achim: Reichspost contra Privatpost. 1900 kam das Aus für die Privat-Stadtbrief-
Beförderung Courier in Rostock, in: Rostocker Blitzlichter 1900/2000 (1999), S. 180.
20
Leclerc, Post- und Personenbeförderung, S. 177f.
21
Ebenda, S. 178.
22
Ebenda, S. 180.
23
Ebenda.
24
Glaser, Hermann; Werner, Thomas: Die Post in ihrer Zeit. Eine Kulturgeschichte menschlicher
Kommunikation. Heidelberg 1990, S. 283.
25
Leclerc, Post- und Personenbeförderung, S. 180f.
26
Geistbeck, Michael: Weltverkehr. Die Entwicklung von Schifffahrt, Eisenbahn, Post und Telegraphie
bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Freiburg 1895, S. 393.
27
Behringer, Thurn und Taxis,, S. 86.
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